Der Brief #2 - Vom Üben und vom Spüren
Na – Vorsätze schon über Bord? Vielleicht ist nicht Disziplin das Problem, sondern der Anspruch. Eine Einladung: üben, spüren, bei dir sein.
Na – auch die ersten Neujahrsvorsätze schon am dritten Tag über Bord geworfen?
Vielleicht wirfst du sie über Bord, weil sie – bei genauerem Hinsehen – gar nicht wirklich deine sind.
Du meinst natürlich: Doch, doch. Das wollte ich so. Aber oft ist dieses „Wollen“ schon vorformatiert. Peter Sloterdijk hat das in seinem berühmten Imperativ gebündelt: „Du musst dein Leben ändern.“ Der Satz stammt von Rilke, Sloterdijk macht daraus eine Diagnose unserer Gegenwart: Wir leben auf einem „Planeten der Übenden“ – und die Übung ist längst nicht mehr nur Praxis, sondern auch Pflicht.
Das spüren wir als FOMO. Als leises Drücken im Hintergrund: Wenn ich nicht mitmache, verpasse ich etwas. Wenn ich nicht optimiere, falle ich zurück.
Und dann passiert etwas Seltsames: Wir verkaufen uns die Zumutung als Tugend. Wie Gladiatoren, denen man den Tod als Ehre anbot – damit sie nicht merken mussten, dass sie benutzt werden. Der Vergleich ist hart, ja. Aber er trifft den Mechanismus: Wenn der äußere Anspruch in uns als „mein Ziel“ spricht, wird Gehorsam plötzlich zur Selbstbeschreibung.
Nur: Sloterdijk ist nicht dein Motivationscoach. Wer ihn so liest, verfehlt die Pointe. Sein Satz ist nicht der Applaus für Selbstoptimierung – er ist ein Spiegel: Unsere Epoche macht aus uns Wesen im Dauertraining. Üben, nachjustieren, steigern – als wäre Stillstand bereits ein moralischer Fehler.
Und trotzdem: Was wäre eigentlich verkehrt daran, besser werden zu wollen? Warum nicht stärker werden, klüger, beweglicher – am Klavier, im Vortrag, in Mathe, im Job?
Hier liegt das Paradox: Üben ist nicht das Problem. Der Anspruch ist es.
Üben kann Pflege des eigenen Selbst, oder Zwang von Außen sein. Seth Godin bietet dafür eine hübsch nüchterne Ausfahrt. In The Practice verschiebt er den Fokus weg vom großen Ziel, hin zur täglichen Praxis: ein Satz, ein Schritt, eine Wiederholung. Nicht das Ergebnis ist die Rettung, sondern das Tun.
Das ist klug. Und gleichzeitig gefährlich.
Denn wir sind Weltmeister darin, selbst Befreiung wieder in Bewertung zu verwandeln. Aus Praxis wird dann erneut ein System, das uns misst: mehr Schritte, bessere Werte, sauberere Routinen. Und plötzlich sind wir wieder Objekt. Wir schrauben an uns herum – als wären wir Geräte mit Update-Pflicht.
Und dabei verlieren wir etwas Entscheidendes: uns.
Nicht das Ich, das leistet. Sondern das Ich, das spürt.
Für mein neues Buch habe ich diese Woche ein Kapitel geschrieben, das mich dreißig Jahre zurückgeworfen hat. Ich lernte meinen Emotionen Namen zu geben, sie zu benennen, die Tränen hinter meinen Augen als Signal anzuerkennen - mir selbst zuzuhören. Damals lernte ich: Ich bin noch da. Ich muss nur mich selbst erkennen. (Sokrates lässt grüssen: Erkenne dich selbst.) Dieses Ich muss nicht „besser“ werden - aber ich darf neue Fähigkeiten erwerben.
Vielleicht ist das der eigentliche Dreh:
Wieder Subjekt werden. Nicht noch ein Ziel. Nicht noch ein System. Sondern zurück zu der Frage: Was brauche ich – jetzt – wirklich?
Und gleich dahinter: Welche Fähigkeiten will ich erwerben, um mich klarer auszudrücken – nicht als Optimierungsprojekt, sondern als Ausdruck von Lebendigkeit?
Wie so oft ist es ein Paradox: Nichts wollen – im Wollen. Die Verheißung liegt nicht in der Zukunft. Sie liegt in der Gegenwart, wenn wir wieder anfangen zu spüren.
Ich schreibe dir diesen Brief, weil ich genau dort lande: im Tun. Nicht weil dann alles leichter wird – sondern weil ich mich dabei wieder erinnere: Ich bin da.
Und du? Wo findest du heute einen kleinen Moment, in dem du dich wirklich spürst – und was darf dafür einfach einmal kleiner werden?
Quellen / Hinweise
- Peter Sloterdijk: Du mußt dein Leben ändern. Über Anthropotechnik (Suhrkamp). (suhrkamp.de)
- R. M. Rilke: „Archaïscher Torso Apollos“ (Schlusszeile: „Du mußt dein Leben ändern.“). (mein-lernen.at)
- Seth Godin: The Practice: Shipping Creative Work (Portfolio/Penguin Random House). (penguinrandomhouse.com)
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