Der Brief #8: Es gibt keine Knappheit

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Ich sitze seit Monaten an meinem neuen Buch. Es heißt Übergang. Es ist noch nicht spruchreif, aber ich will euch erzählen, woran ich gerade hängenbleibe.

Ich glaube nicht an Knappheit.

Ich glaube, dass wir uns Scarcity einreden lassen. Es gibt unendlich viel Energie. Unendlich viele Ideen. David Deutsch hat gezeigt: Es gibt keine Grenzen im Denken. Hannah Arendt hat gezeigt: Durch die Natalität, die Geburt des Neuen, gibt es auch keine Begrenzung im Handeln. Jeder Mensch, der auf die Welt kommt, bringt die Möglichkeit mit, etwas zu beginnen, das vorher nicht da war.

Das klingt philosophisch. Ist es auch. Aber ich es hat klare Implikationen. Sehr Konkretes.

Eines der Themen, das mir beim Schreiben immer wieder

Eines der Themen, das mir beim Schreiben immer wieder auffällt: Unsere Politik arbeitet mit dem Narrativ, dass wir sparen müssten. Dass wir uns mehr anstrengen müssten. Dass wir den Gürtel enger schnallen müssten. Markus Söder will eine Stunde mehr Arbeitszeit pro Woche. Merz will konsolidieren. Sparen, sparen, sparen. Wir sollen mehr Arbeiten, wettbewerbsfähiger werden.

Aber was, wenn es gar keine Knappheit gäbe?

Geld wird bekanntlich gedruckt. Die Bank of England hat das 2014 in einem Papier klargestellt, das überraschend wenig Aufmerksamkeit bekommen hat: Geld entsteht durch Kreditvergabe, nicht durch vorheriges Sparen. Warum also sollte es auf makroökonomischer Ebene Geldknappheit geben?

Meine Freunde sagen immer, ich sei verrückt. Es könne doch nicht sein, dass wir Krankenversicherungen, Schulen und Schwimmbäder finanzieren könnten. Alles gleichzeitig. Das sei naiv.

Nur: Das ging alles, als ich zehn war. Schwimmbad, Bücherei, Kieferorthopädie, Schulbücher, Sportverein – alles da, alles bezahlbar, alles selbstverständlich. Arbeiterklasse, Siebzigerjahre. Fünfzehn Jahre später war das nicht mehr möglich. Warum? Was ist passiert?

Stefan Schulz, der Autor von Die Kinderwüste – ein Buch,

Stefan Schulz, der Autor von Die Kinderwüste – ein Buch, das ich sehr empfehle –, hat mich auf eine Idee gebracht. Nicht direkt, sondern indirekt. Er hat gezeigt, dass man Stammtischfragen heute sofort lösen kann. Man muss nur Gemini, oder Chat GPT Fragen. Dank Gemini, dank Claude, dank der Werkzeuge, die wir jetzt haben, bekommen wir Antworten, die uns vorher verschlossen waren.

Ich habe seine Idee genommen und bin einen Schritt weitergegangen. Ich habe nachgerechnet.

Das geht nämlich jetzt - ganz einfach (Naja, ich habe ein paar Tage - am Modell gesessen). Claude baut einem das Modell. Basierend auf wissenschaftlichen Voraussetzungen – Blanchard und Leigh, die sektorale Saldenidentität, die Finanzierungsrechnung der Bundesbank. Es baut nicht nur das Modell, sondern auch die Berechnungssoftware. Fertig. Voilà. Man kann die Parameter verändern, die Annahmen prüfen, alles reproduzieren.

Und das Ergebnis ist ernüchternd.

Nicht, weil ich falsch liege. Sondern weil ich Recht hatte.

Es wäre möglich

Es wäre möglich. 544 Milliarden Euro pro Jahr. Ein Programm aus Infrastruktur, Bildung, Pflege, Wohnungsbau. Das BIP würde sich in zehn Jahren verdoppeln. Vollbeschäftigung. Die Schuldenquote würde sinken – nicht steigen. Die Renten könnten auf 60 Prozent angehoben, das Kindergeld verdoppelt werden.

Jede Annahme ist offengelegt. Jede Formel reproduzierbar. Das Python-Skript ist frei verfügbar.

Ich habe das alles aufgeschrieben. Es ist ein langer Text geworden. Mit Tabellen, mit Anhang, mit Methodik. Es ist der analytischste Text, den ich in den letzten Wochen geschrieben habe. Und vielleicht der wichtigste - denn er deckt auf.

Die Knappheit, die man uns erzählt, ist eine Entscheidung. Keine Notwendigkeit.

Den ganzen Essay lesen: Es gibt keine Knappheit

Herzlich, Boris


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