Loslassen als Führungsprinzip
Alex Hormozi sagt, wir scheuen Entscheidungen, weil wir die Kosten nicht kennen. Ich sage: Wir kennen sie sehr genau. Wir wollen sie nur nicht zahlen.
Ich bin fasziniert von Helden. Selbst dann, wenn sie jünger sind als ich. Vielleicht ist es Neid.
Nein – es ist Neid. Ganz klar.
Ich hätte auch gerne ein Buch, das 100 Millionen Dollar in drei Tagen einspielt. Deshalb höre ich Menschen wie Alex Hormozi zu und denke: Der muss ja was richtig machen.
Wissend: Das ist alles nur Business. Und seine Gedanken sind einerseits bestechend, andererseits sehr simpel. Er sagt im Grunde: Tue.
Hormozi hat ein Video gemacht über Trade-offs
Hormozi hat ein Video gemacht über Trade-offs. Seine These:
Menschen bekommen nicht, was sie wollen, weil sie nicht bereit sind, den Preis zu zahlen.
Der Preis ist unbekannt. Der Outcome ist unbekannt. Also bleiben wir in "decision purgatory" – wir entscheiden nicht, weil wir nicht wissen, was es kostet.
Hormozi hat recht. Und er hat unrecht.
Er hat recht
Er hat recht: Wir scheuen Entscheidungen, weil der Ausgang offen ist.
Er hat unrecht: Die Kosten sind nicht unbekannt.
Die Kosten sind immer dieselben. Sie heißen: etwas lassen. Die Investition ist auch immer schon bekannt: Aufmerksamkeit.
Wer abnehmen will: kein Alkohol
Wer abnehmen will: kein Alkohol. Investition: Schritte gehen.
Wer fit werden will: weniger Netflix. Investition: 10 min Burpees.
Wer sich weiterbilden will: weniger Fußball mit Freunden. Investition: Die Zeit damit verbringen, etwas zu lesen.
Die Formel ist simpel. Brutal simpel. Wir tun nur so, als wäre sie kompliziert.
Veränderung braucht Aufmerksamkeit
Veränderung braucht Aufmerksamkeit.
Aufmerksamkeit kostet Zeit.
Zeit ist endlich.
Also: Worauf richten wir unsere Aufmerksamkeit?
Das ist die einzige Frage, die zählt. Nicht: Was will ich erreichen? Sondern: Worauf bin ich bereit, meine Aufmerksamkeit zu richten – und worauf nicht mehr?
Hormozi fragt: Was bist du bereit zu traden?
Hormozi fragt: Was bist du bereit zu traden?
Ich frage: Was bist du bereit zu lassen?
Klingt ähnlich. Ist es nicht.
Traden klingt nach Geschäft. Nach Kalkül. Nach: Ich gebe X, ich bekomme Y.
Lassen ist etwas anderes. Lassen bedeutet: Ich höre auf, etwas zu tun, weil ich Raum für etwas anderes gebe. Lassen ist kein Deal. Lassen ist ein Sprung ins Unbekannte.
Und das Unbekannte, die offene Option – die fürchten wir. Doch da hat Hormozi vollkommen recht: Der mögliche Gewinn liegt genau dort, im Ungewissen. Wer nur kalkuliert, gewinnt nur Kalkulierbares.
Hannah Arendt hat in "Vita Activa" beschrieben, die eigentliche menschliche Tätigkeit sei Handeln: etwas Neues in die Welt setzen. Einen Anfang machen. Das Unvorhersehbare wagen. Und nur so treten wir in Erscheinung – wir erscheinen. Wir werden erst im Handeln, im Tun sichtbar.
„Die Größe aber, bzw. der einer jeweiligen Tat in ihrer Einzigartigkeit zukommende Sinn, liegt weder in den Motiven, die zu ihr getrieben, noch in den Zielen, die sich in ihr verwirklichen mögen; sie liegt einzig und allein in der Art ihrer Durchführung, in dem Modus des Tuns selbst." (Arendt 2020, S. 292)
Die meisten von uns sind gefangen in der Arbeit. Im Kreislauf. Im Reagieren. Im Abarbeiten der Liste, die nie endet.
Handeln – das Setzen von Anfängen – erfordert etwas anderes. Es erfordert, dass wir in Erscheinung treten. Dass wir präsent sind. Dass wir da sind. Und dieses Tun selbst ist bereits die Erfüllung, ist bereits das, worum es geht.
Wer sich Zeit fürs Klavierspielen nimmt, oder in unserem Fall für Führung, der tritt in Erscheinung und wirkt. Das Tun selbst ist der Zweck.
Und dafür braucht es Raum.
Doch unsere moderne Welt nimmt uns den Raum dafür
Doch unsere moderne Welt nimmt uns den Raum dafür. Füllt ihn mit Verführung – Konsum: Netflix, Social Media, Konzerte, Urlaube – oder dem Versuch, die Klasse zu erhalten.
Dieser bereits überfüllte Raum hat keinen Platz mehr für Veränderungen. Wir müssen erst Raum schaffen. Marie Kondo räumt erst auf, nachdem wir im Schrank wertschätzend für unsere alten Dinge Platz durch Entfernen geschaffen haben. Ihr Geheimnis ist nicht, alles an einen Platz zu stellen, sondern Raum zu schaffen. Wenn alles seinen Platz hat, dann kann man auch aufräumen.
Wer also etwas Neues in sein Leben bringen will – der muss loslassen.
Arendt schreibt, dass Handeln bedeutet, das eigene
Arendt schreibt, dass Handeln bedeutet, das eigene Potenzial zu entfalten. Als schöpferischer Mensch in die Welt zu treten. Nicht als Rädchen im Getriebe. Nicht als Funktion. Sondern als jemand, der anfängt.
Aber wer ständig beschäftigt ist, kann nicht anfangen. Wer keine Aufmerksamkeit übrig hat, kann nichts Neues sehen. Wer alles tut, kann nichts beginnen.
Potenziale brauchen Raum, in dem sie sich entfalten können. Ich mag das Potenzial zur Führung haben, doch wenn da nichts ist, was ich führen kann? Ohne Team, keine Führung.
Ich mag das Talent zum Zeichnen haben, doch wenn ich nicht die Möglichkeit habe, hunderte Zeichnungen zu machen, weil der Raum fehlt – wird aus dem Zeichnen nichts.
Die Führungsfrage ist daher auf allen Ebenen nicht
Die Führungsfrage ist daher auf allen Ebenen nicht: Was sollten wir noch tun?
Gerade eben komme ich aus einem Workshop. Da wurde so nebenbei deutlich, was auch noch getan werden müsste – doch dem wird kein Raum gegeben.
Die Führungsfrage ist: Was sollten wir lassen, damit wir wieder handlungsfähig werden? Damit wir das Neue in die Welt bringen können?
Hormozi, der aus dem Einzelnen einen Unternehmer machen
Hormozi, der aus dem Einzelnen einen Unternehmer machen will, sagt: Die Leute bleiben in "decision purgatory", weil sie die Kosten nicht kennen.
Ich sage: Sie kennen die Kosten sehr genau. Sie wollen sie nur nicht zahlen.
Die Kosten heißen: Komfort aufgeben. Gewohnheit aufgeben. Die Illusion aufgeben, dass man alles haben kann.
Das ist keine Esoterik
Worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, davon bekommen wir mehr.
Das ist keine Esoterik. Das ist Mechanik.
Wer seine Aufmerksamkeit auf Probleme richtet, sieht Probleme.
Wer seine Aufmerksamkeit auf Möglichkeiten richtet, sieht Möglichkeiten.
Doch hier muss ich den Einzelnen in Schutz nehmen, auch vor Hormozi. Das Umfeld macht es einem nicht ganz so einfach. Es sind nicht nur die bösen Stimmen der anderen, die uns abhalten. Nein. Es sind auch die in uns eingebrannten Zwänge, die internalisierten, eingeschriebenen „Gesetze" der Kultur, der Gesellschaft, der Organisation, die uns glauben machen sollen: Da seien keine Möglichkeiten.
Und dieser Glaube ist es, der verhindert, dass wir springen.
Die Frage ist nicht, ob du bereit bist, einen Trade zu machen.
Die Frage ist, ob du bereit bist, etwas zu lassen – ohne Garantie, dass etwas Besseres kommt.
Das ist der eigentliche Sprung.
Nicht der kalkulierte Deal. Sondern das Loslassen ohne Netz.
Und jetzt kommt es: Die Möglichkeiten sind da, denn das Universum ist ein Ort der Fülle. Ideen sind unbegrenzt. Und wenn wir verstehen würden, dass die Erfüllung nicht im Erfolg liegt, sondern im Tun, dann würden viele sich auf den Weg machen.
Dass unsere Gesellschaft den Erfolg – also das Herstellen, wie Arendt es nennt – zum Götzen erhoben hat: geschenkt. Dem müssen wir uns nicht mehr ausliefern. Denn wir sind nur, wenn wir in Erscheinung treten. In Erscheinung treten wir nur, wenn wir tun, also handeln, also in Verbindung mit anderen sind. Und uns dabei aktualisieren.
Arendt nennt das: in Erscheinung treten.
Sich zeigen. Anfangen. Handeln.
Das geht nur, wenn Raum da ist.
Und Raum entsteht nur durch eines: Lassen.
Boris Gloger, Januar 2026
Referenzen:
- Alex Hormozi: "You're not getting what you want" (YouTube)
- Hannah Arendt: Vita Activa oder Vom tätigen Leben (1958/2020)
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