180 Seiten weg. Und dann wurde es besser.
Ende September 2025 saß ich in meiner Küche in Moosbrunn und starrte auf einen leeren Bildschirm. Die Dateien der sechsten Auflage meines Scrum-Buches, die ich ich im April in einem Retreat geschrieben hatte, waren weg. Bei der Cassini-Übernahme hatte ich nicht aufgepasst, als es hieß, wir sollten die alten Laufwerke löschen. 180 Seiten. Einfach verschwunden.
Ich war erschöpft. Nicht nur wegen der verlorenen Dateien. 20 Jahre Scrum-Trainings. Hunderte von Organisationen. Tausende von Menschen, denen ich erklärt hatte, wie ein Sprint Planning funktioniert, warum das Daily wichtig ist, wie man eine gute Retrospektive macht. Was hatte es gebracht? Die meisten Organisationen waren immer noch dysfunktional. Die meisten Teams litten immer noch an Multitasking, an endlosen Meetings, an der Unfähigkeit ihrer Führungskräfte, sie in Ruhe arbeiten zu lassen. Scrum war zum Commodity-Produkt geworden – jeder Manager glaubte agil zu arbeiten, während seine Mitarbeiter still vor sich hin litten.
Ich musste raus.
Meine Frau und ich wollten unseren Hochzeitstag wandernd verbringen, den alten Wallfahrtsweg nach Mariazell gehen. Ich packte meinen Rucksack – wieder viel zu schwer, obwohl ich es nach all den Jahren besser hätte wissen müssen. 28 Kilometer am ersten Tag. Die erste Blase nach zehn Kilometern. Am Abend kam ich völlig fertig im Hotel an, die Füße wund, der Kopf noch voller Gedanken an verlorene Dateien und gescheiterte Transformationen.
Am zweiten Tag wurde es leichter. Nicht nur der Rucksack – ich hatte Ballast abgeworfen. Es wurde klarer, draußen und in meinem Kopf. Die Sonne kam raus. Ich stand auf einem Kamm, vor mir die Berge, hinter mir das Tal, und plötzlich dachte ich: Was, wenn das ganze Buch anders aussieht? Was, wenn ich nicht noch einmal erkläre, wie ein Sprint Planning funktioniert? Das kann ChatGPT heute besser als ich.
Am dritten Tag, beim Frühstück in einer kleinen Pension, nahm ich eine Serviette und schrieb ein einziges Wort darauf: „Dysfunktionalitäten." Darunter, fast automatisch: „Multitasking. Frontloading. User-Ferne. Meetings. Fehlerkultur. Silos." - und die neuen Möglichkeiten mit KI. Das durfte nicht fehlen.
Das waren die echten Probleme. Nicht, dass Teams nicht wissen, wie Scrum funktioniert – das wissen sie längst. Sondern dass die Organisationen um sie herum dysfunktional sind. Dass Führungskräfte ihre Teams mit Multitasking zerstören. Dass Projekte bis ins letzte Detail geplant werden, bevor irgendjemand mit einem echten User gesprochen hat. Dass Menschen in Silos arbeiten, die niemand gewollt hat und die trotzdem niemand einreißt.
Am vierten Tag fuhren wir zurück – das Wetter war zu schlecht geworden. Aber ich fuhr leichter zurück als ich gekommen war. Nicht weil der Rucksack leichter war. Sondern weil ich wusste, was ich schreiben würde.
Die sechste Auflage von „Scrum" ist kein Scrum-Guide. Es ist ein Leadership-Buch. Über die sechs Dysfunktionalitäten, die Scrum zum Scheitern bringen – und wie man sie bekämpft. Über 25 Jahre Erfahrung, destilliert in eine unbequeme Wahrheit: Scrum scheitert nie an Scrum. Es scheitert an uns.
Das Buch erscheint im Sommer 2026 bei Hanser. Jetzt vorbestellen.
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