Brief # 3: Ziehst du noch die Schuhe aus?
Als ich vor zwei Jahrzehnten in Wien bei Freunden die Schuhe ausziehen sollte, wusste ich sofort: Hier geht es nicht um Parkett. Ein Essay über Klasse, Status und die unsichtbaren Grenzen in Organisationen.
Guten Morgen ihr Lieben,
als ich vor gut zwei Jahrzehnten zum ersten Mal in Wien bei Freunden eingeladen war, stolperte ich über eine Kleinigkeit: Man zog die Schuhe aus.
Ich erklärte mir das damals praktisch. Parkettboden. In meiner inneren Buchhaltung war Parkett ein Code: Wohlstand. Den schont man. Schuhe aus. Fertig.
Aber da war noch etwas Zweites, Unangenehmes: Ich wusste, das passt nicht. Man zieht nicht die Schuhe aus. Aber vielleicht ist das in Wien, wegen der Parkettböden anders?
In der Sternstunde Philosophie spricht Hanno Sauer darüber, wie Alltagsgesten unsere Klassenzugehörigkeit verraten. Beim Hören wurde mir schlagartig klar, was für mich das Befremdliche damals war. Denn in diesem Moment des Schuhe Ausziehens, hat man sich schon entlarvt, als angehöriger der unteren sozialen Klasse.
Aus genau der Schicht hatte ich mich ja rausgearbeitet. Und jetzt sollte ich sie wieder „betreten"? 30 Jahre später erkenne ich mein damaliges Unbehagen.
„Fast alles, was wir tun, ist ein Statussignal", so Sauer. Nicht nur die offensichtlichen Dinge wie Autos oder Uhren – sondern auch Gesten, Sprache, Routinen, sogar Höflichkeit. An Aussprache, Körperhaltung oder scheinbar banalen Höflichkeitsgesten lasse sich ablesen, wo jemand in der sozialen Hierarchie rangiert.
Und er legt später in dem Interview nach: Wir sprechen (zurecht) viel über Rassismus und Sexismus – aber zu wenig über Klasse, obwohl Status und Klassencodes unseren Alltag stärker prägen, als wir wahrhaben wollen.
Mich hat das nicht belehrt. Es hat mich erinnert.
Ich war als Kind arm. Im Winter gab es ein Paar Schuhe. Die brachte der Nikolaus. Neue Kartoffeln kaufen war Luxus. Spargel war ein Ereignis. Urlaub in den 1970ern hieß für viele: Italien. Für uns: nicht. (Ich schreibe das nicht für Mitleid. Ich schreibe es, weil Herkunft nicht verschwindet, nur weil man später einen anderen Lebenslauf hat.)
Sauer hat das in seinem Buch Klasse. Die Entstehung von Oben und Unten systematisiert: Klasse ist nicht nur Einkommen. Es sind Codes – Werte, Geschmack, Lebensstil, Netzwerke, Selbstverständlichkeiten. Klassen durchdringen das gesamte Leben: unsere Gefühle, unsere Freundschaften, unseren Beruf.
Er baut dabei auf Bourdieu auf, der den Begriff Habitus geprägt hat. Diese „feinen Unterschiede" sind sozial gelernt – und haben sich in unsere Körper eingeschrieben. Wir können unsere Schicht nur bewusst verlassen, und unser Körper ist dabei oft zu langsam.
Ich bin ein Schichtenwechsler. Und ich sage das nicht als Heldengeschichte, sondern als nüchterne Beobachtung:
Der Lebenslauf wechselt schneller als der Körper.
Ich konnte Hessisch. Ich weigere mich bis heute, es zu sprechen. Hochdeutsch war mein selbst gebauter Fahrstuhl. Nicht aus Verachtung, sondern aus Instinkt: Manche Türen gehen nur auf, wenn man mit dem richtigen Schlüssel klingelt. Sauer würde sagen: „Sprache und Aussprache sind das wahrscheinlich wichtigste Statussymbol, das wir haben."
Meine Mutter brachte uns Fremdworte bei. Sie war Zimmermädchen. Ich vermute, sie hat diese Wörter im Hotel aufgeschnappt – und sie uns gegeben wie Werkzeuge: „Nimm das. Du wirst es brauchen.", sagte sie gewissermaßen.
Ich habe zwischen meinem 20. und 50. Lebensjahr diese Statusspiele natürlich alle mitgespielt. TH Darmstadt, die richtigen Schuhe, der Maßanzug, die richtige Uhr, der Porsche. Mit 47 dann noch eins draufgesetzt EMBA St. Gallen.
Heute denke ich: Das war weniger Eitelkeit als Selbstberuhigung. Ein Zeichen, das sagen sollte: Du darfst hier sein.
Heute trage ich übrigens eine G-Shock. Klassisch. GW-5000HS.
Nicht als „Gegen-Status". Das wäre wieder ein Trick. Sondern als Erinnerung: Ich will mich nicht mehr über Zeichen beruhigen, sondern über Praxis. Über das, was ich tue, wenn niemand hinschaut.
Und ja – ich merke, wie gut mir das tut. Und wie schwer es ist, das durchzuhalten, denn die Werbung, das Umfeld, die Kunden, sie alle schauen natürlich irritiert.
Warum schreibe ich euch das?
Weil ich glaube, dass Sauers Blick uns hilft, Organisationen genauer zu lesen – ohne Zynismus, ohne Anklage, eher wie ein gutes Diagnoseinstrument.
Denn wenn Statussignale so tief wirken, dann sind viele unserer „Zusammenarbeitsprobleme" nicht nur fachlich. Dann sind sie auch sozial. Dann sind sie oft Statusdynamiken im Kleinen: Codes, die Distanz erzeugen – und diese Distanz wird dann als Professionalität missverstanden.
Warum kann das Business nicht mit der IT sprechen?
Vielleicht, weil es wirklich um Inhalte geht – und Technisches nicht verstehen.
Vielleicht aber auch, weil Sprache, Kleidung, Meeting-Rituale und „wer darf was sagen" eine Grenze ziehen, die niemand offen ausspricht – aber alle spüren.
Wie oft habe ich von der Business-Seite gehört, man könne einen Entwickler nicht auf die User loslassen, wie oft von der IT, die verstehen nicht mal ihre eigenen Prozesse. Das sind einerseits Mikroaggressionen, andererseits Hinweise, dass hier Mitglieder einer sozialen Gruppe entsprechende Grenzen ziehen.
Ich lade euch ein, einmal hinzuschauen – ohne euch zu verurteilen:
- Wessen Unschärfe gilt als „strategische Offenheit" – und wessen Unschärfe als „Inkompetenz"?
- Wer kann eine naive Frage stellen, ohne Status zu verlieren?
- Welche Abteilung ist stolz auf „Härte", welche auf „Eleganz" – und was macht das mit Vertrauen?
Sauer ist in seinem Fazit eher nüchtern: Klassenunterschiede werden nicht einfach verschwinden. Entscheidend ist, wie wir mit Ungleichheit leben – und wie wir verhindern, dass sie demütigend und brutal wird.
Meine Antwort darauf ist nicht: „Dann ist es halt so."
Meine Antwort ist: Wenn wir Klasse nicht wegwünschen können, dann können wir Organisationen wenigstens so bauen, dass sie weniger demütigen.
Nicht indem wir alle gleich machen.
Sondern indem wir Codes sichtbar machen – und Menschen nicht beschämen, weil sie sie nicht gelernt haben.
Vielleicht ist das schon ein Anfang von Würde.
Wenn ihr mögt: Hört euch das Gespräch an. Es ist klug, klar – und es trifft einen dort, wo man ungern getroffen wird.
Freu mich auf den Dialog mit Euch zu diesem Thema.
Herzlich,
Boris
P.S.: Beim nächsten Besuch bei Freunden: Achtet auf euren ersten Reflex bei den Schuhen. Nicht um euch zu richten. Sondern um euch zu verstehen.
Quellen
- Sternstunde Philosophie (SRF): „Alles Klasse? – Wie Status unser Leben ordnet", Olivia Röllin im Gespräch mit Hanno Sauer, 25. Dezember 2025
- Video: https://www.srf.ch/play/tv/sternstunde-philosophie/video/alles-klasse---wie-status-unser-leben-ordnet?urn=urn:srf:video:f7bfa220-dabb-4557-8fd5-05ed5aa5d2be
- Audio/Podcast: https://www.srf.ch/audio/sternstunde-philosophie/alles-klasse-wie-status-unser-leben-ordnet?id=AUDI20251225_NR_0006
- Hanno Sauer: Klasse. Die Entstehung von Oben und Unten, Piper Verlag, München 2025, 368 Seiten, ISBN 978-3-492-07141-3
- https://www.piper.de/buecher/klasse-isbn-978-3-492-07141-3
- Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1982 (frz. Original 1979), 912 Seiten, ISBN 978-3-518-28258-8
- https://www.suhrkamp.de/buch/pierre-bourdieu-die-feinen-unterschiede-t-9783518282588
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