Brief #9: Was bleibt von dir übrig?
Mike Bechtels Selbstdiagnose misst sechs Dimensionen. Aber misst sie auch das, was uns wirklich ausmacht? Ein Brief über das Tool, das über Bechtel hinausgeht — drei Stunden Bauzeit, GitHub als Werkzeugregal, und die Frage, die keine KI für mich stellen kann.
Der Essay war fertig. Die Idee für diesen Brief lag auf der Hand.
Der Essay drehte sich um einen Vortrag von Mike Bechtel, Chief Futurist bei Deloitte. Bechtel bewertet alle sechs Monate sechs Dimensionen seines Berufslebens. Ich finde das immer bewundernswert. Mir gelingt es nicht einmal, meine Wiederholungen beim Krafttraining für zwei Wochen konsistent aufzuschreiben.
Seine Dimensionen: Leidenschaft. Beitrag. Kompetenz. Bezahlung. Kapazität. Neugier. Jede auf einer Skala von eins bis zehn. Er trackt sich selbst, als wäre er ein Spitzensportler.
Sein Befund, vorgetragen im März 2026 auf der SXSW: Die niedrigste Zahl bestimmt das Ganze. Wenn irgendeine Dimension kippt, kippt die Gesamtzufriedenheit mit.
Ich bin von so viel Disziplin immer fasziniert. Ich kann das nicht — und gerade deshalb höre ich immer zu. Immer wieder.
Ich fand den Vortrag gut. Aber mir geht diese Selbstoptimierung zu weit. Nein — mehr noch: Sie entfernt uns immer weiter von dem, was uns ausmacht. Deshalb fand ich den Vortrag auch zu wenig.
Zu wenig, weil Bechtel sauber beschreibt, dass Künstliche Intelligenz uns zwingt, neu zu fragen, was wir noch sind, wenn die KI alles kann, was wir können.
Und dann nimmt er dieselben Kategorien, die uns in diese Lage gebracht haben — Verwertbarkeit, Nützlichkeit, Funktion — und schlägt sie uns als Lösung vor. Miss dich selbst, alle sechs Monate, auf einer Skala.
Man entkommt einem Paradigma nicht, indem man es präziser vermisst.
Die Selbstverwertung bleibt unhinterfragt. Im Essay habe ich deshalb gefragt: Bechtels Modell hat eine Grenze. Es stellt nicht die Frage, die hinter allen anderen liegt. Was bin ich wert, wenn ich nichts leiste? Was bleibt, wenn ich aufhöre, nützlich sein zu wollen — nicht als Resignation, sondern als Ausgangspunkt für eine Freiheit, die diesen Namen verdient?
Ich saß da und habe gedacht: Wenn ich Bechtels Modell tatsächlich für zu flach halte, dann muss ich zeigen, was darüber hinausgeht. Nicht als Argument. Als Erfahrung.
Also: Was kann man tun, um die alte sokratische Frage zu beantworten — Wer bin ich? — und sie nicht abseits der Verwertung zu stellen, sondern so, dass die Verwertung zum Resultat wird, nicht zum Ziel? Wenn ich weiß, wo ich stehe, kann ich das nutzen. Aus Selbstoptimierung wird Selbsterkenntnis.
Also habe ich angefangen zu bauen.
Ich habe Claude aufgemacht und gefragt: Wie könnte so ein Tool aussehen? Claude kennt mich — den ganzen Kontext: die Essays, die Notizen, die Korrekturen der letzten Monate. Er schlägt mir deshalb etwas vor, das über Bechtel hinausgeht. Basierend auf dem, was er über mich weiß. Das Tool fragt nicht, wie man optimiert. Es fragt: Was bleibt, wenn du aufhörst, nützlich sein zu wollen?
Claude ist ein genialer Mustererkenner. Auf seinem Aufschlag konnte ich weiterarbeiten. Das Tool zeigte erst Bechtel. Und dann stellte es die Frage, die Bechtel nicht stellt.
Wenige Minuten später war der erste Wurf da. Okay, aber nicht optimal. Und vor allem: Ich wusste nicht, wie ich das in Ghost integrieren sollte.
Gleichzeitig wollte ich für Vimoki einen Prototypen online stellen. Dabei habe ich gelernt, wie einfach es heute ist, eine eigene App zu deployen. Also dachte ich: Dann baue ich auch eine richtige App für meine Tools. Gedacht, getan. Ich ließ Claude statt einer HTML-Version eine echte App bauen. Sie kommt auf ein GitHub-Repository, wird über Vercel gehostet und als Subdomain in meine Website eingebunden. Wie man eine Subdomain einrichtet, habe ich gleich mitgelernt.
Voilà — das Tool liegt in einem GitHub-Repo, das mir gehört. `borisgloger-tools`. Vor zwei Wochen habe ich es angelegt. Bis dahin war GitHub für mich das Ding, auf dem Programmierer ihren Code haben. Seit zwei Wochen ist es das Regal, in das ich meine eigenen Werkzeuge lege.
Ich lege ein Verzeichnis an, schiebe die Dateien hinein, verbinde das Repo mit einer Subdomain, deploye über Vercel — und das Tool ist online. Kein Agenturvertrag. Keine Projektlaufzeit von drei Monaten. Kein Angebot, kein Kickoff-Meeting, keine Change-Requests. Zwischen der Idee und dem veröffentlichten Tool lagen bei früheren Projekten sechs Monate und ein fünfstelliger Betrag. Diesmal waren es drei Stunden und null Euro.
Das Verrückte daran: All das lässt sich alleine machen, und Claude erklärt einem auch noch, wie es geht. Zeigt mir, wie ich in Cloudflare die Domain einrichte, weil mein Registrar das nicht selbst macht. Zeigt mir, wie ich auf Vercel ein Projekt anlege, damit das Tool eigenständig läuft, ohne dass ich mich um Server kümmere. Ja — ein Nachmittag war dahin. Aber jetzt kann ich jederzeit neue Tools aufsetzen. Die nächste Landingpage ist kein Problem. Das übernächste Experiment auch nicht.
Und damit du merkst, wie schnell das gerade geht: Am Samstag ist Claude.ai/Design live gegangen. Ich habe es am Sonntag probiert. Zehn Minuten. Ein Design-System. Typografie, Farbpalette, Komponenten, alles konsistent. Es gefällt mir noch nicht ganz — aber ich könnte mit einem Knopfdruck mein neues Ghost-Design live stellen, und meine Website sähe komplett anders aus.
Das ist die Werkstatt, über die ich hier schreibe. Seit Brief Nr. 1 heißt diese Reihe Briefe aus der Werkstatt — und sie heißt so, weil ich dich dabei haben will. Nicht nachdem das Ding fertig ist. Sondern während es entsteht.
Was mir beim Bauen aufgefallen ist:
Die KI baut mir das Werkzeug. Aber sie stellt mir nicht die Frage.
Claude hat mir sauberen Code geliefert. Claude hat mir sogar die Formulierungen mitgeschrieben, die nachher die Reflexionsfragen im Tool steuern. Aber die Entscheidung, nicht bei Bechtels sechs Dimensionen stehenzubleiben — die kam nicht aus der Maschine. Sie kam als Muster, als Vorschlag, auf den ich dann reagieren musste.
Und meine Überzeugung, dass es um mehr geht als um Optimierung, begann vielleicht damals in den Gesprächen mit Böhme. Aber sie manifestierte sich in einer eigenen Beobachtung der letzten drei Jahrzehnte: Der Körper leidet am Ich. Am Ego.
Deshalb hab ich versucht, Bechtels Erzählung anders zu erzählen. Die nützliche Diagnose mitnehmen — und darüber hinausgehen.
Das Tool ist jetzt online. Unter [tools.borisgloger.at/was-bleibt](https://tools.borisgloger.at/was-bleibt?ref=borisgloger.at). Kostenlos, anonym, ohne Anmeldung. Du brauchst keinen Account. Ich probiere noch aus — irgendwann werden die Tools vielleicht hinter einer Wall verschwinden, aber derzeit spiele ich damit. Und lass dich am Spiel teilhaben.
Drei bis fünf Minuten für sechs Schieberegler. Ein Radar-Chart, das dir zeigt, wo es kippt. Eine Mustererkennung, die dir sagt, was du vielleicht schon weißt — aber eben schwarz auf weiß. Und am Ende drei Fragen, die nicht aus Bechtel kommen. Die kommen aus zwanzig Jahren Beratung. Die Fragen, die ich gestellt bekommen hätte wollen, als ich selbst zum ersten Mal an einem Punkt stand, an dem alle Scores oben waren — hätte ich damals gemessen — und es trotzdem nicht passte.
Ein Satz noch, weil er mir wichtig ist: Dieses Tool ist kein Coaching-Bot. Es optimiert dich nicht. Es motiviert dich nicht. Es verspricht dir nichts. Es stellt dir eine Frage. Und dann hört es auf.
Bechtel macht die Selbstdiagnose alle sechs Monate. Trag dir den Termin ein. Nicht als Verpflichtung. Als Verabredung mit der Person, die du in sechs Monaten sein wirst.
→ Zum Tool: Was bleibt von dir übrig?
→ Der Essay dazu: Was bleibt von Ihnen übrig, wenn KI alles kann, was Sie können?]
Herzlich, Boris
PS: Wenn du das Tool ausprobierst und merkst, dass eine Dimension unten liegt — das ist kein Fehler. Das ist das Signal. Schreib mir, was du dort gefunden hast. Ich lese jede Antwort.