Fülle entsteht im Tun
Es begann mit einem Satz meiner Frau. Wie mein Dissertationsthema entstand. Fülle entsteht im Tun.
Es begann mit einem Satz meiner Frau.
Ich hatte seit Monaten Blogartikel geschrieben — über Knappheit, über Austerität, über die Frage, warum wir kollektiv glauben, dass nie genug da ist. Für die Recherche brauchte ich wissenschaftliche Paper, und ich überlegte, ob meine Alumni-Mitgliedschaft in St. Gallen mir Zugang zu den Datenbanken verschaffen könnte. Da sagte meine Frau: Schreib dich doch in Wien ein.
Ich lachte. Sagte, halb im Scherz: Naja — als Doktorand hätte ich Zugang zu den Bibliotheken.
Sie insistierte. Das ist eine gute Idee.
Und ich war hooked. Nicht überzeugt — hooked. Ein Unterschied. Überzeugt wäre: Ich habe einen Plan, ich weiß, wohin das führt, ich setze um. Hooked war: Da ist eine Spur, und etwas in mir sagt, folg ihr. Obwohl ich nicht weiß, ob ich mir das antun will. Obwohl ich keinen Betreuer habe. Obwohl ich noch im Zweifel bin.
Aber ich habe angefangen. Nicht angefangen im Sinne von: Ich habe mich eingeschrieben und einen Zeitplan gemacht. Angefangen im Sinne von: Ich bin der Spur gefolgt. Die ersten Kapitel meines Buches Übergang hatten Fragen aufgeworfen, die im Essayistischen vage blieben. Eine Dissertation, dachte ich, könnte mich auf soliden Grund bringen. Nicht im Wagen bleiben, sondern tiefer legen.
Also habe ich gelesen. Arendt, die ich nicht kannte. Bloch, den ich nur dem Namen nach kannte. Frankl, den jeder kennt, aber niemand als Philosophen liest. Ich hatte kein Exposé, keinen Betreuer, keine Forschungsfrage. Ich hatte eine Ahnung — dass Knappheit nicht stimmt. Nicht als empirische Behauptung, nicht als naiver Optimismus, sondern als philosophische Intuition: Dass das, was die westliche Tradition seit Hobbes als Grundzustand der Welt beschreibt — den Mangel, den Kampf, die Endlichkeit als letztes Wort — nicht die ganze Geschichte ist.
Und irgendwann, an einem Freitagmorgen im März 2026, Hans Zimmer im Kopfhörer, passierte etwas, das ich nicht geplant hatte: Die These formulierte sich.
Nicht ich formulierte sie. Sie entstand. Im Tun.
Hannah Arendt unterscheidet in der Vita activa zwischen Herstellen und Handeln. Herstellen hat ein Ziel. Der Tischler weiß, was der Tisch werden soll. Er braucht Material, Werkzeug, Zeit — und alles davon ist begrenzt. Im Herstellen ist Knappheit real. Es gibt nicht genug Holz, nicht genug Stunden, nicht genug Geld. Das ist keine Ideologie. Das ist die Struktur der Sache.
Handeln ist etwas anderes. Handeln hat kein vorgegebenes Ziel. Es setzt etwas Neues in die Welt, dessen Ausgang offen ist. Arendt nennt das Natalität — die Fähigkeit, einen Anfang zu machen. Nicht einen Plan auszuführen. Einen Anfang.
Und hier liegt der Unterschied, der alles verändert: Im Herstellen gibt es Knappheit, weil es einen Maßstab gibt, an dem der Mangel gemessen wird. Im Handeln gibt es keinen solchen Maßstab — weil das Ergebnis nicht vorher feststeht. Was stattdessen da ist: Offenheit. Die Möglichkeit, dass etwas entsteht, das vorher nicht existierte. Nicht als vage Hoffnung. Als Struktur.
Das ist Fülle. Nicht Überfluss. Nicht Optimismus. Nicht die Behauptung, dass es genug für alle gibt. Sondern: Im Handeln ist immer mehr möglich, als die Analyse des Gegebenen erkennen lässt.
Viktor Frankl hat das im schlimmsten denkbaren Kontext gezeigt. Im Konzentrationslager, wo die Knappheit absolut war — kein Essen, keine Sicherheit, kein Morgen —, hat er nicht hergestellt. Er hat nicht geplant zu überleben. Er hat gehandelt: Sinn gefunden, im Moment, ohne Garantie. Nicht weil das Universum freundlich war. Sondern weil er etwas tat, das über die Situation hinausging.
Das ist keine Heldengeschichte. Das ist eine Strukturaussage. Frankl zeigt: Selbst dort, wo alle Ressourcen entzogen sind, bleibt die Fähigkeit zum Sprung. Nicht die Garantie, dass der Sprung gelingt. Die Fähigkeit.
Ernst Bloch nennt das Noch-Nicht. Die objektiv-reale Möglichkeit, die im Bestehenden angelegt ist, aber über es hinausgeht. Bloch nennt die Haltung dazu Hoffnung. Ich glaube, es ist mehr als Hoffnung. Hoffnung enthält ein Vielleicht. Was ich meine, ist etwas anderes: ein Vertrauen, dass die Wirklichkeit auf Handeln antwortet. Nicht freundlich. Nicht so, wie ich es erwarte. Aber sie antwortet. Immer.
Ein Physiker würde sagen: Actio gleich Reactio. Ein Pfarrer hat es mir mit sechzehn anders gesagt, als ich ihn fragte, wofür er Gott brauche: "Er ist die Bedingung von Freiheit." Ich konnte das nehmen. Nicht den Gott. Die Struktur: Dass es einen Grund gibt, sich zu bewegen. Nicht weil man weiß, wohin. Sondern weil die Bewegung selbst etwas erzeugt.
Die westliche Philosophie hat diese Struktur unsichtbar gemacht. Nicht aus Bosheit, sondern aus Verengung. Hobbes hat den Menschen als angstgetriebenes Wesen beschrieben — und seine Angst war die des Bürgerkriegs. Malthus hat Knappheit zum Naturgesetz erklärt — und sein Gesetz war die Projektion eines anglikanischen Pfarrers auf die Welt. Sartre hat Knappheit zur existenzialen Kategorie erhoben — und seine rareté war die eines Mannes, der den Verlust zum Ausgangspunkt seines Denkens gemacht hatte.
Sie alle haben das Herstellen für die einzige Form menschlicher Tätigkeit gehalten. Und weil Herstellen strukturell knapp ist, haben sie Knappheit universalisiert. Der Fehler ist nicht, dass sie Knappheit beschrieben haben. Knappheit im Herstellen ist real. Der Fehler ist, dass sie vergessen haben, dass es noch etwas anderes gibt.
Handeln. Den Anfang. Den Sprung.
Vielleicht schreibe ich eine Dissertation darüber. Noch habe ich keinen Betreuer. Noch bin ich nicht einmal eingeschrieben. Noch bin ich im Zweifel, ob ich mir drei Jahre systematische Belegarbeit antun will — ich, der Muster-Denker, der im Gespräch brillant ist und im Schriftlichen aufpassen muss.
Aber ich habe angefangen. Weil meine Frau einen Satz gesagt hat. Weil ich der Spur gefolgt bin. Weil die Kapitel meines Buches Fragen aufwarfen, die nach Tiefe verlangten. Weil ich nicht wusste, wohin das führt — und trotzdem ging.
Das ist kein Herstellungsprojekt. Noch nicht. Es ist eine Bewegung. Ein Anfang ohne garantiertes Ende. Genau das, wovon Arendt spricht.
Das beweist nichts. Aber es zeigt etwas: Dass Fülle kein Konzept ist, das man beschreibt. Es ist etwas, das man tut.
Boris Gloger, März 2026. Dieses Fragment ist ein Arbeitsstand, kein fertiger Text. Es dokumentiert den Moment, in dem die These entstand — und ist selbst ein Beispiel für das, was es beschreibt.