Was wir brauchen
Es waren ja genug Liegestühle da. Die Knappheit musste erst hergestellt werden. Ein Fragment.
Ein Fragment zur Philosophie der Fülle
In einer Vorlesung an der TU Darmstadt erzählte uns ein
In einer Vorlesung an der TU Darmstadt erzählte uns ein Professor — ich erinnere mich an den Namen Jäger, ein Soziologe und Systemtheoretiker — ein Gleichnis, das mich damals wie heute bewegt. Das Gleichnis geht auf Heinrich Popitz zurück, der es in Prozesse der Machtbildung (1968) als empirische Beobachtung auf einem Schiff im östlichen Mittelmeer beschrieben hat. Professor Jäger hat es in seiner Vorlesung zugespitzt. (Vielen Dank an Katja Paar, die mich auf die Quelle hinwies.)
Auf einem großen Luxusdampfer gibt es genügend Liegestühle für alle. Man kommt, benutzt einen, steht auf, der nächste setzt sich. Es reicht für alle, weil niemand bleibt. Bis eines Tages jemand sein Handtuch auf einen Liegestuhl legt und sagt: Dieser hier gehört mir.
Das Handtuch bezeugt Besitz. Aber wer nicht ständig neben seinem Liegestuhl stehen kann, braucht jemanden, der aufpasst. So entstehen die Wächter. Die Wächter kümmern sich um die reservierten Liegestühle und bekommen dafür das Recht, sie gelegentlich selbst zu nutzen — aber sie benutzen sie nicht. Sie dürfen nur aufpassen.
Und schon hat man eine Hierarchie. Besitzer, Wächter, alle anderen. Drei Klassen, wo vorher keine waren. Professor Jäger sagte damals etwas, das mich seitdem begleitet: Rigide Systeme sind den nicht-rigiden immer strukturell überlegen. Sie setzen sich durch — nicht weil sie besser sind, sondern weil die Struktur selbst die Rigidität erzeugt. Wer Handtücher drauflegt, gewinnt gegen die, die den freien Zugang verteidigen.
Was mich aber heute an diesem Gleichnis fasziniert, ist etwas anderes. Etwas, das mir erst jetzt aufgeht, nach Jahren der Beschäftigung mit der Frage, warum unsere Gesellschaft so funktioniert, wie sie funktioniert.
Es waren ja genug Liegestühle da.
Die Knappheit musste erst hergestellt werden. Erst das Handtuch machte den Liegestuhl knapp. Erst der Besitzanspruch erzeugte die Hierarchie, die Wächter, die Klassen. Vorher war alles da — für alle.
Das ist, in einem Bild, die Geschichte unserer Ökonomie
Das ist, in einem Bild, die Geschichte unserer Ökonomie.
Wir haben ein Problem. Nicht das Problem, das man uns erzählt. Nicht den Fachkräftemangel, nicht die Staatsverschuldung, nicht die Wettbewerbsfähigkeit. Das Problem ist einfacher und fundamentaler: Wir haben vergessen zu fragen, was wir eigentlich brauchen. Und wir haben vergessen, dass genug da ist.
Die Ökonomie, in der wir leben, hat auf diese Frage keine Antwort. Sie hat nicht einmal die Frage. Was sie hat, ist ein Axiom: Knappheit. Alles ist knapp — Geld, Zeit, Arbeitskräfte, Ressourcen, Aufmerksamkeit. Aus dieser Knappheit leitet sie alles ab: Preise, Löhne, Zinsen, Wachstum. Die gesamte Volkswirtschaftslehre ist ein elaboriertes System zur Verwaltung von Mangel.
Clara Mattei hat gezeigt, dass diese Knappheit kein Naturgesetz ist, sondern eine politische Entscheidung. In The Capital Order rekonstruiert sie, wie Austerität nach dem Ersten Weltkrieg nicht als Sparprogramm entstand, sondern als Antwort auf eine Bedrohung: Arbeiter in Italien und Großbritannien begannen, die Kontrolle über ihre Fabriken zu übernehmen. Die Antwort war nicht Repression allein — sie war ökonomisch. Man entzog ihnen die Mittel. Man machte alles knapp. Jemand legte das Handtuch auf den Liegestuhl. Austerität ist keine Haushaltspolitik. Sie ist Klassenpolitik.
Und diese Strukturen sind Attraktoren. Thomas Piketty hat in Das Kapital im 21. Jahrhundert gezeigt, dass die Kapitalrendite langfristig höher liegt als das Wirtschaftswachstum — r > g. Die Konsequenz: Vermögen konzentriert sich, Generation für Generation, nicht durch Leistung, sondern durch Struktur. Eine Studie aus 2025, die sechzehn Länder über hundertfünfzig Jahre untersucht hat, bestätigt den Mechanismus: Ein Prozentpunkt mehr Differenz zwischen Kapitalrendite und Wachstum erhöht den Vermögensanteil des obersten einen Prozents um fast vier Prozent. Das ist kein Marktversagen. Das ist ein Attraktor. Die Struktur zieht das Vermögen an, wie die Gravitation Masse anzieht.
Philippa Sigl-Glöckner hat das für Deutschland durchbuchstabiert. In Gutes Geld zeigt sie, dass die Schuldenbremse auf einer willkürlichen Kennzahl basiert — 0,35 Prozent des BIP, aus der Luft gegriffen —, die das Land systematisch an Investitionen hindert. Während die USA nach der Pandemie mit hoher Verschuldung schnell wieder auf Kurs kamen, fiel Deutschland zurück. Die Schuldenbremse ist, in Sigl-Glöckners Worten, die gefährlichste Idee, die nie einer hatte. Ihr Rahmen: Finanzpolitik soll drei Zielen dienen — Würde, Wohlstand, Demokratie.
Das ist richtig. Aber es reicht nicht.
Denn die Frage bleibt: Was brauchen wir denn eigentlich?
Denn die Frage bleibt: Was brauchen wir denn eigentlich? Nicht als Volkswirtschaft. Als Menschen.
Die Antwort ist erstaunlich schlicht. Wir brauchen genug zu essen. Wir brauchen Zeit — für uns selbst, für unsere Kinder, für unsere Kranken, für unsere Alten. Wir brauchen Care-Arbeit, die nicht als Kostenfaktor verbucht wird, sondern als das, was eine Gesellschaft zusammenhält. Wir brauchen Bildung, die nicht auf Employability zielt, sondern auf Mündigkeit. Wir brauchen Gesundheitsversorgung. Wir brauchen Bewegung, Freiheit, Kultur. Wir brauchen öffentliche Räume, in denen wir uns begegnen. Und wir brauchen Zeit für Demokratie — echte Beteiligung, nicht alle vier Jahre ein Kreuz.
Das ist keine willkürliche Liste. Amartya Sen und Martha Nussbaum haben den philosophischen Rahmen dafür geliefert: den Capability Approach. Was Menschen brauchen, lässt sich nicht allein über Einkommen messen — es misst sich daran, was sie tatsächlich sein und tun können. Die Liste der Grundbefähigungen ist philosophisch begründbar, nicht beliebig.
Das alles ist nicht utopisch. Es ist eine Liste. Man kann sie durchrechnen. Man kann Krankenhäuser bauen und sie öffentlich betreiben, statt sie an Rendite-Erwartungen zu ketten. Man kann den Nahverkehr kostenlos machen. Man kann in jede Schulklasse mehr Lehrerinnen schicken, statt die Kinder in Dreißiger-Gruppen zu stapeln. Man kann Gehwege im Winter räumen lassen, wie in der Schweiz, wo das selbstverständlich ist. Man kann öffentliche Supermärkte betreiben, die gutes, gesundes Essen zu fairen Preisen anbieten und damit den privaten Markt unter Druck setzen. Man kann Gemeindearbeiter einstellen, die sich um die Nachbarschaft kümmern.
Nichts davon ist paternalistisch. Niemand wird belehrt. Niemand wird erzogen. Es werden Strukturen geschaffen. Fahrradwege, Schwimmbäder, gute Schulen, zugängliche Krankenhäuser. Niemand wird etwas dagegen haben.
Der Staat organisiert die Fülle. Der Markt den Luxus.
An dieser Stelle muss ich einen Unterschied benennen
An dieser Stelle muss ich einen Unterschied benennen. Denn was ich hier beschreibe, klingt auf den ersten Blick wie Sozialdemokratie. Der Staat stellt Grundbedürfnisse her — das ist der Kern des skandinavischen Modells, des Godesberger Programms, der drei Welten des Wohlfahrtsstaates.
Aber die Philosophie der Fülle ist etwas anderes. Auf drei Ebenen.
Erstens, epistemologisch: Die Sozialdemokratie akzeptiert die Knappheitsprämisse. Sie sagt: Es ist nicht genug da, also müssen wir umverteilen. Ich sage: Es IST genug da. Die Knappheit ist konstruiert. Umverteilung bleibt im Knappheitsparadigma — sie nimmt den einen und gibt den anderen, aber die Logik bleibt dieselbe. Fülle verlässt diese Logik. Die Sozialdemokratie verteilt Liegestühle um. Die Philosophie der Fülle nimmt die Handtücher weg.
Und hier muss die Sozialdemokratie tatsächlich dagegenhalten: Wenn der Kapitalismus den Menschen ihre Zeit stiehlt, dann gibt es keinen Grund, warum die Arbeitgeber nicht einen höheren Teil ihres Surplus zurückgeben könnten — in Form von höheren Löhnen und höheren Beiträgen zu Sozialabgaben. Das wäre nicht Fülle. Aber es wäre ein Anfang.
Zweitens, anthropologisch: Die Sozialdemokratie ist paternalistisch. Der Staat weiß, was gut für dich ist. Er schützt dich. Die Philosophie der Fülle ist das Gegenteil: Der Staat schafft Bedingungen — und die rationale Antwort der Menschen ändert sich von allein. Kein Erziehungsprogramm. Keine Belehrung. Nur Strukturwandel. Das ist, nebenbei, das eigentliche Problem der politischen Diskussion: Jeder will umsorgt werden, aber niemand will gesagt bekommen, dass er zum Arzt gehen muss. Wir bauen Fahrradwege, Schwimmbäder, gute Schulen. Niemand wird belehrt. Aber alle profitieren.
Drittens — und hier wird es philosophisch schwer — ontologisch. In Connecting the Dots habe ich argumentiert, dass Rationalität an Sinnfelder gebunden ist, im Anschluss an Markus Gabriels Sinnfeld-Ontologie. In Connecting the Dots habe ich gezeigt, dass Rationalität kontextgebunden ist. Hier radikalisiere ich: Fülle verändert den Kontext — und damit die Rationalität selbst. Das ist nicht nur eine Erweiterung. Es ist eine Konsequenz, die ich damals noch nicht gezogen habe.
Aber Gabriel und ich ziehen verschiedene Konsequenzen aus dem Sinnfeld-Gedanken. Gabriel sichert das Subjekt ab: Die Sinnfelder sind real, also bin ich real. Ich drehe die Frage um. Nicht ich muss beweisen, dass ich existiere. Die Fülle selbst hält mich. Die Absicherung kommt nicht aus dem Subjekt — sie kommt aus der Welt.
Die Sozialdemokratie denkt vom Subjekt her: Sie schützt den Einzelnen. Die Philosophie der Fülle denkt von der Welt her: Sie verändert die Struktur, in der alle leben. Das ist der Unterschied: Subjektsicherung gegen Weltsicherung.
Ich unterscheide mich bewusst vom linken Mainstream: Auch die Reichen haben Bedürfnisse. Auch die Politiker. Auch die Handtuch-Leger. Die Philosophie der Fülle moralisiert nicht. Sie sagt nicht: Die Reichen sind böse und die Armen sind gut. Sie sagt: Die Struktur erzeugt Verhalten. Auch der Handtuch-Leger legt sein Handtuch, weil er Angst hat. Und eine Welt, die Fülle herstellt, hält auch ihn.
Und damit sind wir beim Kern
Und damit sind wir beim Kern.
Gregory Bateson hat formuliert, was Information ist: ein Unterschied, der einen Unterschied macht. Luhmann hat das für die Soziologie übernommen. Für unsere Gesellschaft gibt es genau einen solchen Unterschied, und Clara Mattei hat ihn beim Namen genannt: Lebst du von Kapital — oder musst du arbeiten?
Das ist die Klassengrenze. Hanno Sauer hat — bei aller berechtigten Kritik an seinem Denken — einen Punkt, wenn er argumentiert, dass der Klassenunterschied fundamentaler ist als alle anderen Formen der Diskriminierung. Nicht weil Rassismus oder Sexismus nicht existieren. Sondern weil am Ende auch Antisemitismus, Rassismus, Gender-Diskriminierung auf Statusunterschiede zurückführen. Das Bedürfnis dahinter ist immer dasselbe: einen Platz in der Gesellschaft haben. Und wer keinen ökonomischen Platz hat, sucht sich einen anderen — über Hautfarbe, über Geschlecht, über Herkunft. Die ökonomische Spaltung gibt allen anderen Spaltungen ihre materielle Durchschlagskraft.
In der Sprache des Liegestuhl-Gleichnisses: Es gibt die, die Handtücher legen. Es gibt die Wächter, die dafür bezahlt werden aufzupassen. Und es gibt alle anderen, die stehen.
Und dieser Unterschied reproduziert sich
Und dieser Unterschied reproduziert sich. Nicht durch Vererbung allein — durch Arbeit.
Daniel Markovits hat in The Meritocracy Trap gezeigt, wie das funktioniert. Die obere Mittelschicht investiert massiv in ihre Kinder. Elite-Schulen, Tutoring, Netzwerke. Die Kinder verausgaben sich dann in endlosen Arbeitswochen — nicht um Wert zu schaffen, sondern um sich den Zugang zur Rente zu sichern. Sie extrahieren überproportionale Vergütung aus Organisationen. Nicht weil sie mehr leisten. Sondern weil die Struktur so gebaut ist, dass nur sie hinein dürfen.
Gary Hamel hat das von der organisationalen Seite beschrieben: den Management Tax. Organisationen sind überfüllt, weil sie ihre Managementschichten mit ernähren müssen. Die Bürokratie wächst nicht trotz der Manager, sondern wegen ihnen. Mehr Wächter, die mehr Handtücher bewachen.
Und Thorstein Veblen hat schon 1899 den Antrieb dahinter benannt: Status. Conspicuous Consumption — man konsumiert, um Zugehörigkeit zu markieren. Markovits aktualisiert das: Heute ist es nicht der Konsum, sondern die Arbeit selbst, die zur Statusmarkierung wird. Man arbeitet achtzig Stunden, um zu zeigen, dass man dazugehört.
Aber warum?
Aber warum? Warum machen die Menschen das mit? Warum legen sie Handtücher auf Liegestühle, bewachen sie, verausgaben sich dafür?
Die Standard-Antwort — die Antwort von Veblen, von Bourdieu, im Grunde auch von Sauer — lautet: Status ist ein anthropologisches Grundbedürfnis. Menschen positionieren sich. Immer. Überall. In jeder Gesellschaft. Status braucht keine Knappheit. Status braucht nur Differenz. Und Differenz lässt sich aus allem herstellen.
Ich glaube, das ist falsch. Oder genauer: Es greift nicht tief genug.
Status ist kein Grundbedürfnis. Status ist eine Bewältigungsstrategie. Gegen Angst.
Der Platz, den ich in der Hierarchie habe, gibt mir Sicherheit. Nicht weil er mir gefällt — sondern weil ich ohne ihn Angst habe. Angst, nicht dazuzugehören. Angst, herauszufallen. Angst, dass morgen kein Liegestuhl mehr da ist. Das Handtuch auf dem Liegestuhl ist kein Statuszeichen. Es ist eine Angstreaktion.
Und wenn Status eine Angstreaktion ist, dann gibt es eine mächtigere Alternative als Status. Eine, die nicht die Symptome behandelt, sondern die Ursache.
Verbundenheit.
Die Forschung ist eindeutig
Die Forschung ist eindeutig. Kerstin Uvnäs-Moberg vom Karolinska-Institut in Stockholm hat das "Calm and Connection System" beschrieben — ein psychophysiologisches System, das dem Fight-or-Flight-System entgegensteht. Oxytocin senkt Cortisol. Das Bindungshormon hebt das Stresshormon auf. Nicht metaphorisch — biochemisch. Die Kombination von Oxytocin und sozialer Unterstützung erzeugt die niedrigsten Cortisol-Konzentrationen und die höchste Ruhe unter Stress.
Übersetzt: Wenn Menschen sich geborgen fühlen, verschwindet die Angst, die Status antreibt.
Der World Happiness Report 2025 zeigt genau das. Finnland ist zum achten Mal in Folge das glücklichste Land der Welt. Nicht weil die Finnen reicher sind — sondern weil sie sich sicherer fühlen. Soziale Unterstützung, Vertrauen in Institutionen, Freiheit, niedrige Korruption. John Helliwell, einer der Herausgeber des Reports, bringt es auf einen Satz: Menschen sind glücklicher, wenn sie glauben, dass andere sich umeinander kümmern.
Die skandinavischen Gesellschaften haben nicht den Status abgeschafft. Aber sie haben etwas getan, das wichtiger ist: Sie haben den Staat als Sicherheitsstruktur aufgebaut. Und in diesem Sinnfeld — wenn die existenzielle Angst wegfällt — verliert Status seinen Antrieb. Nicht vollständig. Es gibt immer noch feine Unterschiede, kulturelles Kapital, Viertel und Schulen. Bourdieu verschwindet nicht. Aber die Einsätze im Statusspiel fallen. Wer verliert, verhungert nicht. Wer nicht mitmacht, erfriert nicht. Die Distinktion wird zum Spiel statt zum Überlebenskampf.
Warum können die Handtuch-Leger nicht einfach erkennen, dass auch sie einen Liegestuhl hätten — ohne Handtuch? Wer einmal begreift, dass die Fülle da ist, braucht doch nicht mehr zu horten. Das ist meine Verzweiflung — und zugleich mein Argument. Denn die Antwort lautet: Sie erkennen es nicht, WEIL die Angst sie daran hindert. Die Angst ist das Handtuch. Nimm die Angst weg, und das Handtuch fällt von allein.
Jetzt kann ich die Kaskade neu schreiben
Jetzt kann ich die Kaskade neu schreiben.
Die alte Version: Klasse erzeugt Status. Status erzeugt Bürokratie. Bürokratie erzeugt Erschöpfung. Erschöpfung wird als Leistung verkauft.
Aber das greift nicht tief genug. Die Kaskade beginnt nicht bei der Klasse. Sie beginnt bei der Angst.
Angst erzeugt Klasse. Klasse erzeugt Status. Status erzeugt Bürokratie. Bürokratie erzeugt Erschöpfung. Und Leistung wird als Status markiert.
Die Angst war VOR der Klasse da. Das erste Handtuch wurde nicht aus Gier auf den Liegestuhl gelegt. Es wurde aus Angst draufgelegt — Angst, morgen keinen Platz zu haben. Und dann wurde um dieses Handtuch herum eine ganze Gesellschaft gebaut. Die Klasse ist die Struktur, die Menschen aus Angst errichten. Der Status ist die Befestigung der Klasse. Die Bürokratie ist die Bewachung des Status. Und am Ende der Kette steht nicht Leistung, die als solche anerkannt wird, sondern Arbeit, die zum Statuszeichen wird. Man arbeitet sich kaputt — nicht weil jemand einem erzählt, das sei Leistung, sondern weil die Arbeit selbst zum Distinktionsmerkmal geworden ist.
Das erklärt auch, warum sich der Mensch über Arbeit definiert. Arbeit erhöht Status — solange sie echte Contribution leistet. Aber wenn die Contribution wegfällt, wird die Arbeit SELBST zum Status. David Graeber hat in Bullshit Jobs gezeigt, dass Millionen von Menschen in Jobs arbeiten, die keinen Wert erzeugen — und sie wissen es. Aber sie machen achtzig Stunden. Und die achtzig Stunden SIND der Status. Nicht das Ergebnis. Nicht der Beitrag. Die schiere Verausgabung. Der Bullshit Job bleibt ein Bullshit Job, auch bei achtzig Stunden. Aber die achtzig Stunden sagen: Ich gehöre dazu. Ich habe einen Platz.
Und warum? Weil Arbeit der letzte verlässliche Status-Generator ist, wenn die Angst regiert. Wenn ich nicht weiß, ob morgen ein Liegestuhl da ist, dann ist meine Arbeit mein Handtuch.
Und deshalb ist Fülle so gefährlich für das bestehende System. Nicht weil sie umverteilt. Nicht weil sie den Reichen nimmt und den Armen gibt. Sondern weil sie die Angst auflöst, die das ganze System antreibt.
Fülle erzeugt Geborgenheit. Geborgenheit löst Angst auf. Ohne Angst wird Klasse sinnlos. Ohne Klasse wird Status irrational. Ohne Status bricht die Kaskade zusammen.
Niklas Luhmann hat die Sprache der modernen Soziologie
Niklas Luhmann hat die Sprache der modernen Soziologie revolutioniert. Operativ geschlossene Systeme, Autopoiesis, funktionale Differenzierung — er hat für die Soziologie etwas Ähnliches geleistet wie die Mathematik für die Physik. Er hat eine Beschreibungssprache entwickelt, die Strukturen sichtbar macht, die vorher unsichtbar waren. Die Wirtschaft operiert über Zahlung und Nicht-Zahlung. Die Politik über Macht und Ohnmacht. Das Recht über Recht und Unrecht. Die Systeme sind getrennt, operativ geschlossen, selbstreferenziell.
Das ist als Beschreibung brillant. Als Erklärung ist es falsch.
Ich habe während meines Soziologiestudiums an der TU Darmstadt eine Klausur geschrieben, die Luhmann und Adorno gegenüberstellte. Und mir ging dabei etwas auf, das mich seitdem nicht losgelassen hat: Adorno war auch Systemtheoretiker. Wer wie Adorno immer wieder sagt, der Begriff ist auch der Nicht-Begriff, versteht, dass sich die Dinge bedingen. Das ist systemisches Denken. Aber Adorno leidet an der Struktur. Er lässt den Menschen nicht einfach außer Acht.
Luhmann hat die Mechanik der Gesellschaft beschrieben — die Physik, die Struktur — und die soziologische Beschreibungssprache erfunden. Aber Luhmann konnte den Menschen nicht sehen. Seine Theorie ist — und ich meine das nicht moralisch, sondern wörtlich — unmenschlich. Im Sinne der Abwesenheit des Menschen. Die harte Trennung der Systeme, die autopoietische Geschlossenheit — das ist eine analytische Entscheidung, keine Beobachtung der Wirklichkeit. In der Wirklichkeit greifen die Systeme ständig ineinander. Mattei zeigt, wie ökonomische Akteure den Staat lenken. Antony Murphy zeigt, dass der Neoliberalismus ein Projekt war — bewusst gestaltet, nicht emergent. Jeffrey Sachs zeigt, wie der Zionismus den israelischen Staat über Jahrzehnte formte. Die Systeme sind nicht geschlossen. Sie werden von Menschen durchlöchert, manipuliert, umgebaut.
Luhmanns Systeme sind Beschreibungssprache, keine Naturgesetze. Und wenn wir das verwechseln — wenn wir die Beschreibung für die Sache nehmen —, dann verlieren wir das, was Hannah Arendt das Neue nannte: die Fähigkeit des Menschen, etwas zu beginnen, das in keiner Struktur vorhergesehen war. Wenn Habermas und Arendt Unrecht hätten — wenn es das Neue nicht gäbe —, dann wäre auch dieser Essay sinnlos. Dann wären die Liegestühle für immer besetzt.
Aber das Neue existiert. Menschen können Strukturen ändern. Nicht leicht. Nicht ohne Kampf. Aber sie können es.
Was ist Wert? Die herrschende Ökonomie hat eine Antwort, die so absurd ist, dass man sie nur deshalb nicht sieht, weil man darin aufgewachsen ist: Der Preis ist der Wert. Nichts anderes. Was jemand bereit ist zu zahlen, das ist eine Sache wert. Jevons, Menger, Walras haben Ende des 19. Jahrhunderts die ältere Arbeitswerttheorie durch diese Grenznutzentheorie ersetzt — und damit eine ganze Disziplin von der Frage befreit, woher Wert eigentlich kommt.
Die einfachere und ehrlichere Antwort lautet: Wert wird durch Arbeit erzeugt. Das Kapital selbst erzeugt keinen Wert. Die Aktien von Tesla erzeugen nichts — die Menschen bei Tesla erzeugen die Innovation, die zu den Maschinen führt. Würde mir die Bank glauben, dass ich etwas Vergleichbares bauen kann, und mir zwanzig Jahre Zeit geben, dann hätte ich auch genügend Kredit, um es umzusetzen. Wir brauchen gar kein Kapital, um loszulegen — nur den Kredit. Denn Geld wird in dem Moment geschöpft, in dem die Bank den Kredit vergibt. Und ich brauche Geld nur deshalb, damit ich im bestehenden System die Arbeit anderer einkaufen kann — würden alle kostenlos mitmachen, bräuchte ich keins. Geld wurde erfunden, um das Tauschen einfacher zu machen. Nicht um Wert zu erzeugen. Die Arbeit erzeugt den Wert. Womit auch bewiesen wäre, dass es die Fülle gibt: Nicht das knappe Kapital ist die Voraussetzung für Wertschöpfung — sondern die Arbeit, und die ist da.
Und Arbeit ist — physikalisch — Energie.
Das ist keine Metapher. Das ist Physik. Physikalische Arbeit ist der Einsatz von Energie zur Veränderung eines Zustands. Was hat die Menschheit in den letzten dreihundert Jahren getan? Sie hat die Arbeit des Menschen durch Maschinen ersetzt. Aber im Kern hat sie nichts anderes getan, als den Energieeinsatz bei der Verrichtung zu erhöhen. Dampfmaschine, Verbrennungsmotor, Elektrizität — immer ging es darum, mehr Energie pro Arbeitsstunde einzusetzen.
Deshalb ist billige Energie für den Kapitalismus so wichtig. Und deshalb ist es so aufschlussreich, dass die fossile Industrie die Solarenergie blockiert. Solarenergie hat Grenzkosten nahe Null. Einmal installiert, kostet jede weitere Kilowattstunde fast nichts. Dezentral produzierbar, auf jedem Dach. Das ist physikalische Fülle. Und es ist genau die Fülle, die das System bedroht — weil billige, dezentrale Energie sich nicht monopolisieren lässt.
92,5 Prozent des globalen Energiewachstums im Jahr 2024 war erneuerbar. Die Technologie ist da. Die Kosten fallen. Harald Lesch hat es auf den Punkt gebracht: Die Energiewende wird kaputt geredet, obwohl sie de facto läuft. Batterieausbau wird durch Verwaltungszögerung verzögert. Wasserstoff-Elektrolyse funktioniert seit Jahren, wird aber nicht investiert. Deutschland gibt jährlich über zehn Milliarden für fossile Rohstoff-Importe aus — weil fossile Energie teuer bleiben muss, damit die Profite stimmen.
Wenn Energie demokratisiert wird — wie Lesch es vorschlägt —, dann bricht das die Macht des Systems. Genau wie die Räte, die Mattei beschreibt. Die Arbeiter in Italien wollten die Fabriken demokratisieren. Die Antwort war Austerität. Die Solarenergie demokratisiert die Energie. Die Antwort wird dieselbe sein — wenn wir sie zulassen.
Malthus hatte Unrecht. Die Natur kann die Sonneneinstrahlung durch biologische Systeme mit einem besseren Nutzungsgrad verwerten, als alles, was wir bisher können. Die Fülle ist physikalisch real. Wir können alle Menschen ernähren — wir haben nur die falschen Agrarmethoden. Die Natur produziert Überfluss. Wenn wir sie lassen - schaut euch die Apfelbäume und die Kirschbäume doch an. Und wenn wir die richtigen Methoden anwenden — biologische Landwirtschaft statt industrieller Ausbeutung, Solarenergie statt fossiler Verbrennung.
Die Sonne legt kein Handtuch auf den Liegestuhl.
An dieser Stelle wird die Theorie des rationalen Akteurs interessant. In Connecting the Dots habe ich argumentiert, dass Menschen rationale Entscheidungen treffen — nur ist ihre Rationalität an ihr Sinnfeld gebunden. Das ist ein Gedanke, der auf Markus Gabriels Sinnfeld-Ontologie zurückgeht: Es gibt keine Rationalität an sich, keine gottähnliche Perspektive. Es gibt nur Rationalität innerhalb eines Sinnfeldes. Und das Sinnfeld wird durch die Struktur erzeugt.
Das lässt sich an einem Experiment zeigen, das jeder kennt: dem Marshmallow-Test. Walter Mischel setzte Kindern in den 1960er Jahren einen Marshmallow vor. Wer fünfzehn Minuten warten konnte, bekam zwei. Jahrzehntelang wurde das als Beweis gelesen, dass Selbstkontrolle der entscheidende Erfolgsfaktor im Leben sei.
Aber das Experiment misst nicht Selbstkontrolle. Es misst Vertrauen.
Ein Kind, das in einer Welt aufgewachsen ist, in der Versprechen gehalten werden, wartet. Natürlich wartet es. Es hat gelernt, dass die Zukunft berechenbar ist. Aber ein Kind, das in einer Welt aufgewachsen ist, in der Dinge verschwinden, in der Erwachsene lügen, in der morgen nichts sicher ist — dieses Kind isst den Marshmallow sofort. Und es handelt damit vollkommen rational. In seiner Welt wäre es irrational zu warten.
Alle handeln rational. Aber das Sinnfeld, in dem sie handeln, ist irrational. Das Sinnfeld der Knappheit macht Verhaltensweisen vernünftig, die in einem Sinnfeld der Fülle absurd wären.
Das ist der entscheidende Punkt. Er dreht die gesamte Debatte um.
Die übliche Frage lautet: Wie bringen wir die Menschen dazu, sich anders zu verhalten? Weniger zu konsumieren, weniger zu arbeiten, mehr zu teilen, solidarischer zu sein? Aber diese Frage ist falsch gestellt. Sie unterstellt, dass das Problem bei den Menschen liegt. Es liegt nicht bei den Menschen. Es liegt bei der Struktur.
Wir müssen nicht die Rationalität der Akteure ändern. Wir müssen das Sinnfeld ändern. Die Struktur. Und dann ändert sich die Rationalität, und damit das Verhalten, von selbst.
In einer Welt, in der genug Liegestühle da sind und alle das wissen, legt niemand ein Handtuch drauf. Warum sollte er? Es wäre irrational. In einer Welt, in der Bildung, Gesundheit, Pflege und ein Dach über dem Kopf garantiert sind, isst kein Kind den Marshmallow sofort. Warum sollte es? Es hat keinen Grund zu misstrauen. In einer Welt, in der Geborgenheit durch Strukturen hergestellt wird statt durch Hierarchie, arbeitet niemand achtzig Stunden für Status. Warum sollte er? Die Angst, die ihn antrieb, ist weg.
Die Handtuch-Leger werden ihre Handtücher nicht freiwillig hergeben.
Professor Jäger hat mir gesagt: Rigide Systeme sind strukturell überlegen. Das gilt auch umgekehrt. Wer die Handtücher wegnehmen will, muss mindestens so organisiert sein wie die, die sie drauflegen.
Mattei zeigt das historisch. Die Arbeiter in Italien haben 1919 und 1920 die Fabriken besetzt. Die Antwort war nicht Dialog. Sie war Austerität, Repression, am Ende Faschismus. Karl Polanyi hat das Muster beschrieben: Jede Dekommodifizierung erzeugt eine Gegenbewegung. Die Frage ist nicht ob Widerstand kommt. Die Frage ist, wie brutal er wird.
Das gegenwärtige System verteidigt den Status der Machtelite mit Gewalt — wie Rutger Bregman, Mattei und Murphy zeigen. Und wir sehen, dass Wähler in vielen Ländern den Lügen glauben — nicht weil sie dumm sind, sondern weil sie es satt haben, in einem System ausgenommen zu werden, das sich gut nennt. Was mir noch immer nicht klar ist: Warum vertrauen sie lieber denen, die sie weiter ausnützen, statt das Unbekannte zu wagen und die Wächter wegzujagen?
Paulo dos Santos und Rama Vasudevan haben gezeigt, wie man im System konkret beginnt. Öffentliche Supermärkte, die einen Preisbenchmark setzen. Mietpreisbremsen, die die größte Budgetposition armer Haushalte stabilisieren. Kostenloser Nahverkehr. Bessere Bildung. Öffentliche Krankenhäuser, die den Menschen gehören, nicht den Aktionären. Jede einzelne Dekommodifizierung ist ein weggenommenes Handtuch. Nicht alle auf einmal. Aber eines nach dem anderen.
Die Machtelite wird Wettbewerbsverzerrung anmelden. In der Logik des Neoliberalismus stimmt das sogar. Aber es wäre ein erster Weg, um zu zeigen: Der Staat kümmert sich. Und ein Staat, der sich kümmert, erzeugt die Geborgenheit, die Status überflüssig macht.
Was fehlt, ist der Diskurs. Die Frage, die niemand stellt: Was wollen wir eigentlich? Als Gesellschaft? Nicht als Wirtschaft — als Gesellschaft? Denn die Wirtschaft ist ein Mittel zum Zweck. Sobald sie zum Selbstzweck wird, kann niemand mehr fragen, wozu.
Nicht Design. Kampf. Einer, den wir für alle gewinnen könenn. Es ist wie die Spiele in denen die Kinder nur gemeinsam gewinnen. Es gibt keine Gewinner es gewinnen alle. Monopoly sollte das uns schon vor 100 Jahren zeigen - so wollte es die Autorin des Spiels, jedenfalls.
Weil die Fülle nicht erfunden werden muss — sie ist physikalisch real. Die Sonne scheint. Die Energie ist da. Die Nahrung ist produzierbar. Die Liegestühle stehen auf dem Dampfer. Wir müssen nur aufhören, auf die Handtücher zu starren. Und anfangen, sie wegzunehmen.
Boris Gloger, März 2026
Fragment aus dem Buchprojekt "Übergang — Die Philosophie der Fülle"