Brief #9: Wir essen Erdgas
Der Iran Krieg bedroht viel mehr als nur unseren Benzinpreis. Er bedroht unsere Ernten.
Es ist schon viele Jahre her. Ich war in Stockholm. Der Flug fiel aus, und die Lufthansa quartierte uns abends in einem wunderschönen Hotel ein. Im Restaurant saß ich einem Herrn gegenüber. Wir beide waren gestrandet und unterhielten uns.
Er war Vertreter für landwirtschaftliche Maschinen. Ich weiß nicht mehr, ob es John Deere war oder New Holland. Irgendwann erzählte er mir, dass bei uns in Europa nur noch knapp vier Prozent der Beschäftigten direkt auf dem Feld arbeiten. In den USA sogar unter zwei Prozent. Dass aber trotzdem das gesamte Ernährungssystem — die Maschinen, die Logistik, die Verarbeitung, die Verteilung — rund zehn Prozent der Wirtschaftsleistung ausmache.
Ich hatte nie darüber nachgedacht. Wer wartet die Maschinen? Wer baut die Traktoren? Wer fährt die LKWs, betreibt die Lagerhäuser, die Kühlketten? Landwirtschaft ist nicht der Bauer auf dem Feld. Landwirtschaft ist ein Industriesystem.
Dann sagte er etwas, das mich seitdem nicht mehr losgelassen hat.
Ob mir klar sei, dass die Düngemittelproduktion vom Erdgas abhänge. Dass wir in Wahrheit alle am Ende des Tages Erdgas essen würden.
Ich erinnerte mich dunkel an den Chemieunterricht. Irgendwelche Prozesse, mit denen man Stickstoff aus der Luft gewinnen konnte. Ich hatte eine vage Ahnung, dass die Farbwerke Hoechst da etwas entwickelt hatten — in Wahrheit war es die BASF, wie ich später lernte. Aber ich hatte längst vergessen, wie das funktioniert.
Der Mann aus Stockholm erklärte es mir an diesem Abend.
Am 2. Juli 1909 steht Fritz Haber in seinem Labor in Karlsruhe und führt gemeinsam mit seinem Assistenten Robert Le Rossignol etwas vor, das die Welt verändern wird: Er verbindet Stickstoff aus der Luft mit Wasserstoff. Ammoniak entsteht. Carl Bosch, ein Ingenieur bei der BASF, macht daraus in den folgenden vier Jahren ein industrielles Verfahren. Das Haber-Bosch-Verfahren. Es ist bis heute die Grundlage der gesamten Düngemittelproduktion weltweit.
Was dabei kaum jemand begreift: Das Erdgas ist nicht bloß die Energiequelle, die den Prozess antreibt. Methan ist der chemische Rohstoff selbst. Aus ihm wird der Wasserstoff gewonnen, der mit dem Stickstoff reagiert. Siebzig Prozent des gesamten Wasserstoffs für die Ammoniakproduktion stammen aus der Dampfreformierung von Erdgas. 170 Millionen Tonnen Ammoniak werden jedes Jahr produziert. Siebzig bis achtzig Prozent davon fließen in die Düngemittelherstellung.

Ohne Erdgas kein Ammoniak. Ohne Ammoniak kein Stickstoffdünger. Ohne Stickstoffdünger keine moderne Landwirtschaft.
Vaclav Smil, der tschechisch-kanadische Energieforscher, hat das in eine Zahl gefasst, die man sich merken sollte: Fast zwei Drittel der Weltbevölkerung verdanken ihre Existenz dem Haber-Bosch-Verfahren. Ohne synthetischen Stickstoffdünger könnten die Böden dieser Erde drei bis vier Milliarden Menschen ernähren. Wir sind acht Milliarden. Smil hält die Synthese von Ammoniak für bedeutsamer als die Erfindung des Flugzeugs, der Kernenergie oder der Raumfahrt.
Wir essen Erdgas. Buchstäblich.
Der Mann in Stockholm erwähnte beiläufig, dass die größten
Der Mann in Stockholm erwähnte beiläufig, dass die größten Düngemittelproduzenten in den Golfstaaten sitzen. Ich erinnere mich nicht mehr — ob er Iran sagte oder Irak oder einfach die Golfstaaten. Es war eine Randbemerkung an einem Abend, an dem ich eigentlich nur nach Hause fliegen wollte.
Jetzt, im März 2026, ist diese Randbemerkung keine Randbemerkung mehr.
Adam Tooze, der Wirtschaftshistoriker an der Columbia University, hat es diese Woche in seinem Podcast „Surplus" ausgesprochen. Die Schließung der Straße von Hormuz durch den Iran-Krieg betrifft nicht nur den Ölpreis. Nicht nur die Gasversorgung. Es betrifft die Düngemittelproduktion. Zwischen fünfundzwanzig und dreiunddreißig Prozent des globalen Düngemittelhandels passieren die Straße von Hormuz. Monatlich drei bis vier Millionen Tonnen, darunter bis zu 1,5 Millionen Tonnen Harnstoff.
Katar betreibt die größte LNG-Anlage der Welt in Ras Laffan — 77 Millionen Tonnen Jahreskapazität, ein Fünftel der globalen LNG-Exporte. Die Produktion steht still. Saudi-Arabien, Oman, die Emirate, Iran — allesamt große Düngemittelexporteure. Zusammen liefern sie rund ein Viertel der weltweiten Stickstoffdünger-Exporte. Das meiste davon steht still oder ist massiv eingeschränkt.
Die Düngemittelpreise sind in einer Woche um zehn bis zwanzig Prozent gestiegen. Das klingt nach einer Statistik. Es ist keine Statistik.

Tooze macht einen Punkt, den ich für den wichtigsten halte
Tooze macht einen Punkt, den ich für den wichtigsten halte und der in der Kriegsberichterstattung fast nie vorkommt: Es ist März.
März ist der Monat, in dem auf der nördlichen Hemisphäre die Felder gedüngt werden. Die Frühjahrsdüngung. Wenn die Düngemittel in vier Wochen nicht da sind, ist es zu spät. Die Vegetationsperiode wartet nicht auf Waffenstillstände.
China, Indien und die USA produzieren Dünger für den Eigenverbrauch. Aber der Weltmarkt — die Länder, die importieren müssen — hängt an den Golfstaaten. Pakistan hat die Düngemittelproduktion eingestellt, weil kein bezahlbares LNG mehr ankommt. Indien drosselt.
Und dann kommt die Kaskade, die niemand sehen will. Düngemittelpreise steigen. Nahrungsmittelpreise steigen. Deutschland, Österreich, die Schweiz — ja, es wird teurer, aber wir werden nicht hungern. Subsahara-Afrika, Bangladesch, Teile Südostasiens — das ist eine andere Geschichte. Kleinbauern, die ohnehin am Rand wirtschaften. Für die bedeutet ein Anstieg der Inputkosten um zwanzig Prozent, dass sie ihre Felder nicht düngen. Ein Jahr ohne Düngung bedeutet nicht nur ein Jahr weniger Ertrag. Es bedeutet Jahre der Bodenverarmung.
Wir haben das 2022 gesehen. Der Ukraine-Krieg unterbrach die Lieferketten aus Russland und Belarus — zwanzig Prozent des globalen Düngemittelhandels, vierzig Prozent der Kali-Exporte. Die FAO schätzte, dass acht bis dreizehn Millionen Menschen zusätzlich in Unterernährung fielen. Drei Millionen davon in Subsahara-Afrika. Aber 2022 wurden Lieferwege gestört. 2026 werden die Produktionszentren selbst getroffen. Das ist eine andere Größenordnung.
Es gibt eine Lektion in all dem, und es lohnt sich, genau
Es gibt eine Lektion in all dem, und es lohnt sich, genau hinzuschauen, wer sie gelernt hat.
China hat die Konsequenz vor über zwanzig Jahren gezogen. Nicht aus diesem Krieg — aus dem Irak-Krieg 2003. Die chinesische Führung hat damals begriffen: Wer seine Energieversorgung an eine Meerenge hängt, die jemand anders kontrolliert, ist nicht souverän. Sie haben begonnen, sich systematisch von der fossilen Abhängigkeit zu lösen. Nicht aus Klimaschutzgründen. Aus Sicherheitsgründen. 2025 waren über fünfzig Prozent aller Neuwagen in China sogenannte New Energy Vehicles. Die Dekarbonisierung ist dort eine Frage der nationalen Sicherheit. Keine Frage der Moral.
Und wir? Was tut Deutschland in genau diesem Moment?
Das Gegenteil.
Die Bundesregierung hat sich in den letzten Wochen noch tiefer in die fossile Abhängigkeit manövriert. Union und SPD einigten sich auf die Kraftwerksstrategie 2026: Acht Gigawatt neue Erdgaskraftwerke werden ausgeschrieben. Die LNG-Terminals in Wilhelmshaven, Brunsbüttel und Lubmin erreichen Ende dieses Jahres ihre volle Kapazität — 73 Milliarden Kubikmeter insgesamt. Die Lieferverträge laufen bis 2044. Gleichzeitig wird das Heizungsgesetz aufgeweicht: Die Regel, dass neue Heizungen zu fünfundsechzig Prozent mit erneuerbarer Energie betrieben werden müssen, fällt. Gas- und Ölheizungen bleiben erlaubt. Bis 2045.
Das ist kein Übergang. Das ist ein fossiles Lock-in für zwei Jahrzehnte. Wir zementieren eine Abhängigkeit, während am Golf gerade vorgeführt wird, was Abhängigkeit bedeutet.
China baut Elektroautos. Wir bauen Gasterminals. China sichert seine Versorgungsketten. Wir verlängern unsere Verwundbarkeit. Und Tooze sagt dazu einen Satz, der wehtut, weil er so offensichtlich ist:
Die einzig vernünftige sicherheitsorientierte Energiepolitik für Europa wäre der Ausstieg aus importierten fossilen Energien.
Wie oft müssen wir uns das noch vorführen lassen?
Ich denke oft an diesen Abend in Stockholm zurück
Ich denke oft an diesen Abend in Stockholm zurück. An den freundlichen Herrn, der Traktoren verkaufte und mir erklärte, dass wir Erdgas essen. Damals war es ein faszinierendes Gespräch bei einem guten Abendessen. Heute ist es eine Frage von Leben und Tod — nicht für mich, nicht für dich, der du das hier liest, sondern für Millionen von Menschen, die nie jemand fragt und die trotzdem den Preis bezahlen.
Knapp vier Prozent arbeiten bei uns auf dem Feld. Zwei Drittel der Menschheit hängt an einem chemischen Prozess aus dem Jahr 1909. Dieser Prozess hängt an einer Meerenge, die gerade im Krieg liegt.
Fritz Haber bekam den Chemie-Nobelpreis für das Jahr 1918. Verliehen wurde er im Juni 1920. Drei Jahre zuvor, am 22. April 1915, hatte die deutsche Armee bei Ypern zum ersten Mal Chlorgas gegen französische und algerische Soldaten eingesetzt. Fritz Haber hatte den Einsatz persönlich beaufsichtigt. Seine Frau Clara Immerwahr, selbst promovierte Chemikerin, erschoss sich wenige Tage danach. Das Nobelkomitee zeichnete ihn trotzdem aus — für seinen Beitrag zur Ernährung der Menschheit.
Was uns ernährt und was uns tötet, kam aus demselben Kopf. Aus derselben Chemie. Und die Frage, wer lebt und wer stirbt, war noch nie eine Frage der Chemie. Es war immer eine Frage der Macht.
Ich freu mich über eure Rückmeldungen.
Quellen
- Smil, V. (2001). Enriching the Earth: Fritz Haber, Carl Bosch, and the Transformation of World Food Production. MIT Press.
- World Bank (2023). Employment in agriculture (% of total employment). https://data.worldbank.org/indicator/SL.AGR.EMPL.ZS
- Stanford Energy Analysis (2024). Ammonia Production and Natural Gas. https://large.stanford.edu/courses/2024/ph240/bailey1/
- Kpler (2025). Global Fertiliser Dependency on Gulf Exports. https://www.kpler.com/blog/global-fertiliser-dependency-on-gulf-exports-what-if-hormuz-is-disrupted
- QatarEnergy LNG. Ras Laffan Industrial City. https://www.qatarenergylng.qa/
- USDA Economic Research Service (2023). Global Fertilizer Market Challenged by Russia's Invasion of Ukraine. https://www.ers.usda.gov/amber-waves/2023/september/global-fertilizer-market-challenged-by-russia-s-invasion-of-ukraine
- FAO (2023). The State of Food Security and Nutrition in the World. https://www.fao.org/publications/sofi
- People's Daily (2026). China's NEV Sales Exceed 50% Market Share. https://en.people.cn/
- NobelPrize.org. Fritz Haber — Nobel Prize in Chemistry 1918. https://www.nobelprize.org/prizes/chemistry/1918/haber/biographical/
- Tooze, A. (2026). Surplus Podcast — Ökonomische Folgen des Iran-Kriegs. https://www.youtube.com/watch?v=Q0fs0IxG4j0
- Handelsblatt (2025). Durchbruch für neue Gaskraftwerke in Deutschland. https://www.handelsblatt.com/dpa/energiepolitik-durchbruch-fuer-neue-gaskraftwerke-in-deutschland/100191912.html
- Clean Energy Wire (2026). Security of supply in focus as Germany must move fast on new gas power plants. https://www.cleanenergywire.org/news/security-supply-focus-germany-must-move-fast-new-gas-power-plants-2026-analysts
- Clean Energy Wire (2023). Germany's dependence on imported fossil fuels. https://www.cleanenergywire.org/factsheets/germanys-dependence-imported-fossil-fuels
- Enpal (2026). Heizungsgesetz 2026: Was gilt im neuen Koalitionsvertrag? https://www.enpal.de/waermepumpe/heizungsgesetz
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