Connecting the Dots - warum der Erfolg kein Charakter ist.

Ich war sechs, als mein Vater ging. Ich habe mich rausgearbeitet — und jahrelang geglaubt, es läge an meiner Disziplin. Die Forschung sagt etwas anderes.

A young boy holding a suitcase in his right hand, is standing on a large empty street. Building left an right form the new classical style - could be a street in Vienna or Wiesbaden.
Die Idee ist von mir, Ausführung Gemini

Ich war sechs, als mein Vater ging. Er hat seine Alimente nie gezahlt. Nie. Meine Mutter war Zimmermädchen, dann nicht examinierte Krankenschwester. Wir waren schlicht arm. Neue Kartoffeln kaufen war Luxus.

Ich habe mich rausgearbeitet — Universität, Beratung, eigenes Unternehmen, Abschluss in St. Gallen mit 47. Heute berate ich Konzerne. Ich profitiere vom System. Die Erklärung, ich hätte es geschafft, weil ich diszipliniert war, ist bestenfalls die halbe Wahrheit. Ich hatte Glück. Ich bin ein statistischer Ausreißer.

Diesen Essay schreibe ich, weil ich anfange, die Punkte zu verbinden. Meine eigene Biografie. Die Forschung. Jiangs Vorlesung über Erfolg und Ungleichheit, die mich wochenlang nicht losgelassen hat. Hanno Sauers Buch Klasse, über das ich bereits geschrieben habe.

Wenn man die Punkte verbindet, entsteht ein Bild, das unbequem ist: Das, was wir für individuelle Stärke halten — Selbstdisziplin, Resilienz, Wachstumsdenken — ist meistens die Folge von Erfolg. Nicht seine Ursache.

Als ich vor gut zwei Jahrzehnten zum ersten Mal in Wien bei Freunden eingeladen war, zog man die Schuhe aus. Ich fand das komisch. In den Filmen, die ich kannte — die, die die High Society zeigten —, da hatte doch nie jemand die Schuhe aus. Da wurde mit den Schuhen geprotzt. Und in Wien zog man sie aus? Hanno Sauer würde sagen: Genau das ist der Klassenunterschied. Arbeiter: Schuhe aus. High Society: Schuhe an. Ein Detail, aber eines, das sich in den Körper einschreibt — in die Selbstverständlichkeit, mit der man einen Raum betritt oder eben nicht (vgl. Sauer, 2025).

Die Frage, wer aufsteigt und wer bleibt, wo er ist, führt nicht nur in die Soziologie. Sie führt in die Psychologie, in die Ökonomie, in die Makropolitik. Die meisten, die so starten wie ich, landen nicht hier. Und Unternehmertum selbst — diese angeblich jedem offenstehende Chance — setzt ein Kapitalpolster voraus, das die meisten nicht haben. Risiko kann nur eingehen, wer den Fall überleben kann.

Was ich hier betreibe, ist keine Meinungsäußerung. Es ist der Versuch einer Aufklärung — in Anlehnung an Kant. Nur geht es hier nicht um den Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit. Sondern um den Ausgang aus unverschuldeter struktureller Gewalt. Soziologie als Aufklärung. Die Punkte zu verbinden heißt: sichtbar zu machen, was die Strukturen mit uns tun — und warum das Gefühl der Ohnmacht, das so viele in dieser Gesellschaft empfinden, kein Zeichen von Schwäche ist. Kein Zeichen von Unfähigkeit. Sondern die rationale Reaktion auf ein System, das uns leiden lässt, während es uns beibringt, an die falschen Narrative zu glauben.

Dieser Essay ist der Versuch, die Punkte sichtbar zu machen. Ich beobachte. Ich dokumentiere. Ich hinterfrage — die Forschung der anderen, aber auch meine eigenen Überzeugungen. Denn ich erliege diesen Narrativen selbst. Immer wieder.


Die drei Erfolgstheorien — und warum sie nicht halten, was sie versprechen

Es gibt drei Geschichten, die uns die Psychologie über Erfolg erzählt. Jede für sich klingt überzeugend. Zusammen bilden sie das Fundament des meritokratischen Narrativs: Wer die richtigen Eigenschaften hat, kommt nach oben. Wer sie nicht hat, bleibt unten. Und wer unten bleibt, ist irgendwie selbst schuld.

Die erste stammt von Walter Mischel und seinem berühmten Marshmallow-Test. Ein Kind sitzt vor einem Marshmallow und bekommt ein Versprechen: Warte, bis ich zurückkomme, und du bekommst zwei. Mischel verfolgte die Kinder über Jahrzehnte und fand Erstaunliches (Mischel, Shoda & Rodriguez, 1989): Wer wartete, hatte bessere Schulnoten, stabilere Beziehungen, weniger Drogenprobleme. Die Botschaft war klar: Selbstkontrolle ist der Schlüssel zum Erfolg. Delayed Gratification. Wer sich zusammenreißen kann, gewinnt das Spiel.

Die zweite kommt von Carol Dweck in Stanford. Erfolgreiche Menschen haben ein Growth Mindset (vgl. Dweck, 2006) — sie glauben, dass sie sich verbessern können. Wer scheitert und sagt, das war eine Gelegenheit zu lernen, steht wieder auf. Wer sagt, ich bin halt nicht gut genug, gibt auf.

Die dritte erzählt K. Anders Ericsson, der schwedische Psychologe. Spitzenmusiker und -sportler üben nicht einfach mehr — sie üben strategisch. Zehntausend Stunden Deliberate Practice (vgl. Ericsson, Krampe & Tesch-Römer, 1993), und du beherrschst alles.

Drei schöne Geschichten. Selbstkontrolle, Resilienz, strategisches Üben. Jede fühlt sich wahr an. Ich kenne sie alle — und bin sogar in die Falle gegangen, denn obwohl ich Soziologe bin, habe ich auch an die Erzählung vom Growth Mindset und von Gratification Delay geglaubt. Ich behaupte sogar, dass ich diese Dinge beherrsche. Ich habe mich selbst optimiert, Bücher darüber gelesen, Vorträge gehört. Ich war sogar bei den eigenen Kindern im Zweifel, ob sie es schaffen würden. Mein Sohn hätte den Marshmallow vermutlich sofort gegessen. Tja — und wie es Jiang sagt, Kausalität mit Korrelation verwechselt.

Es gab eine Fernsehserie, die ich als Junge gesehen habe — Ein Mann will nach oben, 1978, nach Hans Fallada. Karl Siebrecht kommt als junger Waise nach Berlin, um 1909. Er hat nichts außer einem Koffer und zehn Goldtalern. Er schleppt Gepäck, schlägt sich durch, arbeitet sich hoch und heiratet in die reiche Gesellschaft ein. Dreizehn Folgen lang habe ich mitgefiebert.

Ich war auch so ein Junge. Ich wollte nach oben. Und ich habe nach Narrativen gesucht, die mich dorthin bringen würden. Hart arbeiten, sich selbst optimieren, nicht aufgeben — das verfing. Diese drei Ideen waren wie ein Versprechen, das genau für mich gemacht schien.

Aber das ist nicht wahr. Diese Geschichten erklären im Grunde nicht, warum ich es geschafft habe. Was sie erklären: warum 99 Prozent der Gesellschaft glauben, dass es ihre eigene Schuld ist, wenn sie es nicht nach oben schaffen.

Und jede dieser drei Geschichten ist — das zeigen die Forschungsergebnisse selbst — bestenfalls ein kleiner Teil der Wahrheit.

Das muss man sich klarmachen: Nicht ich behaupte, dass Selbstkontrolle, Mindset und strategisches Üben den Erfolg nicht erklären. Die Daten sagen es. Watts' Replikation. Sisk' Meta-Analysen. Macnamaras Varianzaufklärung. Die Empirie hat die Individualisierungsthese demontiert — leise, gründlich, unwiderlegbar. Was bleibt, ist die Frage: Warum halten wir trotzdem daran fest?

Und genau deshalb müssen wir die Selbstoptimierungsthese kritisch hinterfragen. Nicht als Meinung. Sondern weil die Forschung es verlangt. Wo kommen diese Narrative her? Welche Überzeugungen der Forscher wurden da eigentlich überprüft — und welche bloß bestätigt? Kann es sein, dass wir der Selbstoptimierungslüge immer und immer wieder auf den Leim gehen — weil sie sich so gut anfühlt?

Beginnen wir mit dem Marshmallow-Test — und mit dem Mann, der ihn berühmt machte.

Walter Mischel: Wenn der Forscher seine eigene Geschichte bestätigt

Walter Mischel wurde 1930 in Wien geboren, in eine jüdische Familie. Sein Vater war Geschäftsmann. 1938, nach dem Anschluss, floh die Familie vor den Nazis nach Brooklyn. Der Vater, einst Unternehmer, arbeitete fortan als Verkäufer in einem Billigladen — ein gebrochener Mann, wie Mischel später sagte. Die Mutter wurde Kellnerin und hielt die Familie zusammen. Mischel selbst schlug sich als Lieferjunge und Liftboy durch, war Jahrgangsbester, bekam ein Stipendium.

Ein Aufsteiger. Wie ich.

Und genau hier liegt der Bias. Mischel führte seinen Test zuerst auf Trinidad durch — nicht mit Marshmallows, sondern mit Schokolade. Er erwartete, dass die Ethnie den Unterschied erklärt. Tat sie nicht. Der sozioökonomische Hintergrund erklärte alles (Mischel, 1958). Er hatte die Daten, die zeigten, dass es Klasse ist, nicht Charakter. Aber das Narrativ, das aus dem späteren Stanford-Experiment entstand, fokussierte trotzdem auf individuelle Selbstkontrolle. Mischel — der Immigrant, der es aus eigener Kraft geschafft hatte — bestätigte mit seinem berühmtesten Experiment seine eigene Überlebensgeschichte. Sein Survivorship Bias, wissenschaftlich verpackt. Und nebenbei: Der Mann, der Selbstkontrolle zum Schlüssel des Erfolgs erklärte, war Kettenraucher und scheiterte jahrelang am Aufhören.

Aber schauen wir auf die Daten. 2018 veröffentlichten Tyler Watts, Greg Duncan und Haonan Quan eine Replikationsstudie mit 918 Kindern — fast zwanzigmal so viele wie Mischels Originalstichprobe. Der Zusammenhang zwischen Wartezeit und späterem Erfolg war nur halb so groß. Nach Kontrolle für den sozioökonomischen Status schrumpfte der Effekt um zwei Drittel (Watts, Duncan & Quan, 2018). Noch deutlicher wurde es 2013 durch Celeste Kidd an der University of Rochester: Sie wiederholte den Test mit einem Twist. Vor dem Marshmallow erlebten die Kinder entweder einen Erwachsenen, der seine Versprechen hielt — oder einen, der log.

Ergebnis: Kinder in der verlässlichen Bedingung warteten zwölf Minuten. Kinder, die zuvor belogen worden waren, warteten drei (Kidd, Palmeri & Aslin, 2013).

Was Kidd eigentlich gemessen hat, ist nicht Selbstkontrolle. Es ist Vertrauen. Und Vertrauen ist keine Charaktereigenschaft — es ist Erfahrung, die sich im Körper abgelagert hat. Ich kenne das. Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem Versprechen nicht immer gehalten wurden. Warum auf ein zweites Marshmallow warten, wenn die Welt dich lehrt, dass Versprechen leer sind?

Carol Dweck: Die Forschung aus Reihe 1, Platz 1

Ähnlich ernüchternd: das Growth Mindset. Victoria Sisk und ihre Kolleginnen legten 2018 zwei Meta-Analysen vor — 273 Studien, über 365.000 Teilnehmer. Die Korrelation zwischen Growth Mindset und schulischer Leistung beträgt r = 0,09. Das entspricht weniger als einem Prozent erklärter Varianz. Die Wirkung von Mindset-Interventionen? Ein Effekt von d = 0,08 — kaum messbar (Sisk et al., 2018).

Dweck saß in der sechsten Klasse auf Reihe 1, Platz 1 — sortiert nach IQ von ihrer Lehrerin Mrs. Wilson. Von dort: Barnard College, Promotion in Yale, Professur in Stanford. Eine Hochbegabte, die in einem System identifiziert wurde, das Hochbegabte identifiziert. Und die dann erforschte, warum manche in solchen Systemen aufblühen und andere nicht — ohne zu fragen, wer gar nicht erst in dieses System hineinkommt.

Die neuere Forschung zeigt: Growth Mindset wirkt vor allem bei Kindern, die ohnehin privilegiert sind. Bei benachteiligten Kindern erklärt es höchstens neun Prozent des sozioökonomischen Leistungsgefälles. Dweck bestätigte, was sie selbst erlebt hatte — dass Haltung entscheidet. Aber sie forschte aus Reihe 1, Platz 1.

K. Anders Ericsson: Die Überlebenden-Studie

Und die Deliberate Practice? Brooke Macnamara, David Hambrick und Frederick Oswald analysierten 88 Studien. Deliberate Practice erklärt 26 Prozent der Leistungsvarianz bei Spielen, 21 Prozent in der Musik — aber nur vier Prozent in der Bildung und weniger als ein Prozent in professionellen Kontexten (Macnamara, Hambrick & Oswald, 2014). In den Bereichen, die für beruflichen Erfolg am meisten zählen, spielt strategisches Üben fast keine Rolle.

Ericsson untersuchte die besten Violinisten an der Berliner Universität der Künste. Er fand: Die Besten üben mehr. Malcolm Gladwell machte daraus eine Regel, die Ericsson selbst als Verzerrung bezeichnete (vgl. Ericsson, 2016) — die Beatles hatten laut neuerer Forschung nicht zehntausend, sondern rund tausendeinhundert Stunden gespielt (vgl. Lewisohn, 2013), bevor sie durchbrachen. Aber er fragte nur die, die es bereits reingeschafft hatten. Er fragte nicht nach den Tausenden, die genauso viel geübt hatten, aber nie dort ankamen — weil ihnen der Zugang zu guten Lehrern fehlte, weil sie sich kein Instrument leisten konnten, weil sie am falschen Ort geboren wurden. Duncan Watts' MusicLab-Experiment (Salganik, Dodds & Watts, 2006) hat gezeigt, dass sogar die Popularität von Songs maßgeblich vom Zufall abhängt — von frühem Momentum, von Netzwerkeffekten, von Timing. In der Musik erklärt Deliberate Practice 21 Prozent der Varianz. 79 Prozent erklärt sie nicht. In diesen 79 Prozent stecken Glück, Herkunft, Zugang und Zufall.

Was zählt stattdessen? Genetik, Startbedingungen, Zugang, Netzwerke. Und Glück.

Der Dunning-Kruger-Effekt: Wenn die Falschen an der Macht sind

Selbst der Dunning-Kruger-Effekt steht auf wackligen Beinen. Gilles Gignac und Marcin Zajenkowski zeigten 2020: Der klassische Befund ist weitgehend ein statistisches Artefakt — eine Kombination aus Regression zur Mitte und dem Better-than-Average-Effekt (Gignac & Zajenkowski, 2020).

Und auch hier: die Stichprobe. David Dunning und Justin Kruger testeten 1999 an der Cornell University (Kruger & Dunning, 1999) — Ivy League. Ihre Probanden waren Cornell-Studierende. Eine kognitive Elite, die andere kognitive Eliten nach Selbstüberschätzung befragte. Die Frage, ob Selbstüberschätzung bei arbeitenden Menschen ohne Hochschulabschluss anders funktioniert — ob sie vielleicht das Gegenteil ist, nämlich systematische Selbstunterschätzung — wurde nicht gestellt. Der Dunning-Kruger-Effekt pathologisiert implizit das Selbstvertrauen derer, die nicht die richtigen Credentials haben. Und er normalisiert die Unsicherheit der Gebildeten als „Kompetenz".

Das ist deshalb brisant, weil der Dunning-Kruger-Effekt gerne erklärt, warum „die Falschen" an der Macht sind.

Aber wenn der Effekt ein Artefakt ist, dann sind die Falschen nicht wegen ihrer Selbstüberschätzung an der Macht. Sondern wegen der Strukturen, die sie dorthin getragen haben.

Was bleibt, wenn man diese drei Erfolgserzählungen durch den Filter der Empirie schickt? Broer, Bai und Fonseca haben 2019 für die OECD zusammengefasst, was die Evidenz zeigt:

Die Effekte nicht-kognitiver Fähigkeiten wie Mindset oder Perseverance auf Bildungserfolge sind klein bis vernachlässigbar, sobald man für sozioökonomische Faktoren kontrolliert (vgl. Broer, Bai & Fonseca, 2019).

Die Autoren formulierten diplomatisch, was die Daten brutal zeigen: Wir investieren in Programme, die Symptome behandeln. Die Ursachen bleiben unangetastet.


Die Wissenschaft als Komplizin: Warum auch die Forschung das falsche Narrativ bedient

Das Problem ist nicht nur, dass Marshmallow-Test, Growth Mindset, Deliberate Practice und Dunning-Kruger empirisch weniger erklären, als behauptet wird. Das Problem ist tiefer: Diese Konzepte individualisieren. Sie legen die Verantwortung für Erfolg und Misserfolg in die Hände des Einzelnen. Du bist arm? Dann mangelt es dir an Selbstdisziplin. Du kommst nicht voran? Dann fehlt dir das richtige Mindset. Du beherrschst dein Fach nicht? Dann hast du nicht strategisch genug geübt.

Das ist kein Betriebsunfall.

Eine Gesellschaft, die Armut als individuelles Versagen erklärt, muss ihre Strukturen nicht verändern. Sie muss nur die richtigen Programme anbieten — ein Resilienz-Training hier, ein Mindset-Workshop dort — und kann sich dann zurücklehnen und sagen: Wir haben alles getan. Wer jetzt noch scheitert, ist selbst schuld.

Richard Murphy, Emeritus-Professor für Ökonomie an der University of Sheffield und einer der einflussreichsten Steuerexperten Großbritanniens, hat das für die Ökonomie auf den Punkt gebracht: Ökonomen sind keine neutralen Beobachter. Sie kommen aus der Machtelite. Sie mussten sich eine Universität leisten können, mussten nicht arbeiten, um zu studieren. Ihre Theorien tragen Hoffnung und Angst in sich — die Hoffnung der Herrschenden auf Stabilität und die Angst vor Veränderung. Fast die gesamte ökonomische Theorie der letzten 250 Jahre wurde geschrieben, um die Interessen derer zu repräsentieren, die Macht haben. Sehr wenig wurde geschrieben, um die Interessen derer ohne Macht darzustellen (vgl. Murphy, 2025, The History of Economic Thought, Episode 1).

Was für Ökonomen gilt, gilt genauso für Psychologen.

Adorno und Horkheimer wussten das bereits 1944, als sie in der Dialektik der Aufklärung die Kulturindustrie beschrieben: eine Maschinerie, die Pseudo-Individualität produziert — die Illusion, jeder könne es schaffen, solange er nur einzigartig genug ist. „Das Individuum ist illusionär", schrieben sie, „nicht bloß wegen der Gleichförmigkeit der Produktionsweise. Es wird geduldet, solange seine rückhaltlose Identität mit dem Allgemeinen außer Frage steht." (Horkheimer & Adorno, 1944/1969, S. 154) Die Kulturindustrie erzeugt den Glauben an den individuellen Aufstieg — und verschleiert damit, dass das System strukturell verhindert, was es verspricht. Marcuse nannte das 1964 in Der eindimensionale Mensch repressive Entsublimierung (vgl. Marcuse, 1964): Das System bietet falsche Freiheiten an — Konsum, Unterhaltung, die Illusion von Wahlmöglichkeiten —, die gerade so viel Druck ablassen, dass niemand auf die Idee kommt, die Struktur selbst in Frage zu stellen.

Die Wissenschaft liefert das Vokabular für diese Verantwortungsverschiebung. Nicht aus böser Absicht — aber mit verheerender Wirkung. Jede Studie, die Selbstkontrolle als Prädiktor für Erfolg misst, ohne die Herkunft zu kontrollieren, bestätigt implizit das Narrativ: Es liegt am Individuum. Jede Intervention, die Kindern beibringt, „an sich zu glauben", ohne die Bedingungen zu verändern, unter denen sie leben, ist bestenfalls ein Pflaster auf einer Schusswunde.

Das ist kein abstrakter Vorwurf. Das ist messbar. Broer, Bai und Fonseca zeigen es in den OECD-Daten schwarz auf weiß: Sobald man die sozioökonomischen Bedingungen kontrolliert, verschwinden die Effekte der individuellen Eigenschaften fast vollständig. Die Wissenschaft weiß das — seit Jahren. Und trotzdem dominieren Selbstoptimierungs-Konzepte die Bildungspolitik, die Managementliteratur und die öffentliche Debatte. Weil sie bequem sind. Weil sie niemandem wehtun, der Macht hat.

Der Mythos von den Leistungseliten

Die Elitenforschung in Deutschland wusste das ebenfalls seit Jahrzehnten. Michael Hartmann, Deutschlands führender Elitenforscher, hat in jahrelanger empirischer Arbeit nachgewiesen: Fast 80 Prozent der Vorstandsvorsitzenden der hundert größten deutschen Unternehmen stammen aus dem Groß- und gehobenen Bürgertum — den oberen drei bis fünf Prozent der Gesellschaft — und dieses Muster ist seit 1970 stabil (vgl. Hartmann, 2002; 2018). Rund 80 Prozent der Reichsten in Deutschland verdanken ihren Wohlstand nicht Leistung, sondern Erbschaft. Hartmann nennt das, was wir für Meritokratie halten, den „Mythos von den Leistungseliten".

Der gesamte American Dream basiert auf dieser sozialen Lüge. Und unzählige Geschichten in Literatur und Film halten sie am Leben: Ein Mann will nach oben nach Fallada, Dickens' Große Erwartungen, Rocky, Das Streben nach Glück mit Will Smith, der sich vom Obdachlosen zum Börsenmakler hocharbeitet. Die Botschaft ist immer dieselbe: Du kannst es schaffen, wenn du nur willst. Diese Erzählung ist so mächtig, weil sie Einzelfälle zu Gesetzmäßigkeiten erklärt — obwohl die Daten eine andere Sprache sprechen. In den USA schaffen nur 7,5 Prozent der Kinder aus dem untersten Einkommensfünftel den Sprung ins oberste Fünftel (Chetty, Hendren, Kline & Saez, 2014) — das zeigen Chettys Analysen von Millionen Steuerdaten. Und die Geschichte der sozialen Mobilität in Deutschland liest sich wie eine Parabel der Enttäuschung.

Das Wissen ist da. Es war immer da. Aber das Narrativ bleibt. Es bleibt, weil es den Mächtigen nützt. Und weil es den Aufsteigern schmeichelt — auch mir.

Sechs Generationen: Die Geschichte der sozialen Mobilität in Deutschland

Anfang des 20. Jahrhunderts, im Kaiserreich — zu der Zeit, in der die Geschichte von Ein Mann will nach oben spielt — lag die Aufwärtsmobilität bei einem historischen Maximum — eine Zahl, die sich danach nie mehr wiederholt hat. Während des Wirtschaftswunders der Fünfziger- und Sechzigerjahre stieg die soziale Durchlässigkeit erneut — Schelskis „nivellierte Mittelstandsgesellschaft" schien real, Kaufkraft wuchs um 73 Prozent in einem Jahrzehnt. 1963 machten Arbeiterkinder sechs Prozent der Studierenden aus. Bis 1970 schafften fünf Prozent der Arbeitersöhne den Sprung in höhere Berufspositionen, 1979 waren es elf Prozent. 1982 erreichte der Anteil der Arbeiterkinder an Hochschulen seinen historischen Höchststand — 18 Prozent (Hochschulbildungsreport, 2020). Dann stagnierte er. 2009 lag er bei 15 Prozent. Trotz Bildungsexpansion, trotz Reformen — der Fahrstuhl blieb stehen.

Die DIW-Daten machen es noch brutaler sichtbar: Die absolute Einkommensmobilität ist für die Geburtsjahrgänge 1962 bis 1988 von 81 auf 59 Prozent gefallen (Bönke, Harnack-Eber & Lüthen, 2024, DIW Discussion Paper 2068). Und die OECD hat errechnet, wie lange es in Deutschland dauert, bis ein Kind aus den unteren zehn Prozent der Einkommensverteilung das Medianeinkommen erreicht: sechs Generationen. Sechs. Der OECD-Durchschnitt liegt bei viereinhalb. In Dänemark sind es zwei (OECD, 2018, A Broken Social Elevator?).

Der statistische Aufsteiger ist die Ausnahme, nicht die Regel. Und ich bin eine dieser Ausnahmen.

Die Idee, dass es jeder schaffen kann, wenn er nur hart genug arbeitet, ist nicht nur ein Mythos — sie ist ein Herrschaftsinstrument. Wie wir es unten sehen werden. Denn wenn jeder es schaffen kann, dann ist jeder, der es nicht schafft, ein persönliches Scheitern. Kein Systemversagen. Kein Politikversagen. Dein Versagen.

Hormozi, Gary Vee und die modernen Propheten der Eigenverantwortung

Und das Narrativ hat seine modernen Propheten. Alex Hormozi und Gary Vaynerchuk — Gary Vee, wie ihn seine Millionen Follower nennen — predigen Tag für Tag auf Social Media die frohe Botschaft der Eigenverantwortung. „Du musst nur härter arbeiten." „Du musst nur Social Media nutzen." „Du musst nur anfangen." Sie verpacken es in Sneakers und Hoodies, in hektisch geschnittene Reels und motivationale Zitate — aber die Botschaft ist so alt wie der Calvinismus: Wohlstand ist ein Zeichen der Erwählung. Wer arm bleibt, hat nicht genug gewollt.

Hormozi und Gary Vee sind selbst Teil des einen Prozent. Hormozi hat sein Vermögen mit Gym Launch gemacht — einem Modell, das auf dem Rücken tausender kleiner Fitnessstudiobetreiber funktionierte, von denen viele gescheitert sind. Gary Vee ist der Sohn eines Immigranten, der bereits ein Millionengeschäft besaß, als Gary die Firma übernahm. Ihre Startbedingungen waren alles andere als durchschnittlich. Und doch generalisieren sie ihre Ausnahme zur Regel und erzählen den 99 Prozent, sie müssten es ihnen nur gleichtun.

Was sie nicht tun: ihre enorme Reichweite nutzen, um die strukturellen Bedingungen zu benennen, die den meisten den Aufstieg versperren. Kein Wort über das Bildungssystem, das Kinder sortiert, bevor sie zehn sind. Kein Wort über Fiskalpolitik, die Vermögen konzentriert. Kein Wort über Erziehungspraktiken, die an die Schicht gekoppelt sind, in die man geboren wird. Stattdessen: „Grind harder." „Execute." „No excuses."

Inspiration sieht anders aus. Und die Wissenschaft, die Marshmallow-Tests und Growth-Mindset-Interventionen produziert, liefert den akademischen Unterbau dafür.

Auf eine Formel gebracht: Korrelation ist nicht Kausalität. Erfolgreiche Menschen haben Selbstkontrolle und Resilienz — ja. Aber nicht, weil diese Eigenschaften Erfolg erzeugen. Sondern weil Erfolg diese Eigenschaften erzeugt. Wer in einem stabilen, wohlhabenden Umfeld aufwächst, entwickelt Vertrauen und Gelassenheit — nicht, weil er einen besseren Charakter hat, sondern weil sein Umfeld es zulässt.


Die Architektur der unfreien Wahl: Warum Arme sich selbst die Schuld geben

Die Individualisierungsmaschine hat eine tiefere Schicht. Sie liegt in der Struktur der Wahl selbst.

Stell dir vor, du bist arm. Du brauchst jetzt Geld. Du kannst dich zwischen drei Jobs entscheiden — alle zahlen schlecht, alle erfordern lange Pendelwege, alle erlauben dir kaum zu atmen. Du wählst einen. Es ist eine rationale Entscheidung. Du musst wählen, und du wählst das beste verfügbare Angebot. Aber es ist eine Wahl zwischen schlechten Optionen.

Jetzt stell dir vor, du bist reich. Du machst das gleiche: Du wählst zwischen drei Jobs. Alle zahlen gut, alle ermöglichen dir Aufstieg, alle lassen dir Zeit für Weiterbildung. Du wählst. Es ist auch eine rationale Entscheidung. Aber es ist eine Wahl zwischen guten Optionen.

Wenn wir beide "eine persönliche Entscheidung" treffen, sprechen wir von zwei grundverschiedenen Dingen. Thaler und Sunstein nennen das Choice Architecture — die Struktur, in der Entscheidungen stattfinden (vgl. Thaler & Sunstein, 2008). Sie haben gezeigt, dass nicht die Entscheidung zählt, sondern die Optionen, aus denen du wählen kannst. Die Option-Set ist alles. Und die Option-Set ist nicht zufällig verteilt.

Der arme Mensch, der langfristig Schritte geht, die kurzfristig rational sind, lernt etwas über sich selbst: dass er impulsiv ist. Dass er nicht weit genug denkt. Dass ihm die Disziplin fehlt. Das ist der kriminelle Teil. Nicht dass er diese Entscheidungen trifft — sondern dass er sich selbst als die Person begreift, die solche Entscheidungen trifft.

Armut kostet 13 IQ-Punkte

Mullainathan und Shafir haben das gemessen. In einer Studie, die 2013 in Science erschien, zeigten sie gemeinsam mit Anandi Mani und Jiaying Zhao: Finanzielle Scarcity reduziert deine kognitive Kapazität um 13 IQ-Punkte (Mani, Mullainathan, Shafir & Zhao, 2013). Das ist mehr als eine schlaflose Nacht. Armut macht nicht dümmer. Sie frisst Kapazität. Wer jeden Morgen damit aufwacht, wie er die Miete zahlt, hat weniger Gehirn übrig für alles andere. Dreizehn IQ-Punkte weniger — nicht weil das Gehirn schlechter wäre, sondern weil es im Überlebensmodus festhängt.

Was folgt daraus? Der arme Mensch wird von seiner Situation zu Entscheidungen gezwungen, die seine Situation verschärfen. Und dann wird ihm gesagt — von der Wissenschaft, von den sozialen Medien, von Alex Hormozi und Gary Vaynerchuk —, dass die Schuld bei ihm liegt.

Das ist die Architektur der unfreien Wahl. Sie funktioniert so: Die Struktur zwingt mich zu Entscheidungen, die meine Situation verschärfen. Diese Entscheidungen scheinen meine persönlichen Wahlen zu sein. Aber sie sind die Wahlen, die die Situation von mir fordert. Kuran nannte das Preference Falsification (vgl. Kuran, 1995) — ich lebe so, als ob ich diese Dinge wollte, bis ich anfange zu glauben, dass ich sie wirklich will. Elster nannte das Sour Grapes (vgl. Elster, 1983) — ich überzeuge mich selbst, dass ich nicht will, was ich nicht haben kann, und dann glaube ich, dass das meine echte Vorliebe ist. Sen nannte das Adaptive Preferences (vgl. Sen, 2005) — ich passe meine Wünsche an das an, was möglich ist, und dann halte ich mich für eine Person mit bescheidenen Ambitionen. Das ist die letzte Arbeit der Individualisierungsmaschine: Sie macht aus strukturellen Zwängen subjektive Eigenschaften.

Meine Mutter war Zimmermädchen. Sie brachte mir Fremdwörter bei — sie lehrte mich Werkzeuge für eine Welt, die sie selbst nie betreten würde. Sie sagte mir nicht „Du wirst eine andere Welt sehen." Sie lehrte mich Codes, die ich nicht kannte. Später, auf dem Gymnasium, hatte ich das Glück, Lehrer zu haben, die mir zeigten, dass die Welt anders möglich ist. Eine einzelne Grundschullehrerin öffnete mir ein Fenster zum Aspirieren. Aber eine Million Kinder haben diese eine Lehrerin nicht. Für sie bleibt das Fenster zu.

Und warum glaubt der arme Mensch, dass es sein Fehler ist, dass er nicht aufgestiegen ist? Weil der arme Mensch, der doch aufgestiegen ist, das Gegenteil behauptet. Weil wir Überlebensverzerrung haben. Wir sehen die Erfolgreichen und glauben, dass Erfolg daher rührt, was diese Menschen taten — obwohl sie statistisch absolut untypisch sind. Es gibt einen psychologischen Grund dafür. Lerner hat das gemessen (vgl. Lerner, 1980): Menschen brauchen zu glauben, dass die Welt fair ist. Wenn sie konfrontiert werden mit ungerechtfertiger Armut, passiert etwas Verrücktes: Statt das System zu kritisieren, kritisieren sie die Armen. Das ist kein Mangel an Empathie. Das ist rationale Psychologie. Benabou und Tirole zeigten, dass dieser Just-World-Bias die Umverteilungspolitik bestimmt — mehr als das tatsächliche Einkommen der Beteiligten (Benabou & Tirole, 2006). Menschen, die glauben, dass Armut selbstverschuldet ist, wollen andere nicht unterstützen. Die Struktur nutzt unsere Psychologie gegen uns.

Das ist die tiefste Ebene der Individualisierung. Die Wissenschaft individualisiert durch falsche Messungen — Marshmallow, Mindset. Die sozialen Medien individualisieren durch Grind-Narrative — no excuses, just execute. Aber die Architektur der Wahl individualisiert durch etwas Tieferes: Sie macht Menschen zu Komplizen ihrer eigenen Unterdrückung. Sie zwingt sie zu Entscheidungen, die das System reproduzieren, und dann überzeugt sie sie, dass diese Entscheidungen ihr wahrer Charakter sind. Brillant gemacht — und unbarmherzig.

Wie Erziehung Klasse reproduziert — und warum Eltern rational handeln

Was erklärt den Erfolg, wenn nicht Charakter? Herkunft. Genauer: wie du aufwächst. Die Erziehungspraktiken, die mit Herkunft einhergehen. Und diese Praktiken sind nicht irrational. Im Gegenteil — sie sind rational. Nur eben für verschiedene Spiele.

Annette Lareau, Soziologin an der University of Pennsylvania, hat das in Unequal Childhoods (2003, aktualisiert 2011) minutiös dokumentiert. Sie begleitete 88 Familien verschiedener Schichten durch ihren Alltag — nicht mit Fragebögen, sondern durch direkte Beobachtung: beim Abendessen, beim Arztbesuch, bei den Hausaufgaben. Was sie fand, waren zwei grundverschiedene Erziehungslogiken.

Mittelschichteltern betreiben Concerted Cultivation: Sie organisieren das Leben ihrer Kinder aktiv. Klavierstunden, Fußballtraining, Diskussionen am Esstisch. Sie ermutigen ihre Kinder, Autoritäten Fragen zu stellen, zu verhandeln, zu argumentieren. Das Kind lernt: Die Welt ist ein Ort, an dem ich mitgestalten kann.

Eltern aus der Unterschicht praktizieren Accomplishment of Natural Growth. Kinder spielen frei, ohne durchgetakteten Terminplan. Die Kommunikation ist kürzer, direkter, häufiger imperativ: „Fass das nicht an." „Hör auf." Das ist kein Desinteresse. Es ist eine rationale Antwort auf eine Welt, in der Gehorsam überlebenswichtig ist — gegenüber der Polizei, dem Chef, der Schule. Ein Kind, das lernt, Autoritäten zu hinterfragen, hat in einer Mittelschichtkarriere einen Vorteil. In einer Umgebung, in der Widerspruch bestraft wird, hat es einen Nachteil.

Ich habe das zum Teil erlebt. Bei uns zu Hause wurde nicht diskutiert. Meine Mutter sagte etwas, und es galt. Punkt. Oder es gab entsprechende Strafen.

Doch ich war auf dem Gymnasium. Und dort lernte ich, anders zu denken. Ich hatte das Glück, Lehrer zu haben, die zum Teil durch die Philosophen der Frankfurter Schule ausgebildet waren. Das hat etwas in mir geöffnet, das zu Hause geschlossen blieb.

Als ich Jahre später in Meetings saß und beobachtete, wie selbstverständlich Kolleginnen aus Akademikerfamilien dem Chef widersprachen, verstand ich erst, was mir fehlte. Nicht Mut. Sondern der Habitus, Widerspruch als normal zu empfinden. Ich widersprach — immer, wenn ich wollte. Aber es war immer der Underdog, der aufbegehrte. Ich empfand mich nie gleichwertig.

Die Sprache als Statussymbol

Die Sprachforschung stützt dieses Bild. Betty Hart und Todd Risley dokumentierten 1995 den berühmten 30 Million Word Gap: rund 45 Millionen Wörter, Kinder aus armen Familien nur 13 Millionen (Hart & Risley, 1995). Die genaue Zahl ist umstritten — Sperry, Sperry und Miller zeigten 2019, dass der Gap kleiner ausfällt, wenn man Umgebungsgespräche mitzählt. Aber die Grundrichtung bleibt.

Und Sprache ist, wie Hanno Sauer formuliert, das wahrscheinlich wichtigste Statussymbol, das wir haben.

Sauer hat in Klasse. Die Entstehung von Oben und Unten (2025) systematisiert, was Bourdieu vor Jahrzehnten als Habitus beschrieb: die in den Körper eingeschriebene Zugehörigkeit zu einer Schicht. Es geht nicht nur um Geld. Es geht um Codes — Sprache, Gestik, Höflichkeit, Geschmack, die Art, wie man einen Raum betritt. Sauer geht über Bourdieu hinaus: Klassen erhalten sich durch kostspielige Signale — Statussymbole, die nur senden kann, wer in sie hineinsozialisiert wurde. Bildungsaufsteiger versuchen, diese Codes zu kopieren. Aber der Habitus sitzt tiefer als jeder Abschluss.

Bourdieu unterschied drei Formen von Kapital (vgl. Bourdieu, 1982/1979): ökonomisches (Geld, Besitz), soziales (Netzwerke, Beziehungen) und kulturelles (Bildung, Wissen, inkorporierte Haltungen).

Man kann sich den Maßanzug kaufen. Aber nicht die Selbstverständlichkeit, mit der man ihn trägt.

Das kulturelle Kapital existiert in drei Zuständen: einverleibt (Habitus — die Art zu sprechen, zu denken, zu fühlen), objektiviert (Bücher, Kunst, Musik im Haushalt) und institutionalisiert (Abschlüsse, Titel, Zertifikate). Der entscheidende Punkt: Das einverleibte kulturelle Kapital lässt sich nicht kaufen. Man muss es gelebt haben. Deshalb sind Neureiche in Sauers Analyse nie ganz angekommen — sie haben das Geld, aber nicht den Körper, der dazugehört.

Ich kenne den Bruch. Ich habe zwischen meinem 20. und 50. Lebensjahr die Statusspiele mitgespielt: der Maßanzug, die richtige Uhr, der Porsche, der Abschluss in St. Gallen. Heute erkenne ich: Das war weniger Eitelkeit als Selbstberuhigung. Ein Zeichensystem, das sagen sollte: Du darfst hier sein.

Meine Mutter brachte uns Fremdwörter bei — Werkzeuge für eine Welt, die sie selbst nie betreten hat. Ihr ganzer Stolz war eine Brockhaus-Enzyklopädie, eine alte Ausgabe in Frakturschrift, in der das lange S wie ein F aussieht und einen immer zum Lispeln bringt. Sie hat nie reingeschaut. Aber die komplette Ausgabe stand im einzigen Bücherregal — neben den Angélique-Romanen. Kulturelles Kapital als Möbelstück. Ein Zeichen, das sagte: Wir gehören irgendwohin, wo wir noch nicht sind.

Die Postleitzahl als Schicksal

Raj Chetty und sein Team von Opportunity Insights in Harvard haben all dem eine brutale empirische Grundlage gegeben. Ihre Analyse von Millionen Steuerdaten zeigt: Die Postleitzahl, in der ein Kind aufwächst (Chetty et al., 2014), ist einer der stärksten Prädiktoren für sein späteres Einkommen. Nicht Intelligenz, nicht Fleiß, nicht Mindset — der Ort. Die Great Gatsby Curve zeigt den Zusammenhang: Je ungleicher eine Gesellschaft, desto stärker bestimmt das Einkommen der Eltern das Einkommen der Kinder. Die USA, einst Synonym für Aufstieg durch Leistung, liegen auf dieser Kurve weit rechts — hohe Ungleichheit, niedrige Mobilität.

James Heckman, Nobelpreisträger für Ökonomie, hat errechnet, dass frühkindliche Bildungsinvestitionen einen jährlichen Return on Investment von 13 Prozent bringen (Heckman, 2006) — mehr als die meisten Aktienanlagen. Aber sein eigenes Ergebnis ist auch eine Anklage: Wenn die höchsten Renditen in den ersten Lebensjahren liegen, kommt das Schulsystem systematisch zu spät.

Hier liegt der unbequeme Kern. Eltern erziehen nicht falsch. Sie erziehen rational — für das Spiel, das sie spielen. Eine arme Mutter, die ihrem Kind beibringt, Autoritäten nicht zu widersprechen, gibt ihm das Werkzeug, das es in ihrer Welt braucht. Das Problem ist nicht die Erziehung. Das Problem ist: Verschiedene Erziehungsstile sind für verschiedene Welten optimiert — und die Welt der Wohlhabenden ist zufällig auch die Welt, für die Schulen, Universitäten und Unternehmen gebaut wurden.


Die Naturalisierung der Klasse: Hanno Sauer und der Blick von oben

Und dann macht Sauer den entscheidenden Fehler. Soziologie soll beschreiben und aufklären, nicht politisch werden. Er kann dabei seinen Bias nicht verstecken.

Man muss wissen, wer Sauer ist. Geboren 1983, aufgewachsen in Wiesbaden, beide Eltern promoviert. Ferien in Luxushotels. Tischgespräche über Kafka. Er selbst sagt es in einem Interview: „Ich denke jedenfalls nicht ganz unten." (Sauer, SRF-Interview, 2025) Er kokettiert damit — und schließt dann mit einer These, die genau seinem Standort entspricht: Klasse sei eine anthropologische Grundkomponente. Ein Strukturmerkmal, das sich nicht auflösen lässt. Es werde sogar schlimmer. Und kapitalistische Gesellschaften seien, mit Rawls, die besten für die Ärmsten.

Ja, es wird schlimmer. Aber nicht, weil da Natur im Spiel ist. Nicht, weil Klasse ein anthropologisches Schicksal wäre. Sondern weil — wie es Jiang Xueqin aus seiner Forschung an Chinas Eliteschulen formuliert — die Elite in der Elite bleiben will. Weil die Reichen reich bleiben und an der Macht bleiben wollen. Und weil sie die Mittel haben, die Regeln so zu gestalten, dass genau das passiert. Das ist kein Naturgesetz. Das ist Interessenpolitik.

Ich bin auch in Wiesbaden geboren und aufgewachsen. 1968. Aber in einer anderen Stadt.

Wiesbaden ist die Elitestadt Hessens. Landeshauptstadt, Beamtenstadt, Kurstadt — eine Stadt, die von Wohlstand lebt, ohne ihn zu produzieren. Kaum Industrie. Um die Jahrhundertwende lebten hier mehr Millionäre als in jeder anderen deutschen Stadt. Die Wilhelmstraße ist die Prachtpromenade — 900 Meter Boulevard mit Staatstheater, Kurhaus und dem Casino, in dem die höchsten Rouletteeinsätze Deutschlands erlaubt sind. In den Villenvierteln Sonnenberg und Nerotal wird Wohlstand nicht verdient, sondern geerbt.

Bis zu meinem sechsten Lebensjahr habe ich im Nerotal gewohnt. In einer Souterrainwohnung, zwischen den Villen. Ich habe im Nerotalbad geschwommen, bin am Tennisclub vorbei hinten raus in den Wald gelaufen, habe zwischen den Reichen gespielt, ohne zu wissen, dass sie reich waren. Dann zogen wir um. Rheinstraße 15, Mansardenwohnung. Die Ecke Wilhelmstraße — aber die Adresse war Rheinstraße, und die zählt nicht mehr zum Boulevard. Wer auf der Wilhelmstraße wohnte, gehörte dazu. Wer um die Ecke wohnte, nicht.

Kein Auto. Alleinerziehend. Fleisch war Luxus, Spargel war Gold. Die Innenstadt wurde mein Revier — und die Stadtbibliothek mein Fluchtpunkt.

Dass ich aufs Gymnasium kam, war Glück. Ich hatte Zweier im Zeugnis der vierten Klasse. Nicht Einser wie die Kinder aus den anderen Stadtteilen — keine Ahnung warum. Aber meine Grundschullehrerin glaubte an mich. Das reichte. Die Elly-Heuss-Schule in der Innenstadt — ein städtisches Gymnasium, kein Elite-Gymnasium. Dieselbe Stadt, dieselbe Zeit, zwei Planeten.

Sauer und ich, aufgewachsen in derselben Stadt. Er mit Kafka am Esstisch und Ferien in Luxushotels. Ich mit einer Brockhaus-Enzyklopädie in Fraktur, die niemand las, und einer Mutter, die Zimmer putzte. Und dann erklärt er mir, Klasse sei Natur.

Wenn Sauer sagt, Klasse sei eben so, dann sagt er es aus der Perspektive dessen, der oben sitzt und hinunterschaut. Ich schaue hoch. Und ich sehe etwas anderes.

In den hinteren Kapiteln von Klasse argumentiert Sauer, dass Klassenunterschiede eine evolutionäre Funktion haben. Dass sie so sein müssen. Dass die Signalspiele — Louis Vuitton, Quiet Luxury, die richtige Sprache — biologisch verankert sind, ähnlich dem Pfauenschwanz, den Amotz Zahavi mit seinem Handicap-Prinzip erklärte: Kostspielige Signale, die Fitness beweisen.

Er weiß, wie das klingt. Im Interview sagt er selbst: Es sei „ausserordentlich bequem", wenn jemand daherkomme und sage, die Gesellschaftsstrukturen, von denen er begünstigt sei, könnten leider nicht geändert werden. Er nennt es einen fairen Verdacht. Und dann macht er genau das: Er erklärt Ungleichheit für unvermeidlich. „Es wird nie eine klassenlose Gesellschaft entstehen." (Sauer, SRF-Interview, 2025) „Don't shoot the messenger." — als wäre er ein neutraler Beobachter und nicht selbst Teil dessen, was er beschreibt.

Das Magazin Jacobin nannte sein Buch eine „Klassismustheorie von rechts" (Nehring, 2025). Der Soziologe Fabian Nehring kritisierte: Das Buch liefere keine Erklärung für die Entstehung von Oben und Unten, wie es verspreche — es naturalisiere sie. Sauer entpolitisiere Klasse, indem er sie aus der Ökonomie herauslöse und in die Evolutionsbiologie verlagere. Das blinde Feld sei das ökonomische System — trotz verbaler Bekenntnisse.

Richard David Precht hat das in einer Folge von Lanz & Precht zerlegt. Precht zeigt: Das Handicap-Prinzip ist in der Biologie selbst umstritten. Der Kampfläufer — ein Vogel, bei dem die Männchen extrem unterschiedlich aussehen — widerlegt die These, dass kostspielige Signale universell notwendig sind. Und selbst wenn das Handicap-Prinzip in der Natur gelten sollte: Von der Biologie auf die Gesellschaft zu schließen, ist der älteste Trick der Ungleichheitsrechtfertigung. Es ist derselbe Fehlschluss, der seit Jahrhunderten Rassismus, Kolonialismus und Kastendenken legitimiert hat.

Prechts Urteil ist vernichtend: Ein Buch, das gut angefangen hat, laufe am Ende auf eine sehr einfache, schlichte und in dieser Form falsche Apotheose von Ungleichheit hinaus.

Das ist der Kern. Sauer sieht die Mechanismen — besser als die meisten. Aber er ist selbst gefangen im Bias seiner eigenen Position. Ein Oberschichtskind, das Ungleichheit brillant beschreibt und dann erklärt, sie sei eben so. Ein Philosoph, der kokettierend zugibt, dass seine These bequem für ihn ist — und sie trotzdem vertritt. Nicht weil die Daten ihn zwingen. Sondern weil seine Herkunft ihm den Luxus erlaubt, Ungleichheit als Naturgesetz zu lesen statt als politisches Versagen.

Und genau das ist das Muster, das sich durch diesen gesamten Essay zieht: Die Forschung identifiziert die Strukturen — und biegt dann ab in die Individualisierung oder die Naturalisierung. Mischel misst Klasse, verkauft es als Selbstkontrolle. Dweck forscht aus Reihe 1, Platz 1 und übersieht, wer gar nicht im Raum sitzt. Ericsson untersucht nur die Überlebenden. Dunning und Kruger testen Cornell-Studierende und pathologisieren das Selbstvertrauen derer ohne Credentials. Und Sauer beschreibt Klasse präzise, nur um sie am Ende als naturgegeben zu erklären.

Jeder dieser Forscher bestätigt mit seiner berühmtesten Arbeit seine eigene Biografie. Kein Vorwurf. Eine Beobachtung.


Warum sich Schulen nicht ändern — die institutionalisierte Trägheit

Wenn Erziehung Klasse reproduziert und frühkindliche Interventionen an Familiensysteme stoßen — dann müsste wenigstens die Schule einen Ausgleich schaffen. Das ist zumindest das Versprechen: Chancengleichheit durch Bildung. Aufstieg durch Leistung.

Die Daten erzählen eine andere Geschichte.

PISA 2022 zeigt für Deutschland und Österreich einen Befund, der ernüchternder nicht sein könnte: Der sozioökonomische Status der Eltern erklärt 19 Prozent der Leistungsvarianz in Mathematik (OECD, 2023, PISA 2022 Results) — deutlich über dem OECD-Durchschnitt von 15 Prozent. Der Leistungsunterschied zwischen dem obersten und untersten Sozialquartil beträgt in Deutschland 111 Punkte, in Österreich 106 (OECD, 2023). Das sind mehr als drei Schuljahre Vorsprung — und dieser Vorsprung ist nicht das Ergebnis individueller Begabung, sondern das Ergebnis sozialer Herkunft.

Das dreigliedrige Schulsystem im deutschsprachigen Raum ist dabei kein Zufall. Es ist die institutionalisierte Form der Reproduktion. Das Gymnasium ist die Schule der Concerted Cultivation: diskursiv, argumentativ, auf Verhandlung und kritisches Denken ausgelegt — genau die Fähigkeiten, die Mittelschichtkinder von zu Hause mitbringen. Die Hauptschule ist stärker regelorientiert, weniger diskursiv, mit klaren Anweisungen und engen Erwartungen. Kinder aus der Unterschicht finden eine Umgebung, die ihrem Habitus entspricht — aber keinen Aufzug nach oben.

Man muss dazu kein Verschwörungstheoretiker sein. Es reicht, die Struktur zu lesen.

Samuel Bowles und Herbert Gintis haben sie bereits 1976 in Schooling in Capitalist America formuliert: Schulen bilden nicht die Hierarchie ab — sie produzieren sie. Das hidden curriculum lehrt nicht Wissen, sondern Position: Wer darf fragen? Wer gehorcht? Wer bekommt Freiraum, wer Disziplin? Bourdieu hat diese Einsicht zur Reproduktionstheorie verdichtet: Das Bildungssystem verwandelt ererbten Vorteil in scheinbare Leistung — und macht Ungleichheit unsichtbar, weil sie als Begabung verkleidet wird.

Bowles und Gintis revidierten ihr Werk 2011. An der Grundmechanik hatte sich nichts geändert. Die Schule der Reichen fördert Autonomie und Kreativität. Die Schule der Armen fördert Gehorsam und Pünktlichkeit. Beide bereiten exakt auf die Positionen vor, die der jeweiligen Herkunft entsprechen.

Man könnte einwenden: Finnland zeigt doch, dass es anders geht. Finnland sortiert bis zum 16. Lebensjahr nicht. Die PISA-Ergebnisse bestätigen: hohe Leistung bei geringer sozialer Selektion. Aber im deutschsprachigen Raum scheitern Gesamtschulmodelle am Widerstand der Mittelschichteltern. Das ist kein Zufall — es ist rationales Verhalten: Wer einen strukturellen Vorteil hat, will ihn behalten. Die Argumentation klingt nach „Qualitätssicherung" und „Differenzierung nach Begabung". In Wahrheit schützt sie Privilegien.

Die Reformresistenz des Systems ist selbst ein Indiz für seine Funktion. Jahrzehnte der Bildungsforschung, Hunderte von Studien, Dutzende Reformversuche — und die Korrelation zwischen Elterneinkommen und Schülerleistung bleibt stabil. Das liegt nicht daran, dass wir die Lösung nicht kennen. Es liegt daran, dass die Lösung Interessen verletzt.

Wenn Eltern in Wien oder München darum kämpfen, ihre Kinder auf das „richtige" Gymnasium zu schicken, dann kämpfen sie nicht für Bildung. Sie kämpfen für Reproduktion.

Aber der Widerstand kommt nicht nur von oben.

Ich habe das selbst erlebt. Mit Scrum4Schools habe ich versucht, die Ideen der agilen Bewegung in die Schulen zu bringen: dass alle im Team etwas können. Dass Kinder von Natur aus lernen wollen. Dass Eigenverantwortung kein Risiko ist, sondern eine Ressource. Die Lehrer waren begeistert — das habe ich in From Learning to Teaching dokumentiert. Und die Schulen waren offener, als ich erwartet hatte.

Aber dann traf ich auf den Widerstand, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Nicht bei den Institutionen. Bei den Eltern. Und zwar gerade bei den Eltern aus den unteren Schichten.

Wenn Kinder plötzlich zu Hause anfangen zu debattieren, Freiheitsgrade einzufordern, eigene Meinungen zu verteidigen — dann ist das für Mittelschichtfamilien Normalität. Concerted Cultivation, wie Lareau es beschrieben hat: genau dafür werden diese Kinder erzogen. Aber für Familien in prekären Verhältnissen ist es eine Bedrohung. Der soziale Druck — du musst es zu etwas bringen — ist so groß, dass Pauken gefordert wird. Das, was die Eltern selbst gelernt haben. Disziplin, Gehorsam, Anpassung. Nicht weil sie ihre Kinder nicht lieben, sondern weil sie aus ihrer Erfahrung wissen: Wer auffällt, verliert. Wer sich anpasst, überlebt.

Jiang Xueqin hat mir genau das aus seiner Arbeit an Chinas Schulen bestätigt: Die Eltern ärmerer Schichten können mit progressiver Pädagogik nichts anfangen. Nicht aus Dummheit — aus Erfahrung. Ihre Klasse hat ihnen beigebracht, dass Autonomie ein Luxus ist, den sie sich nicht leisten können. Thomas Gorman hat diesen Mechanismus in seiner Forschung zu Bildungseinstellungen nach Klasse als hidden injuries of class beschrieben (vgl. Gorman, 1998): Die Verletzungen, die das Klassensystem hinterlässt, formen die Erwartungen an Bildung. Wer aus einer Familie kommt, in der Bildung das einzige Aufstiegsinstrument ist, will keine Experimente. Er will Noten.

Das ist die doppelte Falle. Die Oberschicht blockiert Strukturreformen, weil sie ihren Vorsprung schützt. Und die Unterschicht widersteht pädagogischen Reformen, weil ihre Klassenlage sie gelehrt hat, genau der Art von Bildung zu misstrauen, die ihren Kindern am meisten helfen würde. Das Spiel reproduziert sich nicht nur durch die, die oben sitzen. Es reproduziert sich durch alle, die darin gefangen sind.


Die Makroökonomie der Ungleichheit: Schulden als System

Jetzt kommt die Ebene, über die niemand redet. Das Geld.

Maurice Höfgen (vgl. Höfgen, 2020), der junge deutsche Ökonom und Vertreter der Modern Monetary Theory, argumentiert: Unser Finanzsystem ist nicht neutral. Es erzeugt systematisch Verschuldung der Unterschicht — nicht als Betriebsunfall, sondern als Mechanismus. Wenn der Staat über Austeritätspolitik die öffentlichen Ausgaben kürzt, reduziert er die Einkommen des privaten Sektors. Ärmere Haushalte müssen sich verschulden, um ihren Lebensstandard zu halten. Reichere Haushalte akkumulieren derweil Vermögen — denn jede Schuld auf der einen Seite ist ein Guthaben auf der anderen.

So funktioniert doppelte Buchhaltung. Das hat nichts mit Verschwörung zu tun.

Man muss kein MMT-Anhänger sein, um das zu sehen — mainstream-ökonomische Kritik an der Schuldenbremse kommt inzwischen aus dem Sachverständigenrat und vom IWF. Aber Höfgen geht weiter: Austeritätspolitik verteilt nicht nur ineffizient. Sie verteilt aktiv — von unten nach oben. Wer kürzt, kürzt dort, wo die Abhängigkeit vom Staat am größten ist: Bildung, Gesundheit, Infrastruktur.

Und diese Dynamik hat eine Geschichte, die David Graeber in Debt: The First 5,000 Years (2011) mit bestechender Gelehrsamkeit nachgezeichnet hat. Graebers Kernthese: Verschuldung ist seit Jahrtausenden das zentrale Instrument, mit dem Hierarchien aufrechterhalten werden. Bevor es Münzen gab, gab es Schulden. Vor dem Tauschhandel gab es Kreditbeziehungen. Geld selbst ist aus Schuldenbeziehungen entstanden — und diese Beziehungen waren von Anfang an asymmetrisch.

Der Gläubiger hat Macht über den Schuldner. So war es in Sumer, so ist es heute.

In agrarischen Gesellschaften führte die Schuldenspirale von Zinsen über Landverlust zur Schuldknechtschaft — einer Form der Sklaverei. Schulden, Landlosigkeit, Knechtschaft: ein Muster, das sich durch die Menschheitsgeschichte zieht. Und die ältesten bekannten politischen Akte der Geschichte waren Schuldenerlasse — die clean slates der sumerischen Könige, die periodisch alle Schulden annullierten, um soziale Revolten zu verhindern.

Professor Jiang — ein Politikwissenschaftler, dessen Vorlesung über Erfolg und Ungleichheit mich zu diesem Essay inspiriert hat — bringt dieses historische Muster auf eine brachiale Formel: Die drei universellen Probleme jeder Gesellschaft seien Verschuldung, Landlosigkeit und Sklaverei. Und jede Revolution in der Geschichte sei im Kern ein Versprechen gewesen, diese drei Probleme zu lösen: Schulden erlassen, Land verteilen, Knechtschaft beenden.

Höfgens Argument ergänzt das um eine moderne Pointe: Der Staat könnte die Ungleichheit durch Fiskalpolitik aktiv bekämpfen. Aber er tut es nicht. Nicht, weil es ökonomisch unmöglich wäre. Sondern weil diejenigen, die von der bestehenden Ordnung profitieren, die Regeln des Spiels zu ihren Gunsten gestalten.

Jiang würde sagen: Game Rigging.

Bullshit Jobs und die Frage, warum wir nicht weniger arbeiten

Graeber hat noch eine zweite, weniger bekannte Pointe. In Bullshit Jobs (2018) stellt er eine Frage, die unbequemer ist als alles, was die Produktivitätsdebatte hergibt: Warum hat der technische Fortschritt — Automatisierung, Digitalisierung, Robotik — nicht dazu geführt, dass wir weniger arbeiten? Die Antwort, die Graeber gibt, ist politisch: Wir haben stattdessen sinnlose Arbeit erfunden. Ganze Branchen — Finanzdienstleistungen, Personalverwaltung, Compliance, Unternehmensberatung, Körperschaftsrecht — existieren, weil eine Gesellschaft, die ihre Beschäftigten mit Freizeit und Sinn ausstattet, für die herrschende Klasse gefährlicher ist als eine Gesellschaft, die sie mit Bullshit beschäftigt. Graeber formuliert das mit einer Schärfe, die man so selten liest: „The ruling class has figured out that a happy and productive population with free time on their hands is a mortal danger" (Graeber, 2018). In seinen Umfragen gab ein Drittel der amerikanischen Arbeitnehmer an, ihr Job sei sinnlos — und würde niemandem fehlen, wenn er nicht gemacht würde.

John Maynard Keynes hat 1930 prognostiziert, dass seine Enkel nur noch fünfzehn Stunden pro Woche arbeiten würden — weil der technische Fortschritt den Lebensstandard so weit heben werde, dass mehr nicht nötig sei (Keynes, 1930). Er gab der Menschheit hundert Jahre. 2030. Wir sind fast da. Und wir arbeiten nicht fünfzehn Stunden. Wir arbeiten mehr als je zuvor — und diskutieren gleichzeitig, ob Künstliche Intelligenz uns endlich von der Arbeit befreien wird. Dieselbe Hoffnung, dieselbe Prognose, dieselbe Naivität. Denn die Frage war nie, ob die Technologie es ermöglicht. Die Frage ist, wer die Produktivitätsgewinne einstreicht.

Und hier schließt sich der Kreis zu Markovits. Denn an der Spitze wird nicht weniger gearbeitet. Im Gegenteil. Die Elite schickt ihre Kinder nach Yale und Oxford, nach Harvard und ans MIT — und dort wird gebüffelt und gepaukt wie nirgendwo sonst. Fünfzehntausend Dollar im Jahr für Nachhilfe. Premium-Tutoren für sechshundert Dollar die Stunde. Es geht nicht darum, weniger zu arbeiten. Es geht darum, den Code der jeweiligen Klasse zu beherrschen. Die richtige Sprache, die richtigen Netzwerke, die richtigen Credentials. Die Oberschicht arbeitet nicht weniger — sie arbeitet an etwas anderem: an der Reproduktion ihrer Position. Und statt die Produktivitätsgewinne zu nutzen, damit alle das Leben genießen können — auch die Unterschicht —, werden sie investiert in die Absicherung derer, die schon oben sind.

Das deutsche Narrativ: Mehr arbeiten!

Und gerade sehen wir in Deutschland genau dieses Narrativ an der Tagesordnung. Die deutsche Regierung, allen voran Kanzler Merz, erklärt: Die Menschen arbeiten zu wenig, sie sind zu oft krank, sie arbeiten nicht lange genug, sie leisten zu wenig für Deutschland. Die sozial Benachteiligten seien faul und wollten nicht arbeiten. Moritz Schularik, einer der führenden Ökonomen des Landes, fordert zehn Prozent mehr Arbeitsleistung. Söder fordert eine Stunde mehr pro Tag. Reinhold Würth, die Schraubenlegende, beklagt, dass nach der Phase des Wohlstands die Begehrlichkeiten nach mehr Geld und weniger Arbeit gewachsen seien. Immer und immer wieder das gleiche Narrativ.

Und die Medien greifen es auf — selbst dort, wo man Widerstand erwarten würde. Lanz und Precht zum Beispiel widmen dem Thema eine ganze Podcast-Folge. Man könnte erwarten, dass zwei der profiliertesten Intellektuellen des Landes das Narrativ sofort als das entlarven, was es ist: eine Individualisierung eines strukturellen Problems. Aber das tun sie nicht. Stattdessen diskutieren sie 45 Minuten lang innerhalb des Narrativs. Sollen die Deutschen mehr arbeiten? Haben wir ein Mentalitätsproblem? Ist die junge Generation zu anspruchsvoll? Sie kommen zwar zu klugen Gegenargumenten — die Eltern arbeiteten in den Siebzigern 2000 Stunden im Jahr, heute sind es 1300, und trotzdem ist der Wohlstand unvergleichlich höher. Der Müllmann hat nicht mehr Mülltonnen, weil er länger arbeitet. Die Krankenschwester geht bereits auf dem Zahnfleisch. Precht macht die richtige Beobachtung, dass wir ein kulturelles Mismatch haben, kein ökonomisches — die junge Generation habe bereits die Mentalität einer Sinngesellschaft, aber die Automation habe die materielle Grundlage dafür noch nicht geschaffen. Und Lanz zitiert Graeber und dessen Bullshit Jobs-These.

Aber die Rahmung bleibt intakt. Die Frage bleibt: Arbeiten wir genug? Und allein die Frage ist bereits die Antwort — die falsche. Denn sie individualisiert. Die richtige Frage wäre: Warum verteilt das System die Produktivitätsgewinne so, dass die Mehrheit das Gefühl hat, es reiche nicht? Warum arbeiten Krankenschwestern bis zur Erschöpfung, während ein Drittel der amerikanischen Arbeitnehmer — laut Graebers Umfragen — ihren eigenen Job für sinnlos hält? Warum erfinden wir Bullshit Jobs, statt die Arbeitszeit zu reduzieren?

„Mehr arbeiten" ist keine ökonomische Lösung. Es ist ein moralischer Imperativ — und zwar einer, der denselben Individualisierungsmechanismus bedient wie der Marshmallow-Test, wie das Growth Mindset, wie die Hormozi-Reels. Wenn die Wirtschaft nicht wächst, liegt es an dir — du arbeitest nicht genug, nicht hart genug, nicht lang genug. Die Struktur bleibt unangetastet. Und selbst die Kritiker reproduzieren das Narrativ, indem sie es diskutieren, statt es zu demontieren.


Die Meritokratie-Falle: Warum es sogar noch schlimmer wird

Daniel Markovits, Juraprofessor in Yale, hat in The Meritocracy Trap (2019) gezeigt, dass Meritokratie selbst zum Problem geworden ist. Nicht weil sie scheitert. Sondern weil sie funktioniert — auf eine Weise, die ihre Erfinder nie beabsichtigt hatten.

In den Fünfziger- und Sechzigerjahren war Meritokratie ein Öffnungsinstrument. Die alte Erbaristokratie schickte ihre Kinder auf Eliteschulen, aber dort lernten sie wenig. Als die Aufnahme auf Leistung umgestellt wurde, kamen plötzlich die Besten aus staatlichen Schulen. Die privaten Schulen waren, wie Markovits schreibt, voll von privilegierten, faulen Kindern.

Das hat sich umgekehrt. Heute investieren wohlhabende Familien in den USA bis zu 15.000 Dollar jährlich in Nachhilfe. Premium-Tutoren in Manhattan nehmen 600 Dollar die Stunde. Bis ein Kind aus der Oberschicht das Studium abgeschlossen hat, beträgt die kumulative Investitionsdifferenz gegenüber einem Mittelschichtkind rund zehn Millionen Dollar (Markovits, 2019, S. 128). Das ist kein Erbe im klassischen Sinne — es ist Humankapital, das wie Leistung aussieht.

Das Ergebnis: Meritokratie ist zu genau dem geworden, was sie verhindern sollte — in Markovits' Worten „a mechanism for the concentration and dynastic transmission of wealth, privilege, and caste across generations" (Markovits, 2019). Der Testvorsprung reicher gegenüber armen Schülern ist in den letzten 25 Jahren um 40 bis 50 Prozent gewachsen (Reardon, 2011; Markovits, 2019). Die akademische Kluft zwischen Reichen und der Mittelschicht ist heute größer als die zwischen Mittelschicht und Armen.

Markovits' entscheidender Punkt: Die Oberschicht kämpft nicht gegen die Unterschicht. Sie kämpft gegen die Mittelschicht. Durch eine Einkommenssicherungsindustrie aus Elitebildung, Netzwerken und Credentialism, die den Zugang nach oben systematisch verengt. Die Ungleichheit wird nicht von den Ärmsten angetrieben, sondern von denen, die viel haben — aber nicht so viel wie die 0,01 Prozent an der absoluten Spitze. Es ist ein Kampf der Have Some gegen die Have a Lot, ausgetragen über Bildungsinvestitionen, die als Leistung verkleidet sind.

Was Markovits beschreibt, bestätigt Turchins Modell auf einer anderen Ebene: Die Meritokratie produziert mehr qualifizierte Aspiranten als Elitepositionen existieren. Und sie gibt denjenigen, die bereits oben sind, die Werkzeuge, ihre Position zu verteidigen — nicht durch Mauern, sondern durch Credentials.

Was Markovits ökonomisch beschreibt, hat politische Konsequenzen. Wenn der Aufzug stecken bleibt — nicht nur für die Ärmsten, sondern für die Mitte —, dann suchen sich die Frustrierten andere Wege.


Das Versprechen des Game Reset: Trump, AfD, FPÖ

Wenn soziale Mobilität die beste Form der Regierung ist — und darin sind sich Historiker, Ökonomen und Politikwissenschaftler erstaunlich einig —, dann ist die Blockade der sozialen Mobilität die gefährlichste Form der Destabilisierung. Nicht Armut an sich erzeugt Revolten. Sondern die Wahrnehmung, dass das Spiel manipuliert ist.

Peter Turchin, der russisch-amerikanische Komplexitätsforscher, hat das in End Times (2023) mit dem Instrumentarium der Cliodynamik quantifiziert. Seine zentrale Variable: Elite Overproduction. Wenn eine Gesellschaft mehr hochgebildete, ambitionierte Menschen produziert als Positionen an der Spitze existieren, entsteht ein Überschuss an frustrierten Aufsteigern — Gegeneliten, die das System nicht reformieren, sondern umstürzen wollen.

Turchin hat dieses Muster in Dutzenden historischer Gesellschaften nachgewiesen. Und er hat 2010 in Nature eine Prognose publiziert: Um das Jahr 2020 werde die politische Instabilität in den USA einen Höhepunkt erreichen. Man kann von Cliodynamik halten, was man will — die Prognose war treffsicher.

Was Turchin beschreibt, ist exakt die Mechanik, die Jiang in seinen Vorlesungen formuliert: Gesellschaften sind stabil, solange Aufstieg möglich ist. Sobald alle Positionen besetzt sind und die Warteschlange zu lang wird, zerfällt der Konsens. Es entsteht ein Lager der Have a Lot — der Etablierten, die das System abgesichert haben. Und ein Lager der Have Some — der aufstiegswilligen Mitte, die feststellt, dass die Leiter abgesägt wurde.

Helmut Schelski nannte die Bundesrepublik in den Fünfzigern eine „nivellierte Mittelstandsgesellschaft" (Schelski, 1953). Die Gesellschaft hatte die Form einer Zwiebel — breite Mitte, dünne Enden. Dieses Bild war Jahrzehnte lang das Versprechen: Wer arbeitet, kommt in die Mitte. Die Mitte hält. Aber die Zwiebel ist zur Sanduhr geworden. Die Mitte dünnt aus. Oben konzentriert sich der Wohlstand, unten wächst die Prekarität. Das Wohlstandsversprechen, das die Bundesrepublik zusammengehalten hat, ist gebrochen.

Und diese Have Some, nicht die Ärmsten, bilden den Kern jeder Revolution.

Donald Trump ist das offensichtlichste Beispiel. Ein Milliardär, der sich als Stimme der Vergessenen inszeniert — und das Narrativ bedient, das Jiang als Kern jeder Revolution identifiziert: Schuldenerlass und Entmachtung der Eliten. Jiang vergleicht Trump ausdrücklich mit Caesar — und die Parallele ist verblüffend konkret. Caesar war kein Mann des Volkes. Er kam aus einer der ältesten Patrizierfamilien Roms. Aber er erkannte die Blockade: Ein Senat, der immer weniger Aufsteiger zuließ. Eine Masse von frustrierten Römern, die ein Angebot suchten.

Caesars Angebot: Landverteilung, Schuldenreduktion, Bürgerrechte für die Provinzen. Sein Mittel: die Inszenierung als Volksfreund gegen die korrupte Elite. Trump operiert nach demselben Schema. Er ist nicht trotz seines Reichtums populär. Er ist populär, weil er den Gestus pflegt, die eigene Klasse zu verraten — Drain the Swamp als moderne Version von Caesars Popularen-Politik. Dass Caesar die Republik zerstörte und Trump die institutionellen Normen der amerikanischen Demokratie beschädigt, gehört zum Muster: Der Game Reset ist nie sanft.

In Deutschland spielt die AfD eine ähnliche Rolle. Ihre Wählerschaft besteht überproportional aus Facharbeitern und der unteren Mittelschicht. Nicht die Ärmsten wählen AfD. Es sind die Have Some: Menschen mit Ausbildung, mit Job, mit einer bescheidenen Existenz — die feststellen, dass der nächste Schritt versperrt ist. Die AfD hat die SPD als Partei mit dem größten Arbeiteranteil abgelöst. Und paradoxerweise geben nur zehn Prozent der AfD-Wähler an, sich um ihre eigene Finanzsituation zu sorgen.

Es geht nicht um reale Armut. Es geht um relative Deprivation — das Gefühl, dass das System nur für andere funktioniert.

In Österreich bedient Herbert Kickl mit seinem Volkskanzler-Narrativ dasselbe Muster. Die FPÖ hat bei der Wahl 2024 erstmals den ersten Platz erreicht — mit 28,8 Prozent. Ihre Basis: Facharbeiter, untere Mittelschicht, Menschen mit dem Gefühl, dass die Spielregeln nicht für sie gemacht sind.

Die Ironie ist in allen drei Fällen dieselbe: Diejenigen, die den Game Reset versprechen, sind selbst Teil der Elite. Trump ist Milliardär. Kickl ist Berufspolitiker seit Jahrzehnten. Die AfD-Führung besteht aus Akademikern. Sie versprechen, das Spiel zu zerstören, das sie selbst spielen — und das sie, sollten sie gewinnen, zu ihren Gunsten neu aufsetzen werden.

Generation Arschkarte

Aber es gibt noch eine dritte Gruppe, die in der Populismus-Analyse oft übersehen wird: die junge Generation, die weder kämpft noch wählt — sondern sich verweigert. Mirai Kaliskan, eine junge Autorin des Tagesspiegels, hat das Anfang 2025 unter der Überschrift „Generation Arschkarte" auf den Punkt gebracht: „Herr Merz, für welchen Wohlstand soll ich mich eigentlich kaputt arbeiten?" Ihre Argumentation ist scharf: Eigentum ist ein urbanes Märchen geworden, ein einwöchiger Urlaub zum Großereignis, auf das man das ganze Jahr spart. Ein kaputtes Küchengerät wird über PayPal auf 30-Tage-Kredit gekauft. Und dann wird dieser Generation erzählt, sie solle bitte eine Stunde mehr arbeiten.

Precht macht in Lanz & Precht eine Beobachtung, die tiefer reicht als die meisten ökonomischen Analysen: Das eigentliche Mismatch ist nicht ökonomisch, sondern kulturell. Die junge Generation hat bereits die Mentalität einer Sinngesellschaft — einer Gesellschaft, in der der Sinn der eigenen Existenz wichtiger ist als die Steigerung des Bruttoinlandsprodukts. Aber die ökonomische Realität, die Automation, die Digitalisierung, hat diesen Zustand noch nicht hergestellt. Die Ansprüche sind da. Die materielle Grundlage dafür nicht. Und — das ist Prechts entscheidender Punkt — für diese Mentalität können die jungen Leute nichts. Wir haben sie ihnen geliefert. Die Boomer haben den kulturellen Kapitalismus geschaffen, in dem maximales Glück, maximaler Sinn, maximale Selbstverwirklichung das Versprechen sind. Und jetzt sind wir empört, dass die nächste Generation dieses Versprechen ernst nimmt.

Die Kinder der Hoteliers in Südtirol übernehmen den Betrieb nicht — weil sie gesehen haben, was es ihre Eltern gekostet hat. Die Mittelständler auf der schwäbischen Alb finden keinen Nachfolger — weil deren Kinder den Preis kennen: Herzinfarkte, kaputte Familien, permanente Abwesenheit. Das ist keine Faulheit. Das ist rationale Schlussfolgerung aus beobachteter Evidenz.

Und hier schließt sich der Kreis zum Beginn dieses Essays. Die junge Generation tut exakt das, was auch arme Kinder beim Marshmallow-Test tun: Sie reagiert rational auf die beobachtete Umwelt. Wenn Versprechen nicht gehalten werden — das Aufstiegsversprechen, das Wohlstandsversprechen, das Rentenversprechen —, dann wartet man nicht auf den zweiten Marshmallow. Man nimmt, was da ist. Und nennt es Selbsterhaltung.

Jiang würde sagen: Das ist das universelle Muster. Jede Revolution wird von Gegeneliten geführt. Sie versprechen den Armen Schuldenbefreiung, Land und Freiheit. Und nach der Revolution füllen sie selbst die Positionen an der Spitze — bis die nächste Generation von Frustrierten kommt. Aber die stille Verweigerung der Jungen ist vielleicht gefährlicher als jede Revolution. Eine Revolution ersetzt Eliten. Eine Generation, die aufhört zu glauben, ersetzt gar nichts. Sie lässt das System leer laufen.


Was tun?

Selbstkontrolle trainieren, Growth Mindset predigen, strategisches Üben lehren — Pflaster auf Schusswunden. Die Wissenschaft selbst hat jahrzehntelang das Narrativ gestützt, dass Erfolg eine Frage der individuellen Disposition ist — und damit der Gesellschaft eine bequeme Ausrede geliefert, ihre Strukturen nicht anzufassen. Schulreformen scheitern an institutioneller Trägheit. Frühkindliche Programme stoßen an Familienstrukturen. Die Social-Media-Propheten der Eigenverantwortung predigen Hustle statt Systemkritik. Und die makroökonomische Ordnung erzeugt systematisch jene Ungleichheit, die soziale Mobilität blockiert.

Man kann die Lage zynisch lesen: Ungleichheit ist unvermeidlich, Populismus ist die vorhersagbare Folge, und jeder Game Reset erzeugt nur neue Eliten. Geschichte als Hamsterrad.

Aber bevor wir den Pessimismus akzeptieren, verdient die Gegenposition ein ernsthaftes Gehör. Steven Pinker argumentiert in Enlightenment Now (2018), dass die globale Armut in den letzten Jahrzehnten drastisch gesunken ist — von über 60 Prozent in den 1960ern auf unter zehn Prozent heute. Die Kindersterblichkeit sinkt. Die Lebenserwartung steigt. Und Branko Milanovics Elefantenkurve zeigt: Die größten Einkommensgewinne der letzten dreißig Jahre gingen an die globale Mittelschicht — vor allem in Asien. Hunderte Millionen Menschen sind aus extremer Armut aufgestiegen. Das ist real. Es wäre intellektuell unredlich, das zu verschweigen.

Und dennoch greift diese Perspektive zu kurz — aus drei Gründen.

Erstens: Ich werde nie die Werbung eines Automobilkonzerns vergessen: Schock you Neighbor. Die genau mit diesem Thema spielte: Status. Absolute Verbesserung stillt nicht das Bedürfnis nach relativer Position. Menschen messen ihren Status an ihren Nachbarn, nicht an der Geschichte. Wenn die oberen zehn Prozent den Löwenanteil kassieren, fühlt sich der Rest betrogen — nicht, weil es ihm schlechter geht, sondern weil das Versprechen der Meritokratie gebrochen wird.

Zweitens: Milanovics Elefantenkurve zeigt auch, wer verloren hat — die untere Mittelschicht der westlichen Länder. Genau jene Schicht, die den Kern der populistischen Bewegungen bildet.

Drittens: Pinkers Argument setzt voraus, dass Fortschritt sich automatisch fortsetzt. Turchin zeigt: Stabilitätszyklen brechen.

Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht: Kann man Ungleichheit abschaffen? Sie lautet: Kann man einen kontrollierten Game Reset organisieren — ohne Revolution?

Die Forschung deutet auf strukturelle Hebel hin, die wirksamer wären als alles, was wir an Schulen und in Mindset-Seminaren versuchen.

Höfgen und die Vertreter der MMT argumentieren, dass Staaten mit eigener Währung fiskalischen Spielraum haben, den sie nicht nutzen. Öffentliche Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Gesundheit reduzieren Ungleichheit — nicht als Almosen, sondern als Produktivitätssteigerung. Die Schuldenbremse, aus dieser Perspektive, ist kein Zeichen von Verantwortung. Sie ist ein Instrument der Besitzstandswahrung.

Und hier stellt sich mir immer dieselbe Frage: Warum eigentlich nicht? Warum gönnen die Eliten den unteren und mittleren Schichten die Schwimmbäder nicht? Die kostenfreie medizinische Betreuung? Die besseren Schulen? Die besseren Straßen? Es wäre so einfach. Bessere Gehälter zahlen. Bademeister in Schwimmbädern anstellen, statt sie zu schließen. Krankenschwestern so bezahlen, dass der Beruf nicht in die Flucht treibt. Lehrer so ausstatten, dass sie unterrichten können, statt zu verwalten. Es geht nicht um Umverteilung von oben nach unten — es geht um Investitionen in die Infrastruktur eines Landes, von der alle profitieren. Auch die Eliten. Ihre Kinder schwimmen in denselben Städten. Ihre Eltern liegen in denselben Krankenhäusern. Ihre Autos fahren auf denselben Straßen.

Aber genau das ist der Punkt, den Graeber und Jiang aus verschiedenen Richtungen treffen: Es geht nicht um Effizienz. Es geht um Kontrolle. Eine Gesellschaft, in der die Unterschicht gut versorgt ist, ist eine Gesellschaft, in der sie Ansprüche stellt. In der sie debattiert, fordert, sich organisiert. In der die Kinder aus dem Arbeiterviertel anfangen, dieselben Fragen zu stellen wie die Kinder aus dem Villenviertel. Und das ist, wie Graeber es formulierte, für die herrschende Klasse gefährlicher als jede Ineffizienz.

Dann die Vermögen. Deutschland besteuert Arbeit mit bis zu 47 Prozent (BMF, 2024) — und Vermögen fast gar nicht. Die Vermögensteuer ist seit 1997 ausgesetzt. Erbschaften werden durch Freibeträge und Betriebsvermögensprivilegien geschont. Das Ergebnis: Wer arbeitet, zahlt. Wer besitzt, vererbt. Chettys Daten zeigen, dass Vermögenskonzentration der stärkste Treiber sinkender Mobilität ist (vgl. Chetty et al., 2014). Eine Erbschaftssteuer, die diesen Namen verdient, und eine Vermögenssteuer, die Akkumulation begrenzt, würden den Spieltisch nicht umwerfen — aber die Karten neu verteilen.

Und wieder: Es gelingt der Elite, den Nicht-Vermögenden einzureden, die Vermögensteuer sei schlecht für sie. Arbeitsplätze gingen verloren. Familienunternehmen würden zerstört. Der Standort Deutschland sei in Gefahr. Dabei würde eine progressive Vermögensteuer nur das oberste Prozent wirklich treffen — jene 300.000 Haushalte, die rund 35 Prozent des gesamten Privatvermögens in Deutschland halten. Das DIW hat errechnet, dass eine solche Steuer bis zu 100 Milliarden Euro im Jahr einbringen könnte (Bach, DIW, 2020). Hundert Milliarden. Für Schulen, Krankenhäuser, Schwimmbäder, Straßen. Für die Infrastruktur, die gerade verfällt, weil angeblich kein Geld da ist.

Und ob ein mehrfacher Milliardär zwei Prozent im Jahr abgibt, während sich sein Vermögen laut Oxfam im letzten Jahrzehnt verdoppelt hat? Das Vermögen der Milliardäre wuchs 2024 um zwei Billionen Dollar — dreimal schneller als im Vorjahr (Oxfam, 2025). Zwei Prozent Vermögensteuer auf ein Vermögen, das um sieben bis zehn Prozent jährlich wächst, ist keine Enteignung. Es ist ein Rundungsfehler. Doch 62 Prozent der Deutschen befürworten eine Vermögensteuer — und die Politik verteidigt unser Recht darauf nicht. Sie verteidigt das Recht derer, die sie nicht brauchen, sie nicht zu zahlen.

Und dann Heckman. Seine Forschung zeigt: Der höchste ROI liegt in den ersten Lebensjahren. Kostenlose, qualitativ hochwertige frühkindliche Bildung für alle — nicht als Betreuungsangebot, sondern als Bildungsprogramm — wäre die wirksamste Einzelmaßnahme gegen die Reproduktion von Ungleichheit.

Wie kann es sein, dass das drittreichste Land der Welt es nicht schafft, die bestausgebildetsten Kinder zu haben? Von denen es ohnehin nicht genug gibt? Stefan Schulz hat das in Die Kinderwüste (2022) dokumentiert: Deutschland versagt systematisch bei der Familienpolitik. Nicht aus Mangel an Wissen, sondern aus Mangel an Willen. Erzieherinnen verdienen im Schnitt zwischen 2.900 und 3.500 Euro brutto im Monat (TVöD SuE, 2025) — für einen Beruf, der nach Heckmans eigener Rechnung den höchsten gesellschaftlichen Return on Investment aller Berufe liefert. Würden wir ihnen mehr zahlen, würden wir das BIP erhöhen. Das ist keine linke Utopie. Das ist Ökonomie.

Und warum können wir nicht einfach das Kindergeld verdoppeln? 259 Euro im Monat — das ist der Betrag, den Deutschland pro Kind für angemessen hält. Rechnen wir es durch: 18 Millionen Kinder beziehen Kindergeld. Eine Verdopplung auf 518 Euro würde rund 56 Milliarden Euro im Jahr kosten. Das klingt nach viel. Aber es ist fast genau die Hälfte des Verteidigungshaushalts von 108 Milliarden Euro im Jahr 2026. Für Leopard-Panzer, Eurofighter und Boxer-Fahrzeuge ist Geld da. Für Kinder nicht. Das ist keine fiskalische Notwendigkeit. Das ist eine politische Entscheidung. Und sie sagt alles darüber, welche Kinder diesem Land etwas wert sind.

Was wäre, wenn ein bedingungsloses Grundeinkommen oder eine negative Einkommensteuer die Volatilität armer Familien reduzieren würde — jene Instabilität, die, wie Kidd gezeigt hat, die Grundlage für Misstrauen bildet? Stabilität ist eine Ressource. Und sie lässt sich finanzieren.

Kinderarmut ist ein Skandal. In Äthiopien, in Sri Lanka, vielleicht in Kenia — dort kann ich das verstehen. Aber bei uns? In einem Land, das Panzer exportiert und Autobahnen baut? Gerade wird in der Schule meiner Kinder ein Euro Bastelgeld eingetrieben. Ein Euro. Das Eintreiben kostet mehr als der Euro selbst. Briefe drucken, Umschläge beschriften, Eltern erinnern, Listen führen — ein bürokratischer Aufwand, der das Dreifache des Betrags verschlingt. Was soll das? Es wäre billiger, den Kindern einfach die besten Schulen zur Verfügung zu stellen, als die Armut zu verwalten.

Und warum können wir die Kinder in der Ganztagsschule nicht mit dem besten Essen versorgen, das es gibt? Während die Bauern in diesem Jahr ihre Kartoffeln wegwerfen mussten — zu viel geerntet, kein Absatz, also ab auf den Kompost. In einem Land, in dem Kinder in der Schulkantine Nudeln mit Ketchup essen, weil das Catering-Budget 3,50 Euro pro Mahlzeit beträgt. Das ist kein Ressourcenproblem. Das ist ein Verteilungsproblem. Und es ist ein Würdeproblem. Wir behandeln Kinder, als wären sie ein Kostenfaktor — statt als das, was sie sind: die einzige Zukunft, die wir haben.

Und dann die Transparenz. Solange wir als Gesellschaft glauben, dass Erfolg eine Frage des Charakters ist, werden wir strukturelle Reformen als unnötig abtun. Der erste Schritt ist die Korrektur des Narrativs — in den Schulen, in den Medien, in der Wissenschaftsförderung. Wir brauchen weniger Marshmallow-Tests und mehr Studien wie die von Chetty, die sichtbar machen, wie die Postleitzahl das Schicksal formt. Wir brauchen weniger Growth-Mindset-Interventionen und mehr Forschung über die Wirkung von Transferleistungen, Bildungsinfrastruktur und frühkindlicher Förderung.

Ich sage das als jemand, der seit 25 Jahren Unternehmen berät: Die meisten Einstellungsprozesse selektieren nach Habitus — nach der Art zu sprechen, sich zu präsentieren, zu argumentieren. Das ist kein bewusster Klassismus, aber es ist einer. Unternehmen, die ihre Rekrutierung anonymisieren, ihre Aufstiegspfade transparenter gestalten und bewusst Menschen ohne den „richtigen" Lebenslauf einstellen, tun mehr für soziale Mobilität als jedes Mindset-Seminar.

Aber Unternehmen müssen vor allem eines: investieren. In Menschen. Ja, natürlich wollen wir die besten Absolventen. Aber wir nehmen sie nicht. Gerade erleben wir in Deutschland eine Debatte, die so absurd ist, dass man sie erfinden müsste, wenn es sie nicht gäbe: Hochschulabsolventen finden keine Jobs. Die Arbeitslosenquote unter Akademikern ist 2024 um 19 Prozent gestiegen. In den Naturwissenschaften liegt sie bei 8,3 Prozent. Gleichzeitig fehlen Fachkräfte in 163 Berufen. Wie passt das zusammen?

Es passt, wenn man versteht, was Jiang erklärt: Wir verschließen den Aufstieg für die Besten der Besten. Wir haben ihnen fünfzehn bis zwanzig Jahre lang gesagt: Streng dich an. Lern dich tot. Bulimie-Lernen, Tests, Prüfungen, permanenter Stress. Bachelor, Master, Praktikum, Auslandssemester — und dann geben wir ihnen keine Jobs. Unternehmen fordern drei Jahre Berufserfahrung für Einstiegspositionen. Sie wollen fertige Arbeitskräfte, aber sie wollen nicht in sie investieren. Über 30 Prozent der deutschen Unternehmen planen Stellenabbau. 100.000 Industriearbeitsplätze wurden 2024 abgebaut. Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge liegt rund sieben Prozent unter dem Niveau von 2019.

Und gleichzeitig? Gleichzeitig erwirtschafteten die DAX-Unternehmen allein im ersten Quartal 2022 Rekordgewinne von 52,4 Milliarden Euro operativem Ergebnis (EY, 2022). SAP legt ein Aktienrückkaufprogramm über zehn Milliarden Euro auf. Die Deutsche Bank kauft für 750 Millionen Euro eigene Aktien zurück. Die Kornkammern werden gefüllt, die Aktien zurückgekauft — und die Generation, der man das Leistungsversprechen gegeben hat, steht vor verschlossenen Türen. DAX-Vorstandsvorsitzende verdienen im Median 6,1 Millionen Euro im Jahr (DSW/HBS, 2024) — das Vierzigfache eines durchschnittlichen Angestellten. Bei Adidas liegt das Verhältnis bei über 80 zu 1.

Das ist exakt der Mechanismus, den Markovits beschreibt: Die Oberschicht investiert in die Absicherung ihrer Position — und zieht die Leiter hoch. Deutsche Unternehmen haben 2023 ihre Investitionen in den USA auf 15,7 Milliarden Dollar fast verdoppelt (GTAI, 2024). In China flossen im ersten Halbjahr 2024 Rekordsummen von 7,3 Milliarden Euro. Aber in die eigenen Absolventen, in die eigenen Fachkräfte, in die eigene Infrastruktur? Dafür ist angeblich kein Geld da.

Und schließlich: die öffentliche Diskurshoheit zurückgewinnen. Solange Hormozi und Gary Vee das Narrativ des Aufstiegs dominieren — „Du musst nur härter wollen" — bleibt das Individualisierungs-Narrativ intakt. Die Gegengeschichte — dass Strukturen mehr erklären als Willen — braucht genauso charismatische Erzähler, genauso ansprechende Formate und genauso große Reichweite. Das ist nicht nur eine Aufgabe für die Wissenschaft. Es ist eine Aufgabe für jeden, der eine Plattform hat.

Ich nehme mich da nicht aus.

Keiner dieser Ansätze ist revolutionär. Keiner erfordert den Sturz eines Systems. Alle erfordern politischen Willen — und das bedeutet: Sie erfordern, dass diejenigen, die vom Status quo profitieren, bereit sind, Vorteile abzugeben. Die Geschichte zeigt, dass das selten freiwillig geschieht.

Und genau hier liegt die Tragik. Der Populismus — Trump, AfD, FPÖ — ist eine nachvollziehbare Reaktion auf eine reale Blockade. Menschen spüren, dass das Spiel gezinkt ist. Ihre Diagnose ist oft richtig. Aber die Therapie, die der Populismus anbietet, ist keine Therapie. Sie ist ein weiterer Zug im selben Spiel — gespielt von Gegeneliten, die an die Spitze wollen.

Die Frage, die bleibt, ist nicht politisch. Sie ist existenziell: Sind wir in der Lage, strukturelle Reformen durchzusetzen, bevor der Druck zur Revolution wird?

Ich weiß es nicht.

Aber ich weiß, dass die Antwort nicht in Marshmallow-Tests liegt. Und nicht in Instagram-Reels, die uns erklären, wir müssten nur härter grinden.

Selbstbefragung

Und ich weiß noch etwas: Ich bin ein Profiteur des Systems, das ich hier beschreibe. Ich habe die Codes gelernt. Ich habe die Lücken genutzt. Ich habe den Zufall, der mich hierher gebracht hat. Aber ich bin die Ausnahme. Nicht die Regel. Die Statistik sagt: Ein Kind wie ich, geboren in eine alleinerziehende Arbeiterfamilie in Wiesbaden, schafft es in sechs von hundert Fällen auf die Position, auf der ich heute bin. Ich bin kein Beweis dafür, dass das System funktioniert. Ich bin ein Beweis dafür, wie unwahrscheinlich es ist, ihm zu entkommen.

Und natürlich werde ich meine Kinder auf die beste Schule schicken, die ich mir leisten kann. Das ist kein Widerspruch. Das ist die Tragik. Ich kenne die Mechanismen — und nutze sie trotzdem. Weil ich weiß, was passiert, wenn man es nicht tut. Die Alternative ist nicht, meine Kinder dem System auszuliefern, das ich hier kritisiere. Die Alternative ist, gleichzeitig das Beste für die eigenen Kinder zu wollen — und dafür zu kämpfen, dass das System sich ändert. Dass die Schule im Arbeiterviertel genauso gut ist wie die im Villenviertel. Dass kein Kind in diesem Land eine andere Zukunft hat, weil seine Eltern die falsche Postleitzahl haben.

Dieser Essay ist deshalb auch eine Selbstbefragung.

Die Frage, ob wir als Gesellschaft den kontrollierten Game Reset schaffen, bevor jemand den unkontrollierten erzwingt, kann ich nicht beantworten. Aber die Frage, ob ich bereit bin, im Kleinen Vorteile abzugeben — in meiner Arbeit, in meiner Bereitschaft, Menschen eine Chance zu geben, die nicht den richtigen Code kennen — diese Frage kann ich beantworten. Und muss sie beantworten.

Jeden Tag.


Epilog: Aufklärung aus unverschuldeter struktureller Gewalt

Ich habe in diesem Essay bewusst keine Meinung geäußert. Ich habe beobachtet. Dokumentiert. Die Forschung zusammengetragen und kritisch hinterfragt — die der anderen, aber auch meine eigenen Überzeugungen. Ich habe mir die Mühe gemacht, jede Behauptung mit Forschung zu belegen, jede Quelle zu überprüfen, jede Zahl nachzurechnen. Nicht um recht zu haben. Sondern um redlich zu sein.

Ich habe das getan, weil ich glaube, dass Soziologie Aufklärung ist. Nicht Aufklärung aus selbstverschuldeter Unmündigkeit, wie Kant sie 1784 formulierte. Sondern Aufklärung aus unverschuldeter struktureller Gewalt. Das klingt akademisch. Aber es meint etwas Einfaches: Die Strukturen, die dieser Essay beschreibt — die falschen Erfolgsnarrative, die Architektur der unfreien Wahl, die Reproduktion von Klasse durch Erziehung, Bildung und Fiskalpolitik —, diese Strukturen lassen Menschen leiden. Nicht weil diese Menschen unmündig wären. Nicht weil ihnen Disziplin oder Mindset fehlten. Sondern weil die Strukturen so gebaut sind, dass sie Leiden erzeugen und gleichzeitig die Narrative liefern, die dieses Leiden als persönliches Versagen erklären.

Das Gefühl der Ohnmacht, das so viele Menschen in unserer Gesellschaft empfinden — dieses dumpfe Wissen, dass etwas nicht stimmt, dass das Spiel nicht fair ist, dass die Regeln für andere gemacht sind — ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist kein Zeichen von Unfähigkeit. Es ist die rationale Wahrnehmung einer Realität, die dieser Essay Punkt für Punkt nachgezeichnet hat.

Und ich erliege diesen Narrativen selbst. Immer wieder. Der Aufsteiger in mir will glauben, dass er es aus eigener Kraft geschafft hat. Der Berater in mir will glauben, dass Mindset und Disziplin den Unterschied machen. Der Vater in mir will glauben, dass seine Kinder es schaffen werden, wenn er nur alles richtig macht. Aber der Soziologe in mir weiß: Das stimmt nicht. Nicht so. Nicht ganz. Und genau diese Spannung — zwischen dem, was ich fühlen will, und dem, was die Daten zeigen — ist der Grund, warum ich diesen Essay geschrieben habe.

Dieser Essay ist lang. Bewusst lang. Weil die Zusammenhänge komplex sind und weil ich nichts vereinfachen wollte, was nicht vereinfacht werden darf. Von der Psychologie über die Soziologie zur Ökonomie, von Mischels Marshmallows zu Turchins Cliodynamik, von der Grundschullehrerin in Wiesbaden zur Fiskalpolitik der Bundesrepublik — die Punkte liegen weit auseinander. Aber wenn man sie verbindet, entsteht ein Bild, das unbequem ist. Und das man nicht ungesehen machen kann.

Wenn Sie bis hierher gelesen haben, dann lade ich Sie ein, in die Diskussion einzusteigen. Widersprechen Sie mir. Ergänzen Sie, was fehlt. Erzählen Sie Ihre eigene Geschichte — als Kommentar, als E-Mail, als Gespräch. Denn die Punkte, die ich hier verbunden habe, sind nicht alle Punkte. Es sind meine. Ihre könnten ein anderes Bild ergeben — oder dasselbe, nur aus einer anderen Perspektive. Und vielleicht liegt gerade darin die Chance: dass wir diese Diskussion gemeinsam führen. Offen, redlich, mit dem Mut, auch die unbequemen Fragen zu stellen.

Die Frage, die am Ende bleibt, ist nicht, ob das System ungerecht ist. Die Forschung hat das beantwortet. Die Frage ist: Was tun wir damit?

Jeden Tag.


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