Es gibt keine Knappheit

370 Milliarden Euro Überschuss, und trotzdem verfallen die Schulen. Dieser Essay rechnet durch, was passiert, wenn Deutschland aufhört zu sparen — und anfängt zu investieren. Mit offenem Modell, offenen Zahlen und einer These: Es gibt keine Knappheit.

Ein Junge, Bademütze in der Hand steht vor einem geschlossenen Schwimmbad. Bleistiftzeichnung.
Bildidee: Boris Gloger / Ausführung Nano Banana

Warum Deutschland nicht sparen sollte, sondern investieren – und zwar jetzt.

Eine evidenzbasierte Analyse mit Modellrechnung

In Connecting the Dots habe ich gezeigt, wie uns das Narrativ der Eigenverantwortung diszipliniert: Leiste mehr, dann wird schon etwas aus dir. Dieser Essay dreht die Perspektive. Er fragt nicht mehr nach dem Einzelnen — er fragt nach dem System, das uns zwingt. Warum spart ein Land, das reich genug wäre, allen ein gutes Leben zu ermöglichen? Wer profitiert davon? Und was passiert, wenn man die Zahlen einmal selbst durchrechnet? Der Text ist lang und enthält Tabellen. Aber was darin steht, hat mich nicht mehr losgelassen.


Zusammenfassung

Deutschland spart sich in die Stagnation. Der private Sektor baut jedes Jahr enorme Finanzierungsüberschüsse auf – rund 370 Milliarden Euro (Bundesbank, Finanzierungsrechnung 2024: Haushalte +298 Mrd., Unternehmen +56 Mrd., Finanzsektor +16 Mrd.) –, ohne dass diese Überschüsse in ausreichendem Maß in reale Investitionen am Standort fließen. Der Staat könnte dieses strukturelle Ungleichgewicht auflösen und antizyklisch investieren: Infrastruktur, Bildung, Pflege, Wohnungsbau – mit einem wissenschaftlich belegten Return on Investment. Dieser Essay zeigt anhand von Modellrechnungen auf Basis des Blanchard-Leigh-Multiplikators (2013) und der sektoralen Saldenidentität: Ein Gesamtprogramm von 544 Milliarden Euro pro Jahr würde das BIP in zehn Jahren von 4.800 auf über 10.000 Milliarden Euro heben, Vollbeschäftigung erreichen, die Schuldenquote von 63,5 % auf unter 55 % senken (ohne Zusatzsteuern) bzw. auf rund 42 % (mit Vermögens- und Erbschaftssteuer), das Rentenniveau auf 60 % anheben und das Kindergeld verdoppeln. Der Mechanismus folgt der Monopoly-Logik: Der Staat investiert zuerst – auf Kredit. Die Wirtschaft wächst, die Steuereinnahmen steigen von selbst, und die Netto-Neuverschuldung läge bei 5,7 % des BIP – kaum mehr als die Hälfte des US-amerikanischen Defizits. Ergänzende Steuern können das Defizit weiter senken, aber der Startpunkt ist die Investition. Ein detaillierter Methodik-Anhang dokumentiert das Rechenmodell Schritt für Schritt – jede Annahme, jede Formel, jeder Multiplikator ist offengelegt und reproduzierbar.


0. Ich bin in den Siebzigern aufgewachsen

Ich bin 1968 geboren und in Wiesbaden aufgewachsen. Arbeiterklasse. Meine Kindheit in den Siebziger- und frühen Achtzigerjahren war, im Rückblick, von einer Selbstverständlichkeit geprägt, die heute unwirklich klingt.

Ich bin Bus gefahren – erschwinglich, auch für den Jungen aus der Arbeiterfamilie. Ich war im Schwimmbad. Kieferorthopädie: kostenfrei (und es war nur die AOK). Stadtbücherei: kostenfrei. Schulbücher: kostenfrei. Mit zwölf ging ich zum Wiesbadener Turnerbund, Handball. Der Jahresbeitrag: 17 Deutsche Mark. Dafür konnte ich alles nutzen, was der Verein anbot. Mit fünfzehn war ich bei der DLRG – Schwimmtraining, kostenfrei. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals zu meiner Mutter gehen und Geld einsammeln musste. Nicht für die Grundschule. Nicht für das Gymnasium.

Man sollte meinen, dass eine Gesellschaft, die zur drittreichsten Volkswirtschaft der Erde gehört (Destatis, 2025), sich im Laufe von fünfzig Jahren diese Errungenschaften erhält. Dass der Wohlstand sich ausbreitet. Doch wir beobachten das Gegenteil.

Rund 2,1 Millionen Kinder in Deutschland leben in Armut oder an der Armutsgrenze (UNICEF Deutschland, 2023). Die Schwimmbäder schließen – Berlin heizt seit 2025 nur noch sechs von achtzehn Freibädern, aus Kostengründen. Turnhallen verfallen. Vereine lösen sich auf, weil es keine Hallen mehr gibt, in denen Wettkämpfe stattfinden könnten. Und eine einfache Busfahrt kostet längst so viel, dass sie für viele Familien kein alltägliches Verkehrsmittel mehr ist.

Wie ist das möglich? Wie kann es der drittgrößten Volkswirtschaft der Erde, die Jahrzehnte lang Außenhandelsüberschüsse in Rekordhöhe erzielte, derart schlecht gehen? Wie kann es sein, dass die Reallöhne 2022 einen Kaufkrafteinbruch von 4 % erlitten und bis heute nicht vollständig aufgeholt haben (Destatis: 2021 −0,1 %, 2022 −4,0 %, 2023 +0,1 %, 2024 +3,1 %) – in einem Land, dessen Mittelstand sich rühmt, einen »Hidden Champion« nach dem anderen hervorgebracht zu haben?

Das Narrativ, das uns die Politik seit dreißig Jahren anbietet, lautet:

Der Staat muss sparen, wir können uns den Sozialstaat, die Bildung, unsere Schulen, unsere Vereine, unsere Renten nicht mehr leisten.

Die Lösung, so heißt es: Wir sollten einfach mehr arbeiten.

Und wie ich in Connecting the Dots gezeigt habe, wird uns gleichzeitig eine Lüge erzählt, unser Glück läge in unserer eigenen Hand – tu einfach mehr, dann wird schon etwas aus dir.

Woher kommt diese Erzählung? Es begann in den Neunzigerjahren – mit den Maastricht-Kriterien 1992, dem Stabilitätspakt 1997, dann Gerhard Schröders Agenda 2010 und schließlich der Schuldenbremse 2009. Drei Jahrzehnte lang erzählt man uns:

Wenn wir nur genug sparen, wenn die Unternehmen nur genug entlastet werden, wenn die Arbeiter nur genug Opfer bringen – dann wird alles gut.

Ich bin jetzt 57 Jahre alt. Es ist nicht gut geworden.

Im Gegenteil: Zwei Jahre Rezession. Ein Infrastruktur-Rückstand von 215,7 Milliarden Euro allein in den Kommunen (KfW-Kommunalpanel, 2025; Rekordwert). Und eine Regierung, die weiterhin dasselbe Rezept verschreibt, das uns in diese Lage gebracht hat.

Der Soziologe in mir, der gesellschaftliche Herrschaftsstrukturen aufzeigen will, um uns aus der unverschuldeten strukturellen Gewalt zu befreien, hat sich gefragt – was wäre, wenn wir dieses Narrativ einmal herausfordern. Wenn wir mal so tun, als wäre genug Geld da – wenn der Staat einfach mal Geld ausgeben würde. Denn es geht, das haben uns COVID-19 und die Lockerung der Schuldenbremse für die Aufrüstung bewiesen. (Die USA machen es übrigens vor, und die Chinesen schon lange.)

Ich habe also mein VWL-Wissen aus St. Gallen auf die Probe gestellt, mich belesen, Quellen studiert. Und dank in diesem Fall Claude (Opus 4.6) selbst einmal ausgerechnet, was passieren würde.

Und wenn man hinter das Narrativ schaut, muss man feststellen: Uns wird seit dreißig Jahren eine Geschichte erzählt, die nicht stimmt.

Es gibt ein Gegennarrativ – und es wird von seriösen Ökonomen, Zentralbanken und sogar vom ehemaligen EZB-Präsidenten geteilt – und sie zeigen, das Versprechen einer gerechten, sozialen Marktwirtschaft und Wohlstand für alle ist erfüllbar. Denn es gibt keine Knappheit!


1. »Wir müssen sparen«: Das Narrativ und seine Verfechter

Es gibt einen Satz, der die deutsche Wirtschaftspolitik seit zwei Jahrzehnten beherrscht: »Wir müssen sparen.« Er klingt vernünftig. Er klingt verantwortungsvoll. Er klingt so, wie ein schwäbischer Haushalt klingen sollte. Und er ist – in seiner Anwendung auf einen souveränen Staat – grundfalsch.

Die Analogie zwischen Staatshaushalt und Familienbudget ist, was der Ökonom Richard Murphy (2025) den »household budget myth« nennt: eine gefährliche Vereinfachung, die seit Jahrzehnten als wirtschaftspolitische Weisheit verkauft wird. Eine Familie muss erst Geld verdienen, bevor sie es ausgeben kann. Ein souveräner Staat mit eigener Währung – oder Zugang zu den Kapitalmärkten, wie Deutschland im Euro-Raum – funktioniert anders. Die Bank of England hat das 2014 in einem bahnbrechenden Papier klar ausgesprochen: Geld wird durch Kreditvergabe geschöpft, nicht durch vorheriges Sparen (Bank of England, 2014).

Heiner Flassbeck, ehemaliger Chefökonom der UNCTAD, hat die Konsequenz dieser Verwechslung in einem Interview im Februar 2025 auf den Punkt gebracht:

Deutschland steckt nicht deshalb in einer Rezession, weil es zu viel ausgibt. Es steckt in einer Rezession, weil es zu wenig ausgibt (Flassbeck, 2025).

Die Bundesbank-Daten zeigen es schonungslos: Der private Sektor in Deutschland baut jedes Jahr rund 370 Milliarden Euro an Finanzierungsüberschüssen auf (Bundesbank, Finanzierungsrechnung 2024: Haushalte +298 Mrd. €, nichtfinanzielle Unternehmen +56 Mrd. €, Finanzsektor +16 Mrd. €). Dieses Geld verschwindet nicht buchhalterisch – es erscheint als Forderungsaufbau gegenüber Staat und Ausland. Aber es wird nicht in reale Investitionen am Standort übersetzt. Es liegt auf Konten, in Fonds, in Vermögenswerten (der Reichen: Die 10 wohlhabendsten Personen in Deutschland besitzen mehr als die ärmere Hälfte der Bevölkerung zusammen.) – und fehlt der Realwirtschaft als Nachfrage und Investition.

Das Ergebnis: Zwei Jahre Rezession. Ein Infrastruktur-Rückstand von 215,7 Milliarden Euro allein in den Kommunen (KfW-Kommunalpanel, 2025; Rekordwert). Marode Schulen, gesperrte Brücken, ein Pflegesystem am Limit. Und eine politische Klasse, die darauf mit der Schuldenbremse antwortet – also mit noch weniger Investitionen.

Und trotzdem, 2026, verschärft sich der Kurs. Kanzler Merz wiederholt das Narrativ: sparen, konsolidieren, Gürtel enger schnallen. Die Arbeitskosten müssen runter. Der Sozialstaat muss reformiert werden. Markus Söder will eine Stunde mehr Arbeitszeit pro Woche – das ist eine Lohnkürzung um 3 %. Der Wirtschaftsflügel der Union stellt das Recht auf Teilzeit in Frage. Die Krankentage sollen reduziert werden. Flassbeck nennt das »die schwäbische Hausfrau, die wieder unterwegs ist« – und er hat es in seinem Berufsleben fünf Mal erlebt: Jedes Mal, wenn es eine Nachfrage-Rezession gibt, kommen dieselben Leute mit denselben Forderungen (Flassbeck & Höfgen, 2025).

Die These: Es gibt keine Knappheit. Das Geld ist da. Es liegt in den rund 370 Milliarden Euro Finanzierungsüberschuss des privaten Sektors, die die Bundesbank jedes Jahr dokumentiert – Geld, das nicht in reale Investitionen am Standort fließt. Die Frage ist nicht, ob wir es uns leisten können zu investieren. Die Frage ist, ob wir es uns leisten können, es nicht zu tun.


2. Die Bilanz: Wo Sparen hinführt

Bevor wir uns mit Theorie befassen, schauen wir auf die Empirie. Was passiert, wenn ein Land den Kurs fährt, den Deutschland seit dreißig Jahren verfolgt? Und was passiert, wenn ein Land das Gegenteil tut?

2.1 Die Diagnose in Zahlen

Die theoretischen Debatten sind das eine. Die Daten sind das andere.

Heiner Flassbeck hat in Grundlagen einer relevanten Ökonomik (Flassbeck & Spiecker, 2024) und auf seinem Blog Relevante Ökonomik die empirische Beweislage zusammengetragen. Ich habe seine Zahlen geprüft – gegen die Daten des Statistischen Bundesamts, der Bundesbank, des DIW, des IMK, des ifo-Instituts und der EZB. Sie stimmen. Und sie sind nicht strittig. Man kann über die Interpretation streiten. Über die Fakten nicht.

Die Nachfragelücke ist real. Das reale BIP ist 2023 um 0,3 Prozent geschrumpft. 2024 noch einmal um 0,2 Prozent. Dass die deutsche Wirtschaft zwei Jahre in Folge schrumpft – das gab es zuletzt vor über zwanzig Jahren (Destatis, 2025). 2025 dann: plus 0,2 Prozent. Eine Bewegung um die Null-Linie, die man nur Wachstum nennen kann, wenn man den Begriff dehnt, bis er reißt. Das ifo-Geschäftsklima fiel im Januar 2026 auf 87,6 – ein Sieben-Monats-Tief. Die Kapazitätsauslastung in der Industrie: unter 80 Prozent. Baugenehmigungen seit 2022: minus 39 Prozent. Die Akademiker-Arbeitslosigkeit hat sich fast verdoppelt (Flassbeck & Höfgen, 2025).

Das sind keine Randnotizen. Das ist ein Muster.

Die Unternehmen investieren nicht. Seit zwanzig Jahren – seit zwei Jahrzehnten – machen die deutschen Unternehmen netto keine Schulden mehr. Sie sparen, statt zu investieren. Die Bundesbank dokumentiert das jedes Jahr in ihren Finanzierungsrechnungen (Bundesbank, 2025). Niemand nimmt es zur Kenntnis. Das DIW beziffert die Investitionslücke auf rund drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Der BDI meldet: Ein Drittel der Unternehmen plant keine Investitionen mehr am Standort Deutschland. Das IMK und das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft – also beide Seiten – halten jährlich 60 Milliarden Euro an zusätzlichen öffentlichen Investitionen für nötig.

Ich wiederhole: Das IMK und das IW. Gewerkschaftsnah und arbeitgebernah. Sie sind sich einig. Und nichts passiert.

In einer gesunden Wirtschaft nehmen Unternehmen Kredite auf, um zu investieren. In Deutschland legen sie ihr Geld auf die Bank. Das ist keine Stärke. Das ist ein Alarmsignal.

Die EZB steuert in die Deflation. Flassbeck weist seit Monaten auf die Erzeugerpreise hin – zu Recht. Die deutschen Erzeugerpreise sind zuletzt um 1,8 Prozent im Vorjahresvergleich gefallen (Destatis, November 2025). In der Industrie setzen sie ihren Rückgang fort. Die Inflation im Euro-Raum lag im Januar 2026 bei 1,7 Prozent – unter dem EZB-Ziel. Die EZB selbst prognostiziert für 2026 eine Inflation von 1,7 Prozent. Unter dem Zielwert. Europa ist nicht auf dem Weg zur Inflation – es ist auf dem Weg zur Deflation.

Und was tut die EZB? Sie hat die Leitzinsen seit Juni 2025 fünfmal unverändert gelassen. Fünfmal. Sie diskutiert Zinspausen.

Die Leistungsbilanzüberschüsse schrumpfen – und niemand übernimmt die Schulden. 2024: 251 Milliarden Euro Überschuss. 2025: 197 Milliarden – 54 Milliarden weniger (Bundesbank, 2026). Wenn das Ausland weniger Schulden macht – weil Trump es nicht mehr zulässt, weil der Euro aufwertet –, dann muss jemand anders die Schulden übernehmen. Wenn die Unternehmen nicht wollen und der Staat nicht darf – wer dann?

Die Antwort ist: niemand. Und das Ergebnis heißt Rezession.

Denn es gibt kein Sparen ohne Schulden. Wenn einer sparen will, muss einer Schulden machen. Das ist keine Meinung von Flassbeck. Das ist Buchhaltung (Flassbeck & Höfgen, 2025).

2.2 Die Bilanz der Austerität: Wer gespart hat, hat verloren

Deutschland ist kein Einzelfall. Griechenland hat es versucht (2010–2018): Das BIP fiel um 25 %, die Schuldenquote stieg von 127 % auf 181 %. Flassbeck und Lapavitsas haben in Against the Troika (2015) dokumentiert, wie die Troika-Austerität die griechische Wirtschaft zerstörte, statt sie zu retten (Flassbeck & Lapavitsas, 2015). Großbritannien hat es versucht (Austeritätspolitik 2010–2016): Das verlorene Jahrzehnt, Reallöhne unter dem Niveau von 2007. Deutschland macht denselben Fehler. Kein Land der Welt hat sich jemals durch Sparen aus einer Rezession befreit.

Was funktioniert, ist das Gegenteil. Die USA haben 2020–2024 massiv investiert: Inflation Reduction Act, CHIPS Act, Infrastructure Investment and Jobs Act – zusammen über 3 Billionen Dollar. Das Ergebnis: 15,6 Millionen neue Jobs, 3,5 % Arbeitslosigkeit, das höchste Wirtschaftswachstum der G7. Die Produktivität in den USA liegt inzwischen weit über der europäischen – vor 20 Jahren hätte das niemand für möglich gehalten. Die USA haben nicht gespart. Sie haben investiert. Und es hat funktioniert.

Die OMFIF-Studie vom Januar 2026 belegt den Zusammenhang statistisch: Jeder zusätzliche Prozentpunkt US-Fiskalimpuls relativ zur Eurozone ist assoziiert mit 0,4 Prozentpunkten mehr Wachstumsdifferenz (OMFIF, 2026). Das ist kein Zufall. Das ist Fiskalpolitik.

2.3 Die Wettbewerbsfähigkeitsfalle

Besonders gefährlich ist der Fokus auf »Wettbewerbsfähigkeit«, den Merz in Davos schon wieder heraufbeschwor. Flassbeck stellt die Frage, die kein deutscher Journalist stellt:

»Wessen Wettbewerbsfähigkeit wollen Sie denn gerade verschlechtern? Frankreich, Italien, oder vielleicht die USA?« (Flassbeck & Höfgen, 2025).

Wettbewerbsfähigkeit ist ein relatives Konzept. Wenn alle gleichzeitig die Kosten senken, gewinnt niemand – aber die Binnennachfrage sinkt überall. Europa hat eine Extra-EU-Exportquote von ~15 %. Die restlichen 85 % sind Binnenhandel.

Die Obsession mit Exportwettbewerbsfähigkeit ignoriert 85 % der Wirtschaft.

Flassbeck hat in Grundlagen einer relevanten Ökonomik gezeigt, wie die Lohnsuppression der Agenda 2010 – Lohnstückkostenwachstum von nur 0,4 % pro Jahr zwischen 1999 und 2013, weit unter dem Eurozone-Durchschnitt – die Leistungsbilanzüberschüsse erzeugte, die zur Eurokrise führten (Flassbeck & Spiecker, 2024). Deutschlands Exporterfolge waren keine Produktivitätsgewinne – sie waren auf Kosten der eigenen Arbeitnehmer und der europäischen Partner erkauft.

2.4 Hysterese: Jedes Jahr Warten kostet doppelt

Blanchard und Summers haben 1986 gezeigt, was eigentlich jeder Handwerksmeister weiß: Wenn eine Maschine steht, rostet sie. Rezessionen hinterlassen permanente Schäden – sogenannte Hysterese-Effekte. Arbeitslose verlieren Qualifikationen. Unternehmen schließen. Infrastruktur verrottet. Und das Potenzial, das verloren geht, kommt nicht zurück, wenn die Konjunktur irgendwann wieder anzieht. Es ist weg.

Deutschlands Potenzialoutput 2024 liegt fünf Prozent unter der Schätzung von 2019. Fünf Prozent. Das sind keine abstrakten Prozentpunkte. Das sind reale Kapazitäten – Fabriken, Labore, Fachkräfte –, die durch Nichtinvestition verloren gegangen sind. Jedes Jahr, in dem Deutschland nicht investiert, wird der Schaden größer. Und teurer zu reparieren.

Flassbeck weist auf die menschliche Dimension hin: Einser-Abiturienten, die mit Bestnoten Chemie oder Ingenieurwesen studiert haben, schreiben 150 Bewerbungen und bleiben arbeitslos. In den 70er Jahren – bei Vollbeschäftigung – gab es 100.000 Arbeitslose und eine Million offene Stellen. Heute ist das Verhältnis umgekehrt (Flassbeck & Höfgen, 2025). Das ZDF und andere haben darüber bereits Sendungen produziert – ich hatte darauf reagiert: Vom Hörsaal ins Jobcenter.

Das sind keine abstrakten Zahlen. Das sind verschwendete Leben. Verschwendete Ausbildungsinvestitionen. Verschwendetes Humankapital – in einer alternden Gesellschaft, die sich das am allerwenigsten leisten kann.

Oder, um es in der Sprache zu sagen, die jeder Unternehmer versteht: Sparen ohne Investition ist wie ein Fabrikant, der seinen Maschinenpark nicht wartet, um kurzfristig die Bilanz zu schönen. Drei Jahre später steht die Fabrik still.

Deutschland steht vor stillstehenden Fabriken. Die Brücken sind gesperrt. Die Schulen marode. Die Pflegekräfte ausgewandert. Das ist kein Zufall. Das ist das Ergebnis von zwanzig Jahren »Sparen«.

Die Bilanz ist eindeutig: Sparen in einer Rezession funktioniert nicht. Es hat nie funktioniert. Aber warum eigentlich nicht? Was ist der Mechanismus?


3. Warum Sparen Armut erzeugt: Die Mechanik

3.1 Die sektorale Saldenidentität

Die Volkswirtschaftslehre kennt eine Gleichung, die so grundlegend ist wie E = mc² in der Physik. Sie ist keine Theorie. Keine Meinung. Keine politische Position. Sie ist Buchhaltung:

S − I = (G − T) + (X − M)

Klingt abstrakt. Ist es nicht. Ich erkläre es.

S steht für die privaten Ersparnisse – was Haushalte und Unternehmen auf die Seite legen. I steht für die privaten Investitionen – was Unternehmen in Maschinen, Gebäude, Forschung stecken. Die linke Seite der Gleichung, S − I, sagt: Wie viel spart der private Sektor netto – also über das hinaus, was er investiert?

Auf der rechten Seite stehen zwei Gegenposten. (G − T) ist das Staatsdefizit: Staatsausgaben (G) minus Steuereinnahmen (T). Gibt der Staat mehr aus als er einnimmt, ist G − T positiv – der Staat macht Schulden. (X − M) ist der Leistungsbilanzüberschuss: Exporte (X) minus Importe (M). Exportiert ein Land mehr als es importiert, macht das Ausland die entsprechenden Schulden.

Die Gleichung sagt: Was der private Sektor netto spart, muss exakt gleich sein dem, was der Staat an Defizit fährt plus dem, was das Ausland an Schulden aufnimmt. Nicht ungefähr. Exakt. Immer. Überall. Ohne Ausnahme.

Das ist keine These. Das ist eine buchhalterische Identität. Wer sie bestreitet, bestreitet, dass jeder Euro, der ausgegeben wird, irgendwo als Einnahme verbucht werden muss.

Jetzt schauen wir uns Deutschland an.

S − I: Die Privaten sparen weit mehr als sie investieren. Die Unternehmen machen seit zwanzig Jahren netto keine Schulden. Die Haushalte sparen sowieso. Zusammen weist der private Sektor jährlich rund 370 Milliarden Euro Finanzierungsüberschuss aus (Bundesbank, 2024). S − I ist groß. Und positiv.

(X − M): Das Ausland absorbiert immer weniger. Deutschland hat jahrelang mehr exportiert als importiert, und das Ausland hat dafür Schulden gemacht. Aber der Leistungsbilanzüberschuss schrumpft – von 251 Milliarden (2024) auf 197 Milliarden (2025). Trump lässt es nicht mehr zu. Der Euro wertet auf. X − M wird kleiner.

(G − T): Der Staat darf nicht. Die Schuldenbremse sagt: Der Staat soll wenig bis keine neuen Schulden machen. G − T soll klein bleiben.

Und jetzt die Frage, die sich aus der Gleichung zwingend ergibt:

Wenn S − I groß bleibt – die Privaten wollen sparen. Wenn X − M schrumpft – das Ausland macht weniger Schulden. Wenn G − T klein bleiben soll – der Staat darf keine Schulden machen. Wer übernimmt dann die fehlende Nachfrage?

Die Antwort ist: niemand.

Und wenn niemand die Schulden übernimmt, dann können die Privaten nicht sparen, was sie sparen wollen. Die Gleichung muss aufgehen – sie geht immer auf. Also passt sich etwas anderes an:

Die Einkommen sinken. Die Wirtschaft schrumpft. So lange, bis die Ersparnisse durch sinkende Einkommen auf das Niveau gedrückt werden, das die Gleichung wieder ins Gleichgewicht bringt.

Flassbeck (2025) formuliert es so: Wenn alle gleichzeitig sparen wollen – Privathaushalte, Unternehmen und der Staat –, dann kann das mathematisch nicht funktionieren. Die Ausgaben des einen sind die Einnahmen des anderen. Wenn alle weniger ausgeben, sinken die Einnahmen aller.

Das nennt man Rezession. Nicht als Prognose. Als Arithmetik.

Sparsamkeit des Staates erzwingt Armut in der Privatwirtschaft. Das ist keine linke Ideologie. Das ist Buchhaltung.

3.2 Das Paradox der Sparsamkeit

Es gibt eine betriebswirtschaftliche Wahrheit, die jeder Unternehmer kennt, die aber in der Makroökonomie systematisch ignoriert wird: Nur wer investiert, kann einen Return on Investment erzielen. Wer nicht investiert, erhält keinen Return. Wer spart, ohne zu investieren, vernichtet Wert – durch Inflation, durch Opportunitätskosten, durch den Zerfall der Infrastruktur, die die Sparquote überhaupt erst ermöglicht hat.

John Maynard Keynes nannte das 1936 das »Paradox der Sparsamkeit« (paradox of thrift): Was für den Einzelnen rational ist (mehr sparen), wird für die Gesamtwirtschaft irrational, wenn es alle gleichzeitig tun (Keynes, 1936). Deutschland lebt dieses Paradox seit 15 Jahren, wie ich oben zeige. Den Preis, den wir alle (die keine hohen Aktiendepots oder große Konzerne besitzen) zahlen: zwei Rezessionen in drei Jahren, steigende Kinderarmut, ein Pflegesystem, das auf Ausbeutung osteuropäischer Arbeitskräfte angewiesen ist, und Schulen, in denen es durch die Decken regnet.

Die Logik ist so einfach, dass sie fast trivial wirkt: Investitionen erzeugen – wenn sie klug getätigt werden – einen Return on Investment. Wer 544 Milliarden in Infrastruktur, Bildung, Gesundheit und soziale Sicherheit steckt, erhält Straßen, die funktionieren, Kinder, die lernen, und Pflegekräfte, die nicht mehr auswandern.

Wer nichts investiert, erhält keinen Return. Sparen erzeugt keinen ROI. Sparen erzeugt Verfall.

3.3 Dreihundert Jahre Erkenntnis – und Deutschland hat nichts gelernt

Das ist keine neue Erkenntnis. Bereits 1705 beschrieb Bernard Mandeville in seinem Gedicht »The Grumbling Hive« – später erweitert zu »The Fable of the Bees: or, Private Vices, Publick Benefits« (Mandeville, 1714/1924) – einen Bienenstock, in dem alle Bienen ihren Lastern frönen: Sie gehen in die Kneipe, kaufen Luxusgüter, leben verschwenderisch. Die Moralprediger klagen über den sittlichen Verfall. Dann passiert es: Die Bienen werden tugendhaft. Sie hören auf, Geld auszugeben. Sie sparen. Sie leben bescheiden.

Das Ergebnis? Die Wirtschaft bricht zusammen. Die Gastwirte schließen, die Handwerker verlieren ihre Aufträge, die Händler werden arbeitslos. Der tugendhafte Bienenstock verarmt – und endet in einem hohlen Baum. Mandevilles Pointe ist radikal: Die Ausgaben des einen sind die Einnahmen des anderen. Private vices, publick benefits – privates Laster, öffentlicher Nutzen. Was moralisch edel klingt (Sparsamkeit, Verzicht, Genügsamkeit), zerstört die Wirtschaft.

Keynes zitierte Mandeville 1936 nicht als Kuriosität, sondern als Bestätigung seiner eigenen Theorie: Die Fabel der Bienen enthalte bereits die wesentliche Einsicht, dass eine Volkswirtschaft, in der alle gleichzeitig sparen, in die Depression stürzt (Keynes, 1936, Kap. 23).

Zwei Jahrhunderte nach Mandeville formulierte Bertrand Russell dieselbe Einsicht mit der Präzision eines Logikers. In In Praise of Idleness (1932) schrieb er:

»Broadly speaking, it is held that getting money is good and spending money is bad. Seeing that they are two sides of one transaction, this is absurd; one might as well maintain that keys are good but keyholes are bad.« (Russell, 1932)

Russells Schlüssel-Schlüsselloch-Metapher passt perfekt auf die Schuldenbremse: Man feiert den Schlüssel (Sparen) und verachtet das Schlüsselloch (Schulden) – obwohl das eine ohne das andere sinnlos ist. Man muss nicht in die Kneipe gehen, um die Wirtschaft zu retten. Aber man muss das Geld ausgeben. In Infrastruktur, Bildung, Pflege, Wohnungen, Brücken – die Liste ist lang, und Deutschland hat an allem gespart.

Dreihundert Jahre Erkenntnis – und Deutschland und Österreich haben nichts gelernt. (Wobei die Pointe ist, dass wir dieses Narrativ zum Teil der österreichischen Wirtschaftsdenkschule, die Hayek so wirkmächtig popularisiert hat, zu verdanken haben.)

3.4 Das Sicherheitsparadox: Warum Menschen sparen, obwohl es schadet

Nun könnte man einwenden: Wenn Sparen das Problem ist, warum sagen wir den Menschen nicht einfach, sie sollen ihr Geld ausgeben? Die Antwort liegt auf der Hand: Menschen sparen nicht aus Habgier. Sie sparen aus Angst. Die Ökonomie kennt das als precautionary savings motive – Vorsichtssparen. Laurence Kotlikoff hat bereits 1986 gezeigt, dass allein die Unsicherheit über Gesundheitskosten rund ein Drittel der gesamten Sparquote erklären kann (vgl. Kotlikoff, 1986).

Wenn ich wüsste, dass meine Krankenversicherung gesichert ist, dass meine Altersvorsorge steht, dass meine Kinder gute Schulen besuchen, dass ich bei Arbeitslosigkeit nicht ins Bodenlose falle – wozu dann der Sicherheitspuffer? Ich könnte meine Ersparnisse reduzieren. Die Sparquote würde sinken, die Nachfrage steigen. Nicht weil die Menschen verschwenderischer werden, sondern weil sie weniger Angst haben müssten. Ländervergleichende Studien der OECD bestätigen den Zusammenhang: Höhere Sozialausgaben korrelieren statistisch signifikant mit niedrigeren Sparquoten der privaten Haushalte – wer sich vom Staat geschützt weiß, muss weniger selbst zurücklegen.

Das funktioniert allerdings nur, wenn der Staat diese Sicherheit auch tatsächlich herstellt. Wenn es genug Jobs gibt, sodass ich bei Arbeitsplatzverlust sofort eine neue Stelle finde. Wenn die Arbeitslosenversicherung – so hieß sie früher, und ich finde, das ist nach wie vor der bessere Ausdruck als »Bürgergeld« – mir garantiert, dass ich mein Leben weiterführen kann, bis ein neuer Job da ist. (Hartz IV ist mehr als eine Zumutung. Es ist schlicht entwürdigend.)

Doch was passiert in Deutschland? Das Gegenteil. Die Politik erzeugt seit Jahrzehnten nicht Sicherheit, sondern Angst. Die Botschaft lautet: Halt deinen Job, um jeden Preis. Denn wenn du ihn verlierst, rutschst du ins Bürgergeld – und wenn du da einmal gelandet bist, kommst du schwer wieder heraus.

Die Agenda-2010-Reformen haben diese Angst institutionalisiert. Hochmuth, Moyen und Stähler haben 2019 in einem Diskussionspapier der Deutschen Bundesbank nachgewiesen, dass genau das passiert ist: Die Hartz-Reformen senkten die Arbeitslosenleistungen, woraufhin Beschäftigte ihre Ersparnisse erhöhten, um den Verlust staatlicher Absicherung zu kompensieren. Die Autoren schätzen, dass dieser Effekt rund 13 % der deutschen Leistungsbilanzüberschüsse in den ersten fünf Jahren nach der Reform erklärt (Hochmuth, Moyen & Stähler, 2019). Also spart der Bürger weiter, aus rationaler Furcht. Und die Wirtschaft schrumpft weiter, aus mangelnder Nachfrage. Ein Teufelskreis – und ein politisch erzeugter.

Dasselbe gilt für Unternehmen. Baker, Bloom und Davis haben 2016 im Quarterly Journal of Economics den Economic Policy Uncertainty Index entwickelt und gezeigt: Ein Anstieg der wirtschaftspolitischen Unsicherheit führt zu einem Rückgang der Bruttoinvestitionen um rund 6 % und der Industrieproduktion um 1,1 % (Baker, Bloom & Davis, 2016). In einer Umgebung politischer Unsicherheit – Schuldenbremse heute, Reform morgen, Sparprogramm übermorgen – tun Unternehmen das Rationale: Sie investieren nicht. Sie halten ihr Geld fest. Und sie spekulieren an den Finanzmärkten, wo die Renditen höher sind als in der Realwirtschaft.

Das Ergebnis ist eine Entkopplung, die wir seit Jahren beobachten: Die Aktienmärkte erreichen Allzeithochs, während die Realwirtschaft schrumpft. Der IWF hat diese Divergenz 2020 dokumentiert – Finanzmärkte, die sich in Phasen expansiver Geldpolitik von der produktiven Wirtschaft lösen (IMF, 2020). In Deutschland ist die Marktkapitalisierung gemessen am BIP mit unter 44 % zwar niedrig, aber die Kapitalströme fließen dennoch in Finanzanlagen statt in Fabriken. Nicht weil Spekulanten böse sind, sondern weil die Realwirtschaft keine attraktiven Investitionsbedingungen bietet. Wer würde in eine deutsche Fabrik investieren, wenn der Staat seit zwanzig Jahren signalisiert, dass Sparen wichtiger ist als Bauen?

Und jedes Mal, wenn jemand versucht den Teufelskreis zu benennen und einen Ausweg vorschlägt, passiert das Gleiche: Man wird sofort dafür kritisiert, dass man nicht sparen will. Als die Linken-Vorsitzende Ines Schwerdtner im Februar 2026 vorschlug, dass Deutschland von der chinesischen Wirtschaftspolitik lernen könne – nicht ideologisch, sondern methodisch: gezielte staatliche Industriepolitik, langfristige Planung, massive Investitionen in Schlüsselindustrien –, wurde sie dafür sofort von Journalisten kritisiert. (Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=uguh1q7babw)

Aber die Frage bleibt: Was genau ist falsch daran, wirtschaftspolitische Verlässlichkeit zu fordern? Was ist daran falsch zu investieren?

Die Ironie: Die Ökonomen der Gemeinschaftsdiagnose schreiben auf einer Seite über Nachfrageausfall, Auftragsmangel und fehlende Kapazitätsauslastung – und auf der nächsten Seite fordern sie Sozialstaatsreformen, um noch mehr zu sparen.

Flassbeck: »Das ist eine Art von Schizophrenie. Man kann das nicht zur Kenntnis nehmen, was wirklich passiert, und redet immer den gleichen Stuss« (Flassbeck & Höfgen, 2025).

Das Sparen hat also eine Mechanik – und wir verstehen sie jetzt. Die Lösung liegt nicht darin, den Sparern ihr Geld wegzunehmen. Die Lösung liegt darin, dass der Staat selbst investiert – auf Kredit. Wenn Vollbeschäftigung herrscht, wenn die Wirtschaft wächst, wenn die Jobs da sind, dann löst sich das Sicherheitsparadox von selbst auf: Menschen, die sich sicher fühlen, geben ihr Geld aus. Aber dafür muss der Staat den ersten Schritt tun.

Und damit stellt sich die fundamentale Frage: Woher kommt das Geld?


4. Wie Geld wirklich funktioniert

4.1 Das Monopoly-Prinzip

Der Volkswirt Maurice Höfgen erklärt uns, woher das Geld kommt, mit einem Bild, das jeder nachvollziehen kann: Monopoly (Höfgen, 2020). Das Spiel funktioniert nur, weil die Bank Geld in Umlauf bringt. Die Spieler kaufen Straßen, bauen Häuser, zahlen Mieten – aber jeder einzelne Euro in diesem System stammt ursprünglich von der Bank. Kein Spieler kann Geld verdienen, das die Bank nicht vorher ausgegeben hat. Die Ausgaben der Bank sind die Voraussetzung für den Wohlstand der Spieler. – ich wiederhole es: Die Bank muss ausgeben, damit wir alle wohlhabend werden.

Was die meisten nicht wissen: Monopoly hat eine Vorgeschichte, und diese Vorgeschichte ist für unsere Frage entscheidend.

Das Spiel wurde nicht von Parker Brothers erfunden. Es wurde 1903 von Elizabeth Magie entwickelt – unter dem Namen The Landlord's Game (Magie, 1904). Und Magie entwarf nicht ein Regelwerk, sondern zwei.

Kurzer Einschub

Kurzer Einschub: Es gibt einen wunderbaren Podcast für Kids, durch ihn bin ich auf diesen Sachverhalt gestoßen. Spiele-Erfinderin Lizzy träumt von einer gerechteren Welt | MDR.DE – Ich empfehle diesen wunderbaren Podcast Magisches Mikro - Der Zeithüpf-Podcast für Kinder.

Das erste Regelwerk ist das, was wir kennen: Monopolbildung

Das erste Regelwerk ist das, was wir kennen: Monopolbildung. Ein Spieler akkumuliert Besitz, treibt die anderen in den Ruin, bis einer alles hat und der Rest bankrott ist. Das Spiel endet in totaler Ungleichheit.

Das zweite Regelwerk – heute weitgehend vergessen – folgte den Ideen des Ökonomen Henry George. In dieser Variante wurden Grundbesitzer durch eine Landwertsteuer besteuert. Die Steuereinnahmen flossen zurück in die Gemeinschaft. Das Spiel war gewonnen, wenn der ärmste Spieler sein Startkapital verdoppelt hatte. Nicht einer gewinnt alles – alle werden wohlhabender.

Magie entwarf beide Versionen bewusst als Lehrstück: Die erste Variante sollte zeigen, was passiert, wenn Wohlstand sich unkontrolliert konzentriert. Die zweite, was passiert, wenn der Staat umverteilt. Dass Parker Brothers 1935 nur die Monopol-Variante übernahm und Magies Namen tilgte, ist eine Geschichte für sich (Pilon, 2015).

Für unseren Zusammenhang ist die Pointe eine andere: Geld kommt von der Bank. Die Bank muss ausgeben, bevor die Spieler einnehmen können. Und wenn die Bank aufhört auszugeben, bricht das Spiel zusammen. Die Bank of England hat das 2014 in einem Grundlagenpapier bestätigt: Geld entsteht durch Kreditvergabe, nicht durch vorheriges Sparen (Bank of England, 2014). Die Deutsche Bundesbank sieht es genauso: Geschäftsbanken schaffen Geld, wenn sie Kredite vergeben (Deutsche Bundesbank, 2023).

Das ist keine Theorie. Das ist eine Beschreibung dessen, was tatsächlich passiert. Und es bedeutet:

Der Staat, der sein eigenes Geld schöpfen kann, muss nicht »haushalten wie eine schwäbische Hausfrau«. Er ist die Bank im Monopoly-Spiel – ohne seine Ausgaben gibt es kein Spiel.

Was aber, wenn der Staat aufhört auszugeben? Wenn er spart, statt zu investieren? Dann passiert genau das, was Magie in ihrer ersten Spielvariante gezeigt hat: Der Wohlstand konzentriert sich bei wenigen, die Mehrheit verliert – und am Ende bricht das System zusammen. Genau das beobachten wir in Deutschland. Seit dreißig Jahren. Und die Zahlen belegen es.

4.2 Modern Monetary Theory: Was tatsächlich passiert

Der Philosoph und Physiker David Deutsch argumentiert:

Fortschritt entsteht nicht durch bessere Daten, sondern durch bessere Erklärungen. Eine gute Erklärung ist eine, an der man nichts ändern kann, ohne dass sie aufhört zu erklären (vgl. Deutsch, 2011).

Die Modern Monetary Theory (MMT) ist in diesem Sinne keine revolutionäre Idee. Sie ist eine bessere Erklärung dessen, was tatsächlich passiert, wenn ein souveräner Staat Geld ausgibt. Wenn der Staat eine Brücke baut, zahlt er die Baufirma – und das Geld existiert in dem Moment, in dem die Zahlung erfolgt. Es muss nicht vorher »irgendwo herkommen«. Es wird geschöpft.

Das bedeutet nicht, dass Staatsausgaben ohne Grenzen sind. Die Grenze ist nicht das Geld – die Grenze ist die reale Kapazität der Wirtschaft: Gibt es genug Arbeiter, Fabriken, Rohstoffe, um die Nachfrage zu bedienen? Wenn ja, führen Staatsausgaben zu Wachstum und Beschäftigung. Wenn nein – wenn die Wirtschaft an der Kapazitätsgrenze arbeitet – führen sie zu Inflation. Im Monopoly-Bild: Die Bank kann so viel Geld ausgeben, wie sie will – die Grenze liegt nicht beim Geld, sondern bei den Straßen, die es zu kaufen gibt. Wenn alle Straßen bebaut sind und trotzdem mehr Geld ins Spiel kommt, steigen die Preise. Das ist Inflation. Aber solange leere Felder auf dem Brett liegen – und Deutschland hat viele leere Felder –, erzeugt jede Ausgabe Wachstum.

Deutschland ist weit entfernt von der Kapazitätsgrenze. Die Arbeitslosenquote liegt bei 6,3 % (Bundesagentur für Arbeit, 2025). Die Kapazitätsauslastung in der Industrie bei unter 80 % (ifo Institut, 2025). Es gibt freie Arbeitskräfte, freie Fabrikhallen, freie Büros. Die Wirtschaft hat Luft. Was fehlt, ist Nachfrage.

L. Randall Wray, einer der Begründer der modernen MMT, hat in seinem Standardwerk Modern Money Theory (Wray, 2024) drei Kernthesen formuliert, die inzwischen von Zentralbanken bestätigt werden:

Erstens können souveräne Staaten per Tastendruck Geld schaffen. Zweitens – und das ist für die gesamte Logik dieses Essays entscheidend – ist die Reihenfolge: Staatsausgaben → Wirtschaftswachstum → private Ersparnisse → Steuereinnahmen. Nicht umgekehrt. Der Staat muss erst Geld in den Kreislauf bringen, bevor er es als Steuern zurückholen kann. Drittens ist die einzige reale Grenze die Kapazität der Wirtschaft (Wray, 2024, Kap. 2).

Stephanie Kelton hat diese Einsichten 2020 in The Deficit Myth einem breiten Publikum zugänglich gemacht: Nicht das Defizit ist die Gefahr – die Gefahr ist Inflation. Und Inflation droht nur, wenn die realen Ressourcen erschöpft sind (Kelton, 2020). Im deutschen Sprachraum hat Maurice Höfgen mit Mythos Geldknappheit (2020) die MMT-Argumente für die Bundesrepublik übersetzt. Sein Kernargument: Die Schuldenbremse ist in Wahrheit eine Investitionsbremse (Höfgen, 2020).

Ein häufiger Einwand lautet: »Wenn Staaten einfach Geld drucken könnten, warum hat Ludwig XIV. nicht einfach mehr gedruckt?« Die Antwort: Ludwig XIV. hatte Warengeld – Gold- und Silbermünzen. Moderne Staaten haben FiatgeldGeld, das durch die Autorität des Staates gedeckt ist. Deutschland kann im Eurosystem nicht direkt Geld schöpfen – aber es kann Anleihen zu historisch niedrigen Zinsen ausgeben, die von Investoren in aller Welt gerissen werden. Die deutsche Staatsanleihe ist bis heute eines der sichersten Wertpapiere der Welt. Die Finanzierung ist kein Problem. Es war nie ein Problem.

4.3 Blanchard und die Mainstream-Wende

Die MMT wird oft als heterodox abgetan. Doch inzwischen kommt dieselbe Botschaft aus dem Herzen des Mainstreams. Olivier Blanchard – ehemaliger Chefökonom des IWF, kaum als Radikaler verdächtig – hat 2023 in Fiscal Policy under Low Interest Rates gezeigt:

Wenn der Realzins (r) unter der Wachstumsrate (g) liegt, können Staaten primäre Defizite fahren und die Schuldenquote sinkt trotzdem (Blanchard, 2023). Das ist keine MMT – das ist Standard-Finanzmathematik. Und die Bedingung r < g gilt für Deutschland seit über einem Jahrzehnt.

Mario Draghi hat im September 2024 seinen Bericht zur europäischen Wettbewerbsfähigkeit vorgelegt. Seine Kernforderung: Die EU braucht zusätzliche Investitionen von 750–800 Milliarden Euro pro Jahr – rund 5 % des EU-BIP –, um gegenüber den USA und China nicht weiter zurückzufallen (Draghi, 2024). Draghi fordert nicht Sparen. Er fordert das Gegenteil. Und Draghi ist kein Keynesianer – er ist der Mann, der 2012 den Euro mit drei Worten rettete (»whatever it takes«).

Die Konvergenz ist bemerkenswert: Von der heterodoxen MMT (Wray, Kelton, Höfgen) über den Post-Keynesianer Flassbeck bis zum Mainstream-Ökonomen Blanchard und dem ehemaligen EZB-Präsidenten Draghi – alle kommen zum selben Schluss: Europa investiert zu wenig. Nicht zu viel.

4.4 Was die Kritiker falsch machen

Die Kritik an obigen Sachverhalten ist heftig, polemisch und wird uns ständig über die Medien, mit Hilfe von Talksshows und durch unseren Kanzler eingeprügelt - und erreicht die, die die Politik Deutschlands bestimmen: die ältere Generation. Doch alle Einwände sind faktisch falsch. Sie sind empirisch widerlegbar:

»Gelddrucken verursacht Inflation!« – Die USA haben zwischen 2008 und 2015 die Geldmenge exponentiell ausgeweitet (Quantitative Easing). Die Inflation blieb bei 2–3 %. Japan expandiert seit 30 Jahren – keine Hyperinflation. Die Inflation 2022–2023 war ein Angebotsschock (Energie, Ukraine), kein Nachfrageüberschuss. Die historischen Fälle – Weimar, Zimbabwe, Venezuela – scheiterten nicht an zu viel Geldschöpfung, sondern an zerstörter Produktionskapazität und Schulden in Fremdwährung (Murphy, 2024; Wray, 2024).

»Die Eurozone ist anders!« – Richtig. Deutschland ist im Euro kein Währungsherausgeber im MMT-Sinne. Aber das ist kein Argument gegen Investitionen – es ist ein Argument gegen das fehlerhafte Euro-Design. Die EZB müsste als Kreditgeber letzter Instanz fungieren, und die Fiskalregeln müssten reformiert werden. Die Schuldenbremsen-Reform von 2025 – 512:206 im Bundestag – ist der faktische Beweis, dass die Politik das inzwischen erkannt hat (Mitchell, 2024).

»Bond-Vigilanten werden Deutschland bestrafen!« – Deutsche Staatsanleihen gehören zu den sichersten Wertpapieren der Welt. Japan hat 235 % Schuldenquote und zahlt 0,75 % Zinsen. Die USA haben 5,8 % Defizit und der Dollar bleibt Leitwährung. Die Vorstellung, dass Investoren einem Land, das in seine Zukunft investiert, das Vertrauen entziehen, widerspricht jeder empirischen Evidenz der letzten 30 Jahre.


4.5 Einschub | Der gebaute Beweis: Die Wiener Höhenstraße

Das Prinzip – Infrastruktur bauen, damit Menschen Arbeit und Einkommen haben – ist nicht neu. In Österreich gibt es ein eindrückliches Beispiel, das oft vergessen wird.

1934, mitten in der Weltwirtschaftskrise, lag die Arbeitslosigkeit in Österreich bei über 22 % (Tálos, 2013). Die Wiener Stadtregierung unter Bürgermeister Richard Schmitz beschloss den Bau der Wiener Höhenstraße – einer 15 Kilometer langen Panoramastraße über den Kahlenberg und Leopoldsberg. Das Projekt war explizit als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme konzipiert: Arbeitslose Wiener sollten Einkommen erhalten, und dieses Einkommen sollte zurück in die lokale Wirtschaft fließen (Wien Geschichte Wiki, 2024).

Der erste Abschnitt wurde am 16. Oktober 1935 eröffnet, die gesamte Straße bis 1938 fertiggestellt. Die Bauweise war bewusst arbeitsintensiv – anfangs mit einfachem Gerät und ungelernten Arbeitern, um möglichst viele Menschen zu beschäftigen. 67,5 Millionen Schilling investierte Wien in Straßen- und Brückenbau, dazu kamen Wohnungssanierungen und Familienhilfe.

Die Idee dahinter ist dieselbe, die dieser Essay vertritt: Ich lasse etwas bauen. Ich schaffe Infrastruktur. Dadurch fließt Geld an Menschen, die davon leben, es ausgeben, und die Wirtschaft ankurbeln. Der Ökonom würde sagen: Der Fiskalmultiplikator wirkt. Der Bürger würde sagen: Endlich hat jemand etwas getan. Die Wiener Höhenstraße steht bis heute – und sie steht als Beweis dafür, dass öffentliche Investition in Krisenzeiten funktioniert. Nicht als Theorie, sondern als gebauter Stein.

Die Theorie steht

Die Theorie steht. Die Empirie steht. Die Geschichte steht. Jetzt bleibt die Frage: Was genau sollte Deutschland tun – und was würde es kosten?


5. Die Modellrechnung: Was passiert, wenn wir investieren

Ich stelle mir diese Frage seit Wochen. Was wäre, wenn ein Staat das Gesparte einfach kurzzeitig finanziert – sagen wir für zehn Jahre – und so den Cashflow wiederherstellt?

Um die Debatte von Theorie auf Zahlen zu bringen, haben Claude (Opus 4.6)und ich ein Modell gebaut. Die Basis: der Blanchard-Leigh-Fiskalmultiplikator (Blanchard & Leigh, 2013) – der Standard in der internationalen Fiskalforschung. Kalibriert mit Daten der Bundesbank, des IMF Fiscal Monitor 2025 und Eurostat. Das Ganze ist als Python-Skript implementiert, vollständig reproduzierbar. Jede Annahme, jede Formel, ein durchgerechnetes Beispiel – alles in Anhang A. Das Skript auch.

5.1 Das Programm: 544 Milliarden Euro pro Jahr

Ersetzen allein reicht nicht – man muss auch investieren. Also haben wir zwei Säulen gebaut: ein Infrastruktur- und Investitionsprogramm (350 Mrd. €/Jahr) und ein Sozialpaket (194 Mrd. €/Jahr brutto). Zusammen: 544 Milliarden Euro pro Jahr.

Das klingt nach viel. Ist es auch. Aber schauen wir uns an, wohin das Geld geht.

Investitionsprogramm: 350 Mrd. €/Jahr

Maßnahme Mrd. €/Jahr Multiplikator Quelle
Infrastruktur (Straßen, Brücken, Schienen, Digital) 70 1,5 Blanchard & Leigh (2013)
Sozialer Wohnungsbau (200.000 Einheiten/Jahr) 40 1,6 Historischer Bau-Multiplikator
Bildung (Schulbau, Kitas, Lehrergehälter, Digitalisierung) 40 1,3 IMF Fiscal Monitor (2025)
MwSt.-Senkung (19 % → 15 %) 40 0,7 Steuer-Multiplikator, konservativ
Gesundheit (Pflegegehälter +35 %, Kinderarzt gratis) 35 1,3 Personalintensiv, hoher Rücklauf
Nahverkehr (Ausbau + kostenloses Ticket) 30 1,4 Infrastruktur + Konsum
Rentenbeiträge senken (18,6 % → 16 %) 30 0,8 Transfer-Multiplikator
Kommunen entschulden 25 1,0 KfW (2025)
Energiewende (Gebäudesanierung, Wärmepumpen) 25 1,4 Green Investment Multiplier
Integration (Sprachkurse, Qualifizierung, Wohnraum) 15 1,2 Personalintensiv
GESAMT 350 ∅ 1,25 Gewichteter Durchschnitt

Für Österreich ergibt sich proportional nach BIP (566/4.800 = 11,8 %) ein Volumen von 41,3 Mrd. €/Jahr.

Sozialpaket: 194 Mrd. € zusätzlich (brutto)

Hier wird es politisch. Denn das Sozialpaket ist kein Almosen – es ist eine Investition in Binnennachfrage.

Maßnahme Brutto (Mrd.) Netto (Mrd.) Steuerrücklauf
Rente auf 60 % (von 48 %) 92,5 64,8 30 %
Pflege vollfinanziert (Eigenanteile eliminiert) 38,0 24,7 35 %
Kindergeld verdoppeln (+100 %) 46,0 27,5 40 %
Turnhallen (Schulen + Vereine, 10-Jahres-Programm) 13,7 7,5 45 %
Frauenhäuser (Istanbul-Konvention erfüllen) 0,6 0,6
Mindestlohn auf 16,46 €/h (66 % des Medianlohns) 3,0 −18,2 Spart!
GESAMT Sozialpaket 193,8 106,9

Eine Zahl verdient besondere Aufmerksamkeit: Der Mindestlohn auf 16,46 €/Stunde – das sind 10 % über dem EU-Ziel von 60 % des Medianlohns (EU-Richtlinie 2022/2041) – spart dem Staat 18,2 Milliarden Euro pro Jahr.

Höhere Steuereinnahmen, höhere Sozialabgaben, weniger Aufstockerleistungen. Die Kosten tragen die Unternehmen. Aber bei Vollbeschäftigung und steigender Binnennachfrage profitieren sie davon.

Das ist der Punkt, an dem das Narrativ vom »unbezahlbaren Sozialstaat« kippt. Manchmal ist das Teure billiger als das Billige.


6. Die Ergebnisse: Was die Zahlen zeigen

6.1 Deutschland: 10-Jahres-Projektion

Jahr BIP (Mrd. €) Wachstum ALQ Schulden/BIP Inflation Produktivität
2026 4.800 6,3 % 63,5 % 2,2 % 0,5 %
2027 5.480 +14,2 % 3,6 % 61,3 % 2,2 % 0,7 %
2028 6.169 +12,6 % 2,8 % 59,4 % 2,5 % 0,9 %
2029 6.853 +11,1 % 2,6 % 57,7 % 2,8 % 1,1 %
2030 7.545 +10,1 % 2,5 % 56,1 % 3,1 % 1,3 %
2031 8.186 +8,5 % 2,5 % 55,0 % 3,5 % 1,5 %
2032 8.737 +6,7 % 2,5 % 54,6 % 3,8 % 1,5 %
2033 9.296 +6,4 % 2,5 % 54,3 % 4,2 % 1,5 %
2034 9.786 +5,3 % 2,5 % 54,3 % 4,5 % 1,5 %
2035 10.283 +5,1 % 2,5 % 54,3 % 4,5 % 1,5 %
2036 10.785 +4,9 % 2,5 % 54,3 % 4,5 % 1,5 %

Die Schuldenquote von 54,3 % gilt für die berechnete Variante A (nur Investition, ohne Zusatzsteuern). Weiter unten sieht man, wenn man eine Variante C (mit Vermögens- und Erbschaftssteuer) ergibt sich eine Quote von rund 42 %.

Zwei Zahlen springen ins Auge. Die Schuldenquote sinkt – von 63,5 % auf unter 55 % in zehn Jahren, selbst ohne neue Steuern. Mit Variante C auf rund 42 %. Und die Arbeitslosenquote fällt im ersten Jahr von 6,3 % auf 3,6 % – und erreicht ab Jahr vier Vollbeschäftigung bei 2,5 %. Das ist keine Magie. Das ist Multiplikator-Mathematik.

Ja, die Inflation steigt. Auf 4,5 % bis 2036. Das ist der Preis. Aber es ist ein Preis für Vollbeschäftigung, steigende Löhne und sinkende Schulden. Die Frage ist nicht, ob wir uns das leisten können. Die Frage ist, ob wir uns leisten können, es nicht zu tun. (Und diese "hohe" Inflation, lässt sich durch geeignete Massnahmen beheben.)

Das Modell basiert auf dem Blanchard-Leigh-Fiskalmultiplikator (2013), kalibriert auf Rezessionsbedingungen. In den ersten zwei Jahren wirken die Multiplikatoren voll. Dann sinken sie – auf 85 % in Jahr 3–5 und 70 % in Jahr 6–10 –, weil die Wirtschaft zunehmend ausgelastet ist. Für die Inflation nutzen wir die Phillips-Kurve, für den Arbeitsmarkt einen Gap-Closure-Ansatz (inspiriert durch Okun's Law). Der Steuerrücklauf liegt bei 42–50 % (Bundesfinanzministerium, 2025), der Vollbeschäftigungs-Floor bei 2,5 % struktureller Arbeitslosigkeit. Alles Weitere – Formeln, Annahmen, Rechenbeispiel, Sensitivitätsanalyse – steht in Anhang A.

6.2 Schulden sinken durch Ausgaben

Der Punkt ist, den die meisten Menschen – und erstaunlich viele Ökonomen – nicht verstehen. Im Monopoly-Bild: Die Bank gibt Geld aus, die Spieler investieren, die Wirtschaft auf dem Brett wächst – und die Bank ist nicht ärmer, weil der Kreislauf insgesamt größer geworden ist.

Genau das zeigt die Schuldenquote. Sie ist ein Bruch:

Schuldenquote = Schulden / BIP

Wenn der Staat 544 Milliarden Euro ausgibt und das BIP um rund 680 Milliarden Euro wächst (weil der Fiskalmultiplikator größer als 1 ist), dann wächst der Nenner schneller als der Zähler. Die Quote sinkt. Im ersten Jahr unseres Modells: Neue Schulden (netto, nach Steuerrücklauf): ~313 Milliarden Euro (blended 42 % Rücklauf: Investment 147 Mrd. + Sozial 66 Mrd. + Mindestlohn 18 Mrd. = 231 Mrd. zurück, netto 313). BIP-Zuwachs: ~680 Milliarden Euro. Die Schuldenquote sinkt von 63,5 % auf 61,3 %. Das ist keine Theorie. Das ist Bruchrechnung. Und es ist genau das, was in den USA seit 20 Jahren passiert (CBO, 2025).

6.3 Was das für Menschen bedeutet

Ich habe das Modell bewusst für die entwickelt, die einerseits diese Politik ermöglichen müssten: die Alten. Sie müssen entsprechend wählen, das werden sie nur tun, wenn sie etwas davon haben, und für die Familien - also die Kinder, denen wir eine gerechte, demokratische und sichere Zukunft bauen sollten. Das ist meine Einschätzung - das Geld lässt sich auch anders verteilen, am Mechanismus ändert es nichts.

Für Rentnerinnen und Rentner

Die Erhöhung des Rentenniveaus von 48 % auf 60 % bedeutet für einen Standardrentner (45 Beitragsjahre, Durchschnittsverdienst) eine Erhöhung von 1.620 € auf 2.025 € pro Monat (Deutsche Rentenversicherung, 2025). Für Geringverdiener (30 Jahre, 70 % des Durchschnitts) steigt die Rente von 756 € auf 945 €.

Der dramatischste Effekt betrifft Pflegebedürftige: Die Kombination aus Rentenerhöhung (+405 €/Monat) und dem Wegfall des Eigenanteils in der stationären Pflege (+2.500 €/Monat) ergibt eine Netto-Verbesserung von fast 2.905 € pro Monat. Das ist der Unterschied zwischen Würde und Armut im Alter.

Zum Vergleich: Österreich hat ein Netto-Rentenniveau von 85 %+. Die Niederlande ~80 %. Deutschland liegt am unteren Ende der EU. Das ist eine politische Entscheidung, keine ökonomische Notwendigkeit.

Für Familien mit Kindern

Die Verdopplung des Kindergeldes auf 510 € pro Kind und Monat, kombiniert mit der MwSt.-Senkung, bedeutet für eine Familie mit zwei Kindern eine Entlastung von rund 620 € pro Monat – zusätzlich zu kostenlosem ÖPNV, kostenlosen Kitas, kostenlosen Arztbesuchen für Kinder und sanierten Turnhallen in Schulen und Vereinen.

Familie Kindergeld-Plus + MwSt-Entlastung ≈ Gesamtentlastung/Monat
1 Kind +255 €/Monat +80 € ~335 €
2 Kinder +510 €/Monat +110 € ~620 €
3 Kinder +765 €/Monat +140 € ~905 €

Für Frauen in Gewaltsituationen

Die Istanbul-Konvention verlangt 21.500 Schutzplätze in Frauenhäusern. Deutschland hat 7.786 (Frauenhauskoordinierung, 2025). Das Programm schließt diese Lücke für 0,56 Milliarden Euro pro Jahr – das sind 0,012 % des BIP. Es ist beschämend, dass dies nicht längst geschehen ist.

Für Niedriglohn-Beschäftigte

Der Mindestlohn auf 16,46 €/Stunde betrifft direkt 6 Millionen Beschäftigte und indirekt (über Spillover-Effekte) weitere 2,5 Millionen. Die zusätzlichen Lohnkosten für die Wirtschaft: 38,6 Milliarden Euro. Die fiskalische Wirkung auf den Staat: +18,2 Milliarden Euro Netto-Einnahme, weil höhere Löhne mehr Steuern und Sozialabgaben generieren und Aufstockerleistungen (Bürgergeld-Zuschüsse) entfallen (EU-Richtlinie 2022/2041).


7. Die Finanzierung: Erst investieren, dann optimieren

Die Monopoly-Logik funktioniert anders: Der Staat muss zuerst ausgeben. Er nimmt Schulden auf, investiert, die Wirtschaft wächst, und ein erheblicher Teil der Ausgaben fließt als Steuern und Sozialabgaben von selbst zurück. Das ist Variante A – und sie funktioniert bereits. (Wir könnten uns also die Diskussion Vermögenssteuer, Erbschaftssteuer – ja oder nein – sparen.)

Variante B und C zeigen, wie das Defizit durch ergänzende Steuern weiter gesenkt werden kann. Aber sie sind Optimierungen, nicht Voraussetzungen.

Wer die Debatte mit der Vermögenssteuer beginnt, hat die Reihenfolge verwechselt – und bleibt in einer Verteilungsdiskussion hängen, statt zu investieren. Deshalb, die einfache Logik: Anfangen und Geld bereitstellen.

Drei-Varianten-Vergleich: Deutschland

Die NMT argumentiert, dass Steuern auf Vermögen im Grunde dazu dienen die Inflation zu dämpfen. Sie dienen aber auch dem Erhalt demokratischer Strukturen. Deshalb habe ich noch zwei Varianten gerechnet. Eine mit moderater Vermögenssteuer und eine mit Erbschaftssteuer. Bei den Annahmen zur Erbschaftsteuer, war ich sehr konservativ.

Komponente Variante A Variante B Variante C
Brutto-Ausgaben 544 Mrd. 544 Mrd. 544 Mrd.
Steuerrücklauf (42 %, blended) −231 Mrd. −231 Mrd. −231 Mrd.
Vermögenssteuer (112 Mrd/J, DIW 2026) −112 Mrd. −112 Mrd.
Erbschaftssteuer (20 Mrd/J) −20 Mrd.
Netto-Neuverschuldung/Jahr 313 Mrd. 201 Mrd. 181 Mrd.
% des BIP (2027) 5,7 % 3,7 % 3,3 %
Schuldenquote 2036 (Variante) 54,3 % 43,9 % 42,1 %

Variante C ergibt eine Netto-Neuverschuldung von 181 Milliarden Euro pro Jahr – 3,3 % des BIP. Zum Vergleich: Die USA haben ein Defizit von 5,8 % des BIP (CBO, 2025) – und investieren den Großteil davon nicht in Infrastruktur, sondern in Steuersenkungen und Militär. Deutschland würde mit 57 % des US-Defizits sein gesamtes Land modernisieren.

7.1 Ergänzend: Die Vermögenssteuer

Wenn der Staat erst einmal investiert und die Wirtschaft wächst, stellt sich eine zweite Frage: Wie lässt sich das Defizit weiter reduzieren – und gleichzeitig die Vermögens-Konzentration bremsen, die das Spar-Narrativ erzeugt hat (Vermögens-Gini-Koeffizient liegt bei 72,2)?

Hier kommt die progressive Vermögenssteuer ins Spiel (2 % ab 5 Mio. €, 4 % ab 50 Mio. €, 6 % ab 1 Mrd. €, inklusive Betriebsvermögen). Sie ist nicht der Motor des Programms – das ist die Staatsinvestition. Aber sie ist ein sinnvoller Beschleuniger: Die rund 370 Milliarden Euro Finanzierungsüberschuss des privaten Sektors liegen als Vermögenswerte auf Konten und in Portfolios. Die Steuer holt 112 Milliarden davon zurück in den Wirtschaftskreislauf (DIW Berlin, 2026).

Ein Arzt mit 6 Millionen Euro Vermögen zahlt 20.000 € pro Jahr – weniger als sein Kfz-Leasing. Die Steuer trifft effektiv nur die obersten 0,3 % der Vermögensbesitzer. Die Schweiz erhebt seit Jahrzehnten eine Vermögenssteuer und hat dennoch eine der höchsten Investitionsquoten Europas.

Paradoxerweise steigt der Investitionsanreiz: Wenn Vermögen besteuert wird, wird Horten bestraft. Unternehmer, die investieren (und damit Vermögen in produktive Anlagen umwandeln), können die Steuerlast durch Abschreibungen und Betriebsausgaben senken. Die Steuer incentiviert Aktivität statt Passivität. (Warum uns wohl ständig das Gegenteil in den Medien erklärt wird?)

7.2 Ergänzend: Die Erbschaftssteuer ohne Sonderprivilegien

Die bisherige 85 %-Befreiung für Betriebsvermögen ist ein Privileg, das fast ausschließlich den Reichsten zugutekommt. Unser Modell ersetzt sie durch eine 10-Jahres-Stundung: Ein 100-Millionen-Euro-Betrieb zahlt bei 10 % Erbschaftssteuer 10 Millionen Euro – gestundet über zehn Jahre sind das 1 Million Euro pro Jahr. Bei einem Betrieb mit 5–10 Millionen Jahresgewinn ist das problemlos tragbar. Kein Betrieb geht an 1 % Steuer pro Jahr zugrunde (OECD, 2021).

Betriebsvermögen Steuer (10 %) Rate/Jahr (10 J.) Typischer Gewinn Belastung
10 Mio. € 960.000 € 96.000 €/Jahr ~500k–1 Mio. 10–19 %
50 Mio. € 4,96 Mio. € 496.000 €/Jahr ~2,5–5 Mio. 10–20 %
100 Mio. € 9,96 Mio. € 996.000 €/Jahr ~5–10 Mio. 10–20 %

Bei einer typischen Rendite von 5–10 % auf Betriebsvermögen frisst die Steuer ~1 % pro Jahr. Das ist weniger als die meisten Unternehmen für Beraterhonorare ausgeben.

Und nein – die Besitzer der Handwerksbetriebe, der kleinen Beratungshäuser oder der Modeboutiquen brauchen sich keine Sorgen zu machen, ihre Erben könnten die nicht bezahlen. Auch die könnten 10 % auf 10 Jahre verteilt aufbringen.


8. Der europäische Maßstab

Wenn alle EU-Staaten ein proportionales Programm umsetzten (konservativ skaliert mit Faktor 0,85 wegen Heterogenität), läge das EU-weite Investitionsvolumen bei rund 1.800 Milliarden Euro pro Jahr. Die Netto-Neuverschuldung in Variante C: ~600 Milliarden Euro – 3,2 % des EU-BIP (Eurostat, 2025).

Kennzahl EU-27
EU-BIP 18.700 Mrd. €
EU-Gesamtprogramm ~1.800 Mrd. €/Jahr
Netto-Neuverschuldung (Variante C) ~600 Mrd. (3,2 % BIP)
Zum Vergleich: US-Defizit ~1.800 Mrd. $ (5,8 % BIP)

Der entscheidende Vorteil eines EU-weiten Programms: Kapitalflucht wird unmöglich (wohin soll man fliehen, wenn ganz Europa wächst?), die EZB kann eine koordinierte Geldpolitik fahren, und der europäische Binnenmarkt wächst um ein Drittel in zehn Jahren. Europa würde zur dynamischsten Wirtschaftsregion der Welt – und hätte gleichzeitig das beste Sozialsystem.

Für Österreich ergibt das proportionale Programm (64,1 Mrd. €/Jahr) in Variante A eine Netto-Neuverschuldung von 36,9 Milliarden Euro – 5,7 % des BIP. Die Schuldenquote sinkt von 81,7 % auf 64 %, auf dem Weg Richtung Maastricht-Grenze von 60 %. Das BIP wächst von 566 auf über 1.200 Milliarden Euro.


9. Die ehrlichen Risiken

Ein seriöser Essay verschweigt die Risiken nicht. Unser Modell zeigt sechs zentrale Herausforderungen:

Erstens: Inflation. Bei Vollbeschäftigung (ab Jahr 3–4) steigt die Inflation im Modell auf 4–4,5 %. Das ist managebar, aber erfordert aktive Gegensteuerung – genau dafür sind die Vermögens- und Erbschaftssteuer gedacht: Sie entziehen überschüssige Kaufkraft dort, wo sie kaum nachfragewirksam ist (Top 1 %, marginale Konsumquote ~30 %), und lenken sie in Bereiche mit voller Nachfragewirkung (Wilkinson & Pickett, 2009). Ab Jahr 4–5 müsste aktiv gegengesteuert werden – durch gezielte Steuererhöhungen, EZB-Koordination oder eine Reduktion des Stimulusvolumens.

Zweitens: Kapazitätsengpässe. 200.000 Wohnungen pro Jahr, Schulbau, Infrastruktur – die Baubranche hat nicht genug Arbeitskräfte für den sofortigen Start. Lösung: Phasenweises Hochfahren über 3–4 Jahre, massive Ausbildungsoffensive, qualifizierte Migration. Die Engpässe sind real, aber lösbar – sie sind ein Argument für intelligentes Sequencing, nicht gegen das Programm.

Drittens: Die Eurozone. Deutschland kann keine eigenständige Geldpolitik machen. Die EZB könnte bei steigender Inflation die Zinsen erhöhen und das Programm bremsen. Deshalb ist die EU-weite Umsetzung vorzuziehen – was Flassbeck, Macron und inzwischen auch Draghi (2024) in seinem Wettbewerbsfähigkeitsbericht fordern.

Viertens: Die politische Ökonomie. Die MMT sagt, Steuern könnten Inflation kontrollieren. Aber werden Politiker Steuern erhöhen, wenn die Wirtschaft überhitzt? Historisch: selten schnell genug. Die realistischere Variante ist eine Kombination aus automatischen Stabilisatoren (progressive Besteuerung wirkt automatisch bremsend bei steigenden Einkommen), Zentralbank-Koordination und einer Rückführung des Stimulusvolumens ab Jahr 4–5. Dass Inflationskontrolle allein durch Steuern funktioniert, ist die schwächste Stelle der reinen MMT-Lehre – aber unser Modell stützt sich nicht auf reine MMT, sondern auf den Blanchard-Leigh-Multiplikator und die empirische Evidenz (Blanchard, 2023; Wray, 2024).

Fünftens: Die Modellunsicherheit. Jede 10-Jahres-Projektion ist eine Vereinfachung. Exogene Schocks (Kriege, Pandemien, Energiekrisen) können das Bild verzerren. Die Multiplikatoren könnten niedriger ausfallen als modelliert. Aber selbst wenn man alle Multiplikatoren um 30 % reduziert, bleibt das Kernargument bestehen: Die Schuldenquote sinkt, weil der Multiplikator über 1 liegt. Und dass der Multiplikator in einer Rezession über 1 liegt, ist seit Blanchard und Leigh (2013) der internationale Forschungskonsens.

Sechstens: Ist das realistisch? Ein Plausibilitätscheck mit Draghi. Dieses Modell wurde nicht von einem Volkswirt gebaut. Es wurde von jemandem gebaut, der nachrechnen wollte, ob das Narrativ stimmt. Die Frage ist berechtigt: Sind die Zahlen plausibel? Oder bin ich hier nur meinem Wunschdenken aufgesessen? Hat Claude mir geliefert, was ich hören wollte, oder ist das, was wir da berechnet haben, valide?

Mario Draghi hat im September 2024 seinen Bericht zur europäischen Wettbewerbsfähigkeit vorgelegt. Er fordert 750–800 Milliarden Euro zusätzliche Investitionen pro Jahr – für die gesamte EU. Das entspricht 4,4 % des EU-BIP. Unser Programm liegt bei 544 Milliarden für Deutschland allein – rund 11 % des BIP. Das ist mehr als doppelt so intensiv wie Draghis Vorschlag. Klotzen, nicht kleckern. (Bitte daran denken: Die Bundesregierung will laut Merz 5 % des BIP in die Rüstung stecken. Die Dimensionen sind also machbar.)

Aber die Mechanik ist dieselbe. Draghi schreibt, dass strategische Investitionen, die bei KMUs, Innovatoren und Lieferketten ankommen, einen Langfrist-Multiplikator von bis zu 4,0 über zehn Jahre erzeugen können (vgl. Draghi, 2024). Unser gewichteter Gesamtmultiplikator liegt bei 1,14 – also bei knapp einem Drittel dessen, was Draghi für möglich hält. Draghis Bericht rechnet vor, dass ein 2-prozentiger Anstieg der totalen Faktorproduktivität über zehn Jahre die fiskalische Belastung um ein Drittel senken würde. Unser Modell zeigt denselben Effekt: Die Schuldenquote sinkt, weil der Nenner schneller wächst als der Zähler.

Die Richtung stimmt überein: Investition erzeugt Wachstum, Wachstum erzeugt fiskalischen Spielraum, fiskalischer Spielraum ermöglicht weitere Investition.

Der Unterschied: Draghi denkt europäisch und diplomatisch. Dieses Modell denkt deutsch und ungeduldig.

Es fragt nicht: Was ist politisch durchsetzbar? Es fragt (ich frage): Was wäre nötig und möglich, wenn man es ernst meinte?


10. Die eigentliche Frage

Dieser Essay hat gezeigt: 544 Milliarden Euro pro Jahr – investiert in Infrastruktur, Bildung, Pflege, Renten, Kindergeld, Wohnungsbau, Mindestlohn und soziale Sicherheit – würden Deutschland in zehn Jahren transformieren. Das BIP verdoppelt sich und wächst auf über 10.000 Milliarden Euro. Die Arbeitslosigkeit verschwindet. Die Schuldenquote sinkt. Die Renten steigen. Die Pflege wird bezahlbar. Die Brücken halten.

Die Finanzierung folgt der Monopoly-Logik: Der Staat gibt zuerst aus – auf Kredit. Die Wirtschaft wächst. 42 % fließen als Steuern von selbst zurück (Jahr 1), 50 % in den Folgejahren. Die Netto-Neuverschuldung: 5,7 % des BIP im ersten Jahr – weniger als das US-Defizit. Mit Vermögens- und Erbschaftssteuern sinkt sie auf 3,3 %. Vermögens- und Erbschaftssteuern können ergänzend hinzukommen, um das Defizit weiter zu senken und Konzentration zu bremsen. Aber sie sind nicht der Startpunkt. Der Startpunkt ist: Der Staat investiert.

Die theoretische Grundlage ist breit und tief – und sie erklärt besser als das alte Narrativ, was tatsächlich passiert und wie man dort herauskäme. Von Mandeville (1714) über Keynes (1936) und Russell (1932) bis zu Flassbeck (2024), Wray (2024), Kelton (2020), Höfgen (2020), Blanchard (2023) und Draghi (2024) – die Einsicht ist dieselbe: Eine Wirtschaft, in der alle gleichzeitig sparen, schrumpft. Eine Wirtschaft, in der investiert wird, wächst. Das ist keine Ideologie. Das ist Arithmetik, bestätigt durch drei Jahrhunderte ökonomischen Denkens und durch die empirische Evidenz der letzten 30 Jahre.

Deutschland hat eine Wahl (das gilt auch für Österreich). Es kann weiter dem Narrativ der schwäbischen Hausfrau folgen – und sich wundern, warum die Brücken gesperrt, die Schulen marode, die Pflegekräfte ausgewandert und die Chemie-Absolventen arbeitslos sind. Oder es kann das tun, was Mandeville 1714 erkannte, Russell 1932 bewies, Keynes 1936 systematisierte und die USA seit 20 Jahren praktizieren: investieren.

Es gibt keine Knappheit. Das Geld liegt in den rund 370 Milliarden Euro Finanzierungsüberschuss des privaten Sektors – jedes Jahr, nicht in reale Investitionen übersetzt. Jeder Euro, der dort liegt, fehlt einem Lehrer, einer Krankenschwester, einer Brücke, einem Kind.

Elizabeth Magie hat 1903 ein Spiel mit zwei Regelsätzen entworfen. Der erste führt dazu, dass einer alles bekommt und der Rest bankrott geht. Der zweite führt dazu, dass alle wohlhabender werden. Aber in beiden Varianten gilt eine Regel: Die Bank muss zuerst ausgeben. Ohne ihre Ausgaben gibt es kein Spiel. Deutschland hat aufgehört auszugeben. Es wäre Zeit, das Spiel endlich wieder korrekt zu spielen – zum Wohle von uns allen.

Flassbeck hat recht: »Man könnte innerhalb von 10 Jahren das modernste Land der Welt haben. Und wir sind nicht in der Lage, auch nur eine Sekunde drüber nachzudenken.«

Die Frage ist nicht: Können wir uns das leisten?

Die Frage ist: Können wir es uns leisten, es nicht zu tun?

Meine Antwort ist: Nein. Jedes Jahr, das wir warten, kostet uns Wachstum, Wohlstand und Menschenwürde. Jeder Euro, den wir nicht investieren, ist ein Euro, der keinen Return erzeugt. Sparen erzeugt keinen ROI.

Sparen erzeugt Verfall. Investieren erzeugt Zukunft.

11. Nachwort

Es wäre möglich. 544 Milliarden Euro pro Jahr. Ein Programm aus Infrastruktur, Bildung, Pflege, Wohnungsbau. Das BIP würde sich in zehn Jahren verdoppeln. Vollbeschäftigung. Die Schuldenquote würde sinken – nicht steigen. Die Renten könnten auf 60 Prozent angehoben, das Kindergeld verdoppelt werden.

Ich habe euch hier eine Modellrechnung vorgelegt. Meine Modellrechnung – ich habe überlegt, was ich sofort für alle bezahlbar machen würde. Nahverkehr. Schulen. Gesundheit. Pflege. Also all das, was allen zugute käme. Ihr könntet andere Prioritäten haben. Eure Verteilung des Geldes sähe anders aus. Logisch! Doch das Bild bliebe gleich: Wenn wir in das investieren, was wir brauchen – dann geht das. Es ist keine Frage des Geldes. Es ist eine Frage des politischen Willens.

Ist meine angenommene Investitionssumme absurd hoch? Nein. Wir ersetzen nur das, was die Bevölkerung pro Jahr spart, und setzen ein Konjunkturprogramm von 5 % des BIP oben drauf. Das sind machbare Zahlen. Das Geld selbst wird per Knopfdruck erzeugt.

Hätten wir die echten Ressourcen – die Arbeit, das eigentlich knappe Gut? Ja. Zumindest am Anfang. Danach müssten wir darüber nachdenken, wie wir uns die nötigen Ressourcen und Menschen beschaffen. Man könnte am Anfang den Bau etwas reduzieren und dafür die Eingliederung von Migranten finanziell ausstatten. Oder – stellt euch vor, wir führen flächendeckend Ganztagsschulen ein. Dann könnten viele Menschen aus der Teilzeit in Vollzeit wechseln, und das würde wieder in die Wirtschaft fließen.

Aber das überlasse ich denen, die das besser berechnen können. Wenn der Wille da wäre, würden wir diese Themen vielleicht nicht locker, aber sicher stemmen. Denn die Arbeit käme uns allen zugute – und ich kann mir nicht vorstellen, dass wir sie dann nicht leisten würden.

Und die Umsetzung – also: Wie verteilen wir das Geld? Hier müsste eine simple Regel gelten: Wir trauen den Kommunen zu, zu wissen, was sie brauchen. Wir trauen den Krankenhäusern zu, zu wissen, was sie anschaffen müssen. Wir überlassen es den Direktor:innen in den Schulen, zu entscheiden, was sie mit dem Geld machen. Der Bürokratie dürfen wir es nicht überlassen – aber das wäre das Thema für einen anderen Essay.

Unsere Kinder müssen nicht in kaputten Schulen hausen. Wir müssen keine zu großen Klassen, keine kaputten S-Bahnen, keine maroden Brücken hinnehmen.

Lasst euch nicht mehr erzählen, wir müssten sparen, es wäre kein Geld da. Punkt.


Ihr findet die Modellrechnungen und das Skript weiter unten im Anhang, nach der Literatur.


Literaturverzeichnis

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Wray, L. R. (2024). Modern Money Theory: A primer on macroeconomics for sovereign monetary systems (Rev. ed.). Springer Nature.


Anhang A: Methodik der Modellrechnung

Dieser Anhang dokumentiert transparent, wie die Zahlen in diesem Essay zustande kommen. Das Modell ist als Python-Skript implementiert und reproduzierbar. Jeder Schritt ist nachvollziehbar, jede Annahme benannt.

A.1 Grundprinzip: Der Fiskalmultiplikator

Die Frage: Wenn der Staat einen Euro ausgibt, um wie viel wächst das BIP? Die Antwort gibt der Fiskalmultiplikator. Ein Multiplikator von 1,5 bedeutet: Jeder Euro Staatsausgabe erzeugt 1,50 Euro BIP-Wachstum – weil der Bauarbeiter, der die Brücke baut, sein Gehalt im Supermarkt ausgibt, der Supermarkt neue Ware bestellt, der Lieferant Personal einstellt, und so weiter. Die Ausgaben wandern durch die Wirtschaft und erzeugen Folgeumsätze.

Blanchard und Leigh haben 2013 im American Economic Review gezeigt, dass die Multiplikatoren in Rezessionen deutlich höher sind als bisher angenommen – zwischen 0,9 und 1,7, wobei der Mittelwert bei 1,5 liegt (Blanchard & Leigh, 2013). In »normalen« Zeiten, bei hoher Kapazitätsauslastung, liegen die Multiplikatoren niedriger – typischerweise zwischen 0,5 und 1,0. Der IMF Fiscal Monitor 2025 bestätigt für Infrastrukturinvestitionen Werte zwischen 1,5 und 1,7.

A.2 Zehn Investitionskategorien mit eigenen Multiplikatoren

Nicht jede Ausgabe wirkt gleich. Ein Euro für Straßenbau hat einen anderen Multiplikator als ein Euro Steuersenkung. Das Modell unterscheidet zehn Kategorien, jede mit einem eigenen, aus der Literatur abgeleiteten Multiplikator:

Nr. Kategorie Mrd. €/Jahr Multiplikator Begründung
1 Infrastruktur 70 1,5 Blanchard & Leigh (2013); IMF Fiscal Monitor 2025
2 Sozialer Wohnungsbau 40 1,6 Historisch hoher Bau-Multiplikator (arbeitsintensiv, lokale Wertschöpfung)
3 Bildung 40 1,3 Personalintensiv, hoher Rücklauf über Sozialabgaben
4 MwSt.-Senkung 40 0,7 Steuer-Multiplikatoren sind geringer als direkte Ausgaben, da ein Teil gespart wird
5 Gesundheit/Pflege 35 1,3 Sehr personalintensiv, Löhne fließen direkt in Konsum
6 Nahverkehr 30 1,4 Kombination aus Infrastruktur und Konsumeffekt
7 Rentenbeiträge senken 30 0,8 Transfer-Multiplikator (geringer, da teilweise gespart)
8 Kommunen entschulden 25 1,0 Wirkt verzögert: setzt kommunale Mittel frei
9 Energiewende 25 1,4 Green Investment Multiplier (Gebäudesanierung, lokale Handwerker)
10 Integration 15 1,2 Personalintensiv (Sprachkurse, Qualifizierung)

A.3 Der gewichtete Durchschnittsmultiplikator

Aus diesen zehn Kategorien wird ein gewichteter Durchschnitt berechnet. Die Gewichtung erfolgt nach dem Ausgabenanteil jeder Kategorie:

Gewichteter Multiplikator = Σ (Ausgabe_i × Multiplikator_i) / Σ Ausgabe_i

Konkret für Investitionsprogramm Jahr 1:

(70 × 1,5) + (40 × 1,6) + (40 × 1,3) + (40 × 0,7) + (35 × 1,3) + (30 × 1,4) + (30 × 0,8) + (25 × 1,0) + (25 × 1,4) + (15 × 1,2) = 438,5

Geteilt durch 350 Mrd. € Investitionsprogramm = 1,25

Für das Sozialpaket (193,8 Mrd. brutto):

(92,5 × 0,8) + (38 × 1,2) + (46 × 0,9) + (13,7 × 1,4) + (0,6 × 1,1) + (3 × 0,9) = 183,5

Geteilt durch 193,8 Mrd. € Sozialpaket = 0,95

Gewichteter Gesamtmultiplikator für beide Programme:

(438,5 + 183,5) / 543,8 = 1,14

Der gewichtete Durchschnittsmultiplikator beträgt also 1,14 im ersten Jahr (für das Gesamtprogramm). Das bedeutet: 544 Milliarden Euro Staatsausgabe erzeugen rund 620 Milliarden Euro zusätzliches BIP.

A.4 Dynamische Anpassung: Der Konjunkturzyklus-Faktor

Ein Multiplikator von 1,5 gilt in der Rezession. Aber die Wirtschaft soll ja wachsen – und je mehr sie wächst, desto weniger »Luft« gibt es für weitere Multiplikatoreffekte, weil die Kapazitäten sich füllen. Das Modell bildet das über einen Zyklusfaktor ab:

Phase Jahre Zyklusfaktor Begründung
Rezession 1–2 1,0 (voller Multiplikator) Hohe Unterauslastung, viele freie Kapazitäten
Erholung 3–5 0,85 Kapazitäten füllen sich, Multiplikator sinkt leicht
Aufschwung 6–10 0,70 Näher an Vollauslastung, geringerer Multiplikator

Jeder einzelne Kategorien-Multiplikator wird mit diesem Faktor multipliziert. In Jahr 4 beträgt der effektive Infrastruktur-Multiplikator also nicht 1,5, sondern 1,5 × 0,85 = 1,275. Der gewichtete Durchschnitt sinkt entsprechend von 1,14 (Jahr 1) auf etwa 0,97 (Jahr 3–5) und 0,80 (Jahr 6–10).

A.5 Zusätzliche Effekte im Modell

Crowding-In (ab Jahr 3)

Öffentliche Investitionen mobilisieren private Investitionen. Wenn der Staat Straßen baut, siedeln sich Unternehmen an. Wenn er Schulen saniert, investieren Familien in Wohnungen. Das Modell setzt ab Jahr 3 einen Crowding-In-Faktor von 15 % an: Das zusätzliche BIP steigt um weitere 15 % durch private Investitionen, die durch das öffentliche Programm ausgelöst werden. Der Faktor 0,15 ist konservativ – die Bundesbank (2025) schätzt den Effekt für Infrastrukturinvestitionen auf bis zu 1,3 (also 30 %).

Hysterese-Korrektur (ab Jahr 2)

Blanchard und Summers (1986) haben gezeigt, dass Rezessionen dauerhafte Schäden hinterlassen. Umgekehrt hebt die Rückkehr zur Beschäftigung das Potenzialwachstum. Das Modell addiert ab Jahr 2 einen Hysterese-Bonus von 0,1 Prozentpunkten pro Jahr auf das zusätzliche BIP. In Jahr 5 beträgt der Bonus also 0,5 % – ein bescheidener Wert, der die Tatsache abbildet, dass produktive Kapazitäten reaktiviert werden.

Phillips-Kurve: Inflation

Wenn die Arbeitslosigkeit unter 4 % fällt, steigt die Inflation. Das Modell verwendet eine vereinfachte Phillips-Kurve:

Wenn ALQ < 4 %: Inflationsdruck = 0,3 Prozentpunkte je Prozentpunkt unter 4 %

Gleichzeitig wirkt der Produktivitätszuwachs leicht inflationssenkend (−0,1 Prozentpunkte pro Jahr). Die Inflation ist auf ein Band von 1,0 % bis 4,5 % begrenzt – Werte darüber würden eine aktive Gegensteuerung erfordern, die das Modell nicht simuliert, aber in Kapitel 9 diskutiert wird.

Inflationsdämpfung des Multiplikators

Steigt die Inflation über 4 %, wird der Multiplikator stark gedämpft (Faktor 0,75). Zwischen 3 % und 4 % greift ein moderater Dämpfungsfaktor (0,9). Das bildet ab, dass die Zentralbank bei steigender Inflation restriktiver wird und die Realwirkung der Staatsausgaben sinkt.

Arbeitsmarkt: Gap-Closure-Ansatz

Die Beziehung zwischen BIP-Wachstum und Arbeitslosigkeit folgt einem Gap-Closure-Ansatz (inspiriert durch Okun's Law): Jedes Jahr schließt sich ein Anteil der Lücke zwischen aktueller Arbeitslosigkeit und der Vollbeschäftigungsschwelle (NAIRU = 2,5 %). Der Anteil hängt von der Stärke des Stimulus ab – bei starkem Stimulus (wie in Jahr 1 mit ~9 % BIP-Wachstum) schließen sich rund 70 % der Lücke. Die Vollbeschäftigungs-Untergrenze liegt bei 2,5 % struktureller Arbeitslosigkeit.

A.6 Steuerrücklauf: Die Selbstfinanzierung

Nicht alle 544 Milliarden sind Netto-Neuverschuldung. Ein erheblicher Teil fließt als Steuern und Sozialabgaben zurück:

Steuerrücklaufrate = 42 % (Jahr 1) → 50 % (Jahr 5+)

Die Rate steigt, weil eine wachsende Wirtschaft proportional mehr Steuern generiert (progressiver Einkommensteuertarif, höhere Unternehmensgewinne, weniger Transferleistungen).

Die Netto-Neuverschuldung berechnet sich als:

Netto-Neuverschuldung = Brutto-Stimulus × (1 − Steuerrücklaufrate)

In Jahr 1: 544 Mrd. Brutto-Stimulus, blended 42 % Steuerrücklauf (Investment 147 Mrd. + Sozial 66 Mrd. + Mindestlohn 18 Mrd. = 231 Mrd. zurück) = 313 Mrd. € Netto-Neuverschuldung

In Jahr 5: 544 Mrd. × (1 − 0,504) = 269,5 Mrd. € Netto-Neuverschuldung (Steuerrücklauf: 274,5 Mrd.)

A.7 Schuldenquote: Warum sie sinkt

Die Schuldenquote ist ein Bruch: Schulden geteilt durch BIP. Die absolute Verschuldung steigt – aber das BIP steigt schneller, weil der Multiplikator über 1 liegt.

Rechenbeispiel Jahr 1:

  • BIP (Ausgangslage): 4.800 Mrd. €
  • Gewichteter Multiplikator: 1,14 × Zyklusfaktor 1,0 = 1,14
  • Zusätzliches BIP durch Stimulus: 544 × 1,14 = 620,2 Mrd. €
  • Baseline-Wachstum (1,2 %): 57,6 Mrd. €
  • Neues BIP: 4.800 + 620,2 + 57,6 ≈ 5.480 Mrd. €
  • Bisherige Schulden: 4.800 × 63,5 % = 3.048 Mrd. €
  • Plus Netto-Neuverschuldung: 313 Mrd. €
  • Neue Schulden: 3.361 Mrd. €
  • Neue Schuldenquote: 3.361 / 5.480 = 61,3 % (gegenüber 63,5 %)

Die Schuldenquote sinkt um 2,2 Prozentpunkte – obwohl der Staat 313 Milliarden neue Schulden aufgenommen hat. Der Nenner (BIP) wächst schneller als der Zähler (Schulden). Diese Arithmetik gilt, solange der Multiplikator über 1 liegt – und das ist bei Blanchard-Leigh-Bedingungen (Rezession, freie Kapazitäten) der Fall.

A.8 Produktivitätseffekt

Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Digitalisierung steigern die Produktivität. Das Modell addiert einen wachsenden Produktivitätsbonus:

Produktivitätsbonus = 0,2 Prozentpunkte × min(Jahr, 5)

In Jahr 1: +0,2 Prozentpunkte, in Jahr 5: +1,0 Prozentpunkte. Zusammen mit dem Baseline-Produktivitätswachstum von 0,5 % ergibt sich in Jahr 5 ein effektives Produktivitätswachstum von 1,5 % – ein Wert, der international im oberen Bereich liegt, aber angesichts des massiven Investitionsbedarfs plausibel ist.

A.9 Was das Modell nicht kann

Transparenz bedeutet auch, die Grenzen zu benennen:

Das Modell ist eine lineare Projektion mit dynamischen Anpassungen. Es simuliert keine Finanzmärkte, keine geopolitischen Schocks, keine Lieferkettenprobleme. Die Multiplikatoren stammen aus empirischen Studien, sind aber Durchschnittswerte – in der Realität schwanken sie. Die Phillips-Kurve ist vereinfacht; die tatsächliche Beziehung zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation ist komplexer und instabiler, als das Modell abbildet. Die Crowding-In-Annahme (15 %) ist eine Schätzung. Die Steuerrücklaufrate hängt von der konkreten Ausgestaltung ab.

Aber: Selbst wenn man alle Multiplikatoren um 30 % nach unten korrigiert, bleibt der gewichtete Durchschnitt bei 0,80 – also unter 1 in den späteren Jahren. In den ersten Jahren (Rezession) läge er immer noch bei 0,80, und da der Steuerrücklauf dennoch mindestens 42 % beträgt, würde die Netto-Neuverschuldung bei etwa 315 Mrd. € liegen, das BIP aber immer noch um 435 Mrd. € wachsen (544 × 0,80). Die Schuldenquote sänke auch in diesem pessimistischen Szenario.

Das Modell erhebt keinen Anspruch auf Punktgenauigkeit. Es zeigt eine Richtung – und diese Richtung ist robust.

A.10 Reproduzierbarkeit

Das vollständige Modell ist als Python-Skript implementiert und frei verfügbar. Jede Annahme ist im Code dokumentiert, jeder Parameter kann verändert werden. Wer die Zahlen anzweifelt, kann das Skript herunterladen, die Parameter nach eigenen Vorstellungen anpassen und die Ergebnisse selbst überprüfen.

Die wichtigsten Parameter zum Experimentieren:

Parameter Wert im Modell Sensitivität
Stimulus-Volumen 544 Mrd. €/Jahr (350 Invest + 194 Sozial) Linear: halb so viel Stimulus → halb so viel Wachstum
Gewichteter Multiplikator 1,14 (Gesamt); Invest 1,25 / Sozial 0,95 Hoch: 10 % weniger Multiplikator → 10 % weniger BIP-Effekt
Zyklusfaktor (Jahr 3–5) 0,85 Mittel: beeinflusst mittelfristiges Wachstum
Steuerrücklaufrate 42–50 % Hoch: bestimmt die Netto-Neuverschuldung direkt
Crowding-In 15 % (ab Jahr 3) Mittel: zusätzliches privates Investment
Vollbeschäftigungs-Floor 2,5 % Niedrig: bestimmt nur den Endwert der ALQ
Gap-Closure-Rate max. 70 % der Lücke/Jahr Mittel: bestimmt ALQ-Verlauf


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