Der Brief #6: Der Januar

28 Videos. Dann: Aufhören. Nicht weil ich scheitere – sondern weil der Körper nicht lügt. Was der Januar gelehrt hat.

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Liebe Leserinnen, Liebe Leser,

am 1. Januar saß ich vor der Kamera und dachte: 365 Videos. Jeden Tag. Ein Jahr lang.

28 Tage später gebe ich auf.

Nicht weil ich scheitere. Sondern weil mein Körper mir sagt, was ich eigentlich längst weiß.

Falls du nicht weiterlesen willst

Falls du nicht weiterlesen willst: Ein schönes Wochenende und eine schöne Ferienzeit. Ich melde mich wieder in zwei Wochen. Bis denn. Boris

Kennst du das?

Kennst du das? Du nimmst dir etwas vor, es funktioniert, du kommst in den Flow – und merkst nicht, wie sich die Schlinge zuzieht.

Die Idee war simpel: Jeden Tag ein Video. Seth Godin nennt das „The Practice" – sich hinsetzen und arbeiten, bis die Arbeit zur Identität wird. Ich wollte beweisen, dass es geht. Mir selbst beweisen.

Es hat funktioniert. 28 Videos. Die Aufnahmezeit sank von 90 Minuten auf 35. Der Körper lernte schneller als der Kopf glaubte.

Aber ein Video machen ist nicht genug. Du musst es auch schneiden. Hochladen. Die Beschreibung schreiben. Auf LinkedIn posten. Den Essay dazu schreiben. Diesen Newsletter hier vorbereiten.

Aus 35 Minuten wurden zwei Stunden. Jeden Tag. Neben der Beratungsarbeit. Neben dem Buch. Neben dem Leben.

Und dann kam das, was ich in meinen Workshops immer predige: Die Realität schlägt zurück.

Vor dreieinhalb Jahren fing es an

Vor dreieinhalb Jahren fing es an. Kopfschmerzen. Ich habe nie Kopfschmerzen. Selbst bei Verspannungen nicht.

Ich habe es ignoriert. Was soll man machen? Push through. Das hat doch immer funktioniert.

Die Kopfschmerzen verschwanden.

Dafür kam der Tinnitus.


Hannah Arendt unterscheidet in Vita activa zwischen Arbeiten, Herstellen und Handeln. Arbeiten ist das, was wir tun müssen, um am Leben zu bleiben – zyklisch, endlos, es hinterlässt nichts Bleibendes.

Manchmal frage ich mich, ob wir unser ganzes Leben im Modus des Arbeitens verbringen. Rennen, um zu überleben. Optimieren, um mitzuhalten. Funktionieren, um dazuzugehören.

Aber wann handeln wir wirklich? Wann setzen wir etwas Neues in die Welt – etwas, das vorher nicht da war?

Arendt sagt: Handeln ist immer ein Neuanfang. Und der Mensch ist das Wesen, das anfangen kann.

Vielleicht ist Aufhören auch ein Anfang.

Ich stand letzte Woche in der First Class Lounge der

Ich stand letzte Woche in der First Class Lounge der Deutschen Bahn. Um mich herum: Männer zwischen 55 und 65. Erfolgreich, keine Frage. Die Häuser abbezahlt, die Kinder in der Uni.

Richtig gesund sah niemand aus.

Die Strategien, die uns erfolgreich gemacht haben – Durchhalten, Optimieren, Skalieren – sie haben funktioniert. Für die Karriere. Für das Unternehmen. Für den Status.

Aber sie sind kein bisschen hilfreich, wenn wir auf uns selbst schauen.

Fünf Jahre habe ich versucht, meine Firma zu retten. 100 Leute. Verantwortung. Noch ein Auftrag. Noch mal rennen.

Am Ende, wenn ich ehrlich bin: Es hat keinen Spaß mehr gemacht.

Das Beste, was mir passieren konnte, war, dass die Realität mir sagte: Du musst jetzt aufhören. Cassini hat übernommen. Für alle war es die beste Entscheidung.

Und weißt du was? Der Tinnitus ist jetzt manchmal ganz leise. Manchmal für ein paar Stunden sogar ganz weg.

Der Körper lügt nicht.

Ich habe im Januar viel geschrieben

Ich habe im Januar viel geschrieben. Über Strategie – warum der Plan nie stimmt und Kursänderung keine Schwäche ist. Über Führung – warum das freundlichste Meeting oft das wirkungsloseste ist. Über KI – warum der teuerste Denkfehler nicht die falsche Plattform ist, sondern das falsche Weltbild.

Und jetzt, am Ende des Monats, lande ich bei dem Thema, das unter allem liegt: Auf den Körper hören.

Alle Strategie-Frameworks der Welt helfen nichts, wenn du nicht mehr kannst. (Eine phantastische Rezension zu meinem Strategie-Buch, wurde diesen Monat Dr. Oliver Mauck geschrieben.)

Also höre ich auf mit dem täglichen Video

Also höre ich auf mit dem täglichen Video.

Ich werde weiter Videos machen. Weiter Essays schreiben. Weiter denken und teilen.

Aber nicht jeden Tag. Nicht als Streak. Nicht als Performance.

Sondern wenn ich etwas zu sagen habe. Und wenn mein Körper sagt: Ja, das geht.

Das ist vielleicht die wichtigste Lektion des Januars: Selbstführung ist nicht die Fähigkeit, durchzuhalten.

Selbstführung ist die Fähigkeit, aufzuhören, bevor der Körper es für dich tut.

Der Januar war auch ein Monat der Abschlüsse

Der Januar war auch ein Monat der Abschlüsse.

Scrum für eine neue Ära ist beim Verlag. Die letzte Überarbeitung ist raus. Jetzt liegt es in anderen Händen. Ein seltsames Gefühl: Loslassen, nachdem man monatelang an jedem Satz gefeilt hat.

Und dann ist da das andere Buch. Das persönlichere. Im Übergang. Acht Kapitel sind fertig. Vier fehlen noch im ersten Teil.

Es ist das persönlichste, was ich je geschrieben habe. Kein Framework. Keine Best Practices. Sondern die Frage: Was passiert, wenn die alten Geschichten nicht mehr tragen? Wenn die Strategien, die uns hergebracht haben, uns nicht mehr weiterbringen?

Wenn ihr mögt, nehme ich euch mit auf diese Reise. Kapitel für Kapitel.

Noch eine Empfehlung zum Schluss

Noch eine Empfehlung zum Schluss: Hannah Arendt – Vita activa oder Vom tätigen Leben.

Das Buch zieht sich wie ein roter Faden durch meine Januar-Essays. Die Unterscheidung von Herstellen und Handeln. Die Idee der Natalität – dass wir immer wieder neu anfangen können. Die Frage, was es heißt, in einer Welt mit anderen zu handeln. (Und ja, das ist auch eine politische Anspielung auf Davos - denn wir müssen mit den Gehorsam aufhören. Siehe dazu mein Essay: Das Schild im Fenster.)

Ich muss etwas gestehen: Ich habe das Buch selbst noch nicht fertig gelesen.

Das Buch liegt auf meinem Nachttisch, begleitet mich in die Hotels. Ich lese es in Abschnitten, denke nach, lege es weg, komme zurück. Es ist kein Buch, das man durchliest. Es ist ein Buch, mit dem man lebt.

Vielleicht ist das die ehrlichste Empfehlung, die ich geben kann: Nicht „Lies das, ich habe es verstanden." Sondern: „Lies das, ich arbeite noch daran."

Wir wollen es uns entspannt gut gehen lassen. Mit Wohlstand. Mit beruflichem Erfolg.

Aber vielleicht geht das entspannter.

Das wäre doch das Ziel. Oder?


Wenn dich etwas bewegt hat – oder wenn du anderer Meinung bist – drück auf Antworten. Ich lese jede Nachricht. Und ich antworte.

Das hier ist keine Einbahnstraße. Das hier ist ein Gespräch.

Aber jetzt ein schönes Wochenende und vielleicht viel Spaß im Urlaub.

Bis in 2 Wochen

Boris

P.S.

P.S.: Der Essay „Dein Körper lügt nicht" ist seit gestern heute auf meiner Website – für alle, die das Thema nicht loslässt.

P.P.S.: Zwei Essays aus dem Januar, falls du sie verpasst hast:


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