Im Zwischenraum

Über die Angst vor dem echten Moment – und warum Führung mit Selbstführung beginnt.

Im Zwischenraum
Idee: Boris Gloger / Ausführung Midjourney

Sie steht vor mir in der Schlange – vor der Security, hochgewachsen, in einem braunen Kostüm, hohe Wildlederstiefel, kurzer Rock, lange gepflegte Haare. Sprich sie an, sagt es in mir.

In meinem Kopf kreist es, Wunsch und Wirklichkeit, ich bin von ihr fasziniert und im Kopf beginnen die Optionen. Sie fasziniert mich, ich suche das Detail, so dass ich sie relativieren kann. In mir – der Drang, würde Bloch sagen, und die Angst.

Wir bewegen uns, die Taschen und Koffer bestimmen den Takt in der Schlange, mein Blick geht zu ihrem Ausschnitt, ich trotte wie alle im Takt hinterher. Nehme mich selbst, meine eigene Bewegung nicht wahr, und doch fühle ich gerade meine Kleidung, meine Hose, meine Jacke – passt alles? Bin ich selbst überhaupt gut genug angezogen? Würde sie mich sehen, spräche ich sie an. Wir gehen weiter, sie legt ihren Koffer aufs Band … und dann sehe ich sie noch entschwinden.

Wieder das Alte – die Enttäuschung, eine Chance ist vertan. Eine Chance auf ein nettes Gespräch, auf einen Kontakt. Die Fantasie ist hier stärker als der Wunsch, das Leben zu verändern.

Es geht nicht darum, mit ihr zu entfliehen – oder ist es doch so? Will ich in diesem Moment wie in einem Film den Ideen von Hollywood entsprechen? Die Romance am Flughafen?

Wenn ich ehrlich zu mir bin: Ja. Genau das will ich in diesem Augenblick. Nicht auf die Konsequenzen schauen, das Leben in diesem Moment, wohin würde es führen – alles andere hinter sich lassend.

Am Ende bleibt die Wut auf sich selbst, obwohl die Chance gar nicht real war. Eingebildet – selbstverzehrend und blockierend.

Ich sitze in einem Straßenrestaurant in Peking

Ich sitze in einem Straßenrestaurant in Peking. Eine Arbeitskollegin führt mich hierher, sie relativiert und erklärt: Obwohl dieses Restaurant aussieht, als würde man hier nur Fraß bekommen, sei das Essen gut. Kein Restaurant könne es sich leisten, schlecht zu kochen – es wäre in wenigen Tagen leer, die Konkurrenz sei zu hoch.

Wir sitzen und sie fragt mich: "Willst du mal etwas ausprobieren?"

"Klar" – denn ich bin ja nicht hier, um Gewohntes zu essen.

Sie bestellt. Vor mir stehen bald – auf einem schlichten, hässlichen weißen Porzellanteller – acht glibrig aussehende Viertel von irgendetwas. Ich frage sie, was das ist.

"Probier, ich sag's dir anschließend."

Ich nehme eines der Viertel in den Mund und … es schmeckt süßlich, undefinierbar.

"Das sind hundertjährige Eier – eingegraben und fermentiert!"

Die Stimme im Kopf sagt sofort: Ausspucken, das essen wir nicht!

Meine Zunge antwortet: Das schmeckt wie Ei. Ganz normal, vielleicht ein wenig zu süß für Eiweiß.

Ausspucken kommt vom Verstand.

Die Zunge sagt: Warum? Es schmeckt wirklich wie ein Ei. Weder schlecht noch sonst wie falsch.

Die Zunge gewinnt. Ich schlucke.

Die Stimme im Kopf, das Grübeln, das Zweifeln – jeder kennt

Die Stimme im Kopf, das Grübeln, das Zweifeln – jeder kennt es. Nur selten jedoch verifizieren wir.

Der Ekel ist eingebildet. Nur die echte Überprüfung, das sensorische Erlebnis, der Test macht aus Ekel: Genuss.

Die Frau anzusprechen hätte Aktion bedeutet, Handlung, Verantwortung – in den wirklichen Moment zu kommen. Hätte die Chance geboten, dutzende ähnliche Szenen zu überschreiben, zu erkennen: Es geht bei dieser Angst nicht um sie, nicht um die Konsequenz, nicht um die Verkettung dessen, was passieren würde.

All das ist vorgestellt – im Sinne von: vor die Erkenntnis gestellt.

Es ist die Angst vor der Zurückweisung. Der Zweifel am eigenen Selbstwert.

Führung beginnt mit Selbstführung – und dem Ausbruch aus

Führung beginnt mit Selbstführung – und dem Ausbruch aus der eigenen Angst.

Dem Ausbruch aus den Vorurteilen. Der vorgestellte Ekel ist genauso wenig real wie der Glaube, die Menschen in deinem Team wollen nicht. Die Sorge, die Menschen machen nicht mit – genauso wenig echt wie das eigene Selbstverständnis als Führungskraft.

Die Frau in meinem Bild steht für den Kontakt, die echte Verbindung, die im Augenblick entsteht – die wir oft, gerade als Führungskräfte, durch unsere eigenen Ängste blockieren.

Und damit nehmen wir uns die Chance auf Kontakt.


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