Widerstand ist kein Charakterfehler
Meine These: Widerstand ist überwiegend Nicht-Können, nicht Nicht-Wollen. Und diese Verwechslung ruiniert Veränderung.
„Die wollen nicht."
Meine These: Widerstand ist überwiegend Nicht-Können, nicht Nicht-Wollen. Und diese Verwechslung ruiniert Veränderung – weil sie die falsche Therapie auslöst: Druck statt Entwicklung, Sanktion statt Befähigung.
Wir sehen eine Führungskraft, die weiter Command-and-Control spielt. Ein Team, das Daily & Retro umschifft. Mitarbeitende, die die neue Software „ignorieren". Von außen wirkt das wie Trotz. In Wahrheit ist es oft Überforderung: fehlende Fähigkeiten, fehlendes Übungsfeld, null Zeitfenster, unklare Prioritäten, echte Risiken ohne Schutzgeländer.
Nicht-Können sieht von außen aus wie Nicht-Wollen. Wer das verwechselt, pathologisiert Menschen – und produziert genau den Widerstand, über den er klagt.
Die wissenschaftliche Spur
Es gibt dafür seit Jahrzehnten eine klare Spur:
ADKAR trennt Wissen und Fähigkeit – man kann verstehen, was zu tun ist, und trotzdem nicht fähig sein, es zu tun (Hiatt).
Ross Greene bringt es brutal einfach: „Kids do well if they can." Übertragen: Menschen verändern sich, wenn sie können.
Kegan/Lahey beschreiben die „Immunity to Change" – ein psychologisches Immunsystem, das nicht böse ist, sondern schützt.
Bandura zeigt: Geringe Selbstwirksamkeit macht aus möglichem Können gelebtes Nicht-Können.
Argyris nennt es „Skilled Incompetence": Wir werden brillant im Falschen.
Das alles ist kein Charakterdefekt – es ist System, Kontext und fehlendes Könnensdesign.
Die unbequeme Wahrheit
Der provokante Punkt ist dieser: „Widerstand" ist in vielen Häusern eine Management-Fiktion. Ein Etikett, das wir auf die Menschen kleben, damit wir nicht zeigen müssen, was wir versäumt haben: Training, Übung, Slack, Mentoring, klare Schnittstellen, sinnvolle Regeln, echte Prioritäten.
Test, bevor du „Widerstand" sagst:
- Wo genau hat diese Person üben können – risikolos und begleitet?
- Welche konkrete Fähigkeit fehlt – und wer baut sie wie auf?
- Welches reale Risiko trägst du als Führung ab (Zeit, Zielkonflikt, Karrierekosten)?
Wenn du hier keine präzisen Antworten hast, dann ist „Widerstand" nur ein anderes Wort für dein Design-Defizit.
„Aber es gibt doch echte Verweigerer."
Ja. Werte-Konflikte, Vertrauensbrüche, klare Interessenlagen. Seltener, als euch lieb ist.
Das Häufige ist: Nicht-Verstehen (kein Warum), Nicht-Glauben (kein Wozu), Nicht-Können (kein Wie) – und Nicht-Dürfen (kein Raum). Doppler/Lauterburg haben die Kaskade beschrieben. Wir springen routiniert ans Ende und moralisieren.
Die Konsequenz
Die Konsequenz ist unbequem und einfach: Kompetenz wird Chefsache – oder der Change ist Theater.
Keine „Motivationsoffensiven", keine Infokaskaden, keine Heldenposter. Sondern:
- Können designen
- Übungsräume schaffen
- Kleine, echte Erfolge orchestrieren
- Risiken abpuffern
- Regeln als Schutzgeländer, nicht als Auslagerung von Urteil
Und vor allem: Zeit geben. Lernen ist kein Nebenbei-Projekt.
Warum ich das so hart formuliere
Ich formuliere es so hart, weil ich es anders erlebt habe und selbst falsch gemacht habe.
Wenn ich Teams „Widerstand" vorwarf, war ich in Wahrheit zu bequem, konkrete Befähigung zu organisieren. Ich wollte Tempo kaufen, bekam aber Theater.
Seit ich den Satz „Kann nicht oder will nicht?" konkret prüfe – mit Übungsplan, Mentorennamen, Kalenderzeiten, Kill-Rules für Unsinnsrichtlinien – verschwindet 80 % des vermeintlichen Widerstands. Der Rest ist ehrlicher Dissens. Mit dem kann man arbeiten.
Das Menschenbild
Das Menschenbild dahinter ist nicht naiv, sondern erwachsen: Menschen wollen beitragen – wenn sie können.
Unser Job ist, dieses Können zu ermöglichen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Literatur & Hinweise
- Jeff Hiatt: ADKAR: A Model for Change in Business, Government and our Community. Prosci.
- Ross W. Greene: The Explosive Child / Lost at School („Kids do well if they can.")
- Robert Kegan & Lisa Laskow Lahey: Immunity to Change. Harvard Business Press.
- Albert Bandura: Self-Efficacy: The Exercise of Control.
- Chris Argyris: „Teaching Smart People How to Learn", Harvard Business Review.
- Klaus Doppler & Christoph Lauterburg: Change Management: Den Unternehmenswandel gestalten.
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