Der Brief #1: Werkstatt statt Bühne
Ein erster Werkstattbrief über .boris: warum Gedanken vor Produkten kommen — und wie ich beim Bauen in die Perfektionsfalle geriet.
Schön, dass du dich zu diesem Brief angemeldet hast.
Das hier ist mein erster Versuch, Newsletter anders zu schreiben. Ich will keinen Newsletter im herkömmlichen Sinn. Kein Hook, keine künstliche Dramaturgie, kein Call-to-Action am Ende.
Ich will eine Korrespondenz — mit dir und den anderen, die hier mitlesen.
Und deshalb nutze ich diesen ersten Brief, um etwas sehr Konkretes zu erzählen: wie diese neue Website entstanden ist. Und warum sie so ist, wie sie ist.
Ich wollte schon lange einen Ort, an dem Gedanken wichtiger sind als Produkte. Einen Ort, an dem man nicht zuerst erfährt, was man „kaufen“ kann, sondern was jemand denkt — über Führung, über Arbeit, über Technologie.
Jedes Mal, wenn ich das aussprach, kam dieselbe Reaktion: Marketingagenturen, Social-Media-Expert:innen, Texter — alle erklärten mir, das sei eine schlechte Idee.
Eine Website müsse heute sofort sagen, was sie will. Sofort erklären, was du bekommst. Welchen Nutzen du hast. Und bitte: so schnell, dass niemand wegwischt.
TikTok, Instagram, Facebook, LinkedIn — sie belohnen Inhalte, die in Sekunden „kicken“. Das Muster ist immer gleich: Aufmerksamkeit greifen, Nutzen behaupten, nächste Handlung fordern. Das Ergebnis kennen wir: austauschbare Websites. Und diese merkwürdig toten Werbebeiträge auf LinkedIn, bei denen man nach dem dritten Satz schon weiß, wie der vierte klingt.
Ich will mit .boris etwas anderes.
Ich will Nachdenken anregen: über Führung, über KI, über Strategie. Nicht, weil ich „Philosophie“ spielen will — sondern weil ich glaube, dass unsere Narrative falsch geworden sind.
Sie müssen falsch sein. Denn wenn die Erzählungen stimmen würden, müssten die Ergebnisse besser sein.
Stattdessen sehe ich: brüchige Infrastruktur, Schulen, die seit Jahrzehnten hinterherlaufen, Organisationen, die im Inneren beschäftigt sind, ohne nach außen besser zu werden. Und darüber liegt eine Art Dauererregung: Alles wird politisch aufgeladen — und trotzdem bewegt sich erstaunlich wenig. Für dieses Phänomen gibt es inzwischen sogar ein Wort: Hyperpolitik. Und ja: Es gibt auch einen Podcast, der das regelmäßig seziert.[1]
Was hat das mit meiner Website zu tun?
Mehr, als mir lieb ist.
Denn beim Bauen dieser Seite bin ich in dieselbe Falle getappt: reden, optimieren, aufgeregt justieren — statt ruhig zu arbeiten. Zuerst war es herrlich pragmatisch. Ich habe gefragt, welcher Baukasten heute für eine schreibende Seite taugt. „Ghost“, sagten die Tools erstaunlich einhellig. Also wurde es Ghost. Dann half mir Claude beim Grundgerüst, ChatGPT bei Details — und weil ich dieses System seit Monaten mit meinen Gedanken füttere, ist daraus tatsächlich so etwas wie Teamarbeit geworden.
Und dann, in den letzten vier Tagen, ist genau das passiert, was ich eigentlich vermeiden wollte: der Boris-Perfektionismus ist ausgebrochen.
Die Folge: mein Tinnitus wurde stärker. Das ist mein zuverlässiger Sensor. Der zeigt mir, wann ich nicht mehr baue, sondern mich selbst antreibe. Gestern habe ich mich dabei selbst ertappt — und mir innerlich „Nein“ gesagt.
Es wird weiter entstehen. Schritt für Schritt. Und du bekommst nicht nur die fertigen Texte, sondern auch die Werkstattspuren. Ich mute dir damit etwas zu: mich. Unfertig, unterwegs, manchmal zu ehrgeizig. Diese Website ist nicht perfekt — und ich auch nicht.
Gerade deshalb lese ich mich im Moment in Hannah Arendt ein. Angestoßen durch Grit Straßenbergers Biografie Die Denkerin. Hannah Arendt und ihr Jahrhundert und ein Gespräch dazu.[2]
Arendt geht es ums Handeln: darum, etwas Neues in die Welt zu bringen. Und sie besteht darauf, dass Handeln und Sprechen zusammengehören — weil sich im Tun und im Wort zeigt, wer jemand ist.[3]
Genau darum soll .boris ein Ort werden: nicht „Content“, der funktioniert, sondern Praxis, die sichtbar wird. Denken — und machen.
Wenn du antworten willst: antworte.
Nicht liken. Nicht teilen. Schreiben.
Boris
- Anton Jäger, Hyperpolitik. Extreme Politisierung ohne politische Folgen, edition suhrkamp (Suhrkamp, 2023). Zum gleichnamigen Podcast: „Hyperpolitik“ (Podcast-Format, u. a. Podigee/Spotify), Moderation: Ines Schwerdtner.
Suhrkamp: https://www.suhrkamp.de/buch/anton-jaeger-hyperpolitik-t-9783518127971
Podcast: https://hyperpolitik.podigee.io/ — Spotify: https://open.spotify.com/show/6xby2aWKAozXYBtRmFOR6I ↩︎ - Grit Straßenberger, Die Denkerin. Hannah Arendt und ihr Jahrhundert (C.H. Beck, angekündigt/gelistet 2025/2026). Gespräch/Sendung: „Sternstunde Philosophie“ mit Grit Straßenberger (3sat/SRF-Kontext).
Buch (Amazon-Listing): https://www.amazon.de/Die-Denkerin-Hannah-Arendt-Jahrhundert/dp/3406830064
Sendung: https://www.3sat.de/gesellschaft/sternstunde-philosophie/sternstunde-philosophie-244.html ↩︎ - Zur Verbindung von Sprechen und Handeln bei Hannah Arendt (Sekundärliteratur): Csaba Olay, „Öffentlichkeit und Narrativität bei Hannah Arendt“ (2014), Abschnitt zu Sprechen und Handeln.
PDF: https://real.mtak.hu/17034/1/arendt_offentlich.pdf ↩︎
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