Knappheit ist keine Naturkonstante

Knappheit ist keine Naturkonstante — sie ist ein Axiom. Dieser Essay verfolgt den Riss, der sich durch die gesamte philosophische Tradition zieht: Fülle gegen Mangel, Arendt gegen Heidegger, Kopernikus gegen Ptolemäus.

Bildidee Nano Banana / Ausführung Nano Banana

In Es gibt keine Knappheit habe ich durchgerechnet, was passiert, wenn Deutschland aufhört zu sparen und anfängt zu investieren. In Connecting the Dots habe ich gezeigt, wie das Narrativ der Eigenverantwortung den Einzelnen diszipliniert. Dieser Essay geht einen Schritt weiter. Er fragt: Warum glauben wir überhaupt an Knappheitobwohl die Zahlen dagegen sprechen? Und warum hält sich dieses Axiom so hartnäckig? Die Antwort führt von Arendt und Heidegger über Mattei und Gramsci bis zu einem Achtjährigen im Hauseingang, der den Sternenhimmel betrachtet.

Ich bin 57

Ich bin 57. Heute Morgen bin ich aufgewacht und dachte: Puh, noch 20 Sommer. Dann bin ich 77, und die Wahrscheinlichkeit, dass ich dann noch lebe, wird mit jedem Jahr geringer. Ja — es gibt die reale Endlichkeit materieller Ressourcen. Aber die Frage ist: zu welchem Zeitpunkt? Gold ist nur knapp, im Sinne von endlich, solange es keine Möglichkeit gibt, das Universum zu bereisen und auf unendlich vielen Planeten Gold zu schürfen. Mein Leben ist endlich — aber ist es knapp? Wenn ich es so sehe, dann ja.

Doch so korrekt diese Aussagen auch sind — sobald man sich mit unserer Gesellschaft beschäftigt, wird aus Endlichkeit Knappheit suggeriert, obwohl die Gesellschaft genügend hat. Das Arbeiterkind wächst in Armut auf, weil es nur noch eine alleinerziehende und alleinverdienende Mutter gibt, während andere Kinder im Überfluss in den Urlaub fahren. Geld ist nicht knapp. Es liegt auf der Straße.

Zwei Familien und 42 Millionen

In Deutschland besitzen zwei Familien — Boehringer/von Baumbach und Dieter Schwarz — zusammen rund 140 Milliarden Euro. Die ärmere Hälfte der Bevölkerung, 42 Millionen Menschen, teilt sich 0,5 Prozent des Gesamtvermögens — keine 83 Milliarden (ungleichheit.info, 2025). Zwei Familien haben mehr als 42 Millionen Menschen.

In Österreich besitzen Mark Mateschitz (Red Bull, 37 Mrd. €) und die Familie Porsche-Piëch (33,5 Mrd. €) zusammen rund 70 Milliarden — die ärmere Hälfte der Bevölkerung, knapp fünf Millionen Menschen, kommt auf 54 Milliarden (Kontrast, 2025). In Frankreich steigerten die Familien Arnault (LVMH), Bettencourt Meyers (L'Oréal) und die Wertheimer-Brüder (Chanel) ihr Vermögen seit 2020 um 87 Prozent — 42 Milliardäre gewannen 230 Milliarden Euro, das wäre ein Scheck über 3.400 Euro für jeden Franzosen (Oxfam France, 2024). Und in den USA hält eine einzige Familie — die Waltons (Walmart) — 404 Milliarden Dollar. Das obere 0,1 Prozent der Haushalte kontrolliert sechsmal so viel Vermögen wie die unteren 64 Millionen Haushalte zusammen (Oxfam America, 2025).

Wohlstand ist nicht knapp — er ist nur so verteilt, dass für viele nicht genug ankommt.

Noch verrückter: Bessere Erklärungen, als die neoklassischen Wirtschaftstheorien sie liefern, zeigen, dass es kein Geldmengenproblem gibt. Der Staat kann Geld schöpfen. Das habe ich in meinem Essay „Es gibt keine Knappheit" gezeigt (Gloger, 2026a).

Also bleibt die Frage: Warum glauben wir dennoch, es gäbe Knappheit? Dieser Frage gehe ich in mehreren Essays nach. Heute will ich einer bestimmten Spur folgen: Warum setzt sich die Erkenntnis von Flassbeck oder anderen Vertretern der MMT nicht durch? Warum hat sich in unserem westlichen Denken das Bild der Knappheit so festgesetzt, obwohl es ein besseres Narrativ — das der Fülle — gibt?

Der Riss durch die gesamte Tradition

Inkompatible Weltsichten sind kein Sonderfall der Ökonomie. Es gibt sie in der Pädagogik, in der Physik, und vor allem in der Philosophie. Dort zieht sich ein Riss durch die gesamte Tradition: Auf der einen Seite die Denker, die das Leben als Vermögen begreifen — als Kraft, die sich entfaltet. Spinoza: Alles Lebendige strebt danach, in seinem Sein zu verharren und seine Wirkungsmacht zu steigern — der conatus (Spinoza, 1677/2007, Ethik III, Lehrsatz 6). Freude ist kein Bonus, sie ist das Zeichen wachsender Handlungsfähigkeit. Und Hannah Arendt. Dewey: Wachstum hat keinen Endpunkt, der Mensch ist ein Wesen der Möglichkeit.

Auf der anderen Seite die Denker, die vom Mangel ausgehen. Hobbes: Das Leben ist ein Kampf aller gegen alle — «solitary, poor, nasty, brutish, and short» (Hobbes, 1651/1996, Kap. 13). Schopenhauer: Die Welt ist blinder Wille, und der Wille erzeugt Leiden (Schopenhauer, 1818/1977). Heidegger: Der Mensch ist geworfen, sein Grundmodus ist die Angst, sein Horizont der Tod (Heidegger, 1927/2006).

Die Studentin und der Meister der Angst

Und genau hier, am Liebespaar "Arendt-Heidergger" wird es interessant. Denn Arendt gehört nicht zufällig auf die Fülle-Seite. Sie kam als Achtzehnjährige nach Marburg, einem Gerücht folgend: Es gebe dort einen Lehrer, bei dem man das Denken lernen könne — «einen Rebellen, der aus der starren, zum ‹Gefängnis› gewordenen Tradition philosophischen Denkens ausbrechen» wolle (Straßenberger, 2025, S. 36). Dieser Lehrer war Martin Heidegger. Arendt wurde seine Studentin, dann seine Geliebte — die achtzehnjährige Philosophiestudentin und der fünfunddreißigjährige verheiratete Dozent. Sie saß in seinen Vorlesungen um sieben Uhr morgens, war seine intellektuelle Begleiterin, während er Sein und Zeit schrieb — das Werk, das den Tod ins Zentrum der Philosophie stellte. Heidegger nannte sie — «wie er später auch seiner Frau Elfride gestehen wird — die Passion seines Lebens» (Straßenberger, 2025, S. 37).

Und dann drehte sie seine gesamte Philosophie um. Nicht Sterblichkeit, sondern Natalität — Gebürtlichkeit — ist die Grundkategorie des Politischen (Arendt, 1958). Nicht die Angst vor dem Ende, sondern die Fähigkeit, etwas Neues anzufangen. Jeder Mensch ist ein Neuanfang. Das ist keine Fußnote zu Heidegger. Das ist eine Umkehrung von innen — vollzogen von jemandem, der seinen Lehrer geliebt und seine Philosophie bis auf den Grund verstanden hat, bevor sie ihr widersprach.

Arendt schrieb:

«Das Wunder, das den Lauf der Welt und den Gang menschlicher Dinge immer wieder unterbricht und von dem Verderben rettet, ist schließlich die Tatsache der Natalität» (Arendt, 1958/1960, S. 317).

Der Neuanfang als Rettung — nicht das Ausharren im Bestehenden.

Ich bin nicht Arendts Biograf. Doch ich vermute, dass sie von Haus aus der Fülle zugewandt war. Ihr Denken hat sich an Heidegger abgearbeitet, so wie das viele Künstler und Denker tun — sie erarbeiten sich ihre eigene These in der Auseinandersetzung mit dem, was Simon Sinek den Worthy Rival nennt (Sinek, 2019): einen Gegner, der stark genug ist, um das eigene Denken zu schärfen.

Vielleicht lässt sich das auch in der Politik mit Links gegen Rechts vergleichen — und doch ist es nicht Links gegen Rechts. Es ist nicht Optimismus gegen Pessimismus. Es ist die Frage, ob das Grundverhältnis des Menschen zur Welt eines der Fülle ist oder eines des Mangels.

Und diese Frage entscheidet, welche Ökonomie man für wahr hält — ob man Möglichkeiten sieht oder Bedrohungen.

Ptolemäus und Kopernikus

Thomas Kuhn hat nicht nur gezeigt, dass Wissenschaften sich nicht linear entwickeln, sondern in Paradigmenwechseln — Brüchen, in denen ein ganzes Weltbild durch ein anderes ersetzt wird (Kuhn, 1962). Er hat uns auch gezeigt, dass es immer eine vorherrschende Denkrichtung gibt — einen, in seiner Untersuchung wissenschaftlichen, für unsere Untersuchung gesellschaftlichen Default. Dieser Default bestimmt das Denken, die Aktionen und das, was wir für möglich halten. Ja — ich komme auch hier wieder mit dem alten Höhlengleichnis (Platon, Politeia, Buch VII). In der Höhle glaube ich an das eine Paradigma, das eine Narrativ, während wir außerhalb der Höhle ein anderes vorfinden.

Neoklassik und MMT sind daher keine zwei Meinungen über dieselbe Sache. Sie sind inkompatible Weltsichten. Ptolemäus und Kopernikus. Nicht Newton und Einstein, wie es Flassbeck in seinem wunderbaren Interview darstellte (Flassbeck, 2026). Ich kritisiere daher Flassbeck nicht, ich ergänze ihn nur. Denn Newtonsche Physik ist ein Spezialfall der Einsteinschen — Ptolemäus und Kopernikus dagegen können nicht gleichzeitig wahr sein. Entweder die Erde steht im Zentrum oder die Sonne.

Genau so verhält es sich mit Knappheit.

Die Neoklassik sagt: Knappheit ist der Grundzustand. Alles wirtschaftliche Handeln ist die Verwaltung von Mangel — und viele VWL- und BWL-Lehrbücher beginnen genau mit diesem Axiom. Und bekanntlich sind Axiome Grundlagen. Sie legen das Fundament, sie sind selbst nicht verifizierbar. Sie sind keine Schlussfolgerung aus Daten. Ein Axiom ist eine Annahme, die vor der ersten Messung steht. Wie Ptolemäus die Erde ins Zentrum stellte, stellt die Neoklassik die Knappheit ins Zentrum. Alles andere dreht sich darum.

MMT und der Post-Keynesianismus sagen: Geld entsteht im System durch Kreditvergabe, nicht außerhalb davon. Ein Staat, der seine eigene Währung kontrolliert, kann nicht pleitegehen, weil er das Geld selbst schöpft — es ist kein rares Gut, sondern im Überfluss vorhanden.

Das ist keine Schlussfolgerung — es ist die Ausgangslage. So wie Arendt zeigt, dass Heidegger in seinem System nicht unrichtig ist, aber sie darüber hinausgeht — durch ihren Ausbruch aus der Höhle, indem sie sagt: Das menschliche Handeln ist per se immer neu. Die Natalität sagt, das Neue entsteht immer — und daher kann der Mensch nie endgültig bestimmt werden. Erst die Gesamtheit seines Lebens, sein tatsächliches Lebenswerk in seiner Gänze, ist Ausdruck des Menschen. Und damit ist es immer wieder möglich, anders zu sein. Das Leben ist erst beendet — in seiner Fülle — wenn es aufhört zu existieren. Bis dahin ist alles möglich (Arendt, 1958, Kap. V).

Was Knappheit als Axiom anrichtet

Doch bleiben wir in diesem Essay in der Wirtschaft, um einer ersten Spur nachzugehen: Warum wird meine Utopie aus dem Essay „Es gibt keine Knappheit" nicht mit Kusshand geglaubt und umgesetzt? Warum sagen Politiker immer wieder, wir müssten mehr arbeiten, es gäbe nicht genügend Geld — oder sogar: Wir dürfen den Politikern keine unbegrenzten Budgets geben, sonst würden sie es ausnutzen?

Was passiert wirklich, wenn man Knappheit als Axiom einbaut? Man erzeugt eine Welt, in der bestimmte Fragen nicht mehr gestellt werden können — oder vielleicht sogar nicht mehr gestellt werden sollen.

Die Neoklassik definiert Arbeit als Produktionsfaktor. In diesem Rahmen kann Ausbeutung per Definition nicht existieren — weil jeder genau das verdient, was er zum Grenzprodukt beiträgt. Der Lohn ist fair, weil das Modell sagt, er sei fair. Nicht weil jemand nachgemessen hätte. Marx hatte jedoch gezeigt, dass das nicht stimmt: Es gibt einen Surplus, und der wird vom Kapitalisten abgeschöpft (Marx, 1867/1962, Kap. 7).

Das gängige wirtschaftliche Paradigma unterstellt, es gäbe keine Klassen — stellt sich also gegen Denker wie Marx, Habermas, Adorno und Klassenforscher wie Bourdieu. Denn wie Clara Mattei zeigt, gibt es genau die eine Klassenunterscheidung, die alles bestimmt: Lebst du von deinem Lohn oder von der Rente deines Kapitals? Das lässt sich natürlich noch ausdifferenzieren — und wir haben mit Markovits gesehen, wie ich in „Connecting The Dots" gezeigt habe (Gloger, 2026b), dass sogar diejenigen, die schon sehr viel haben, noch versuchen, zu denen zu gehören, die noch mehr haben. Und ich hatte gezeigt, dass unsere Gesellschaft gleichzeitig so tut, als gäbe es diesen strukturellen Unterschied nicht — um uns einzureden, jeder könnte es schaffen.

Mattei, Wirtschaftshistorikerin an der University of Tulsa, geht sogar so weit zu sagen: Austerität ist kein technischer Fehler. Sie ist ein Klassenprojekt. Ihre Funktion ist nicht, die Staatshaushalte zu sanieren — denn das tut sie nie. Ihre Funktion ist, die Verhandlungsmacht der Arbeiterklasse zu brechen. Also: die Klasse zu erhalten. Sie zeigt damit, dass Klasse nicht Natur ist — wie Hanno Sauer uns in seinem Buch Klasse einreden wollte (Sauer, 2024), und ich werfe ihm keinen Vorsatz vor —, sondern Machtpolitik. Sauer zementiert die Idee, dass es gut ist, wie es ist. Mattei zeigt, dass es gemacht wurde, wie es ist.

Nur 0,1 Prozent der Zeit, die Homo Sapiens auf der Erde existiert, leben wir unter industriellem Kapitalismus (Mattei, 2022, S. 12). Null Komma eins. Und trotzdem behandeln wir seine Logik wie ein Naturgesetz — leben dieses Paradigma und ordnen ihm alles unter: unsere Schulen, unsere Gesundheit, unser Wohlergehen — und sogar unser Denken. Alles sei knapp, und alles sei Wettkampf.

Ganz im Ernst: Mein Sohn sagte mir gestern, er will der Beste in der Klasse sein. Das hat er nicht von mir — denn ich habe es auch noch, ich wollte der Beste in der Schule sein, als wäre Bildung ein knappes Gut. So ein Unsinn. Wir können doch alle die Besten sein, denn wir können alle alles wissen. Es macht überhaupt keinen Sinn, in dieser Kategorie zu denken — und doch, unsere Gesellschaft infiziert uns mit diesem Virus.

Matteis Analyse ist wichtig — und sie grenzt schon fast an die These, dass es eine Art Verschwörung gegen die Arbeiter gibt. Doch das ist für diesen Essay nicht entscheidend. Entscheidend ist nur zu verstehen: Austerität ist ein Axiom. Keine Folge.

Ich empfehle das Buch von Mattei unbedingt zu lesen

Ich empfehle das Buch von Mattei unbedingt zu lesen. Wem das zu lange dauert, der informiere sich durch ihre Podcasts: https://www.youtube.com/@FreeFreeForum


Warum sich nichts ändert

Und jetzt die Frage, die mich am längsten beschäftigt hat: Wenn das alles so klar ist — warum ändert sich nichts?

Es gibt die MMT. Es gibt Denker wie Hannah Arendt — sie hat Fülle als politische Pluralität gedacht, als Handeln jenseits von Notwendigkeit (Arendt, 1958). David Deutsch hat sie als epistemisches Prinzip beschrieben — Knappheit ist ein Wissensdefizit, kein Naturgesetz (Deutsch, 2011). Hartmut Rosa hat Resonanz als eine Fülle-verwandte Erfahrung entworfen — Weltbeziehung jenseits der Verfügbarkeit (Rosa, 2016). Und Byung-Chul Han, der Philosoph der Müdigkeitsgesellschaft, zeigt deutlich: Alles, auch der Mensch selbst, wird zur verfügbaren Ressource (Han, 2010).

Das heißt: Die Diagnose ist da. Doch scheinbar bleibt all diese Aufklärung, der Versuch, neues Licht in die Höhle zu bringen, nutzlos — sie können das Paradigma der Knappheit und die Axiome, die unser Denken bestimmen, trotz ihrer scharfen Analysen nicht zerstören. Es ist wie in den schulischen Institutionen: Wir wissen seit etlichen Jahren, dass Stress Lernen verhindert, dass Noten nicht sinnvoll sind (Hattie, 2009) — und was passiert? Die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte (keine Noten in den ersten Jahrgangsstufen) werden zurückgedreht und die Noten wieder eingeführt, während gleichzeitig alle über die Noteninflation jammern. Absurd.

Ich habe noch keine Lösungen anzubieten. Doch wir könnten uns ein paar Gründe anschauen.

Erstens: Knappheit hat eine institutionelle Lobby. Versicherungen, Banken, Rentensysteme, Fiskalpolitik — alle bauen darauf, dass Mangel das Grundproblem ist. Mattei liefert für diese Begründung das Material. Sie nennt es den Austeritätsdreiklang: monetäre, fiskalische und industrielle Austerität, um den Kapitalismus zu stabilisieren (Mattei, 2022, Kap. 4). Würden wir Fülle anerkennen und Schulen bauen, Schwimmbäder öffnen, Straßen bauen, den Menschen genügend Geld zum Leben geben — dann hätten sie Zeit. Zeit, sich mit dem „Klassenkampf" zu beschäftigen, oder sogar andere Verhältnisse einzufordern. Demokratie wäre möglich.

Zweitens: Die Angst ist schneller als die Einsicht. Daniel Kahneman hat gezeigt, dass der Verlust von hundert Euro doppelt so stark schmerzt wie der Gewinn von hundert Euro erfreut (Kahneman & Tversky, 1979). Zweifach. Nicht ein bisschen — zweifach. Bedrohungen aktivieren die Amygdala in Millisekunden. Chancen aktivieren den Präfrontalkortex — und der braucht länger. Angst ist das Steuerungssystem — sie liefert die Begründung für vieles. Knappheitsnarrative sprechen den Teil des Gehirns an, der in der Savanne überlebt hat. Fülle-Denken braucht den neueren Teil. Evolutionär ist das ein Nachteil. Insofern wäre Fülle der Ausweg aus der Angst. Wie ich in „Connecting The Dots" gezeigt habe (Gloger, 2026b): Wenn wir keine Angst vor dem finanziellen Scheitern hätten — ein bedingungsloses Grundeinkommen, ein kostenloses Gesundheitssystem — dann könnten wir uns um andere Dinge kümmern, und der Stresslevel ginge herunter.

Drittens: Die Übersetzung fehlt. Trotz der Podcasts von Flassbeck, Höfgen und Murphy, die uns erklären, wie Keynes die Menschen tatsächlich in die echte Vier-Stunden-Woche (Tim Ferriss, sei gegrüßt) entwickeln wollte — gelingt es nicht, das Narrativ so zu formulieren, dass es ankommt. Keynes selbst schrieb 1930: Die Menschheit werde ihr ökonomisches Problem lösen und dann feststellen, dass das eigentliche Problem ein anderes sei — wie man mit der Freiheit umgehe (Keynes, 1930). Bald hundert Jahre her. Und der Philosoph, der in die Höhle zurückkommt, der das Licht gesehen hat, wird immer noch nicht verstanden.

Viertens: Fülle-Momente wurden nicht widerlegt — sie wurden politisch demoliert. Der Keynesianismus zwischen 1945 und 1973 war das einzige historische Experiment, in dem ein Fülle-Narrativ kurz zur kulturellen Hegemonie wurde. Vollbeschäftigung. Starker Sozialstaat. Steigende Reallöhne. Und dann kam die brutal agierende Gegenbewegung der Eliten — denn anders kann man es nicht bezeichnen. Mont Pèlerin. Thatcher. Reagan. Schuldenbremse. Das macht Fülle nicht zur Utopie — es macht sie zur verlorenen Realität.

Fünftens — und das ist der perfideste Mechanismus: Das Knappheitsnarrativ immunisiert sich selbst. Wer Fülle denkt, gilt als naiv oder privilegiert. „Sag das mal einem, der die Miete nicht zahlen kann." Das ist so ähnlich, wie wenn man jemandem sagt: Du brauchst keine Angst zu haben. Das klappt nicht. Wer Angst hat, wer daran glaubt, dass es Knappheit gibt, der wird immer wieder bestätigt. Es ist wie mit dem Wort Vertrauen. Vertrauen kann man nicht beweisen. In dem Moment, in dem man Vertrauen beweisen muss, ist es bereits vorbei. Fülle zu beweisen geht nicht. Knappheit schon.

Antonio Gramsci hat das Muster beschrieben (Gramsci, 1971). Ein Narrativ herrscht nicht durch Zwang. Es herrscht, weil es zum common sense geworden ist — zu dem, was man nicht mehr begründen muss — zum vorherrschenden Paradigma. Die Knappheitslogik ist kulturelle Hegemonie. Nicht weil sie wahr ist. Sondern weil genug Institutionen, Sprachen und Emotionen sie täglich reproduzieren.

Gramsci schrieb: «Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster» (Gramsci, 1930, Gefängnisheft 3, §34). Wir leben in genau dieser Zwischenzeit.

Kuhn ergänzt Gramsci: Paradigmen wechseln nicht durch bessere Argumente. Sie wechseln, wenn die Anomalien zu groß werden (Kuhn, 1962). Die Finanzkrise 2008. Die Klimakrise. Die Demokratiekrise. Das sind die Anomalien, die das Knappheitsparadigma nicht mehr erklären kann. Doch nur dann, wenn genügend Menschen von einem anderen Paradigma profitieren — wenn es sinnvoller und nützlicher wird zu verstehen, dass die Sonne im Zentrum des Sonnensystems steht, wenn diese Dinge das Leben besser machen — dann werden die Narrative umgeschrieben.

Acht Jahre, ein Hauseingang, der Sternenhimmel

Hier komme ich ins Spiel. Nicht als Theoretiker. Als Datenpunkt.

Ich habe mich nicht aus einer privilegierten Position heraus zur Fülle bekannt — ich habe sie einfach erfahren. Nein, nicht zu Hause. Doch mit acht Jahren, im Winter, im Hauseingang stehend, nach oben schauend, den Sternenhimmel betrachtend — „Das Universum ist ein freundlicher Ort!", dachte ich damals. Ja, war für mich so. Draußen, also nicht zu Hause, waren die Optionen. Im Inneren, zu Hause, da war nur Enge und Gewalt. Draußen war das Museum vor der Haustür, die Stadtbücherei — die Fülle, die Chancen, die Möglichkeiten.

Ich habe mir die Haltung der Fülle erarbeitet, bevor ich die materiellen Bedingungen dafür hatte. Der Gedanke war simpel: Es geht woanders, nur nicht zu Hause. Die Möglichkeiten sind offensichtlich da. Wenn jemand anderes in den Urlaub fahren kann, dann muss es doch gehen. Später die gleiche Beobachtung in vielen Lebensbereichen: Wenn die Chinesen zigtausend Bahnkilometer in wenigen Jahren bauen können, muss das auch in Deutschland möglich sein. Wenn die Hälfte der Lebensmittel ungenutzt weggeworfen wird, statt die an Unterernährung sterbenden Kinder zu füttern, dann ist das doch kein prinzipielles Knappheitsproblem — sondern ein Verteilungsproblem. Und da rede ich nicht wie Mattei oder andere von Umverteilung. Was will ich denn an Essen umverteilen? Es ist ja da. Das Geld ist auch da — wir brauchen es ja nur zu schöpfen. Sollen die Waltons doch ihre 404 Milliarden Dollar behalten. Drucken wir einfach mehr.

Es ist ein epistemischer Befund. Wir müssten dieses Denken nur nutzen.

Die Knappheitslogik beantwortet die Frage „Wie kann ich sicher sein?" mit: Kontrolliere, spare, halte zurück. Aber je mehr Kontrolle, desto mehr Angst. Das ist ein negativer Attraktor — selbstverstärkend, nach unten.

Die Fülle-Logik beantwortet dieselbe Frage anders: Wenn ich weiß, dass genug da ist — nicht weil ich reich bin, sondern weil die Angst aufhört, mein Handeln zu steuern — dann kann ich anders handeln. Dann kann ich investieren, wo andere sparen. Teilen, wo andere horten. Anfangen, wo andere warten.

Ich habe das getan, bevor ich wusste, dass es dafür eine Theorie gibt. Und genau das durchbricht die Immunisierung des Knappheitsnarrativs. Denn ich bin kein privilegierter Träumer. Ich bin ein Arbeiterkind, das die Fülle in einer Welt des Mangels gelebt hat.

Eine Einladung

Ich schreibe das nicht als Anklage. Und nicht als Lösung.

Ich schreibe es als Einladung zu einer Frage: Was wäre, wenn Knappheit keine Naturkonstante ist — und was würde das für dein Leben bedeuten?

Nicht für die Wirtschaftspolitik. Nicht für das nächste Wahlergebnis. Für dich. Für die Art, wie du morgens aufwachst und entscheidest, ob die Welt ein feindlicher Ort ist oder ein freundlicher.

Wo reproduzierst du selbst die Knappheitslogik? In deinen Entscheidungen. In deinen Beziehungen. In der Art, wie du über Geld sprichst, über Zeit, über das, was möglich ist.

Das ist keine rhetorische Frage. Ich stelle sie mir selbst. Jeden Tag. Und die Antwort ist unbequem.

Denn auch wer Fülle denkt, lebt in einer Welt, die Knappheit belohnt. Auch ich sichere ab, plane, kalkuliere. Der Unterschied ist nicht, dass ich keine Angst habe. Der Unterschied ist, dass ich weiß, woher sie kommt. Und dass sie nicht die Wahrheit ist.

Knappheit ist keine Tatsache. Sie ist eine Antwort auf Angst. Und Fülle ist keine Utopie. Sie ist eine andere Antwort auf dieselbe Angst.

Der Übergang von der einen zur anderen ist möglich. Aber er beginnt nicht mit einer Reform. Er beginnt mit einer anderen Art, die Welt zu bewohnen.


Schreibt mir, wenn ihr es anders seht, oder wenn ihr an diesen Gedanken etwas findet.


Quellen

Arendt, H. (1958). The Human Condition. University of Chicago Press. [dt.: Vita activa oder Vom tätigen Leben, Piper, 1960]

Deutsch, D. (2011). The Beginning of Infinity: Explanations That Transform the World. Allen Lane.

Flassbeck, H. (2026). Interview mit Maurice Höfgen. In M. Höfgen, Geld für die Welt [YouTube]. https://www.youtube.com/watch?v=PkcE0JWZ0po

Gloger, B. (2026a). Es gibt keine Knappheit. borisgloger.at. https://borisgloger.at/es-gibt-keine-knappheit/

Gloger, B. (2026b). Connecting the Dots: Warum Erfolg kein Charakter ist. borisgloger.at. https://borisgloger.at/connection-the-dots-warum-der-erfolg-kein-charakter-ist

Gramsci, A. (1971). Selections from the Prison Notebooks (Q. Hoare & G. N. Smith, Hrsg. & Übers.). Lawrence & Wishart. [ital. Original: Quaderni del carcere, 1929–1935]

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Kahneman, D. & Tversky, A. (1979). Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk. Econometrica, 47(2), 263–291.

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Oxfam America. (2025). Billionaire wealth jumps three times faster in 2025. oxfamamerica.org. https://www.oxfamamerica.org/press/billionaire-wealth-jumps-three-times-faster-in-2025/

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Straßenberger, G. (2025). Die Denkerin: Hannah Arendt und ihr Jahrhundert. C.H. Beck.

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