Die leere Stelle

Die SPD holte 1998 noch 40,9 Prozent. Heute 16,4. Die AfD wächst, ohne etwas zu tun. Was Benjamin als Konformismus diagnostizierte — die Meinung, sie schwimme mit dem Strom — ist wieder operativ. Wo die Stimme verstummt, wandert die Wut nicht weg. Sie findet einen anderen Adressaten.

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Die leere Stelle
Boris Gloger | Nano Banana
„Vergangenes historisch artikulieren heißt nicht, es erkennen »wie es denn eigentlich gewesen ist«. Es heißt, sich einer Erinnerung bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt
— Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, These VI (Benjamin, 1974)

Ich spaziere mit meinem Hund, und da mir das oft zu langweilig ist, setze ich die Kopfhörer auf und schaue, was YouTube an neuen Videos zu bieten hat. Der Algorithmus schlägt mir eine wunderbare Rede einer jungen, wütenden Sozialistin vor, Cécile Rimboud. Ich höre ihre Rede und denke: Sie spricht aus, was Mattei wissenschaftlich gezeigt hat (Mattei, 2022). Und gleich darauf höre ich den Vortrag von Rahel Jaeggi, einer sehr bekannten deutschen Sozialphilosophin, zu ihrem damals neuen Buch Fortschritt und Regression. Jaeggi. Die mit vierzehn ins besetzte Haus am Kottbusser Tor zog, die die Schule verweigerte, das Abitur mit dreiundzwanzig nachholte. Gelebte Beweisführung, dass Lebensformen machbar sind, nicht gegeben — lange bevor sie es zur These ihres Buchs Kritik von Lebensformen machte. Diese Jaeggi sitzt nun im Hörsaal und spricht eine Stunde, ohne dass irgendetwas auf dem Spiel steht. Sie sondiert. Sie kartiert. Sie deflationiert die messianische Dimension Benjamins, bevor sie überhaupt Kraft entfalten könnte. Ich höre zu und fremdschäme mich ein bisschen. Nicht, weil es unintelligent wäre — es ist präzise gearbeitet. Es ist diszipliniert ohne Grund. Die Kämpferin, die sie einmal war, und die Theoretikerin des Handelns, die sie sein könnte, spricht über Fortschritt, als wäre Fortschritt keine dringende Angelegenheit mehr. Sie ist im Establishment angekommen, das sie einst verlassen hat. Das macht das Zuhören mühsam — nicht weil sie zu viel zumutet, sondern weil sie sich selbst zu wenig zumutet.

„Wiederholt sich die Geschichte?" Diese Frage drängt sich auf, wenn man die derzeitige Lage der Politik in Deutschland und Österreich anschaut. Die Rechten erstarken, die Linken verlieren und haben wie schon zwischen 1930 und 1933 keine Antwort auf dieses Phänomen. Die Ursachen sind klar — „It's the economy, stupid", hat James Carville 1992 an die Wand des Clinton-Wahlkampfbüros in Little Rock geschrieben — und das wird in unzähligen Studien beschrieben. Doch die Linke hat keine andere Antwort als die des Klagens und des Jammerns. Sozialphilosophen schreiben sinnentleerte Bücher wie Verlust (Reckwitz, 2024) oder Fortschritt und Regression (Jaeggi, 2023) und ergeben sich dem Schicksal. Wolfgang M. Schmitt und Stefan Schulz haben es im Podcast Die neuen Zwanziger schärfer auf den Punkt gebracht: Reckwitz' Buch, das vom Verlust handelt, habe „selber etwas verloren — nämlich das Konzept. Oder es war nie da. Das Buch ist nicht ein Phänomen seiner Zeit und zeigt das Phänomen seiner Zeit, sondern es ist das Phänomen seiner Zeit." Wenn man schon nicht mehr über Fortschritt schreiben kann, bleibt man eben beim Beschreiben des Fortschrittsbegriffs und erklärt dann auch noch in langweilig-monotoner Weise das Ende der Geschichte.

Nein — das ist ungerecht. Oder vielleicht eben gerade nicht. Benjamin warnt:

„Die Einfühlung in den Sieger kommt den jeweils Herrschenden allemal zugut." — Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, These VII (Benjamin, 1974)

Und genau das passiert hier gerade. Merz und Trump, gigantisch schlechte Werte, niemand mag sie, und doch wehren wir uns nicht. Und die Angriffe von links und die kämpferischen Worte von Cécile sind, so wahr sie sein mögen, schlicht Öl ins Feuer der Massen.

Warum? Ich bin selbst der Beste darin gewesen, Appelle zu formulieren. Ich hatte eine Firma mit über die Jahre hunderten Mitarbeiter:innen. Ich habe es nie gezählt, aber ich habe appelliert, geschimpft, erklärt, was wir alles anders machen müssen — und ich hatte Recht, immer. Sorry, das ist ausnahmsweise mal keine Selbstüberhöhung, auch nicht selbstironisch gemeint — doch das Rechthaben war schlicht nutzlos. Appelle, wütende Angriffe funktionieren nicht, und die wissenschaftliche Diagnose reicht nicht. Harald Lesch hat sich wohl vor ein paar Tagen auf einer Münchner Demo über die schwachsinnige Klimapolitik aufgeregt (Lesch, 2026). Er ist vom Wissenschaftler zum Aktivisten geworden — mit Recht: Ein Physiker kann nur den Kopf schütteln, wenn er völligen Blödsinn hört. Ich werde nie meinen Professor für Theoretische Physik vergessen, der uns erzählte, dass er jede Woche Briefe bekam (damals schrieb man so etwas noch), in denen jemand erklärte, er habe wieder einmal das Perpetuum Mobile erfunden. Leute, die keine Ahnung vom Energieerhaltungssatz hatten, erklärten einem Professor für Theoretische Physik die Welt. Absurd.

Warum bin ich hier gelandet? Weil wir die Augen aufmachen und uns einbringen müssen. Beides. Lesch macht es.

Mein Deutschlehrer erklärte uns 16-Jährigen damals, man könne nur zeitweise gegen den Strom schwimmen. Mist — er hatte Recht. Doch das war die Resignation. Denn wir müssen weiter gegen den Strom schwimmen, sonst behält Benjamin Recht.

Doch dazu muss zuerst eine Alternative her. Keine Resignation, denn daraus erwächst der Konformismus. Konformismus, der für den Einzelnen sogar nützlich sein kann. Wer nur im Job gegen den Strom schwimmt, macht weder Karriere noch kann er sich jemals das eigene Haus leisten — nicht einmal der freie Unternehmer kann das.

Doch Handeln — Arendts Handeln — ist nicht Herstellen; darunter zähle ich die Karriere. Gemeint ist politisches Denken. Arendt soll später, nach ihrem Philosophiestudium bei Heidegger, gar nicht Philosophin gewesen sein, sondern eher eine „historisch arbeitende Politikwissenschaftlerin" (Straßenberger, 2025, S. 24). Und genauso ist auch ihre Vita Activa (Arendt, 1960) zu lesen. Mit der Natalität zeigt sie: Das Neue kommt immer wieder in die Realität, es ist da — und insofern ist es möglich, den Versuch zu wagen, doch gegen den Strom zu schwimmen. Denn der Unterschied zwischen Adorno und Habermas auf der einen, den Vertretern à la Jaeggi und Reckwitz auf der anderen Seite ist klar: Erstere wollten den Anspruch Kants — Kritik als Selbstaufklärung der Vernunft — noch erfüllen. Letztere haben ihn nicht verworfen. Sie haben ihn diszipliniert. Das methodisch-akademische Gehäuse ist intakt, der kritische Impuls ist kontrolliert eingehegt. Übrig bleibt die Rolle der Chronistin von Fortschrittsbegriffen. Die Diagnose überlässt man Jüngeren wie Cécile — oder gar niemandem. Doch gerade darin liegt das Problem.

Die Jungen haben keine Macht. Hatten sie nie. Nicht im Athen Platons oder Sokrates, nicht im Deutschland der 1920er Jahre. Rosa Luxemburg war sogar so unbequem, dass sie brutal misshandelt und erschossen wurde — übrigens ein Femizid, wie er auch heute noch den Frauen angedroht wird, die sich öffentlich äußern, wie wir zuletzt in Deutschland gesehen haben. Und bei Luxemburg noch krasser: Der Mord wurde durch Offiziere verübt — durch die damalige herrschende Schicht.

Und diese Machtlosigkeit der Jungen, die sogar aktuell immer noch durch öffentliche Drohungen verfestigt wird — sie ist es, die sie ins extreme Schimpfen abwandern lässt. Das passiert sogar Menschen wie Flassbeck, dessen Arbeiten ich sehr schätze. Doch mit seinen Wutreden kommt er nicht weiter; er wirft mittlerweile alle in einen Topf: Die Linken und die CDU, sie hätten alle keine Ahnung. Stimmt, danach sieht es aus.

Deshalb brauchen wir ein anderes Narrativ, wenn wir etwas bewegen wollen. Wir müssen aufhören, von Klassenkampf zu sprechen, wo wir von Fülle sprechen könnten.

Ich habe Clara Mattei bei Tilo Jung gefragt: Why don't we fight back? Why don't the unions strike? Why aren't we in the streets? Die Frage landete im Live-Chat, der Co-Moderator nahm sie auf und las sie Mattei verbatim vor (Gloger, 2026). Ihre Antwort ging dorthin, wo ich hin wollte: Die Menschen seien fundamental dazu gebracht worden zu glauben, dass sie nicht zählen. Das sei die schwerste Pathologie unserer Zeit. Wenn sie mobilisieren, sei die Macht sofort spürbar — Italien habe es im September mit seinem Generalstreik vorgemacht. Was fehle, seien counter institutions, die diese Energie halten, damit sie nicht wie Black Lives Matter verpufft (Mattei & Jung, 2026).

Das ist die Analyse. Genau das ist das Artikulationsvakuum in ihren Worten.

Drei Minuten früher aber, in Jungs Rapid-Fire-Runde, war eine andere Mattei zu hören. Auf Should millionaires exist? sagte sie nur: No. No millionaires. Auf Why? folgte: I don't know. Das ist der Fehler. Nicht ihre Analyse — diese Schlagwort-Variante, die aus dem Kontext gerissen zirkulieren wird. Mit dem Satz verliert sie jene Eigentumswohnungs-Mittelschicht, die sie als Koalitionspartnerin bräuchte. Ohne Begründung. Ohne Differenzierung zwischen Vermögen und der damit verbundenen politischen Macht. Wir müssen aufhören, den Leuten etwas wegnehmen zu wollen — der Rapid-Fire-Satz tut genau das, ob so gemeint oder nicht.

Wir müssen aber auch aufhören mitzumachen. Konformismus im Privaten — in Ordnung; lasst die Leute ihre Karrieren und ihre Häuser haben. Mattei hat auch nicht verstanden, dass sie als Professorin einer renommierten Elite-Universität mehr bewirken kann als eine, die an einer No-Name-Public-University arbeitet.

Wie es dazu gekommen ist

Die Sozialdemokratie hat ihre Kritikfunktion nicht über Nacht abgegeben, sondern ab den siebziger Jahren — langsam, systematisch, oft mit den besten Absichten. Wolfgang Streeck hat diesen Weg in Gekaufte Zeit (Streeck, 2013) rekonstruiert: vom Steuerstaat über den Schuldenstaat zum Konsolidierungsstaat, in dem Austerität als Sachzwang inszeniert wird. Streeck weiß, wovon er spricht. Er war selbst Berater im Kanzleramt unter Schröder. Ein Renegat als Kronzeuge — deshalb sitzt das Argument.

Agenda 2010 war die deutsche Pointe. Blair hatte davor New Labour, Clinton die New Democrats. Die Sozialdemokratie der neunziger Jahre hat den Umbau des demokratischen Kapitalismus zum marktkonformen Staat nicht verhindert, sie hat ihn exekutiert. Nicht gegen ihre Basis. Mit den Händen ihrer eigenen Parteiführungen.

Das ist Benjamin These XI in Echtzeit. Der Konformismus, der — wie Benjamin sagt — von Anfang an in der Sozialdemokratie heimisch gewesen ist, hat die Partei dazu gebracht, mit dem Strom zu schwimmen und den Strom dabei gleich als Fortschritt mitzuerzählen.

Und die Arbeiterklasse? Sie ist nicht rechts geworden, weil sie rechts wurde. Sie hat aufgehört, sich gemeint zu fühlen. Oliver Nachtwey beschreibt in der Abstiegsgesellschaft (Nachtwey, 2016), wie die Leerstelle entstand: Die Partei, die einmal für Aufstieg stand, wurde zur Partei der Absicherung für jene, die es schon nach oben geschafft hatten. Die anderen fühlten sich nicht mehr repräsentiert. Und die AfD hat diese Leerstelle besetzt — nicht weil sie Antworten hat, sondern weil sie die Stelle benennt.

Die Zahlen

Wir müssen diesen Zahlen etwas entgegensetzen. Die SPD holte 1998 unter Schröder 40,9 Prozent. 2025 lag sie bei 16,4 Prozent — weniger als die Hälfte von damals. Die AfD ist in derselben Zeit von null auf zweistellig geklettert, mit ihren stärksten Zugewinnen genau dort, wo die SPD einmal zu Hause war: bei Facharbeitern, bei Gewerkschaftsmitgliedern, im Osten. Das ist keine Wählerwanderung. Das ist eine Trauerkolonne.

Und dabei hat die AfD nichts zu bieten — wirklich nichts. Sie sitzt in der Ecke des Bundestags und wartet. Sie schaut sich die Fehler der anderen Parteien an und wächst. Von selbst, ohne eigenes Zutun.

So langsam verstehe ich, was wir als Schüler damals nicht begreifen konnten: Wie hatte die NSDAP das gemacht? Ganz einfach — sie musste gar nichts tun. Sie musste nur zuschauen, wie die anderen sich selbst demontierten, weil sie eine Verschlechterung der Lebensbedingungen zuließen, ausgelöst durch die Austeritätspolitik der zwanziger Jahre. Das ist keine Interpretation. Es ist ein empirischer Befund: Gregori Galofré-Vilà und Kollegen haben 2021 im Journal of Economic History über tausend deutsche Bezirke zwischen 1930 und 1933 ausgewertet. Je härter die Austerität unter Brüning, desto höher der NSDAP-Stimmenanteil — und die Transmission lief über messbare Sterblichkeit (Galofré-Vilà et al., 2021). Sorry, Adorno — deine Analyse war richtig, doch unnötig. Es war nicht in erster Linie Autoritätsgläubigkeit. Es war schlicht die Frage, ob sich die Familien das Leben leisten konnten.

Doch dem lässt sich nicht mit der Wut von Cécile begegnen. Es geht nur mit Dekonstruktion und mit dem Aufzeigen einer echten Alternative.

Kein Sozialfaschismus-Reflex

Wer jetzt einwirft: „SPD gleich CDU gleich AfD, alles Einheitsbrei" — der macht 2026 denselben Fehler, den die KPD 1932 gemacht hat. Thälmann rief damals die SPD zum „Sozialfaschismus" aus. Der Hauptfeind sei nicht Hitler, sondern die Reformisten. Das Ergebnis ist bekannt: Die Einheitsfront gegen die NSDAP wurde verhindert. Weimar ging unter, zwischen KPD und SPD, die nicht mehr miteinander redeten.

Benjamin, der die Sozialdemokratie in seinen Thesen scharf kritisierte, hat diesen Fehler gerade nicht gemacht. Er griff den Konformismus an — als strukturelles Problem. Er setzte die SPD nicht mit der Reaktion gleich. Das ist der Unterschied zwischen einer Diagnose und einer Pauschalverurteilung.

Dieser Essay ist eine Diagnose. Die SPD hat ihre Kritikfunktion eingebüßt. Sie ist deshalb aber nicht die CDU, und die CDU ist nicht die AfD. Wer alle in einen Topf wirft, füttert genau das Vakuum, das er beklagt.

Der Moment einer konkreten Alternative

Merz will die gesetzliche Rente zur bloßen „Basisabsicherung" machen — alles darüber hinaus soll man sich privat kaufen (ZDFheute Redaktion, 2026). Das wäre der Moment, nicht zu kritisieren, sondern den Menschen zu erklären, wie es anders geht.

Das ist nicht schwer. Wir machen es als Sozialdemokratie anders als Merz. Wir sichern euch ab. Ihr bekommt eine Rente, die am letzten Lohn liegt — so wie die Österreicher das jeden Monat vormachen. Das lässt sich rechnen. Das lässt sich finanzieren. Es ist eine politische Entscheidung, keine ökonomische Unmöglichkeit.

Wer heute alle in eine Schublade steckt, wer sagt, die SPD sei nicht besser als die CDU, oder wer sagt, die Gewerkschaften seien selbst Teil des Establishments — was sie zum Teil sind —, der holt sich die Rückendeckung nicht von denen, die betroffen sind.

Anschluss an Fülle

Wenn wir die Schäbigkeit, die der Reichtum der einen in unserer Gesellschaft produziert, weiter zulassen — weil wir dem neoliberalen Gefasel weiter glauben —, wird jede Alternative schwierig. Wir müssen raus aus der konstruierten Knappheit. Wir brauchen motivierende Begriffe. Wir brauchen einen neuen Keynesianismus — und ich meine damit keine wissenschaftliche Debatte, ob das jetzt Post-Keynesianismus sei oder MMT. Ich meine: einen Staat, der Politik für alle macht.

Das könnte die Sozialdemokratie sein, wenn sie Stellung bezieht. Wenn sie beginnt, Forderungen umzusetzen: Schulen renovieren. Rente erhöhen. Krankenhäuser verstaatlichen. Die Bahn wieder verstaatlichen. All das, was Staaten eben tun, wenn sie sehen, dass die Privatwirtschaft es nicht in den Griff bekommt.

Das ist der Anschluss an das, was ich in Die Schäbigkeit des Reichtums beschrieben habe: Knappheit ist konstruiert. Sie wird politisch hergestellt. Dann kann sie auch politisch aufgelöst werden — von einer Partei, die sich an diese Aufgabe erinnert.

Offener Schluss

Aber das ist eine Illusion? Ich weiß es nicht. Aber ich habe keine Lust mehr, mit dem Strom zu schwimmen. Deshalb schreibe ich Essays.

Mit jedem Artikel, den ich lese — ob Benjamin oder Mattei, Reckwitz oder Flassbeck — wird mir klarer: Es ginge ganz anders. Und niemand würde dabei verlieren. Wir brauchen keinen Klassenkampf im Sinne des Verteilungskampfes. Es wäre genug da.

Was fehlt, ist die Stimme, die das laut sagt. Die die Zahlen kennt. Die den Mechanismus benennt. Die nicht jammert und nicht pauschal anklagt. Die Stelle, an der diese Stimme stehen müsste, ist leer.

Benjamin schreibt in These VI: historisch artikulieren heißt, sich einer Erinnerung zu bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt (Benjamin, 1974). Die Gefahr ist da. Die Erinnerung auch.

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Literaturverzeichnis

Arendt, H. (1960). Vita activa oder Vom tätigen Leben. Kohlhammer.

Benjamin, W. (1974). Über den Begriff der Geschichte. Gesammelte Schriften, I.2, 691–704.

Galofré-Vilà, G., Meissner, C. M., McKee, M., & Stuckler, D. (2021). Austerity and the Rise of the Nazi Party. The Journal of Economic History, 81(1), 81–113. https://www.cambridge.org/core/journals/journal-of-economic-history/article/austerity-and-the-rise-of-the-nazi-party/7FB1BC0E727F47DC790A23D2A4B70961

Gloger, B. (2026). Live-Chat-Frage an Clara Mattei: ,,Why don't we fight back?``. YouTube-Live-Chat zu Jung & Naiv Folge 822. https://www.youtube.com/watch?v=TDFzziArmEs

Jaeggi, R. (2023). Fortschritt und Regression. Suhrkamp.

Lesch, H. (2026). Rede auf der Demonstration für erneuerbare Energien in München. Videoaufzeichnung auf YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=DbE3Y_pw2XE

Mattei, C. E. (2022). The Capital Order: How Economists Invented Austerity and Paved the Way to Fascism. University of Chicago Press.

Mattei, C., & Jung, T. (2026). Ökonomin Clara Mattei über die Geschichte von Austeritätspolitik. Jung & Naiv, Folge 822, Livestream YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=TDFzziArmEs

Nachtwey, O. (2016). Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne. Suhrkamp.

Reckwitz, A. (2024). Verlust: Ein Grundproblem der Moderne. Suhrkamp.

Straßenberger, G. (2025). Hannah Arendt – Denkerin der Freiheit. C.H. Beck.

Streeck, W. (2013). Gekaufte Zeit. Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus. Suhrkamp.

ZDFheute Redaktion (2026). Merz: Rente nur noch als Basisabsicherung – SPD widerspricht. https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/merz-rente-basisabsicherung-spd-kritik-100.html