Die Familie, die nicht trägt
Die Familie gilt als das Private, in das der Staat nicht hineinregiert. Das stimmt nicht: Sie ist staatlich gebaut, und der Rückzug hinter die »Privatsphäre« ist die Ausrede, sich nicht zu kümmern. Fülle als Struktur des Handelns — Essay 4 von 8
Ich war sechs.
Ich komme nach Hause, es ist dunkel. Früher Herbst, die Sonne geht zeitig unter. Meine Mutter reißt die Tür auf, panisch zieht sie mich in mein Zimmer, mein Vater sei wütend, er suche mich in der ganzen Stadt. Ich lege mich ins Bett und versuche, so still zu sein, dass es mich nicht gibt. Ich muss eingeschlafen sein.
Dann Krach. Er reißt mich aus dem Bett, brüllt mich an, zieht den Gürtel aus der Hose und schlägt zu. Der Grund: Ein sechsjähriges Kind war nicht rechtzeitig heimgekommen.
Das ist die letzte Erinnerung an meinen Vater im Haus. Meine Mutter hat ihn danach rausgeworfen. Die Schläge hat sie nicht verhindert; später hat sie selbst zugeschlagen.
Das war vor fünfzig Jahren. Ich erzähle es nicht, um meinen Vater anzuklagen, und auch nicht die vielen Väter, die es heute noch genauso tun.
Ich erzähle es als einen Datenpunkt. Der einzelne Vater ist, damals wie heute, nicht die Ursache. Seine Tat ist ein Symptom.
Damals wie heute kommt niemand von außen. Keine Lehrerin, kein Amt, kein Nachbar. Was in einer Familie geschieht, gilt als Privatsache, und die Privatsache ist der Ort, an dem das Wegsehen erlaubt ist.
An dem alle wegsehen, weil alle sagen: Ich mische mich nicht ein, ich will die Sphäre des anderen nicht verletzen. Diese Schwelle kennt jeder, und sie bewirkt etwas: Das, was anderswo Körperverletzung heißt, bekommt einen anderen Namen — Erziehung, Streit, das eigene Haus. Diese Schwelle heißt Privatsphäre.
Sie ist nicht das, wofür wir sie halten.
Fülle als Struktur des Handelns — Die These
Knappheit ist eine politische Entscheidung, kein Naturzustand. Fülle ohne Verteilung ist verwaltete Knappheit. Also nicht umverteilen, sondern bereitstellen, was längst da ist.
Das Märchen von der Privatsphäre — damit die Familie trägt, was sie gar nicht tragen kann
Die Familie gilt als das, was vor dem Staat war. Keimzelle, vorpolitisch, natürlich. Der warme, sichere Raum, in den der Staat nicht hineinregiert, weil er dort nichts zu suchen hat.
So steht es in den Sonntagsreden, und so erzählen wir es uns, damit wir wegsehen können. Und wir sehen weg. Die Zahlen sind erschütternd, und wir tun nichts.
Es stimmt nicht. Die Familie war nie privat. Sie ist von Anfang an staatlich gebaut — durch das Familienrecht, das Steuerrecht der Ehe, die Schulpflicht, das Jugendamt.
Der Begriff der Privatsphäre kam nicht vor dem Staat. Er kam, als der Staat eine Grenze brauchte, hinter der er aufhören durfte hinzusehen, ohne aufzuhören zu ordnen. Hinter dieser Grenze hörte er auf, sich zu kümmern, nicht aber, die Verhältnisse einzurichten, auch die gewaltförmigen.
Einer der ersten Texte, die ich in meinem Soziologiestudium gelesen habe, war von Anthony Giddens — über die Frage, was Soziologie überhaupt ist. Er hat mich von Anfang an fasziniert, und das hatte auch mit dem Ort zu tun: Das Darmstädter Institut stand in der Tradition der Frankfurter Schule, es ging dort immer darum, die strukturellen Seiten der Macht sichtbar zu machen. Giddens hat später die London School of Economics geleitet und das Lehrbuch geschrieben, mit dem bis heute halbe Generationen das Fach lernen. Er fasst nüchtern: Die Familie ist keine Naturtatsache, sie ist eine Institution. Eine der dauerhaften, tief eingelassenen Formen des sozialen Lebens, an die wir uns so gewöhnt haben, dass wir sie für Natur halten.¹ Und Institutionen, das ist sein eigentlicher Gedanke, sind nicht einfach da. Sie bestehen nur, solange wir sie Tag für Tag mitvollziehen. Eine Struktur ist kein Gebäude, in dem wir wohnen; sie ist eine Choreografie, die jeden Morgen neu aufgeführt wird. Wer aufhört mitzutanzen, verändert sie. Das klingt abstrakt und ist der Schlüssel zu allem, was folgt: Wenn die Familie gemacht ist und nicht gewachsen, dann ist auch die Grenze, die wir um sie ziehen, gemacht — und sie ließe sich anders ziehen.
Nietzsche hat in der Genealogie der Moral gezeigt, und nach ihm Foucault, dass kein Begriff unschuldig ist: Jeder steht in einer Herrschaftsstruktur, jeder trägt eine Geschichte von Macht mit sich.² Jacques Donzelot hat das auf die Familie angewandt. Wenn sie, wie Giddens sagt, eine Institution ist, die uns von außen vorgegeben wird, dann fragt Donzelot: Wer gibt sie vor, und wozu? Sein Buch heißt La police des familles — die Polizei der Familien.³ „Police" meint hier nicht die Beamten mit dem Streifenwagen. Es meint das Ordnen, das Verwalten, das Einrichten. Der Staat hat die Familie nie verlassen. Er hat sie, wie Stefan Schulz an den Zahlen zeigt, vernachlässigt, verkommen lassen — und genau dadurch, dass er einen Teil von ihr als privat markiert: als den Bereich, in dem er aufhören darf zuzuschauen, um sich der Verantwortung für die Familie zu entledigen. Schulz hat die Rechnung dazu: Kinderarmut kostet diese Volkswirtschaft jedes Jahr etwa drei Komma vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts — hundertzehn bis hundertzwanzig Milliarden Euro, vor allem an Arbeitsmarkt- und Gesundheitsfolgekosten.⁴ Der Staat zahlt diese Rechnung lieber, als sie zu verhindern.
Donzelots schärfste Beobachtung ist eine Doppelbewegung, und sie wirkt bis heute. Die bürgerliche Familie wurde liberalisiert: Man überließ ihr die Erziehung, wertete die elterliche Autorität auf, zog sich zurück. Die Arme-Leute-Familie wurde unter Aufsicht gestellt — Jugendamt, Sozialarbeit, Schule, Gesundheitsbehörde. Dieselbe Norm, zwei Behandlungen. Die einen lässt man in Ruhe. Die anderen kontrolliert man, und über die Zeit erfindet man daraus ein Narrativ: Wenn die Kinder in der Schule nicht funktionieren, dann haben die Eltern versagt.
Doch selbst dann, wenn der Staat gerufen wird und sich kümmern soll, holt er die Familie nicht aus der Not. Man kontrolliert, aber man hilft nicht. Das Jugendamt stellt die Verwahrlosung fest, vielleicht kommen die Kinder sogar ins Heim. Aber den Eltern einfach tausend Euro im Monat mehr zu geben, das ist nicht drin.
Man muss nicht ins neunzehnte Jahrhundert reisen, um das zu sehen. Wer heute Bürgergeld bezieht, bekommt Mitwirkungspflichten, Hausbesuche, die Drohung der Sanktion. Das oberste Prozent dagegen kann der Staat nicht einmal schätzen; seit es keine Vermögensteuer gibt, fehlen ihm — und damit uns — die Zahlen. Den Armen durchleuchtet er bis auf den letzten Cent. Die Reichen sieht er nicht; und im Armuts- und Reichtumsbericht verschwindet, wie gut es ihnen wirklich geht. Es ist Donzelots Doppelbewegung, hochgerechnet auf einen ganzen Staat.
Und sie reicht bis in die Bewertung unserer Kinder hinein. Wessen Trotz, wessen Nein-Sagen als Charakter gilt und gefördert wird — und wessen Aufbegehren gegen das oft Sinnlose als Erziehungsversagen der Eltern verbucht wird; wessen Kind förderbedürftig heißt und wessen auffällig: Das hängt an der Postleitzahl und an Vorurteilen, nicht am Kind.
Ich habe bis vor Kurzem nicht gewusst, dass die Gastarbeiter, die wir ab den sechziger Jahren aus der Türkei nach Deutschland holten, eigentlich wieder zurückgeschickt werden sollten.⁵ Erst als die Industrie sagte, es sei zu teuer, ständig neue Leute anzulernen, behielt man sie. Aber bis heute tut der Staat wenig dafür, dass sich diese Familien — inzwischen in der dritten Generation — in unser aller Land zu Hause fühlen. Im Gegenteil: Der Kanzler spricht von einem „Problem im Stadtbild" — eine Wendung, die danach sogar aus dem offiziellen Protokoll wieder verschwand.⁶
Und über allem steht ein Befund, der beschämt: In Deutschland sagt die Herkunft den Bildungserfolg stärker voraus als im Durchschnitt der wohlhabenden Länder. Sozial privilegierte Fünfzehnjährige liegen in Mathematik 111 Punkte vor den benachteiligten, der OECD-Schnitt sind 93, und seit 2012 hat sich daran nichts bewegt.⁷ Trotzdem wird weiter so getan, als sei das die Sache des Kindes selbst.
Hier ist eine Unterscheidung wichtig, die Alexandria Ocasio-Cortez einmal in einem Satz gefasst hat.⁸ Mir geht es beim Thema Alleinerziehende — und das kenne ich aus eigener Anschauung, als Arbeiterkind — nicht um Vorurteile gegen Alleinerziehende. Genauso wenig wie bei der Benachteiligung von Ausländerinnen und Ausländern oder ärmeren Familien. Ich meine nicht das, was in vielen Köpfen noch immer steckt: dass sie selbst schuld seien. „Wäre sie mal bei ihrem Mann geblieben" — diesen Vorwurf musste sich eine Freundin von uns neulich, im Jahr 2026, tatsächlich noch von ihren Nachbarinnen anhören, ihren vermeintlichen Freundinnen.
Vorurteile sitzen in Köpfen, und gegen Köpfe hilft Empathie.
Mir, dem Soziologen und Philosophen, geht es um Strukturen. Mit Giddens wird es deutlich: Strukturen sitzen in Verfahren — und darin, wie wir sie Tag für Tag verhärten. Wer innerlich antwortet „Ich habe doch nichts gegen Alleinerziehende", „nichts gegen türkische Familien", „nichts gegen die Ärmeren", hat die Frage nicht verstanden.
Es ging nie darum, was eine einzelne Person gegen sie hat.
Hannah Arendt hat die unterste Schicht dieser Konstruktion freigelegt.⁹ Die Antike trennte den oikos — das Haus, die Familie, die Notwendigkeit — von der polis, dem Raum des Handelns und der Freiheit. Im modernen Staat verschwimmt diese Trennung. Was wir privat nennen, ist längst politisch durchgeregelt.
Aber die Rhetorik der Trennung bleibt, und sie bleibt benutzbar. Das ist der Trick, und er ist eine Umkehrung: Was politisch geregelt ist — das Steuerrecht der Ehe, die Schulpflicht, das Sorgerecht —, wird als natürlich ausgegeben. Und was natürlich wäre, dass Menschen füreinander einstehen, wird politisch geregelt, aber in einer Form, die sich als Nicht-Politik tarnt.
Wenn das so ist, dann hält der Staat die Familie nicht aus Respekt unangetastet. Er hält sie unangetastet, weil ihm das die Ausrede liefert, sich nicht kümmern zu müssen, um die, die laut Verfassung unter seinem besonderen Schutz stehen. Denn das Grundgesetz stellt Ehe und Familie ausdrücklich unter den Schutz des Staates, und über die Erziehung der Kinder, so der Wortlaut, „wacht die staatliche Gemeinschaft".¹⁰ Ein Staat, der wacht, aber nicht schützt, hat seinen eigenen Auftrag verkehrt.
Welchen Staat ich meine
Hier muss ich etwas klarstellen, bevor es missverstanden wird. Wenn ich sage, der Staat soll sich kümmern, dann meine ich nicht den Staat, der ins Private hineinregiert. Ich will keinen totalitären Staat. Ich will keine DDR, in der das Amt notiert, wer bei wem ein und aus geht. Ich will keinen Staat, der den Eltern vorschreibt, wie sie ihre Kinder zu lieben haben.
Ich habe mein Arbeitsleben damit verbracht, Produkte zu bauen und Organisationen zu verändern. Eine Beobachtung lässt mich seither nicht los. Wir bauen ständig Systeme, in denen die, für die das System gedacht war, am Ende seine Opfer werden. Nimm das Gesundheitssystem. Dächte man es als Produkt, wäre der Patient der Nutzer, der Kunde, der, um den herum alles gebaut ist. Tatsächlich ist er das Objekt. Er kann nicht sagen, wie er es brauchte, es wird nicht auf ihn eingegangen, er hat keine Wirkmacht über das, was mit ihm geschieht. Er hat, wie man heute sagt, keine Agency.
In der Politik ist es dasselbe, und das ist der Kern. Der Staat hat vergessen, für wen er gemacht ist. Gesetze werden für die Bürger geschrieben, nicht für die Verwaltung, die sie vollzieht. Ein Staat, der die Familie verwaltet, ohne sie zu sehen, hat den aus dem Blick verloren, für den das Ganze gedacht war.
Der Staat, den ich meine, ist darum nicht der, der uns alles abnimmt. Das wäre nur die andere Form der Entmündigung, der Vormund statt des Partners. Es ist der Staat, der die Strukturen schafft, in denen wir uns selbst erfüllen können. Nicht der Wächter über die Familie. Der, in dessen Auftrag sie leben kann.
Und dieser Rückzug läuft auf mehreren Achsen. An jeder fällt ein anderer. Jede dieser Achsen ist eine Tür, die der Staat nicht baut. Türen kann man bauen.
Der Briefkasten
Die erste Achse ist die schlichteste: das Geld.
Es gab in meiner Kindheit einen Briefkasten, in den nichts kam. Mein Vater war gegangen, ein Gericht hatte festgestellt, was er für seine Kinder zu zahlen hatte, und er zahlte nicht. Zwölf Jahre lang nicht. Die eine Hälfte dieser Geschichte habe ich oft erzählt. Die andere habe ich lange übersehen: Der Staat hatte den Anspruch selbst festgestellt — und ließ ihn liegen.
Auf der anderen Seite dieses Briefkastens stand meine Mutter. Pflegekraft, vierzig Stunden die Woche im Krankenhaus, in den siebziger Jahren, allein mit zwei Kindern, ich sieben, meine Schwester zwei. Ein Gericht hatte die Scheidung ausgesprochen und meinen Vater zu Unterhalt verurteilt. Das Geld kam nicht. Was blieb, waren nach der Miete rund tausend Mark im Monat, und davon ging alles: Essen, Kleidung, das, was zwei Kinder brauchen, und das bisschen, das man Leben nennt, wenn am Monatsende noch etwas übrig ist.
Hätte man uns 1975 nach heutigen Maßstäben gemessen, wären wir mit einiger Wahrscheinlichkeit als armutsgefährdete Familie gezählt worden. Ich erzähle das nicht als Klage, sondern als Beispiel. Denn so, wie wir damals lebten, wachsen heute wieder mehr Kinder auf, nicht weniger. In Deutschland gilt inzwischen mehr als jedes siebte Kind als armutsgefährdet, die Armut insgesamt steht auf einem neuen Höchststand; in Österreich sind Hunderttausende Kinder betroffen. In beiden Ländern tragen Alleinerziehende und ihre Kinder das höchste Risiko.¹¹
Derselbe Staat pfändet wegen unbezahlter Rundfunkbeiträge das Konto. Er vollstreckt Parkgebühren, Steuerschulden, Bußgelder, ehe das Jahr um ist. Bei Alimenten nicht. Nicht weil er es nicht könnte. Sondern weil hier die Schwelle verläuft.
Es gibt den Unterhaltsvorschuss, das ist wahr. Aber sieh dir an, wie er gebaut ist. Er wird nicht vollstreckt, er wird beantragt. Er ist an Beträge gebunden — 227 Euro für die Kleinsten, 299, 394 —, und ab dem zwölften Lebensjahr nur noch, wenn das Kind nicht ohnehin im Bürgergeld steckt oder der alleinerziehende Elternteil mindestens sechshundert Euro im Monat verdient.¹² Die Mutter soll diesen Vorschuss mit den Kräften beantragen, die der Staat ihr durch sein Nicht-Vollstrecken bereits genommen hat. Erst nimmt er die Kraft, dann verlangt er den Antrag als Bedingung, sie zurückzubekommen.
Und der Antrag verlangt etwas, das gerade die am wenigsten übrig haben, die ihn am dringendsten bräuchten: die Kraft und die Sicherheit, vor einem Amt zu bestehen. Man muss wissen, welches Formular, welche Frist, welcher Schalter. Man muss das schaffen neben dem Schichtdienst, den zwei kleinen Kindern, dem Kochen, dem Waschen, dem Wachbleiben. Wer je zwei Kinder unter sieben durch eine Woche gebracht hat, weiß, wie wenig danach übrig ist für den Gang zu einem Schalter, an dem man sich erklären, fast entschuldigen muss.
Man sagt oft, die Armen schämten sich, zum Staat zu gehen. Ob meine Mutter sich geschämt hätte, weiß ich nicht. Aber Bittstellerin sein war unter ihrer Würde. Sie arbeitete, sie hatte einen rechtskräftigen Anspruch, und trotzdem wäre nicht der säumige Vater es gewesen, der sich vor einem Amt zu erklären hatte, sondern sie. Das ist die Verkehrung: Der, der zahlen müsste, bleibt unbehelligt. Die, der es zusteht, muss bitten.
Das ist kein Einzelfehler. Es ist das Muster. Fast jeder dritte Mensch, der in einem Haushalt mit einer alleinerziehenden Person lebt, ist armutsgefährdet — 28,7 Prozent, sagt die amtliche Statistik für 2025.¹³ Und die Leistungen, die das auffangen sollen, kommen bei einem großen Teil der Berechtigten nie an. Den Kinderzuschlag rufen nur rund fünfunddreißig Prozent der Anspruchsberechtigten ab; zwei Drittel lassen ihn liegen, nicht aus Stolz, sondern weil das Verfahren sie verliert.¹⁴ Beim Wohngeld gehen neuere Schätzungen davon aus, dass die Nichtinanspruchnahme weit höher liegt, als man lange annahm.¹⁵
Man nennt das Verwaltungsversagen. Es ist keines. Die Nichtinanspruchnahme ist kein Defekt im System. Sie ist eingebautes Sparen. Ein Anspruch, der nicht abgerufen wird, ist ein Anspruch, der nichts kostet. Der Bittstellerstaat spart nicht, indem er kürzt. Er spart, indem er die Tür schmal macht.
Die zwei, die er nicht schützt
Geld ist die eine Achse. Die zweite ist der Schutz, und auf ihr fallen die, die sich am wenigsten wehren können: die Kinder und die Frauen.
Das Bundeskriminalamt hat für 2024 16.354 Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern erfasst.¹⁶ Das sind, über das Jahr gerechnet, rund fünfundvierzig an jedem Tag — und das ist nur, was die Polizei sieht, das Hellfeld. Im selben Jahr senkte der Gesetzgeber die Mindeststrafen für Besitz und Verbreitung von Missbrauchsdarstellungen, von einem Jahr auf sechs Monate, von einem Jahr auf drei. Damit waren diese Taten nicht mehr zwingend Verbrechen, sondern wieder als Vergehen behandelbar. Nicht aus Bosheit; aus Abwägung, Justizpraxis, Strafzumessungslogik.¹⁷ Aber das Signal blieb. Der Schutz war verhandelbar.
Carsten Stahl, der laut und manchmal zu laut über Gewalt gegen Kinder spricht, hat den Grund benannt, warum solche Abwägungen immer zulasten der Kinder ausgehen.¹⁸ Kinder können nicht wählen. Sie zahlen keine Steuern. Und der Politik von heute nützen sie erst, wenn die Entscheider von heute längst in Pension sind. Ein System, das in Wahlperioden rechnet, investiert nicht in eine Dankbarkeit, die in zwanzig Jahren an jemand anderen zurückkommt. Kinder haben keine Lobby, weil sie strukturell keine haben können. Wer das einmal verstanden hat, wundert sich nicht mehr. Er wird wütend.
Mich macht das noch immer wütend, weil ich es selbst erlebt habe. Die Ohnmacht, die ich damals spürte, höre ich bei Stahl heraus, und ich sehe sie in den Zahlen, in den vielen Kinderseelen, die da einfach zerschlagen werden.
Ich wurde geschlagen, heftig. Aber neben den Schlägen lag das Leisere: Liebesentzug, Kommunikationsentzug, der Entzug jeder Aufmerksamkeit, jede Form von Sanktion, die einer Familie einfällt. Die Psychologie nennt das emotionale Vernachlässigung und zählt sie heute zu den Erfahrungen, die ein Kind so nachhaltig prägen wie ein Schlag.¹⁹
Und sie wirken weiter. Was man als Kind erlebt, wird zur einzigen Grammatik, die man kennt. Wer geschlagen wurde, gibt es oft weiter, nicht aus Bosheit, sondern aus Mangel an einer anderen Erfahrung. Die Forschung ist hier vorsichtig, und das zu Recht: ein erhöhtes Risiko, kein Schicksal. Aber gemessen ist es, vielfach, seit Jahrzehnten.¹⁹
Man muss das nicht in Studien suchen. Es reicht, einmal richtig zuzuhören, wenn Bekannte beiläufig erzählen, wie Kinder eingesperrt, gedemütigt, drangsaliert werden. Wir alle kennen das und schauen weg, denn das ist Privatsache. Oder?
Und daneben steht diese merkwürdige Erwartung, die Familie habe gefälligst dafür zu sorgen, dass das Kind funktioniert und sich benimmt. Genau das ist der Druck. Die kleine Familie, von der ich vorhin gesagt habe, dass sie ein Konstrukt ist, aus der aufgebrochenen Gemeinschaft herausgeschnitten, soll allein tragen, was früher viele trugen. Ein Teil der Gewalt entsteht unter diesem Druck. Und ihn nicht zu kennen, ist das Privileg derer, die ihn wegkaufen können, mit Kindermädchen, Tagesmüttern, Betreuung rund um die Uhr. Für sie ist der Druck eine fremde Sprache.
Leiden die Kinder, weil sie sich nicht wehren können, so leiden die Frauen, weil sie keine Wahl haben: Sie können nicht einfach gehen, so leicht das auch gesagt wird. Gewalt in der Ehe heißt, fast ausnahmslos, Gewalt von Männern gegen ihre Frauen. Das Bundeslagebild zählt für 2024 rund 266.000 Opfer häuslicher Gewalt, mehr als sieben von zehn sind Frauen, ein neuer Höchststand; 132 Frauen wurden im selben Jahr von ihrem oder ihrem früheren Partner getötet.²⁰ Und das ist das Hellfeld, nur das, was angezeigt wird. Auch hier sieht der Staat weg, solange es Ehe heißt, solange es hinter der Tür bleibt.
Und bei dem Thema Gewalt gegen Frauen wird es dann offensichtlich: Eine Familie funktioniert nur, wenn es eine Alternative gibt. Für das geschlagene Kind ist das schwer. Für die geschlagene Frau heißt die Alternative: gehen können. Und gehen können ist keine private Tugend, keine Frage von Mut oder Charakter. Es ist eine Bedingung, die jemand bauen muss. Sie heißt Frauenhaus. Deutschland bräuchte nach der Empfehlung der Istanbul-Konvention rund einundzwanzigtausend Schutzplätze. Vorhanden ist gut ein Drittel davon; es fehlen mehr als zwölftausend.²¹ Wer diese Häuser nicht baut, hält die Frau im Haus fest — nicht durch ein Gesetz, sondern durch das Fehlen einer Tür.
Henrik Ibsen hat das vor hundertfünfzig Jahren in ein Stück geschrieben. Nora darf in Torvalds Puppenheim alles — Geld ausgeben, sich kleiden, einkaufen. Nur eines kann sie nicht: gehen. Der Philosoph Philip Pettit hat den Begriff dafür geliefert: Freiheit ist nicht die Abwesenheit von Verboten.²² Frei ist nicht, wem gerade niemand etwas verbietet, sondern wer nicht der willkürlichen Macht eines anderen ausgeliefert ist — auch wenn der sie gerade nicht nutzt. Die Frau ohne Frauenhaus ist Nora. Eine Familie, aus der man nicht hinauskann, ist kein Schutzraum. Sie ist ein Puppenheim.
Manchmal aber öffnet sich die Tür von einer Seite, die niemand vorgesehen hat. Auf der re:publica 2026 stand eine Frau auf der Bühne, Agnieszka Jastrzębska, seit zehn Jahren in der Küche der Charité, ausgelagert in eine Tochterfirma, die eigens dafür gegründet wurde, die Löhne unter Tarif zu halten. Achtundvierzig Tage Streik kostete es, bis die Gewerkschaft eine Erhöhung durchsetzte. Diese zweihundert Euro im Monat, sagte sie, hätten ihr den Mut gegeben, sich von ihrem gewalttätigen Partner zu trennen.²³ Sie habe nicht für ein neues Auto gestreikt, sondern dafür, dass das Gehalt für Miete und Essen reicht. Das ist Nora, hundertfünfzig Jahre später, nur dass diese Nora hinauskam. Die Tür war nicht verschlossen, weil ein Gesetz sie zuhielt, sondern weil zweihundert Euro fehlten. Und geöffnet hat auch diese Tür nicht der Staat, sondern die Solidarität der Kollegen, obwohl doch dem Staat der Schutz des Einzelnen obliegt.
Der Küchentisch
Bis hierher klingt es, als ginge es nur um den Rückzug des Staates. Aber unter dem Rückzug liegt ein klares Kalkül. Und um das zu sehen, muss man fragen, wozu die Familie, so wie wir sie kennen, überhaupt gebaut wurde. Ja, gebaut. Denn sie wurde, so wie sie heute ist, von der Politik erschaffen, und sie wird noch immer in Wahlprogrammen verherrlicht.
Das Bild dafür kommt aus dem Kohlebergbau. Auf dem Hof hatte die Bäuerin immer mitgearbeitet; das Einkommen kam von allen, vom Mann, von der Frau, von den Kindern. Die Zeche drehte das um. Es entstand der Familienlohn — ein Lohn für den Mann, der eine Frau zu Hause finanzieren sollte, die ihn versorgte: das Essen kochte, die Wäsche wusch, die Kinder hütete, ihn jeden Morgen wieder arbeitsfähig machte. Die Historikerinnen, die das untersucht haben, formulieren es nüchtern: Die unbezahlte Arbeit der Frau verschob Wohlstand von ihr und den Kindern zum Mann — und floss zugleich in den Profit der Zechengesellschaft.²⁴ Die Frau reproduzierte die Arbeitskraft, die der Markt am nächsten Morgen verbrauchte. Umsonst.
Silvia Federici hat daraus die allgemeine Form gemacht.²⁵ Der Kapitalismus läuft auf einer Arbeit, die er nicht bezahlt: der Herstellung und Wiederherstellung der Arbeitenden selbst. Raj Patel nennt es eine seiner sieben billigen Dinge — cheap care.²⁶ Erziehung, Pflege, Hausarbeit werden unbezahlt gelassen oder so schlecht bezahlt, dass sie zur Armutsfalle werden. Es ist kein Zufall, dass die Berufe, die Menschen herstellen — Erzieherin, Pflegerin —, am unteren Ende der Lohnskala stehen. Es ist das Prinzip.
Und es ist gewaltig. Die Bundesregierung selbst beziffert die unbezahlte Sorgearbeit eines Jahres auf eine Bruttowertschöpfung von 987 Milliarden Euro — fast eine Billion, mehr als das gesamte produzierende Gewerbe.²⁷ Eine Volkswirtschaft, die ihre größte Wertschöpfung nicht bezahlt, nennt das nicht Ausbeutung. Sie nennt es Familie.
Und damit schließt sich der Kreis zum Anfang. Wenn der Staat die Reproduktion dieses Humankapitals nicht mehr sichert — die Sorgearbeit nicht finanziert, die Sorgenden verarmen lässt, die Pflege umsonst hält —, dann verlangt er von der Familie weiter, dass sie die Arbeitskraft herstellt, die die Wirtschaft braucht. Aber er entzieht ihr die Bedingungen dafür. Das ist keine Vernachlässigung. Das ist Ausbeutung mit einer Adresse: dem Küchentisch. Und es liegt nahe, die Sozialpolitik der Regierung Merz im Frühjahr 2026 genau so zu lesen: als Versuch, sich noch weiter auf der Sorgearbeit der Familien auszuruhen. Im März 2026 hat der Bundestag das Bürgergeld zur „Neuen Grundsicherung" umgebaut, mit schärferen Sanktionen bis hin zum vollständigen Leistungsentzug. Und nach einem durchgesickerten Sparpapier sollen ausgerechnet der Unterhaltsvorschuss zurückgefahren und der ab dem Schuljahr 2026/27 geplante Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung an Grundschulen wieder zur Disposition gestellt werden.²⁸ Beides nimmt den Familien genau das, was sie entlasten würde, und schiebt die Last dorthin zurück, wo sie ohnehin schon liegt.
Und sie bindet. Wer die Sorge nicht bezahlt, hält die Sorgende fest. Die Tür, durch die man gehen müsste, hat einen Preis, und solange Sorge nichts wert ist, kann die, die sorgt, ihn nicht zahlen.
Marlene Engelhorn hat den Satz, der auch hier trägt.²⁹ Schulden, sagt sie, sind nicht das Gegenteil von Vermögen, sondern gescheitertes Vermögen — dieselbe Struktur mit umgekehrtem Vorzeichen. Übertrage das auf die Familie: Familie und Familienarmut sind nicht zwei verschiedene Dinge. Sie sind dieselbe Struktur, in der die eine Variante getragen wird und die andere fällt. Wer fällt, fällt nicht, weil die Familie versagt. Er fällt, weil der Staat an ihrer Grenze die Hände frei behält.
Die fehlenden Wände
Noch eine Achse, und sie ist so handfest, dass man sie übersieht: der Raum, in dem all das stattfindet.
Stefan Schulz, der seit Jahren über Kinder und Familien schreibt, macht aus der ganzen Diagnose eine schlichte Pointe: Gegen Armut hilft Geld.³⁰ Der Familie wäre in den meisten Fällen schon geholfen, wenn sie mehr davon hätte. Der gängige Verdacht, arme Eltern würden solche Leistungen zweckentfremden — für Zigaretten, Alkohol, Elektronik —, ist untersucht und widerlegt; was nicht ankommt, versickert nicht bei den Familien, sondern in der Verwaltung der zweckgebundenen Leistungen.³¹ Es ist eine Materialfrage, keine Wertefrage.
Ich kenne beide Seiten dieser Rechnung. Als ich Kind war, fuhren die, die es sich leisten konnten, vier Wochen an die Adria, nach Bibione, Sand, Pizza, ein gutes Leben. Wir gehörten nicht dazu. Heute kann ich mir, das gebe ich offen zu, einiges leisten, was mit fünfundzwanzig undenkbar war, und ich fahre auch in die Resorts, von denen ich rede. Ich kenne sie von innen, von beiden Seiten der Schwelle.
Was man dort für acht-, neuntausend Euro die Woche kauft, ist nicht der Pool. Es ist die Betreuung. Die Kinder sind den Tag über aufgehoben, nicht weggesperrt in einer Spielecke, sondern wirklich betreut, oft besser als in mancher Schule. Die Eltern haben frei, die Kinder haben frei von den Eltern, niemand steht im Dauerstress. Geld kauft hier vor allem eines: Entlastung.
Und trotzdem sieht man dort, beim Abendessen, wie Eltern ihre Kinder sanktionieren, auf übelste Weise. Selbst wo aller Druck weggekauft ist, bricht er noch durch. Das sagt zweierlei. Dass der Druck echt ist und tief sitzt. Und dass Entlastung wirkt, denn man sieht ja, was sie mit denen macht, die sie sich leisten können. Was die einen für neuntausend Euro die Woche buchen, ist für die anderen schlicht nicht da.
Und das Material hat einen Namen neben dem Einkommen: die Wohnung. Wer keine Wohnung hat, in der ein Kind seine Hausaufgaben machen, ein Paar sich versöhnen, eine Großmutter wohnen kann, hat keine Familie, die trägt — wie immer er sie nennt.
Die amtliche Statistik zählte zum 31. Januar 2025 in Deutschland 474.700 untergebracht wohnungslose Menschen. Einundvierzig Prozent von ihnen waren jünger als fünfundzwanzig Jahre.³² Und diese Zahl erfasst nicht einmal die, die auf der Straße schlafen, und nicht die verdeckte Wohnungslosigkeit, das Sofa bei Freunden, die Notlösung bei Verwandten. Das ist kein Schicksal. Es ist die Folge davon, dass zu wenige Wohnungen gebaut werden — und der Staat, der nicht baut, strukturiert die Familie durch das Fehlen der Wände, in denen sie leben könnte.
Dass dieser Rückzug Methode hat, zeigt Clara Mattei an einem Beispiel, das wie eine Blaupause der Gegenwart liest.³³ Nach dem Ersten Weltkrieg, als allen klar war, dass Wohnraum fehlte, entstanden in Großbritannien staatlich geförderte, genossenschaftliche Bauverbände. Sie funktionierten. Achtzehn Monate lang. Dann, im Juli 1921, zog der Staat im Namen der Austerität seine Hilfe zurück — obwohl noch nicht einmal ein Fünftel der dringend benötigten Häuser gebaut war. Erst bauen, weil es nötig ist. Dann abbrechen, weil es teuer wird. Das Drehbuch ist hundert Jahre alt, und es läuft noch.
Der Staat macht die Familie ohnehin
An dieser Stelle dreht sich der Essay. Denn wenn die Familie nie vor dem Staat war, dann ist die Frage falsch gestellt. Sie lautet nicht: Soll der Staat sich heraushalten oder einmischen? Sie lautet: Wie konstituiert er die Familie? Denn er tut es ohnehin, immer, ob er will oder nicht.
Maria Theresia hat das vor zweihundertfünfzig Jahren vorgeführt. Als sie am sechsten Dezember 1774 die Allgemeine Schulordnung erließ und Unterricht für Kinder „beyderley Geschlechts" anordnete, hat sie nicht in die Familie hineinregiert und sich nicht aus ihr herausgehalten.³⁴ Sie hat ihre Rahmenbedingungen gesetzt. Wer ein Kind hatte, dessen Tag war von da an anders gebaut; das Kind gehörte für ein paar Stunden nicht der Familie, sondern der Schule. Kein Übergriff, kein Rückzug. Eine Gestaltung. Die Familie ist immer so verfasst, wie der Staat die Bedingungen verfasst, unter denen sie sich entfalten kann.
Genau hier sitzt der Denkfehler, der unser Bildungssystem trägt. Es unterstellt, die Familie habe die Voraussetzung zu schaffen, damit das Kind in der Schule funktioniert. Ausgeschlafen, gefrühstückt, betreut, mit gemachten Hausaufgaben soll es erscheinen — und wenn es das nicht tut, liegt es an der Familie. Aber das gilt nur für die Familien, die es können. Für das Kind, dessen Eltern zwei Jobs haben, dessen Wohnung zu eng ist zum Lernen, dessen Mutter rechnet, ob das Geld bis zum Monatsende reicht, ist diese Voraussetzung nicht herstellbar. Man verlangt von der Familie eine Leistung, deren Bedingungen man ihr vorenthält. Auch ich bin morgens allein aufgestanden, habe mir kein Frühstück gemacht und war das sprichwörtliche Schlüsselkind, das dann bis abends um fünf allein war oder auf dem Schulhof spielte.
Der Satz muss umgedreht werden. Nicht: Die Familie schafft die Voraussetzung, damit das Kind in der Schule funktioniert. Sondern: Die Gemeinschaft schafft die Bedingungen, unter denen die Familie dem Kind geben kann, was es braucht.
Was das konkret heißt, sagen die ersten Lehrerinnen bereits selbst. Schule, sagen sie, muss so gebaut sein, dass kein Kind zu Hause Hausaufgaben machen muss, weil längst nicht jede Familie das leisten kann, sich abends hinzusetzen und mitzuüben. Das ist der richtige Gedanke, und man kann ihn weiter treiben. Warum überhaupt Hausaufgaben? Ein Kind ist mit Hin- und Rückweg acht Stunden unterwegs. Einem Erwachsenen würden wir nicht zumuten, nach acht Stunden Arbeit zu Hause noch zwei weitere unbezahlt dranzuhängen. Dem Kind muten wir es zu, und dann lesen wir an seinem Ergebnis ab, was in Wahrheit das Ergebnis seiner Wohnung ist.
Dass die Schule ihren Auftrag nicht erfüllt, ist keine Krise der letzten Jahre. Sie hatte nie genug. Als ich zwischen 1979 und 1988 aufs Gymnasium ging, hatten die Schulen kein Geld, und sie hatten vorher auch keins. Die Klassen waren zu voll, die Räume zu klein, und irgendwann strichen Eltern die Wände des Klassenzimmers selbst. Man halte einen Moment inne bei diesem Bild: Bürger streichen die Wände der staatlichen Schule, in die ihre Kinder gesetzlich gehen müssen.
Es kann mir niemand erzählen, dass das Geld dafür fehlt. Ein Staat, der ein Sondervermögen für Panzer in Tagen mobilisiert, könnte Klassenräume bauen und Lehrerinnen ausbilden, wenn er es wollte. Es kann mir auch niemand erzählen, es gebe nicht genug Lehrerinnen. Man müsste sie ausbilden und den Beruf attraktiv machen, und attraktiv wird er nicht, solange er vor allem Verwaltung ist. Maria Theresia, sagte ich, hat vor zweihundertfünfzig Jahren dafür gesorgt, dass es Schule gab, und den Staat dafür in die Pflicht genommen. Zweihundertfünfzig Jahre später steht er noch immer nicht dafür gerade.
Die Fülle ist da
Und damit sind wir bei der Frage, um die es in dieser ganzen Reihe geht. Nicht mehr: Wie ist es kaputt? Sondern: Wie ginge es?
Nimm die Schule, weil sie am klarsten zeigt, wie die Umkehrung aussähe. Heute soll die Familie die Voraussetzung liefern, und wer es sich leisten kann, kauft die Differenz dazu: Nachhilfe, Förderung, ein zweites, privates Schulsystem am Nachmittag. In Südkorea geben die Familien dafür inzwischen einen Rekordbetrag aus, einen zweistelligen Milliardenbetrag Jahr für Jahr; die große Mehrheit der Kinder wird privat nachbeschult.³⁵ In Taiwan sitzt ein erheblicher Teil der Jugendlichen im buxiban, der Paukschule.³⁶ Das ist keine Bildung. Das ist eine private Steuer auf die Herkunft — und sie trifft genau die nicht, die sie bräuchten.
Die Lösung ist nicht teurer als das Problem. Sie ist nur öffentlich. Eine Schule mit genug Lehrern, in der die Hausaufgaben gemacht werden, bevor das Kind nach Hause geht, nimmt jeder Familie diese Last ab — und der armen zuerst, weil sie die Nachhilfe nie kaufen konnte. Was die wohlhabende Familie privat besorgt, stellt die öffentliche Schule für alle her. Das ist die ganze Bewegung dieser Reihe an einem einzigen Beispiel: nicht umverteilen, sondern bereitstellen.
Und so durch jede Achse. Wohnungen bauen, statt den Markt die Knappheit verwalten zu lassen. Frauenhäuser, die die fehlenden Plätze schaffen — der Bund hat mit dem Gewalthilfegesetz einen Anfang gemacht und will sich bis 2036 mit Milliarden beteiligen; jetzt müssen die Häuser auch stehen.³⁷ Sorgearbeit, die bezahlt wird. Jugendämter und Sozialdienste, die nicht überlastet sind. Und, wie Schulz sagt, Löhne, von denen eine Familie schlicht leben kann. Keine dieser Maßnahmen ist Utopie. Sie sind eine Frage des Geldes. Und das Geld ist da.
Dass es da ist, beweist der Staat selbst, jedes Mal. Am zweiten Juni 2022 beschloss der Bundestag in wenigen Tagen ein Sondervermögen von hundert Milliarden Euro für die Bundeswehr und schrieb eigens eine Ausnahme ins Grundgesetz, damit die Schuldenregel hier nicht greift.³⁸ Über Nacht war das Geld vorhanden, und niemand fragte, woher. Die Kinderarmut kostet diese Volkswirtschaft Jahr für Jahr mehr, als das Sondervermögen einmal gekostet hat — ein Programm dagegen in vergleichbarer Höhe hat nie jemand auch nur ernsthaft beantragt. Die Schuldenbremse gilt für Schulen, für Schutzplätze, für Sozialarbeit. Für Panzer gilt sie nicht.
Es ist nicht einmal nötig, neues Geld zu erfinden. Es liegt schon da. Der private Sektor in Deutschland weist Jahr für Jahr einen Finanzierungsüberschuss von rund 370 Milliarden Euro aus, Geld, das gespart wird und nicht in reale Investitionen am Standort fließt; die Bundesbank dokumentiert es. In einem eigenen Essay habe ich mit einem offen gelegten Modell durchgerechnet, was geschähe, wenn der Staat es aufnähme und investierte: ein vollständig kalkuliertes Programm von 544 Milliarden Euro im Jahr, Infrastruktur und Soziales, und darin genau die Posten, um die es hier geht, Kindergeld, Wohnungsbau, Pflege, Frauenhäuser, ein existenzsichernder Mindestlohn. Es trägt sich, über ein Jahrzehnt, durch das Wachstum, das es selbst erzeugt.³⁹
Und auf die Familie heruntergebrochen ist es nicht einmal eine Ausgabe, sondern die rentabelste Investition, die der Staat machen kann. Zwei Ökonomen haben es durchgerechnet: Staatliche Investitionen in Kitas und Ganztagsschulen werfen eine fiskalische Rendite von 14,3 Prozent ab und haben sich nach elf Jahren selbst bezahlt, weil mehr Eltern arbeiten können, vor allem Alleinerziehende, weil Kinder besser lernen, weil später die Sozialausgaben sinken und die Steuereinnahmen steigen.⁴⁰ Wer das weiß und es trotzdem unterlässt, spart nicht. Er verzichtet auf die Rendite, um die Knappheit zu behalten.
Mariana Mazzucato hat gezeigt, dass der Staat nie nur verwaltet, was der Markt ihm übrig lässt.⁴¹ Er gestaltet die Märkte, er stellt her, wozu er sich entscheidet — das Internet, die Impfung, die Grundlagenforschung hinter jedem Smartphone. Der Mangel an Wohnungen, an Lehrern, an Schutzplätzen, an bezahlter Sorge ist deshalb nicht vorgefunden. Er ist eine Prioritätenliste. Und Prioritätenlisten lassen sich ändern.
Ein Wort zur Vorsicht, weil dieser Gedanke leicht kippt. Mehr Sozialarbeit, aufgestockte Jugendämter — das darf nicht heißen: mehr Aufsicht über die Armen. Dann wäre Donzelots Tutellisierung nur größer, nicht besser. Der Staat, von dem diese Reihe spricht, kommt nicht als Kontrolleur. Er schafft die Bedingungen und überlässt sie dann der Familie. Nicht der Staat, der über die Familie wacht. Der Staat, in dessen Auftrag sie leben kann.
Die Tür
Die Familie als Keimzelle ist nicht das, was vor dem Staat war. Sie ist die Form, in der der Staat sich vom Schwächsten abwendet, ohne dass es gesehen wird. Das war die Diagnose, und sie stimmt. Aber sie ist nicht das Ende.
Denn sehen kann man es. Und bezahlen auch.
Es ist eine merkwürdige Sache mit den Türen in diesem Essay. Die Tür, hinter der ein sechsjähriges Kind so still wird, dass es sich selbst auslöscht. Der Briefkasten, in den nichts kommt. Die Tür, die der Frau fehlt, um zu gehen. Die Wände, die nicht gebaut werden. Es geht in dieser ganzen Geschichte um Schwellen, die der Staat nicht überschreitet, und um Türen, die er nicht baut.
Carsten Stahl, nach all der Lautstärke, hat einen leisen Satz, der mir geblieben ist: Ein Anruf reicht schon. Darin steckt die ganze Umkehrung. Die Größe des Problems lähmt; die Tür ist klein. Aber sie führt nur dann irgendwohin, wenn dahinter ein Staat steht, der nicht wegsieht, weil etwas Privatsache ist.
Die Fülle ist da. Was fehlt, ist nicht das Geld. Es ist die Entscheidung, die Familie zu sehen und ihr bereitzustellen, was sie braucht, bevor sie zerbricht.
Anmerkungen und Belege
Diese Dichte an echten Belegen wäre mir allein nicht möglich. Ich lasse meine Recherche von Claude und Perplexity unterstützen und gegenprüfen, und ich habe alles kontrolliert, so weit es mir möglich war. Fehler können trotzdem passieren. Wer einen findet, schreibe mir — ich korrigiere ihn.
1. Anthony Giddens, Sociology (Polity Press, Standard-Einführung, mehrere Auflagen) und Die Konstitution der Gesellschaft (engl. The Constitution of Society, 1984): Institutionen als die dauerhaften, „tief in Raum und Zeit eingelassenen" Züge des sozialen Lebens; Strukturationstheorie / Dualität der Struktur — soziale Strukturen werden im alltäglichen Handeln laufend reproduziert und sind eben dadurch veränderbar. Giddens war 1997–2003 Direktor der London School of Economics.
2. Friedrich Nietzsche, Zur Genealogie der Moral (1887), und in seiner Nachfolge Michel Foucault: Begriffe und Institutionen sind nicht neutral; sie stehen in Macht- und Herrschaftsverhältnissen, die sich historisch rekonstruieren lassen (Genealogie).
3. Jacques Donzelot, Die Ordnung der Familie (frz. La police des familles, 1977; engl. The Policing of Families, 1979), Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1980. Donzelot, Schüler und Kollege Foucaults, zeigt, wie der Staat seit dem 18. Jahrhundert über Philanthropie, Sozialarbeit, Schulpflicht und Psychiatrie in die vermeintlich private Familie eingreift (Begriff „tutelle", Vormundschaft/betreuende Aufsicht). Zentrale These ist die klassenspezifische Doppelbewegung: Die bürgerliche Familie wird liberalisiert und sich selbst überlassen, die Familie der Unterschicht unter Aufsicht gestellt. (Frei zugänglicher englischer Volltext verfügbar.)
4. Schulz, Die Kinderwüste, S. 88–89: Kinderarmut als gesamtwirtschaftlicher Schaden von 3,4 % des BIP ≈ 110–120 Mrd. Euro/Jahr (Stand 2019; DIW Econ / Maximilian Priem, vorgestellt mit der Diakonie 2023; im Wesentlichen Arbeitsmarkt- und Gesundheitsfolgekosten).
5. Anwerbeabkommen Deutschland–Türkei vom 30.10.1961; Anwerbestopp am 23.11.1973. Die Anwerbung war als befristete „Gastarbeit" gedacht; ein großer Teil blieb. Max Frisch: „Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen." Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung, Geschichte der Arbeitsmigration.
6. Friedrich Merz sprach Mitte Oktober 2025 von einem „Problem im Stadtbild" im Zusammenhang mit Migration; die Äußerung löste breite Kritik aus und fehlte anschließend im offiziellen Protokoll auf der Website des Bundeskanzlers (nur „(…)"). Vgl. CORRECTIV.Faktencheck, 23.10.2025.
7. PISA 2022: In Deutschland liegen sozial privilegierte 15-Jährige in Mathematik 111 Punkte vor sozial benachteiligten; der OECD-Durchschnitt dieses Abstands beträgt 93 Punkte, der Wert ist seit 2012 unverändert. Die soziale Herkunft erklärt in Deutschland rund 19 % der Leistungsunterschiede (OECD-Schnitt 15 %). Deutschland liegt damit deutlich über dem OECD-Durchschnitt und gehört zu den Ländern mit besonders starker Herkunftsabhängigkeit. Quellen: OECD PISA 2022; Deutsches Schulportal; bpb. Ergänzend OECD, A Broken Social Elevator? (2018): in Deutschland rund sechs Generationen, bis ein Kind aus den unteren 10 % das Medianeinkommen erreicht.
8. Alexandria Ocasio-Cortez, Gespräch mit David Axelrod, Institute of Politics, University of Chicago, 9.5.2026: Unterscheidung bias (kognitiv) vs. structural power (institutionell). Vgl. eigener Essay „Was AOC in Chicago gesagt hat".
9. Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben, Piper. oikos/polis: 2. Kapitel, § 5 „Die Polis und der Haushalt", ab S. 31. Unterscheidung Arbeiten / Herstellen / Handeln: ab S. 76, 124, 164. Natalität: um S. 15.
10. Grundgesetz, Art. 6: „Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung" (Abs. 1); „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft" (Abs. 2 — staatliches Wächteramt). Eingriffsschwelle bei Gefährdung des Kindeswohls: § 1666 BGB.
11. Deutschland: 2024 galten 14,4 % der unter 18-Jährigen als armutsgefährdet (mehr als jedes siebte Kind); die Armutsquote insgesamt stieg auf 15,5 % (+1,1 Prozentpunkte) und damit auf einen neuen Höchststand; rund 1,1 Mio. Kinder und Jugendliche leben in erheblicher materieller Entbehrung. Quelle: Paritätischer Armutsbericht 2025 (Daten 2024, Mikrozensus). Österreich: 2024 waren 344.000 Kinder und Jugendliche unter 18 armuts- oder ausgrenzungsgefährdet (rund 21 %); Kinder in Ein-Eltern-Haushalten tragen mit 36 % das höchste Risiko. Quelle: Statistik Austria, EU-SILC 2024. Hinweis: Relative Armut wird am jeweils zeitgenössischen Medianeinkommen gemessen (Schwelle 60 %); eine rückwirkende Einordnung der Verhältnisse von 1975 ist daher eine Näherung, kein exakter Messwert.
12. Unterhaltsvorschuss, Beträge ab 1.1.2025: 227 € (0–5 J.), 299 € (6–11 J.), 394 € (12–17 J.); keine Höchstbezugsdauer, Zahlung grds. bis 18; ab 12 J. nur, wenn das Kind nicht auf SGB-II-Leistungen angewiesen ist bzw. der/die Alleinerziehende ≥ 600 € brutto/Monat verdient.
13. Statistisches Bundesamt (Destatis), EU-SILC 2025: Armutsgefährdungsquote von Menschen in Alleinerziehenden-Haushalten 28,7 % (Armutsgefährdungsquote der Bevölkerung insgesamt 16,1 %).
14. Kinderzuschlag: Inanspruchnahme rund 35 %. Vgl. Stefan Schulz, Die Kinderwüste (2022), S. 89–91, zit. Marcel Fratzscher (DIW), Diakonie-Studie 2023: „Es ist schockierend, nur 35 Prozent nehmen diese Leistungen in Anspruch." Fratzscher fordert, „die Logik des Sozialstaats umzudrehen" — Bringschuld statt Holschuld: nicht der Berechtigte muss beantragen, der Staat muss sicherstellen, dass die Hilfe ankommt.
15. Wohngeld: neuere Schätzung (Ifo-Simulation) ~1,8 Mio. tatsächliche Bezieher bei ~7,3 Mio. anspruchsberechtigten Haushalten → Nichtinanspruchnahme in der Größenordnung von ~75 %. Im Text bewusst vorsichtig formuliert.
16. BKA, Bundeslagebild „Sexualdelikte zum Nachteil von Kindern und Jugendlichen" 2024 (vorgestellt am 21.8.2025): 16.354 erfasste Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern (zusätzlich 1.191 Fälle zum Nachteil Jugendlicher); polizeiliches Hellfeld, weiter auf hohem Niveau. Umrechnung rund 45/Tag als Hellfeld-Verdichtung gekennzeichnet.
17. Gesetz zur Anpassung der Mindeststrafen des § 184b Abs. 1 S. 1 und Abs. 3 StGB (Verbreitung, Erwerb und Besitz kinderpornographischer Inhalte). Vom Bundeskabinett am 7.2.2024 beschlossen, vom Bundestag am 16.5.2024 angenommen (BT-Drs. 20/10540), in Kraft getreten am 28.6.2024. Mindeststrafe Verbreitung (Abs. 1 S. 1) von 1 Jahr auf 6 Monate, Besitz/Erwerb (Abs. 3) von 1 Jahr auf 3 Monate herabgesetzt; dadurch sind diese Taten nicht mehr zwingend Verbrechen (das setzt eine Mindeststrafe von 1 Jahr voraus), sondern wieder als Vergehen behandelbar. Zuständig: Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP). Die Reform wurde fachlich begründet (Strafzumessung, Einzelfallgerechtigkeit, Verfahrenslast) und blieb umstritten.
18. Carsten Stahl, Interview im Podcast „SCARS – Der Deep Talk", 2026. Argument: Kinder ohne Wahlrecht, ohne Steuerzahlung, Nutzen erst nach Pension der Entscheider → strukturell keine Lobby. Vgl. eigene Vorarbeiten „Ich war sechs" / „Kinder haben keine Lobby".
19. Zur Weitergabe von Gewalt und zur Wirkung emotionaler Vernachlässigung: Cathy Spatz Widom, „The Cycle of Violence", Science 244 (1989), S. 160–166 — misshandelte und vernachlässigte Kinder tragen ein erhöhtes Risiko späterer Gewalt- und Straffälligkeit; Widom betont ausdrücklich, dass es sich um ein erhöhtes Risiko handelt, nicht um einen Automatismus (von den als Kind Misshandelten misshandeln später etwa ein Fünftel bis ein Drittel die eigenen Kinder). Vincent J. Felitti, Robert F. Anda u. a., „The Adverse Childhood Experiences (ACE) Study", American Journal of Preventive Medicine 14 (1998), S. 245–258 (über 17.000 Teilnehmende): belastende Kindheitserfahrungen, darunter emotionale Vernachlässigung (unerfüllte emotionale Grundbedürfnisse, fehlende Zuwendung), stehen in einem Dosis-Wirkungs-Verhältnis zu späteren gesundheitlichen und sozialen Folgen. Für Deutschland: Pfeiffer/Wetzels, Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN), 1998, zur Verbindung innerfamiliärer Gewalterfahrung mit späterer Jugenddelinquenz.
20. BKA, Bundeslagebilder „Häusliche Gewalt" und „Geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten" 2024 (veröffentlicht November 2025): 265.942 Opfer häuslicher Gewalt, neuer Höchststand, 70,4 % der Opfer weiblich; Partnerschaftsgewalt 171.069 Opfer, rund 80 % weiblich. 2024 wurden 132 Frauen von ihrem oder früheren Partner getötet (2023: 155); 308 Frauen wurden Opfer eines (versuchten) Mordes oder Totschlags. Erfasst ist nur das polizeiliche Hellfeld.
21. Frauenhauskoordinierung (FHK), Stand 2025: Bedarf nach Istanbul-Konvention rund 21.000 Frauenhausplätze (Richtwert 1 Familienplatz je 10.000 Einw.); vorhanden rund 7.700; es fehlen mehr als 12.000. Das Gewalthilfegesetz (in Kraft seit Ende Februar 2025) verpflichtet die Länder, das Hilfesystem 2027–2032 bedarfsgerecht auszubauen.
22. Philip Pettit, Republicanism (Freiheit als Nicht-Beherrschung). Bild: Ibsen, Nora oder Ein Puppenheim (1879). Vgl. Sigl-Glöckners Nora-Lektüre (eigener Essay „Austerität ist kein Fehler").
23. Agnieszka Jastrzębska, Beschäftigte der Charité Facility Management GmbH (CFM, 2006 ausgegliederte Charité-Tochter mit Niedrigtariflöhnen), auf der re:publica 26 (19./20.5.2026, Panel „Unsichtbare Ordnung? — What Class Means Today" mit Hanno Sauer und Mareice Kaiser). Der CFM-Streik 2025 (48 Tage, ver.di, Tarifabschluss 6.6.2025) erkämpfte je nach Lohngruppe 200 bis 1.000 € mehr im Monat (stufenweise Angleichung an TVöD-K bis 1.1.2030); die genannten „200 Euro" sind der untere Spann- bzw. Sofort-Effekt, nicht das volle Tarifvolumen. O-Ton (Auto-Transkript, vor Veröffentlichung gegen das Originalvideo zu prüfen): „diese 200 € haben mir einfach den Mut gegeben, von meinem gewalttätigen Partner mich zu trennen"; „Wir haben nicht gestreikt, dass wir mehr Geld für neue Autos kaufen, wir haben gestreikt, dass unser Gehalt für Miete und Essen reicht." Vgl. Mareice Kaiser, „Neue Maloche" (Der Freitag, 30.9.2025); eigener Zettel z815. Video: youtube.com/watch?v=l1mGg72YW4w.
24. Zum „family wage"/male-breadwinner-Modell im britischen Kohlebergbau und zur unbezahlten Reproduktionsarbeit: u. a. Feminist Economics 2022 („The Best Job in the World"); Horrell/Humphries u. a. zum male-breadwinner-Modell im 19. Jh. (International Review of Social History).
25. Silvia Federici, Caliban und die Hexe / „Wages Against Housework": unbezahlte Reproduktionsarbeit als Bedingung der kapitalistischen Akkumulation.
26. Raj Patel / Jason W. Moore, A History of the World in Seven Cheap Things (2017), Kapitel „Cheap Care".
27. Schulz, Die Kinderwüste, S. 86–87: Die unbezahlte Sorgearbeit der Haushalte entspricht für 2013 einer Bruttowertschöpfung von 987 Milliarden Euro — „deutlich über der Wertschöpfung des produzierenden Gewerbes". Zahlen des Bundesfamilienministeriums auf Basis des Statistischen Bundesamts (Norbert Schwarz, 2014).
28. „Neue Grundsicherung": Der Bundestag beschloss am 5.3.2026 die Umbenennung und Verschärfung des Bürgergeldes (Inkrafttreten 1.7.2026); u. a. Wiedereinführung des Vermittlungsvorrangs und schärfere Sanktionen — Kürzung des Regelsatzes um 30 % bei versäumten Jobcenter-Terminen, bei wiederholtem Fernbleiben bis zum vollständigen Leistungsentzug inkl. der Kosten der Unterkunft. Bundeskanzler Merz begründete die Reform mit „Fördern und Fordern" und einem „zukunftsfesten" Sozialstaat. Parallel kündigte die Regierung ein als „historisch" bezeichnetes Sozial-/GKV-Sparpaket an (GKV-Entlastung rund 16,3 Mrd. €). Nach einem in der Presse zitierten internen Papier sollen zudem der Unterhaltsvorschuss zurückgefahren und der ab Schuljahr 2026/27 geplante Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung an Grundschulen zur Disposition gestellt werden — Stand Frühjahr 2026, insoweit noch nicht abschließend beschlossen. Quellen: Bundesregierung; Deutsches Ärzteblatt; Berichterstattung Frühjahr 2026.
29. Marlene Engelhorn, Bühnengespräch mit Markus Marterbauer, Wien, 9.5.2026 (Podcast „Zündstoff", MOMENT-Magazin); vgl. dies., Geld (2022). Schulden als „gescheitertes Vermögen".
30. Stefan Schulz, Die Kinderwüste: Wie die Politik Familien im Stich lässt (2022): Familienarmut als Material-, nicht Wertefrage — „Gegen Armut hilft Geld".
31. Schulz, Die Kinderwüste, S. 89–91: „Gegen Armut hilft Geld." Eine Bertelsmann-Studie (2018) widerlegt den Verdacht, arme Eltern würden Geldleistungen zweckentfremden (kein nachweisbarer Effekt auf Unterhaltungselektronik, Alkohol, Zigaretten); zweckgebundene Sach-/Geldleistungen kommen „wegen der hohen Verwaltungsausgaben nie in voller Höhe bei den Kindern an".
32. Statistisches Bundesamt: zum 31.1.2025 wurden 474.700 Personen wegen Wohnungslosigkeit untergebracht; 41 % von ihnen waren jünger als 25 Jahre. Die amtliche Statistik erfasst weder Menschen ohne jede Unterkunft (Straße) noch die verdeckte Wohnungslosigkeit bei Bekannten oder Verwandten. (Hinweis: Eine separat berichtete Zahl von rund 137.800 bezieht sich auf untergebracht wohnungslose Personen aus der Ukraine, nicht auf Minderjährige, und wird hier daher bewusst nicht als Minderjährigenzahl verwendet.)
33. Clara E. Mattei, The Capital Order: How Economists Invented Austerity and Paved the Way to Fascism, University of Chicago Press 2022, S. 98–99: Die staatlich gestützten britischen „building guilds" (gildensozialistische Bauverbände) florierten achtzehn Monate. „By July 1921, amid a rollout of monetary austerity, an economic downturn, and a mounting ‚economy campaign', the government decided to withdraw all state aid from local authorities, leaving them stripped of the ability to finance housing projects, even though less than one-fifth of the houses urgently required had been built." Der „Geddes Axe" (1922) beendete das Wohnungsbauprogramm endgültig.
34. Maria Theresia, Allgemeine Schulordnung vom 6.12.1774: Unterrichtspflicht für Kinder „beyderley Geschlechts" im Alter von 6 bis 12 Jahren. Vgl. eigener Essay „Penthouse und Permakultur".
35. Südkorea, private Bildungsausgaben („private education"): 2024 Rekordvolumen von 29,3 Bio. Won (rund 20 Mrd. USD), +7,7 % gegenüber dem Vorjahr — trotz sinkender Schülerzahlen. Quelle: Statistics Korea / Bildungsministerium, veröffentlicht 13.3.2025 (berichtet u. a. von der Korea Herald).
36. Taiwan, Verbreitung von buxiban (cram schools): erheblicher Anteil der Sekundarschüler in Prüfungs-Nachhilfe (Größenordnung ~46 % der Neuntklässler in Mathe-Nachhilfe, ältere Erhebung). Quelle: Forschungsliteratur zu shadow education in Ostasien.
37. Gewalthilfegesetz: Beteiligung des Bundes mit rund 2,6 Mrd. Euro bis 2036 an Ausbau und Sicherung der Schutzinfrastruktur (u. a. Frauenhäuser). Quelle: Frauenhauskoordinierung.
38. Sondervermögen Bundeswehr: Bundestagsbeschluss am 2.6.2022. Grundgesetzänderung 683 Ja / 96 Nein / 20 Enth.; Errichtungsgesetz 593 / 80 / 7. Über Art. 87a GG ausdrücklich von den Schuldenregeln der Art. 109 Abs. 3 / 115 Abs. 2 GG ausgenommen. Vergleichbares Programm gegen Kinderarmut in gleicher Größenordnung: nicht existent.
39. Boris Gloger, „Es gibt keine Knappheit" (borisgloger.at, 2026). Offen gelegtes Modell (mit Claude, Opus 4.6) auf Basis des Blanchard-Leigh-Fiskalmultiplikators (Blanchard/Leigh 2013), kalibriert mit Bundesbank, IMF Fiscal Monitor 2025 und Eurostat, als reproduzierbares Python-Skript. Kernzahlen: rund 370 Mrd. € jährlicher Finanzierungsüberschuss des privaten Sektors (Bundesbank); ein durchgerechnetes Investitionsprogramm von 544 Mrd. €/Jahr (350 Mrd. Infrastruktur, 194 Mrd. Soziales), das sich über das erzeugte Wachstum selbst trägt. Ergänzend KfW-Kommunalpanel 2025: kommunaler Investitionsrückstand 215,7 Mrd. €.
40. Tom Krebs / Martin Scheffel, „Lohnende Investitionen" (2017): fiskalische Rendite staatlicher Investitionen in Kitas und Schulen 14,3 %, fiskalische Amortisationszeit 11 Jahre; Wirkmechanismen u. a. erhöhtes Arbeitsangebot der Eltern (besonders Alleinerziehender), höherer Bildungserfolg, sinkende Sozialausgaben und steigendes Steueraufkommen. Zitiert nach Stefan Schulz, Die Kinderwüste, S. 91–93.
41. Mariana Mazzucato, The Entrepreneurial State (2013), Mission Economy (2021); „market shaping" statt bloßem „market fixing": Märkte öffentlich „co-create and co-shape".