Alles fällt nach oben

Diese Woche bekam die Welt ihren ersten Billionär. Die Zahl ist nicht die Geschichte. Die Geschichte ist ein Mechanismus – und an seinem Ende besitzen Ihre Kinder nichts mehr.

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Bleistift-Illustration: Ein dunkler Strudel saugt Häuser, Geld und ein Schulhaus aus einem warmen Dorf nach oben; unten blick
Boris Gloger | Nano Banana

In dieser Woche bekam die Welt ihren ersten Billionär. Eine Billion, nicht eine Milliarde: tausend Milliarden. Es ist Elon Musk, und die meisten Berichte staunten über die Zahl. Die Zahl ist nicht die Geschichte. Die Geschichte ist ein Mechanismus, und an seinem Ende besitzen Ihre Kinder nichts mehr.

Am schärfsten beschrieben hat diesen Mechanismus Gary Stevenson, früher einer der profitabelsten Händler der Citibank, einer, der jahrelang Geld damit verdiente, auf wachsende Ungleichheit zu wetten. Er hat das System von innen gesehen. Sein Bild bleibt hängen: Die größten Vermögen sind Schwarze Löcher in der Wirtschaft. Massen, so dicht, dass sie nicht anders können, als alles um sich herum anzusaugen. Den Rest dieses Textes braucht es nur, um zu zeigen, dass das keine Polemik ist, sondern Arithmetik.

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Der Motor

Ab einer bestimmten Größe ist Reichtum kein Geld mehr, sondern eine Kraft. Wer eine Billion besitzt und sie nur zu fünf Prozent anlegt, nimmt damit fünfzig Milliarden im Jahr ein — hundertsiebenunddreißig Millionen Dollar pro Tag, etwa sechzehnhundert Dollar in der Sekunde. Nicht durch Arbeit. Durch Besitz, im Schlaf.

Mit so viel täglichem Einkommen kann man nur eines sinnvoll tun: mehr kaufen. Mehr Häuser, mehr Boden, mehr Unternehmen. Jeder Kauf wirft neues passives Einkommen ab, mit dem der nächste bezahlt wird. Das ist Zinseszins im Endstadium, und er hat eine eigene Schwerkraft. Die größten Vermögen wachsen mit zehn, zwanzig, im Extremfall vierzig Prozent im Jahr; die Volkswirtschaften, in denen sie stecken, um etwa ein Prozent. Diese beiden Zahlen lassen sich nicht zugleich erfüllen, ohne dass etwas verschoben wird. Der Reichtum oben wächst nicht, weil die Wirtschaft wächst. Er wächst, weil er nach oben gezogen wird — von Ihnen.

Wie irr die Geschwindigkeit ist, zeigt eine einzige Rechnung. Vor sechs Jahren war die Pandemie-Soforthilfe des britischen Staates, dreihundert Milliarden Pfund, das Dreifache des Vermögens des damals reichsten Mannes der Welt. Sechs Jahre später ist der reichste Mann der Welt das Dreifache dieser Summe. Eine Verneunfachung. In sechs Jahren.

Warum es schlimmer ist, als es klingt

Der häufigste Einwand lautet: Das sei doch nur ein Börsenwert, kein Geld auf der Bank. Genau das macht es gefährlicher, nicht harmloser. Eine Billion auf einem Konto wäre tote Zahl. Eine Billion in Vermögenswerten ist reale Infrastruktur — Satelliten, Netze, Rechenzentren, Dinge, die Ihr Staat brauchen wird und für die er künftig zahlen muss. Das Vermögen ist deshalb so hoch, weil die Märkte erwarten, dass ein wachsender Teil Ihres Einkommens dorthin fließt.

Das Zweite wiegt fast schwerer: Wir messen gar nicht ernsthaft, wie schnell sich oben Vermögen sammelt. Musk war längst Billionär, ehe es jemandem auffiel; es brauchte einen zufälligen Aktienverkauf, damit der Markt es überhaupt ausrechnete. Eine Gesellschaft, die nicht einmal weiß, wie schnell ihr das Vermögen entzogen wird, kann sich nicht wehren.

Was es konkret mit Ihnen macht

Nichts daran bleibt abstrakt, und nichts geschieht woanders. Die Reichen sitzen nicht auf ihrem Geld — sie verbrauchen die Dinge, die Sie brauchen, und bieten Sie aus dem Markt. Wohnen in den großen Städten kann sich kaum noch leisten, wer nicht im Dienst der Reichen steht. Universitäten sind gewachsen und zugleich unbezahlbar geworden, weil man um die Plätze mit Menschen konkurriert, die jeden Preis zahlen. Es gibt mehr Zahnärzte denn je — und sie behandeln privat. Was hier entsteht, ist die Wiederkehr des Feudalismus: oben einer, dem fast alles gehört, darum ein Hofstaat aus Politikern, Medien und bezahlten Experten, deren Aufgabe es ist, Ihnen zu erklären, eine Besteuerung der Superreichen sei leider unmöglich.

Und hier ist der Satz, der wehtut. Wenn Sie sehen, wie Musk zum Billionär wird, sehen Sie die Obdachlosigkeit Ihrer Kinder. Das ist keine Metapher, das ist eine Rechnung. In einer Welt, in der einzelne Menschen hundertsiebenunddreißig Millionen am Tag anhäufen, kann eine normale Familie um Besitz schlicht nicht mehr mitbieten. Der Aufstieg dieser Vermögen und der Verlust der Ihren sind nicht Ursache und Folge. Sie sind dasselbe Ereignis.

Stevenson sagt es in Bildern, die man nicht mehr loswird:

Wenn Sie Elon Musks Billion sehen, sollen Sie verstehen: Das ist es, was auf den Grabsteinen Ihrer Kinder und Ihrer Nachbarschaft steht.

Und er erzählt, wohin das am Ende führt — von einer Reise in eines der ungleichsten Länder der Welt:

Ich war in Mumbai. Ich wohnte in einem Luxushotel, und draußen lag eine Familie auf flachgedrückten Pappkartons, nackt, sterbend, auf der Straße. Menschen stiegen aus ihren Luxusautos und über sie hinweg ins Hotel. So sieht das Leben aus … und dahin gehen wir, wenn wir die Reichen nicht besteuern. Wenn Sie „Elon Musk, Billionär" hören, sollen Sie sich Ihre Enkel in diesem Leben vorstellen. Denn das könnten Sie sein.

Die Geschichte kennt diesen Moment. Wo Vermögen ungebremst wuchs — im kolonialen Europa —, hat es sich am Ende die halbe Welt genommen und ihre Felder in Tee und Baumwolle für die Reichen verwandelt, während anderswo Menschen verhungerten. Wer zusieht und denkt, das gehe ihn nichts an, ist der Mann, der vom Hochhaus fällt und sich an jedem Stockwerk sagt: bis hierher ist alles gut. Bis hierher ist alles gut.

Die Falle

Der gefährlichste Reflex ist, das für ein Anliegen von links zu halten. Es ist keines. Es ist eine Frage von Würde oder Armut. Und am meisten zu verlieren hat nicht der Ärmste, sondern die Mittelschicht mit dem einen Haus, dem kleinen Depot, dem halben Vermögen. Genau diese Menschen wehren sich oft gegen Vermögensteuern, um ihr Erspartes zu schützen — und sind die Nächsten, die aus dem Besitz gedrängt werden. Wer als Mittelschicht gegen die Besteuerung der Allerreichsten ist, stimmt als Truthahn für Weihnachten. Denn der Staat hat am Ende nur drei Wege: die Superreichen besteuern, die arbeitende Mitte besteuern, oder den Sozialstaat schließen. Wer den ersten verweigert, bekommt die anderen beiden.

Was zu tun ist — und warum jetzt

Die Antwort ist unspektakulär: Vermögen besteuern, nicht Arbeit. Heute zahlt ein normaler Arbeitnehmer rund die Hälfte seines Einkommens an den Staat, während die Größten oft fast nichts zahlen. Es geht nicht um Enteignung, sondern darum, die Milliardärsklasse überhaupt wieder ins Steuersystem zu holen, aus dem sie sich verabschiedet hat. Unsere Großeltern haben genau das erkämpft und im Gegenzug bezahlbare Wohnungen, Bildung und Gesundheit bekommen. Diese siebzig guten Jahre waren kein Naturzustand. Sie waren eine Entscheidung — und gerade machen wir sie rückgängig. Wie real die Welt davor war, weiß Stevenson aus seiner eigenen Familie:

Meine Großmutter wurde vor fast genau hundert Jahren in London geboren, damals die reichste Stadt im reichsten Land der Welt — und verlor drei Geschwister an Tuberkulose, eine Krankheit der Armut. Diese Art von Armut war normal. Sie kann wiederkommen. Sie wird wiederkommen.

In Deutschland hatte dieser Hebel zuletzt einen Namen. Jan van Aken, bis vor Kurzem Vorsitzender der Linken, hat ihn so konkret beziffert, wie es sonst kaum jemand wagt: ein Prozent Vermögensteuer ab der ersten Million, fünf Prozent ab fünfzig Millionen, zwölf Prozent für Milliardäre. Nach seiner Rechnung brächte das rund hundertsiebenundvierzig Milliarden Euro im Jahr — genug, um zu zeigen, dass Stevensons Satz keine Utopie ist, sondern eine Haushaltszeile. Es ist kein Zufall, dass eine Partei, die genau das in die Mitte ihres Programms stellte, aus dem Umfragekeller zurückkam. Und es ist bitter, dass van Aken sich ausgerechnet jetzt, aus gesundheitlichen Gründen, von der Spitze zurückzieht — in dem Moment, in dem diese Stimme am dringendsten gebraucht würde. Der Hebel bleibt, auch wenn die Hand, die ihn benannt hat, loslässt. Und Stevenson würde hinzufügen: Es ist ohnehin keine Frage von links oder rechts. Es ist die Frage, ob unsere Kinder etwas besitzen.

Veränderung wird kommen, in fünf, zehn Jahren, weil Menschen wachsende Armut nicht hinnehmen. Die Frage ist nicht ob, sondern welche. Es stehen zwei Antworten bereit. Die eine sagt: Besteuert die Allerreichsten. Die andere sagt: Schuld sind die Fremden, die anders aussehen, anders glauben — geht auf sie los. Überlegen Sie, welche dieser beiden Antworten ein Mann finanzieren wird, dem bereits Medien und Parteien gehören. Es ist kein Zufall, dass Milliardäre Zeitungen kaufen und Wahlkämpfe bezahlen.

Gegen ihr Geld werden wir nie konkurrieren. Stevenson bringt es auf ein Bild:

Wenn wir Schach spielen und Sie nehmen mir bei jedem Zug eine Figur, ich Ihnen aber nie eine, dann verliere ich dieses Spiel.

Wir können nur gegen ihre Erzählung gewinnen: mit der Wahrheit, mit den nackten Zahlen, und damit, dass wir mehr sind und mit unseren Nachbarn — auch denen, die nicht aussehen wie wir — mehr gemein haben als mit dem ersten Billionär der Welt. Am Ende ist die Frage ganz einfach: Wollen Sie, dass Ihre Kinder etwas besitzen — oder nicht? Wer Nein zur Besteuerung der Allerreichsten sagt, sagt Ja dazu, dass die eigenen Kinder einmal nichts erben, nichts besitzen, nichts mieten, was nicht einem der Schwarzen Löcher gehört.

Es ist derselbe Gedanke, der diese Reihe trägt, nur von der anderen Seite. Die Knappheit, die die meisten erleben, ist kein Naturzustand. Sie wird oben erzeugt, durch das Ansaugen. Und was nach oben gefallen ist, lässt sich wieder verteilen. Das ist eine Entscheidung — und sie steht nicht in zwanzig Jahren an, sondern jetzt. Wer nicht will, dass seine Kinder arm werden, muss jetzt handeln, solange das Loch noch nicht alles verschluckt hat.

Stevenson beendet sein Video mit einer einzigen Frage, und ich gebe sie unverändert weiter: Was werden Sie tun?