Penthouse und Permakultur

500 Superreiche halten 39 % des Vermögens in Österreich. Keine Erbschaftssteuer, keine Vermögenssteuer. Was Gary Stevenson, MMT und Maria Theresia uns lehren — und warum der Markt im FIAT-System nicht das Eintrittsticket ist, sondern der Staat selbst handeln muss.

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Penthouse und Permakultur
Idee Boris Gloger | Chat GPT: Maria Theresia führt Steuern ein.

Gestern abend saß ich im Ronacher in Wien und sah das Musical Maria Theresia. Die Habsburgerin als Bühnenheldin: Working Mom in Reifrock, Mutter der Nation, die aus Liebe heiratet und gleichzeitig ihre eigenen Kinder als außenpolitische Schachfiguren in halb Europa verheiratet. Marie Antoinette nach Paris, Maria Carolina nach Neapel. Liebe und Machtkalkül in einer Person, ohne sichtbaren Widerspruch.

Ich saß im Saal und dachte: Das ist Inszenierung, eine sehr gute Inzenierung und vor allem die Inszenierung, die Maria Theresia selbst zu Lebzeiten betrieben hat. Diese Frau hat ihr eigenes Bild gepflegt wie eine Marke. Sie wusste genau, was sie tat. Sie hat das Mutter-Bild benutzt, weil es politisch funktioniert hat. (Wir im Musical übrigens exakt dargestellt.)

Und trotzdem — und das ist die merkwürdige Erfahrung des Abends — gehe ich aus dem Theater mit echter Bewunderung heraus. Nicht nur für die Inszenierung, sondern für das, was diese Frau im achtzehnten Jahrhundert tatsächlich geschafft hat: Sie hat den Adel besteuert. Sie hat die Schulpflicht eingeführt. Sie hat in Generationen gedacht, in einer Zeit, in der die meisten Herrscher in Schlachtordnungen dachten. Was sie aufgesetzt hat, wirkt bis heute.

Ich kam aus dem Ronacher und dachte: Wir haben verlernt, so zu denken. Wir verwalten Krisen. Wir reagieren. Und während wir das tun, kauft jemand in Manhattan eine Wohnung für 238 Millionen Dollar.

Das ist nicht zufällig dieselbe Stadt, in der gerade ein neuer Bürgermeister versucht, das Ruder herumzureißen. Aber dazu gleich. Erst die Wohnung.

2019 hat ein Hedgefonds-Milliardär namens Ken Griffin in Manhattan eine Wohnung gekauft. Für 238 Millionen Dollar. Eine Wohnung. Eine. Bis heute der teuerste private Immobilienverkauf in der Geschichte der Vereinigten Staaten. 220 Central Park South, Quadplex, vierundzwanzigtausend Quadratfuß. Es ist genau dieses Penthouse, vor dem sich Zohran Mamdani im April hinstellte und ein Video drehte — ein Video, das in meinem letzten Essay schon eine Rolle spielte. Heute kommt es noch einmal vor, aber von der anderen Seite.

Für 238 Millionen Dollar könnte man — wenn man wirklich wollte — eine kleine Stadt mit Solardächern ausstatten, eine Generation von Krankenpflegerinnen ausbilden, die halbe Sahelzone mit Permakulturprojekten zurückerobern. Oder, etwas bescheidener, knapp tausend Sozialwohnungen in Wien bauen — genau die Sorte Wohnungen, die das Rote Wien der Zwanzigerjahre dann tatsächlich gebaut hat, in dem Geist, den Maria Theresia hundertfünfzig Jahre früher etabliert hatte.

Aber wir wollen nicht. Wir kaufen Penthouses. Genauer: Sie kaufen Penthouses. Diejenigen, die in den letzten vierzig Jahren mehr akkumuliert haben, als ihre Urgroßeltern sich vorstellen konnten — und mehr, als ihre Urenkel jemals ausgeben können werden. Und der Rest von uns schaut zu, klickt sich durch TikTok-Videos über quiet luxury, fragt sich, warum die Miete schon wieder gestiegen ist, und vermutet vage, dass irgendetwas systemisch nicht stimmt.

Eine Stimme, die das gerade sehr klar sagt, ist Gary Stevenson — ehemaliger Top-Trader bei Citibank, heute YouTube-Ökonom mit Millionenreichweite, Buchtitel: The Trading Game. Sein Punkt, immer wieder, in jedem Video: Hört auf, über Geldpolitik zu reden. Das eigentliche Problem ist die reale Verteilung. Die Reichen ziehen sich die echten Ressourcen — Wohnungen, Land, Zeit — und der Rest der Gesellschaft schaut in die Röhre.

Gary hat recht. Aber Gary denkt zu kurz. Und obwohl ich im beim Zuhören recht gab, dachte ich, er übersieht etwas.

I. Was Gary richtig sieht — und was die MMT-Leute manchmal verschweigen

Zuerst die Verbeugung. Gary's Diagnose ist nicht nur richtig, sie ist operativ schärfer als das meiste aus der ökonomischen Mainstream-Debatte. Während Ökonomen über Zinssätze diskutieren und Politiker über die Schuldenbremse beten, sagt Gary: Leute, das ist Theater. Schaut auf das Penthouse. Schaut auf die Wohnungen, die als Wertanlage gekauft und leer gelassen werden. Schaut auf die Pflegekräfte, die in München keine Wohnung mehr finden, weil Investoren die Bestände aufgekauft haben.

Das ist Realökonomie. Konkret. Und es ist der wunde Punkt, an dem auch die MMT-Leute — Stephanie Kelton, Heiner Flassbeck, Dirk Ehnts — manchmal vorbeireden. Die MMT-These ist im Kern brillant: Der Staat in eigener Währung kann nicht pleitegehen, Steuern dienen nicht der Finanzierung, sondern der Inflationskontrolle und Umverteilung. Aber in der populären Vermittlung wird daraus oft: Wir sind nicht am Anschlag, also können wir investieren.

Gary sagt: Doch, ihr seid näher am Anschlag, als ihr denkt. Nicht weil die Aggregatzahlen es zeigen, sondern weil die Verteilung schon so schief ist, dass die unteren fünfzig Prozent real keinen Zugriff mehr haben — nicht auf Wohnraum, nicht auf Zeit, nicht auf Pflege, nicht auf Bildung jenseits einer ramponierten Grundversorgung.

Und damit das nicht abstrakt bleibt: Heute morgen, während ich diesen Essay schreibe, meldet der ORF, dass in Österreich rund 500 Superreiche 39 Prozent des Finanzvermögens halten. Fünfhundert Menschen. In einem Land mit 9 Millionen Einwohnern. Zählt man die rund 60.000 Hochvermögenden dazu, kommen wir auf 61 Prozent — und 7,3 Millionen Menschen teilen sich die verbleibenden 30 Prozent. Das ist nicht Manhattan. Das ist nicht London. Das ist nicht ein exotischer angelsächsischer Hyperkapitalismus, über den man mit gepflegter österreichischer Distanz Kopfschütteln betreiben könnte. Das ist Wien, Linz, Graz, Klagenfurt. Heute.

Und jetzt halte das einen Moment neben das, was in diesem Land nicht existiert: Österreich hat seit 2008 keine Erbschaftssteuer mehr. Österreich hat seit 1994 keine Vermögenssteuer mehr. Eines von ganz wenigen EU-Ländern ohne beides. Die fünfhundert Superreichen können ihre achtunddreißig Komma neun Prozent praktisch unangetastet an ihre Kinder weitergeben — und deren Kinder werden in einer Generation die gleichen achtunddreißig Komma neun Prozent halten, plus Zinseszins.

Und jetzt die Ironie der Geschichte: Es ist genau dasselbe Land, in dem vor zweihundertfünfundsiebzig Jahren eine junge Erzherzogin gegen den dramatischen Widerstand des Kronrats vom 29. Jänner 1748 durchgesetzt hat, dass der Adel zum ersten Mal in der österreichischen Geschichte Steuern zu zahlen hat. Die theresianische Steuerrektifikation — der Bruch mit der Selbstverständlichkeit, dass die Vermögenden steuerfrei bleiben. Maria Theresia hat genau das gemacht, was Marterbauer heute nicht macht: Sie hat die Reichen besteuert, um in das Land zu investieren.

Maria Theresia besteuert den reichen Adel, gegen dessen Willen und finanziert damit ihre Reformen und Innovationen. Schönbrunn bringt Wien noch heute viel Geld.

Zweihundertfünfundsiebzig Jahre später sitzt im selben Land ein postkeynesianischer Finanzminister, der in seinem eigenen Buch geschrieben hat, dass eine progressive Erbschaftssteuer ab einer Million ökonomisch sinnvoll und sozialgerecht wäre — und der als Minister erklärt, das sei „in dieser Regierungskonstellation nicht machbar".

Und damit das nicht nach Pathos klingt, sondern nach Empirie: Johannes Böhme hat das gerade in der ZEIT vom 12. Mai 2026 („Deutschland, eine Dynastie") auf den Punkt gebracht. Zwei italienische Ökonomen, Guglielmo Barone und Sauro Mocetti, haben den Florentiner Catasto von 1427 — eine vollständige Vermögenserhebung — mit den Steuerdaten der Gegenwart abgeglichen. Ergebnis: Die reichsten Familien von Florenz im Jahr 1427 sind nach fast sechshundert Jahren noch immer überdurchschnittlich reich. Dieselbe Methode liefert für Schweden (Riddarhuset) und England (Normannen 1066 / Oxbridge-Eliten) das gleiche Bild. In Deutschland zeigt Martyna Linartas in Unverdiente Ungleichheit (Rowohlt 2025): Zwei Familien besitzen mehr als 41 Millionen Deutsche zusammen. Mehr als die Hälfte aller Vermögen sind geerbt. Klassenreproduktion ist nicht Ausnahme. Sie ist Struktur. Über Generationen, über Jahrhunderte.

Die fünfhundert Superreichen Österreichs sind also nicht zufällig oben. Sie sind — empirisch, nicht metaphorisch — genau die Erben jener Eliten, die Maria Theresia einst besteuert hat. Und die sich seither, mit jedem Jahrzehnt ohne Erbschaftssteuer, mit jedem Jahrzehnt ohne Vermögenssteuer, in den Status quo ante zurückgearbeitet haben.

Böhmes zweite Pointe trifft hier genauso: Der Staat durchleuchtet die Armen bis auf den letzten Mindestsicherungs-Cent. Aber er kann das Vermögen seines obersten ein Prozent nicht einmal grob schätzen, denn seit Abschaffung der Vermögenssteuer fehlen die Daten. Salzburg spart bei der Pflege. Tirol bei Menschen mit Behinderung. Die Wahrheit kommt zusammen: oben unbekannt, unten die Mindestsicherung gekürzt. Maria Theresia würde sich im Grab umdrehen. Wahrscheinlich tut sie das schon.

Das ist ein wichtiges Korrektiv, und wer wie ich seit Jahren über die soziale Produktion von Knappheit schreibt, muss das anerkennen: Gary erdet die Debatte. Er holt sie aus der Geldsphäre zurück in die Realwirtschaft. Genau dort, wo sie hingehört.

Aber.

II. Warum Verteilung Eintrittsticket ist, nicht Programm

Gary hat eine Antwort, und sie heißt: Besteuert die Reichen. Hart. Jetzt.

Zohran Mamdani – seit Januar 2026 Bürgermeister von New York, demokratischer Sozialist, vorher Hungerstreik mit den Taxifahrern von Manhattan, hat in der letzten Maiwoche seinen Wohnungsbauplan Block by Block vorgelegt: 200.000 neue mietpreisgebundene Wohnungen über zehn Jahre, weitere 200.000 erhaltene und stabilisierte. 22 Milliarden Dollar Kapital für Neubau, 5,6 Milliarden für die Sanierung der NYCHA-Bestände, der städtischen Wohnungsbehörde von New York, mit über 170.000 Sozialwohnungen das amerikanische Pendant zum Wiener Gemeindebau, nur älter und seit Jahrzehnten verwahrlost. Kritiker sagen sofort: Für eine vollständige NYCHA-Sanierung wären eher 80 Milliarden nötig, das sei „a drop in the bucket". Mathematisch recht. Mamdani antwortet, frei zitiert: Genau dieses Argument ist seit Jahrzehnten die Rechtfertigung, gar nichts zu tun. Knappheit wird als Vorwand benutzt, um Stillstand zu legitimieren. Mamdanis Antwort: Anfangen.

Und schaut genau hin, was er finanziert. Er geht zu Ken Griffin, stellt sich vor dessen 238-Millionen-Penthouse und filmt. Er sagt: Income Tax für Millionen-Verdiener. Corporate Tax für die profitabelsten tausend Unternehmen. Pied-à-terre-Steuer auf Zweitwohnungen über fünf Millionen. Neun Milliarden Dollar jährlich. Verwendung: kostenlose Busse, universelle Kinderbetreuung, ein neues Department of Community Safety. Wohnungsbau. Pflege. Bildung.

Das ist Maria Theresia. Nicht metaphorisch. Strukturell. Oben anzapfen, unten und in der Mitte investieren. Möglichkeitsräume bauen, finanziert durch Umverteilung von oben. Dreihundert Jahre später, mit demokratischen statt monarchischen Mitteln. Mamdani spielt Maria Theresia.

Hier wird MMT relevant. Mamdani ist Bürgermeister. Er kann keine eigene Währung in Umlauf bringen, er sitzt unter Albany und muss sich von der Gouverneurin abnicken lassen, was er tut. Ein Finanzminister Österreichs könnte mehr. Ein Bundeskanzler Deutschlands noch mehr. Auf nationaler Ebene gilt, was MMT seit Jahrzehnten zeigt: Ein Staat in eigener Währung kann nicht pleitegehen. Die Frage ist nie „können wir uns das leisten?", die Frage ist immer: „haben wir die realen Ressourcen, das umzusetzen, ohne Inflation zu erzeugen?"

Und da kommt Gary zurück. Geld ist nicht das Problem. Die realen Ressourcen sind das Problem. Ja, mit 238 Millionen Dollar baut man keine hundert Quadplexe für hundert reiche Familien. Aber mit 238 Millionen Dollar stockt man eine Menge Dachgeschosse in New York auf. Man baut Sozialwohnungen in Wien. Man finanziert Solardächer in Niederösterreich. Man bezahlt Pflegekräfte. Man macht reale Ressourcen wieder verfügbar — Wohnraum, Boden, Energie, Arbeitskraft — für die, die sie brauchen, statt sie in Statuskonsum einzufrieren.

Das ist der Dreiklang, der bisher nicht zusammen gedacht wurde: Gary's Realökonomie-Diagnose. MMT als nationaler Finanzhebel. Maria-Theresianische Investitionspolitik als Vollzug. Mamdani zeigt, wie es geht — auf städtischer Ebene, mit einem Bruchteil der Möglichkeiten, die ein Nationalstaat hätte. Marterbauer hätte mehr Spielraum. Merz hätte noch mehr. Beide tun das Gegenteil.

Und schon hier wird sichtbar, dass die populäre Linie, „erst die Reichen besteuern, dann das Geld investieren", die Sache falsch herum aufrollt. Aber dazu kommen wir am Ende. Erst muss eine andere Frage geklärt werden: Wofür investiert ein Staat, der das ernst meint?

Die wirkliche Frage ist nicht: Wie verteilen wir den Kuchen? Die wirkliche Frage ist: Was für ein Kuchen ist das eigentlich, und wer bestimmt, dass es überhaupt ein Kuchen sein muss?

Hier hört Gary auf zu denken. Hier fängt das Programm an.

III. Maria Theresia, oder: Politik mit Generationenhorizont

Zurück zum Ronacher. Zurück zu Maria Theresia.

Was hat diese Frau in der Realität, jenseits der Bühne, eigentlich gemacht? Sie kam an die Macht, und alle erklärten ihr, dass sie eigentlich gar nicht regieren dürfe. Friedrich der Zweite nahm ihr Schlesien weg, kaum dass sie auf dem Thron saß. Die Stände lachten. Ihre Antwort, als sie wieder Luft hatte, war erstaunlich nüchtern: Sie hat den Adel besteuert.

Eine Habsburgerin hat den Adel besteuert. Gary hätte sie geliebt.

Aber das war nicht der Punkt. Der Punkt war, was sie mit dem Geld gemacht hat:

Sie hat die Schulpflicht eingeführt: am 6. Dezember 1774, ausgerechnet am Nikolaustag, Allgemeine Schulordnung für die deutschen Normal-, Haupt- und Trivialschulen in sämmtlichen Kayserlichen Königlichen Erbländern. Unterrichtspflicht für Kinder beyderley Geschlechts zwischen sechs und zwölf. Sie hat die Verwaltung modernisiert. Sie hat eine Offizierslaufbahn nach Können statt nach Geburt aufgebaut. Sie hat in Technologie investiert: bessere Kanonen, bessere Manufakturen, bessere Infrastruktur. Sie hat in Humankapital und Möglichkeitsräume investiert, während sie gleichzeitig die parasitäre Rente des Adels reduziert hat.

Und sie hat das in einem Zeithorizont gedacht, der für heutige Politiker undenkbar geworden ist: in Generationen. 1780, in ihrem Todesjahr, gab es bereits fünfhundert Volksschulen im Reich. Die Schulordnung von 1774 hat Österreich für das neunzehnte Jahrhundert mitgeformt. Sie hat nicht bis zur nächsten Umfrage gedacht. Sie hat bis zu den Urenkeln gedacht, und sie hatte ja genug eigene, um das wörtlich zu nehmen.

Und ja, sie hat es zynisch getan. Im Musical wird das wunderbar aufgegriffen und amüsant verpackt, aber war: Sie hat das Mutter-Bild bewirtschaftet, weil es politisch funktioniert hat. Sie hat ihre Kinder als außenpolitische Schachfiguren verheiratet. Sie war in Glaubensfragen brutal — Toleranzedikt? Das hat erst ihr Sohn Joseph II. nachgeholt, gegen ihren Willen. Sie war keine Heilige.

Aber sie war ein Beispiel dafür, was politisches Denken im Generationenhorizont eigentlich heißt. Das ist es, was ich aus dem Ronacher mitgenommen habe.

Der naheliegende Einwand: Boris, sie war eine Monarchin, sie musste nicht wiedergewählt werden, das ist nicht übertragbar.

Stimmt — teilweise. Demokratien haben strukturell ein Problem mit dem Generationenhorizont. Aber das liegt nicht an der Demokratie selbst. Das liegt an dem, was wir aus ihr gemacht haben: ein Optimierungssystem für die nächste Wahl, kombiniert mit einer Politikerklasse, die sich primär um die eigene Wiederwahl dreht, statt um die Frage, ob die Bevölkerung in zwanzig Jahren noch funktionierende Schulen, Krankenhäuser und Wohnungen hat. Das ist nicht Naturgesetz. Das ist Pathologie. Heilbar durch strukturelle Mechanismen: Amtszeitbegrenzungen, Lobbyregister, Vermögenstransparenz, und vor allem durch eine andere Erwartung an Politik.

Und eines muss man sagen: Maria Theresias Nachfolger haben den Schwung nicht gehalten. Die Reformen waren großartig, aber sie waren Personen-getrieben, nicht System-getrieben. Die Lehre: Wir brauchen den Generationenhorizont, aber institutionell verankert, nicht als Verdienst einer einzelnen starken Persönlichkeit. Auf die nächste Maria Theresia zu warten ist keine Strategie.

IV. Knappheit ist nicht Natur. Knappheit ist Konfiguration.

Eliyahu Goldratt, israelischer Physiker und Managementtheoretiker, hat mit seiner Theory of Constraints (eigentlich entwickelt für die Optimierung von Fabriken) eine der unterschätztesten ökonomischen Denkfiguren des zwanzigsten Jahrhunderts geliefert. Goldratts Grundgedanke: In jedem System gibt es zu jedem Zeitpunkt einen Engpass, einen Constraint. Wenn du ihn identifizierst und auflöst, taucht der nächste auf. Das ist nicht das Problem. Das ist Fortschritt.

Goldratt neben David Deutsch gehalten — Quantenphysiker, Erkenntnistheoretiker, Autor von The Beginning of Infinity: Probleme sind im Prinzip lösbar, solange sie nicht gegen Naturgesetze verstoßen. Wir wissen nur die Lösung noch nicht. Das ist nicht Optimismus, das ist Epistemologie. Verbunden mit Ernst Blochs Noch-Nicht, die Wirklichkeit ist nicht nur das, was ist, sondern auch das, was werden kann, und mit Hannah Arendts Natalität: Der Mensch ist nicht das Wesen, das stirbt, er ist das Wesen, das immer wieder neu anfängt.

Vier Stimmen. Vier Disziplinen. Eine Aussage: Knappheit ist nicht der Naturzustand. Knappheit ist die aktuelle Konfiguration. Und Konfigurationen kann man ändern.

Wenn das stimmt, dann ist die gesamte Debatte über „wir haben halt nicht genug Ressourcen" eine Übung in vorauseilender Resignation.

V. Weil Beispiele wichtiger sind als Theorie

Constraint Eins: Wohnraum.

Wir haben keine Wohnungsknappheit. Wir haben eine Wohnungsverteilungs-Krise. In Deutschland standen laut Zensus 2022 knapp zwei Millionen Wohnungen leer — viele davon als Spekulationsobjekte. In Wien funktioniert seit über hundert Jahren ein Modell, das den sozialen Wohnungsbau systematisch betreibt: rund 220.000 Gemeindewohnungen, mehr als sechzig Prozent der Wiener leben in gefördertem Wohnraum. Die Stadt ist nicht zusammengebrochen. Sie ist lebenswerter geworden. In New York legt Mamdani jetzt einen Plan vor, der die letzten sechzig Jahre Wohnungspolitik einfach umkehrt: bauen, Mieten stabilisieren, Spekulation eindämmen. Wer Spekulation eindämmt, signalisiert: Wohnungen sind zum Wohnen da, nicht zum Parken von Kapital. Boom: Sofort steigt die Bereitschaft, Bestände zu öffnen. Knappheit ist sozial produziert. Sie wird produziert, weil sie produktiv ist — für die, die von ihr profitieren.

Constraint Zwei: Energie.

Niemand muss Nuklearphysik studiert haben, um Solarpaneele auf ein Dach zu schrauben. Die Technologie ist da. Die Handwerker sind ausbildbar (sechs Monate, kein Hochschulabschluss). Was fehlt, sind nicht Hände, nicht Wissen, nicht Sonne. Was fehlt, sind verwaltungstechnische Bedingungen und politischer Wille. Wenn der Staat morgen sagen würde: Jeder, der Solarstrom einspeist, bekommt einen garantierten Preis über zwanzig Jahre, und wir kümmern uns um die Netzanschlüsse — dann hätten wir in fünf Jahren eine Energierevolution. Das ist kein Wunder. Das ist Politik.

Constraint Drei: Arbeitskraft.

Wir reden über Fachkräftemangel, als wäre die Welt nicht voller Menschen, die gerne arbeiten würden. Es gibt Millionen Flüchtlinge in Lagern, deren Ausbildung wir nicht systematisch betreiben. Es gibt Menschen aus armen Regionen, die seit Generationen darauf warten, dass jemand ihnen echte Bildungs- und Arbeitsperspektiven öffnet — nicht Almosen. Maria Theresia hat das verstanden. Wir scheinen es verlernt zu haben. Eine Gesellschaft, die ihre Menschen — die eigenen wie die neu hinzukommenden — nicht systematisch ausbildet, lässt Fülle ungelebt. Das ist nicht ökonomisch dumm. Das ist ethisch armselig.

VI. Und jetzt zum Staat, bevor der nächste Reflex einsetzt

Und jetzt die Replik der libertären Fraktion: Aha, Gloger, du willst also den Staat!

Ja. Aber nicht den Staat, den du meinst. Nicht den paternalistischen Beamtenapparat, der alles regulieren will. Nicht den Steuerstaat, der Geld einsammelt und es in unsinnigen Förderprogrammen, oder mit klimaschädlichen Subventionen verbrennt.

Ich meine den Staat als generativen Akteur. Den Staat, den Mariana Mazzucato in The Entrepreneurial State beschrieben hat — den Staat, ohne den es kein iPhone gäbe (jede einzelne Schlüsseltechnologie darin: staatlich finanziert), kein Internet (DARPA), keine mRNA-Impfung. Und den Staat, wie ihn Karl Polanyi verstanden hat: als die Instanz, die den Markt einbettet, damit er nicht seine eigenen Grundlagen zerstört. Ein Markt ohne Staat ist kein Markt mehr — es ist ein Selbstbedienungsladen für die, die schon haben.

Das ist nicht autoritär. Das ist Polanyi 101: Wenn das individuelle Handeln eines Reichen messbar das kollektive Leben der vielen verschlechtert — durch Preistreiberei, Wohnungsentzug, Klimaschäden, Steuerentzug — dann ist staatliche Regulierung legitim. Dasselbe Argument haben wir bei Anschnallpflicht im Auto. Bei Rauchverboten in Gaststätten. Erinnerst du dich, wie das war? „Das ist Bevormundung! Das ist DDR!" Heute findet niemand mehr, dass Anschnallpflicht ein totalitärer Übergriff sei.

Wenn jemand sich eine Wohnung für 238 Millionen Dollar kauft, während die Krankenpflegerin, die Polizistin, die Installateurin, in seiner Stadt keine Wohnung findet — dann ist das nicht „freie Marktwirtschaft". Das ist ein Externalitätenproblem. Und Externalitäten zu regulieren ist die Kernaufgabe des Staates seit John Stuart Mill.

VII. Was das alles mit Fülle zu tun hat

Und hier kommen wir an den Punkt, an dem das Verteilungsparadigma selbst zu Ende geht.

Die intuitive Reihenfolge ist: Erst umverteilen, dann investieren. Erst die Reichen besteuern, dann Schulen bauen. Erst das Geld einsammeln, dann ausgeben. Das ist Gary. Und es ist in einem modernen FIAT-Geldsystem schlicht falsch herum gedacht.

Die MMT-Pointe, die im populären Diskurs verloren geht: Der Staat in eigener Währung finanziert nicht über Steuern. Er gibt aus, indem er Geld in Umlauf bringt. Steuern dienen nicht der Finanzierung — sie dienen der Inflationskontrolle und der Realressourcen-Lenkung. Sie nehmen Kaufkraft aus dem privaten Sektor zurück, damit der Staat im realen Raum agieren kann, ohne mit der Privatwirtschaft um dieselben Bauarbeiter, dieselben Materialien, dieselben Architekten zu konkurrieren.

Übersetzt: Wenn der österreichische Staat morgen sagt „wir bauen 100.000 Sozialwohnungen in fünf Jahren", ist die Frage nicht „woher das Geld?" — das Geld kann er sich selbst gutschreiben. Die Frage ist: „Wer baut, wenn die Bauarbeiter gerade Luxus-Penthouses bauen?" Und genau hier kommt die Steuer ins Spiel — nicht als Finanzierung, sondern als Hebel: Wer Luxusbau hoch besteuert und Sozialbau steuerfrei stellt, lenkt Baufirmen, Handwerker, Material vom einen Sektor in den anderen. Das ist nicht „Umverteilung". Das ist Realressourcen-Umlenkung.

Roosevelt hat das 1942 in Reinkultur vorgeführt. Pearl Harbor: Dezember 1941. Im Januar gründet Roosevelt per Executive Order 9024 das War Production Board. Im Februar 1942 läuft das letzte zivile Ford-Auto vom Band — Anordnung: ab sofort keine zivilen Autos mehr, Detroit baut Panzer, B-24-Bomber, Lastwagen, Jeeps. Nicht durch Marktanreize. Durch Order. Detroit hat 1941 noch 3,6 Millionen zivile Autos produziert. 1942 waren es 1,15 Millionen. Bis 1945 fast Null. Stattdessen das größte Industrieumlenkungs-Projekt der Geschichte.

Naheliegender Einwand: „Krieg. Da geht ja eh alles." Genau hier liegt der entscheidende Punkt. Clara Mattei dokumentiert in The Capital Order einen Fall, der den Mechanismus offenlegt: Großbritannien, Erster Weltkrieg. Das britische War Cabinet meldet 1918 ans Parlament: „if shipping failed we could neither continue in the war nor maintain our population." Existenzielle Lage. Schiffe entscheiden über Krieg und Versorgung. Und was tun die privaten Reeder? Sie verkaufen britische Schiffe ans Ausland, weil profitabler — bis Februar 1917 in einem Ausmaß, dass „the fate of Britain literally hung in the balance". Es waren nicht einmal mehr genug Schiffe da, um die Grundversorgung des Landes zu importieren. Erst als man — in den Worten von Chiozza Money, parliamentary secretary im Ministry of Shipping — „brought to the edge of the abyss" war, gab der Staat seinen „doctrinaire individualism" auf und griff in die Allokation der Realressourcen ein.

Das ist die eigentliche Lehre, nicht der Krieg selbst. Selbst wenn die Nation am Abgrund steht, optimiert der Markt weiter auf Profit, nicht auf Überleben. Erst staatlicher Eingriff stoppt das. Wenn das im Krieg gilt — was sagt es uns für die strukturellen Krisen, die heute weniger akut, aber nicht weniger existenziell sind? Klimawandel ist ein Schiffsverkauf in Zeitlupe. Wohnungsnot ist ein Schiffsverkauf in Zeitlupe. Pflegekrise ist ein Schiffsverkauf in Zeitlupe. Der Markt verkauft die Tonnage, die das Land bräuchte, an den höchsten Bieter — Statuskonsum für die Top-1% — und hört damit nicht auf, bis jemand ihn stoppt.

Mariana Mazzucato nennt das Gegen-Prinzip heute „market shaping" statt „market fixing": Der Staat fixiert nicht im Nachhinein Marktversagen, er gestaltet vorausschauend, wofür Realressourcen verwendet werden.

Das ist der Schritt jenseits Gary. Verteilung ist nicht das Eintrittsticket in einen Möglichkeitsraum, den danach jemand öffnet. Im FIAT-System ist das Investieren die primäre Handlung, und die Besteuerung ist die gleichzeitige Realressourcen-Lenkung, die verhindert, dass diese Investition inflationiert oder von der privaten Statuskonsum-Maschine absorbiert wird.

Das verlangt einen Staat, der mehr ist als unternehmerisch. Den Staat als Investor in das Noch-Nicht — ja, den hat Mazzucato beschrieben. Aber market shaping allein ist noch nicht Fülle. Mattei zeigt selbst die Schattenseite: Auch der italienische Faschismus war ein gestaltender Staat. Auch das britische Treasury der Zwanzigerjahre hat den Markt gestaltet — zugunsten der Vermögensordnung, gegen die Arbeitenden. Was wir brauchen, ist nicht einfach mehr Staatslenkung. Was wir brauchen ist der sorgende Staat: ein Staat, der versteht, dass Märkte auf das optimieren, was sie können — Profitmaximierung — und systematisch dort versagen, wo es um langfristige, kollektive Allokationen geht. Pflege. Wohnraum. Bildung. Energieinfrastruktur. Klimaresilienz. Der Markt baut Penthouses für 238 Millionen. Er baut keine Sozialwohnungen für 350 Euro Miete. Nicht weil er bös ist — sondern weil sein Optimierungsgradient woanders zeigt. Ein sorgender Staat lenkt nicht gegen die Arbeitenden um, sondern für sie. Das ist der demokratische Unterschied.

Das ist Fülle. Nicht Umverteilung als Voraussetzung von Möglichkeit, sondern Möglichkeitsöffnung als primäre staatliche Praxis, gestützt durch Realressourcen-Lenkung über Besteuerung. Werden im Vollzug — nicht erst-dann, sondern gleichzeitig.

VIII. Und jetzt ehrlich

Was mich an dieser Debatte am meisten frustriert?

Nicht, dass Gary recht hat. Er hat recht. Nicht, dass die MMT-Leute recht haben. Sie haben weitgehend auch recht. Nicht mal, dass Vermögenskonzentration grotesk ist — das ist sie offensichtlich.

Was mich frustriert, ist, dass wir das Narrativ verloren haben. Wir haben verlernt, in Generationen zu denken. Wir haben verlernt zu sagen: Lasst uns die Sahelzone begrünen. Lasst uns jeden Hauseingang in Wien zu einem kleinen Energiekraftwerk machen. Lasst uns die Pflegeberufe so bezahlen, dass sie ein selbstverständlicher Lebensweg werden statt einer Selbstaufopferung. Lasst uns Wohnraum nicht als Spekulationsobjekt, sondern als Grundrecht behandeln.

Und das sage ich nicht von außen. Ich habe während meines Philosophiestudiums in der Krankenpflege gearbeitet, einer der erfüllendsten Berufe, die ich je hatte. Den Zivildienst davor habe ich in einem Kindergarten für geistig behinderte Kinder gemacht, auch das eine prägende, und schöne Zeit. Ich habe danach mit dem Gedanken gespielt, Kindergärtner zu werden. Erzieher. Pfleger. Es hätte mich erfüllt.

Ich habe es nicht gemacht. Aus genau dem Grund, der hier zur Debatte steht.

Meine Mutter war Krankenpflegerin. Mein Vater auch. Wir sind nicht in den Urlaub gefahren. Neue Kartoffeln waren bei uns Luxus — ich meine das wörtlich, nicht als Metapher. Wer pflegt, wer Kinder erzieht, wer sich um die anderen kümmert — landet am unteren Ende der Verteilung. Das war für mich nicht Theorie. Das war Frühstückstisch.

Ich habe einen anderen Weg gewählt, und erst im Studium gelernt, dass es Menschen gibt die andere beraten, da lag das große Geld: Beratung. Bücher. Unternehmertum.

Das ist meine Geschichte. Und sie ist gleichzeitig ein Symptom. Eine Gesellschaft, die ihre Care-Arbeit so bezahlt, dass ein junger Mensch mit Lust auf diese Arbeit aus rationalen Gründen einen anderen Weg wählen muss — diese Gesellschaft produziert ihre eigene Pflegekrise. Mit derselben Logik produziert sie die Wohnungsnot, das Klimaproblem, den Fachkräftemangel. Knappheit, die wir uns selbst herstellen, indem wir die falschen Dinge belohnen.

Wir haben verlernt, das zu wollen. Wir reden uns ein, das ginge nicht. Das wäre Utopie. Das könne man sich nicht leisten. Und während wir uns das einreden, verkauft jemand in Manhattan eine Wohnung für 238 Millionen Dollar.

Das ist nicht ein Naturgesetz. Das ist eine Konfiguration. Und Konfigurationen kann man ändern.

Vielleicht ist das die merkwürdigste Erfahrung des Theaterabends im Ronacher: Dass eine Inszenierung des achtzehnten Jahrhunderts mir mehr über zeitgemäße Politik erzählt hat als die meisten Wahlkampfreden, die ich in den letzten Jahren gehört habe. Eine knallharte Machtpolitikerin, die ihr Mutter-Image bewirtschaftete, mit ihren Kindern Geopolitik spielte und in Glaubensfragen alles andere als zimperlich war — und gleichzeitig die Schulpflicht eingeführt, den Adel besteuert und in Generationen gedacht hat. Beides zusammen. Keine Heilige. Aber jemand, die wusste, was sie tat.

Damit das niemand verwechselt: Härte und Generationenhorizont sind nicht das, was die Merz' und Marterbauers dieser Welt darunter verstehen. Über beide habe ich ausführlich an anderer Stelle geschrieben: in Knappheit als Methode und in Wenn der Finanzminister recht hat – und es trotzdem nicht tut. Wenn die einen von Generationengerechtigkeit sprechen, meinen sie Schuldenbremse. Wenn die anderen davon sprechen, meinen sie „dass alle das Sparen spüren". Beides ist nicht Maria-Theresianisch. Beides ist sein Gegenteil.

Maria Theresia hat nicht gesagt: „Wir müssen alle den Gürtel enger schnallen." Sie hat gesagt: „Wir besteuern jetzt den Adel." Sie hat nicht bei den Krankenpflegerinnen gespart — sie hat in Schulen, Verwaltung, Manufakturen investiert. Sie hat Möglichkeitsräume gebaut, finanziert durch Umverteilung von oben nach Mitte und unten. Das ist der genaue Gegenentwurf zu vier Jahrzehnten neoliberaler Austeritätspolitik: oben Steuersenkungen, unten Kürzungen.

Härte ja — gegen die Reichen, gegen die Rentenextraktion, gegen den Wohnungsspekulationsmarkt. Investition ja — in Pflege, Bildung, Wohnraum, Energieinfrastruktur. Das ist der Maria-Theresianische Reflex. Nicht: arbeiten, sparen, durchhalten. Sondern: umverteilen, investieren, Möglichkeitsräume öffnen.

Wir müssen keine Habsburgerin ans Ruder lassen. Wir brauchen ihre Haltung in der Politik. Ich wünsche mir eine Politik, die nicht nur verwaltet, sondern Möglichkeitsräume öffnet.

Fülle ist keine Naturkonstante. Fülle ist Praxis. Sie beginnt damit, dass wir aufhören, künstlich produzierte Knappheit für Natur zu halten.

Gary, danke für das Erdungselement. Wir nehmen es von hier.


Boris Gloger arbeitet an einer Dissertation über „Fülle als Struktur des Werdens". Dieser Essay markiert den Übergang einer Essay-Reihe, die mit der Diagnose der Knappheit als Methode begonnen hat — über Die leere Stelle , Knappheit als Methode und Wenn der Finanzminister recht hat — und es trotzdem nicht tut


Quellen und Belege:

  • ORF.at, 27.5.2026: „Superreiche halten 39 Prozent des Vermögens in Österreich" — basierend auf dem Global Wealth Report 2025 der Boston Consulting Group.
  • Block-by-Block-Wohnungsbauplan: Pressekonferenz Bürgermeister Mamdani, 26.5.2026, NYC Mayor's Office.
  • Maria Theresia, Allgemeine Schulordnung: 6. Dezember 1774, Österreichisches Staatsarchiv.
  • Wohnungsleerstand Deutschland: Zensus 15. Mai 2022, Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen — 1,9 Millionen Wohnungen, das entspricht 4,5 Prozent.
  • Ken Griffin, 220 Central Park South, $238 Mio., 2019 — bis heute teuerster privater Immobilienkauf in den USA.
  • Gemeindebau Wien: rund 220.000 kommunale Wohnungen, mehr als 60 Prozent der Wienerinnen und Wiener leben in gefördertem Wohnraum (Stadt Wien, Wiener Wohnen).
  • Belege zu Merz, Marterbauer, SPÖ-Doppelbudget, Verteilungswirkung, Mamdani-NY-Steuerpolitik, Lindner-Vergleich, Klingbeil-Muster: ausführlich in [Knappheit als Methode](https://borisgloger.at/knappheit-als-methode/) (17.5.2026) und [Wenn der Finanzminister recht hat — und es trotzdem nicht tut](https://borisgloger.at/wenn-der-finanzminister-recht-hat-und-es-trotzdem-nicht-tut/) (23.5.2026).
  • Erbschafts- und Schenkungssteuer in Österreich: aufgehoben durch Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofs 2007, ausgelaufen zum 31.7.2008, seitdem keine Wiedereinführung. Vermögenssteuer in Österreich: 1994 abgeschafft. Quellen: BMF, Stand 2026; brandauer-rechtsanwaelte.at (April 2026); finanzinfo.at (April 2026).
  • Theresianische Steuerrektifikation: Haugwitz-Reform, Kronrat 29. Jänner 1748, Handschreiben vom 2. Mai 1749. Erstmalige Einbeziehung des Adels in die Steuerpflicht auf Dominikalland — gegen den expliziten Widerstand der Stände. Quellen: Habsburger.net, Deutsche Biographie (Eintrag Haugwitz), Land Oberösterreich.
  • Klassenreproduktion über Jahrhunderte: Johannes Böhme, Soziale Ungleichheit: Deutschland, eine Dynastie, DIE ZEIT, 12.5.2026. Empirische Grundlage: Guglielmo Barone / Sauro Mocetti, Intergenerational Mobility in the Very Long Run: Florence 1427-2011, Bank of Italy Working Paper. Vergleichsfälle: Schweden (Riddarhuset), England (Normannen 1066 / Oxbridge).
  • Vermögensungleichheit Deutschland: Martyna Linartas, Unverdiente Ungleichheit, Rowohlt 2025. Promovierte Politikwissenschaftlerin FU Berlin, Gründerin ungleichheit.info. Kernbefund: Zwei Familien besitzen mehr als 41 Millionen Deutsche zusammen; mehr als die Hälfte aller Vermögen sind geerbt.
  • Theoretische Anschlüsse: Bloch Das Prinzip Hoffnung, Arendt Vita activa (Natalität), David Deutsch The Beginning of Infinity, Eliyahu Goldratt Theory of Constraints, Karl Polanyi The Great Transformation, Mariana Mazzucato The Entrepreneurial State und Mission Economy (market shaping vs. market fixing), Clara E. Mattei The Capital Order, John Stuart Mill On Liberty (Externalitäten-/Schadensprinzip).
  • War Production Board (WPB): Gegründet durch Executive Order 9024 am 16. Januar 1942 von Franklin D. Roosevelt. Stopp der zivilen Auto-Produktion in den USA per Anordnung Februar 1942; das letzte zivile Ford-Auto verließ am 10. Februar 1942 das Werk. Zivile Auto-Produktion 1941: ca. 3,6 Mio. — 1942: ca. 1,15 Mio. — danach faktisch Null bis Kriegsende. Industrielle Komplett-Umstellung auf Panzer, Flugzeuge, Militär-LKW, Munition. Quellen: Defense Media Network, Wikipedia (War Production Board), Office of Production Management Records.
  • Britische Schiffstonnage-Episode (Erster Weltkrieg, Privatreeder verkaufen Schiffe ans Ausland trotz nationaler Existenzbedrohung, Staat muss eingreifen): Clara E. Mattei, The Capital Order: How Economists Invented Austerity and Paved the Way to Fascism, University of Chicago Press 2022, S. 28-29. Matteis Primärquellen: Leo George Chiozza Money, parliamentary secretary im Ministry of Shipping, The Triumph of Nationalization (1920); His Majesty's Stationery Office (HMSO 1918a); Hurwitz (1949). Schlüsselzitate: War Cabinet 1918: „if shipping failed we could neither continue in the war nor maintain our population" (HMSO 1918a, S. 106); Hurwitz 1949: „the fate of Britain literally hung in the balance" (S. 194); Chiozza Money: erst „brought to the edge of the abyss" gab der Staat den „doctrinaire individualism" auf. Matteis Hauptargument: Austerität als politisches Disziplinierungsinstrument der Eigentumsordnung — sie zeigt den britischen Eingriff als historische Anomalie, nach der die Eigentumsordnung über die Austeritätspolitik der 1920er restauriert wurde.