Optimierung ohne Sinn: Die teuerste Ablenkung unserer Zeit
Wir optimieren Schlaf, Fokus, Körper – aber niemand fragt: Wofür? Die Stoiker übten, um zu leben. Wir üben, um zu funktionieren. Der Unterschied zwischen Subjekt und Objekt.
Ich kaufe mir das beste Fahrrad. Ich schaue Videos, lese Tests, vergleiche Geometrien – und am Ende steht da ein Rad, bereit für TransGermany: leicht genug, stabil genug, 9 Kilo plus Gepäck. Ich bin vorbereitet.
Ich optimiere gern. Das beste Equipment ist gerade gut genug. Ich kenne diese YouTube-Universen, in denen man Schlaf „repariert", Fokus „designt", Dopamin „managt", Essen „hacked" und Training „protokolliert". Und ja: Manchmal hilft das.
Nur passiert dabei etwas Merkwürdiges: Die Spirale des Leistungswettkampfs wandert aus dem Business ins Leben. Sie macht weder vor dem Schlafzimmer noch vor dem Kühlschrank halt.
Und fast niemand stellt die eine Frage, die alles entlarvt:
Wofür eigentlich?
Der Denkfehler
Wir verwechseln Effizienz mit Richtung. Und Produktivität mit dem guten Leben.
Wir werden besser darin, Dinge zu tun: schneller aufzuwachen, länger zu fokussieren, besser zu schlafen, mehr zu leisten. Aber wir prüfen zu selten, ob es die richtigen Dinge sind. Und noch seltener, ob uns diese Verbesserung tatsächlich gut tut.
Die perfekte Morgenroutine ersetzt keine Antwort auf „Wozu?". Der beste Flow-State nützt nichts, wenn ich dabei nicht freier werde – sondern nur funktionaler.
Optimierung ist ein Mittel. Kein Zweck.
Was die Optimierer richtig machen – und wo sie den Punkt verfehlen
Ich will das sauber trennen:
Wer schlecht einschläft, kann von Schlafhygiene profitieren. Wer ständig abgelenkt ist, kann lernen, wieder zu arbeiten. Ratgeber haben ihre Berechtigung.
Der Fehler liegt tiefer: im Narrativ, das sich unter das Optimieren schiebt.
Denn im Hintergrund wirkt eine Verwertungslogik: Ich bin nur dann „gut", wenn ich messbar besser werde.
Aus „Wie kann ich mein Leben verbessern?" wird: „Ich muss mich verbessern, um zu genügen."
Das ist kein Gesundheitsprogramm mehr.
Das ist ein stiller Zwang.
Der eigentliche Denkfehler: Wir machen uns zum Objekt
In dem Moment, in dem Optimierung zur Identität wird, kippt etwas:
Ich behandle mich wie eine Maschine.
Wie ein System, das man tunen kann.
Wie ein Projekt, das man managen muss.
Ich werde mir selbst zum Gegenstand.
Und damit unterwerfe ich mich freiwillig einem gesellschaftlichen Imperativ, der nie fragt, ob er mir dient – sondern nur, ob ich mithalte.
Das Problem ist nicht Optimierung.
Das Problem ist, was ich dabei mit mir mache.
Die Antike: Hilfestellung, nicht Objektivierung
Die Basisfrage der Philosophie ist alt: Wie sollen wir leben?
Die Stoiker haben Selbstübung ernst genommen. Aber nicht, um sich in bessere Maschinen zu verwandeln. Sondern um im Leben standzuhalten: bei Verlust, in Krise, angesichts des Todes.
Marc Aurel schrieb seine Selbstbetrachtungen nicht als Produkt für ein Publikum, sondern als Notizen für sich selbst: eine Praxis der Klarheit im Handeln.
Seneca formuliert den Kern brutal einfach: Nicht weil uns wenig Zeit gegeben sei, sondern weil wir sie verlieren – durch Zerstreuung, durch Geschäftigkeit, durch falsche Prioritäten.
Der Unterschied ist entscheidend:
- Die Stoiker bleiben Subjekt: Ich frage: Was ist richtig?
- Die Optimierungslogik macht mich zum Objekt: Ich frage: Wie werde ich effizienter?
Sloterdijk: Übung braucht Richtung
Sloterdijk nennt den Menschen ein Wesen der Übung: Wir sind darauf angelegt, uns zu formen – in Richtung dessen, was wir werden könnten.
Aber Übung hat bei ihm immer eine vertikale Spannung: ein „Oben", auf das sie zielt. Eine Idee des Besseren, die nicht aus Messwerten kommt, sondern aus Orientierung.
Wenn diese Richtung fehlt, passiert das, was wir heute überall sehen:
Aus Übung wird Routine.
Aus Askese wird Selbstoptimierung.
Aus dem Streben nach dem Guten wird das Streben nach dem Messbaren.
Und die Messlatte wird nicht von mir gesetzt, sondern von außen: vom Markt, vom Milieu, vom Nachbarn, vom Algorithmus.
Üben ohne Wozu
In der Optimierungsindustrie ist das Telos verschwunden.
Übrig bleiben Protokolle, Stacks, Tracker, Outputs.
Optimierte Systeme.
Aber optimiert wofür?
Vielleicht wird die Frage nicht gestellt, weil sie unbequem ist. Vielleicht, weil sie sich schlecht monetarisieren lässt. Vielleicht, weil sie den Markt beschädigt, der davon lebt, dass wir uns permanent als „noch nicht genug" erleben.
Gabriel: Der Mensch als Subjekt, nicht als Projekt
Markus Gabriel argumentiert – gegen die modische Beliebigkeit –, dass moralische Fragen nicht einfach Geschmack sind: Was gut ist, ist nicht nur eine persönliche Präferenz.
Das ist relevant, weil es die Optimierungslogik von hinten aufbricht:
- Optimierung fragt: Wie mache ich es besser?
- Ethik fragt: Was ist eigentlich gut?
Optimierung will Effizienz.
Ethik will Orientierung.
Optimierung macht mich zum Objekt.
Ethik lässt mich Subjekt sein.
Die Stoiker hatten beides. Wir haben oft nur noch das eine.
Die Verbindung zu Führung und Strategie
Das Muster ist in Organisationen identisch:
- OKRs ohne Strategie
- Sprints ohne Richtung
- Prozesse ohne Wirkung
- KPIs, die Aktivität messen – nicht Sinn
Führung heißt: Richtung geben, nicht nur Performance steigern.
Strategie heißt: Kurs setzen, nicht nur Geschwindigkeit erhöhen.
Der Kern
Die gefährlichste Optimierung ist die, die dich davon abhält, die richtigen Fragen zu stellen.
Und vielleicht noch härter:
Du kannst die perfekte Morgenroutine haben – und trotzdem das falsche Leben leben.
Die Frage, die bleibt
Was wäre, wenn du nur zehn Prozent deiner Optimierungszeit in Klarheit investierst?
Nicht: Wie werde ich effizienter?
Sondern: Was ist mir eigentlich wichtig?
Quellen
- Marcus Aurelius: Selbstbetrachtungen – als persönliche Notizen verfasst. https://baos.pub/7-lessons-i-learned-from-reading-marcus-aurelius-meditations-7-times-8c293f5669a9
- Seneca: De brevitate vitae (Von der Kürze des Lebens), ca. 49 n. Chr. https://archive.org/details/L254SenecaTheYoungerMoralEssaysIIConsolationsTranquillitiesDeBrevitateVitae
- Peter Sloterdijk: Du musst dein Leben ändern. Über Anthropotechnik. Suhrkamp, 2009.
- Markus Gabriel: Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten. Universale Werte für das 21. Jahrhundert. Ullstein, 2020.
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