Brief #4 - Der Spieß wird umgedreht

Der Vorstand wird irgendwann eine KI-Strategie verkünden. Die entscheidende Frage ist: Hast du bis dahin schon genug Vorsprung, um den Kurs mitzubestimmen?

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Warum das mittlere Management die KI-Revolution anführen sollte

Schön, dass du diesen Brief liest.

Ich will heute eine These in den Raum stellen, die vielen zunächst falsch vorkommt:

Die KI-Transformation ist die erste große Veränderung seit Jahrzehnten, bei der das mittlere Management nicht unter dem Mühlrad zerrieben werden muss – sondern es selbst bewegen kann.

Wenn das stimmt, dann ist das nicht nur eine Arbeits-These. Dann ist es eine Status-These. Und eine Freiheits-These.

Idee .Boris / Ausführung Gemini
Idee .Boris / Ausführung Gemini

Das übliche Muster

Du kennst es.

Der Vorstand beschließt: „Wir müssen KI machen.“
Dann passiert entweder das, was immer passiert:

  • Es wird eine Change-Initiative beauftragt.
  • Oder die IT soll „ein Programm“ bauen.
  • Oder es wird ein Steering Committee gegründet, das monatelang Begriffe sortiert.

Und das mittlere Management?

Es wird informiert. Es soll „mitnehmen“. Es soll „umsetzen“. Es wird überrollt.

So war es bei der Digitalisierung.
So war es bei Agile.
So scheint es wieder zu werden.


Warum es diesmal anders sein kann

Hier kommt der Unterschied.

Bei KI stehen wirklich alle am Anfang.

Der CEO weiß nicht besser Bescheid als die Teamleiterin.
Der CTO hat – wenn er ehrlich ist – auch erst vor kurzem angefangen, mit den Tools zu experimentieren.
Und das „Expertentum“, das sich jetzt überall auf LinkedIn ausruft, ist oft nur: zwei Wochen Vorsprung und eine gute Rhetorik.

Das ist nicht zynisch gemeint. Es ist eine Beobachtung.

Wir haben gerade ein seltenes Level-Playing-Field.
Und genau das ist die Chance.


Das eigentliche Problem ist kein Wissensproblem

Das klingt banal, ist aber der Kern:

KI ist kein Wissensproblem, das sich durch Lesen lösen lässt.
KI ist ein Erkenntnisproblem, das nur durch Tun entsteht.

Oder anders gesagt:

„Es ist ein Erkenntnisproblem. Wir können nicht wissen, was man mit dem Tool kann, bevor wir nicht angefangen haben, damit was zu machen.“

Wer zwei Wochen lang jeden Tag eine Stunde mit Claude, Copilot oder ChatGPT arbeitet, versteht mehr als jemand, der zehn Bücher darüber gelesen hat.

Nicht weil Bücher schlecht wären.
Sondern weil du bei KI erst verstehst, während du es tust.


Die neue Rolle: vom Administrator zum Enabler

Das mittlere Management kann in dieser Situation etwas werden, was in den letzten Jahren selten möglich war:

Enabler.

Nicht als „Change-Multiplikator“, der PowerPoints verteilt.
Sondern als jemand, der Kompetenz erzeugt – durch Praxis.

Das sieht ganz konkret so aus:

  • Du zeigst Mitarbeitenden, wie man mit KI arbeitet – nicht als Tool-Demo, sondern an echten Aufgaben.
  • Du gewinnst Zeit zurück, weil du dir und deinem Team bestimmte Denk- und Schreibarbeiten abnehmen lässt.
  • Du erhöhst deinen Status – nicht über Titel, sondern über Können.

Und hier kommt ein Satz aus meinem Video, den ich hier wiederhole, weil er so unromantisch wie ehrlich gemeint ist:

„Der Trick aller Experten: Mit ein bisschen Vorsprung kann man schon zeigen, was möglich ist.“

Ein bisschen Vorsprung reicht.

Nicht, um Recht zu haben.
Sondern, um Orientierung zu geben.


5) Was es braucht: Muße

Jetzt wird es unbequem, weil der Hebel nicht in der Technologie liegt, sondern in deinem Kalender.

Es braucht Muße.

Nicht zwischen zwei Calls.
Nicht nach Feierabend, wenn das Gehirn leer ist.
Sondern jetzt. Dedizierte Zeit. Ernst gemeint.

Eine Stunde am Tag. Zwei Wochen.
Nicht, um „Prompts“ zu sammeln, sondern um:

  • zu experimentieren
  • zu scheitern
  • zu lernen
  • und die eigene Arbeit neu zu schneiden

Wer wartet, bis der Vorstand eine KI-Strategie verkündet, hat schon verloren.
Wer jetzt anfängt, kann den Vorstand vor sich hertreiben.

Das ist der Spieß.


Arendt und das Beginnen

Hannah Arendt unterscheidet (grob gesagt) zwischen drei Tätigkeiten:
Arbeiten (den Kreislauf aufrechterhalten), Herstellen (dauerhafte Dinge bauen), Handeln (etwas Neues beginnen).[1]

Das mittlere Management ist traditionell auf Arbeiten und Herstellen festgelegt:

  • Prozesse optimieren
  • Reports erstellen
  • Vorgaben umsetzen
  • Systeme am Laufen halten

KI öffnet – zumindest für einen Moment – eine Tür zum Handeln:

Initiative ergreifen. Etwas Neues beginnen. Die eigene Rolle neu definieren.

Deshalb ist für mich die eigentliche Frage nicht:

„Wird KI das mittlere Management überflüssig machen?“

Sondern:

Wer beginnt jetzt?


Drei kleine, praktische Schritte (ohne Bullshit)

Wenn du eine Woche lang ausprobieren willst, ob das stimmt, mach es so:

  1. Wähle ein echtes Artefakt, das dich heute Zeit kostet:
    ein Briefing, eine Entscheidungsvorlage, eine Risiko-Notiz, ein Kundenmail, ein Status-Update.
  2. Arbeite mit KI im Co-Pilot-Modus:
    Du gibst Struktur, Kontext, Anspruch. KI macht Geschwindigkeit und Varianten.
    Du entscheidest.
  3. Zeig es zwei Menschen:
    nicht als „Tool-Show“, sondern als: „So spare ich 40 Minuten – und so wird’s besser.“

Wenn du das zwei Wochen machst, passiert etwas Seltsames:
Du wirst nicht „KI-Experte“.
Du wirst jemand, der anfängt.

Und das ist in Organisationen seltener als Expertise.


Wenn du antworten willst: Antworte.

Nicht „liken“. Nicht „teilen“. Schreiben.
Mich interessiert vor allem: Wo würdest du anfangen – wenn du eine Stunde Muße hättest?

Boris


Quellen


  1. Hannah Arendt entwickelt diese Unterscheidung in Vita activa oder Vom tätigen Leben (engl. The Human Condition). Ihre Begriffe sind „labor“, „work“ und „action“; „Handeln“ ist bei ihr eng an Sprechen, Pluralität und das Beginnen von Neuem gebunden. (Arendt, 1958/1960) ↩︎

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