Eine Politikerin zeigt, wie Führung geht.

Beteiligen heißt: Ich lasse euch teilhaben. Um Mitwirkung bitten heißt: Ich brauche euch. Das eine ist Gnade. Das andere ist Führung.

Eine Politikerin zeigt, wie Führung geht.
Quelle: Bildschirmfoto, Ines Schwerdtner Ruft Zum Widerstand Gegen Krieg, Faschismus & Sozialabbau!, Youtube. https://www.youtube.com/watch?v=WQD39O5EPes&t=159s verfremdet mit Gemini, Nano Banana

Ich berate gerade einen Kunden dabei, seine Strategie weiterzuentwickeln. Und in der Recherche bin ich über einen Vortrag gestolpert, der mich nicht mehr loslässt.

Ines Schwerdtner, Co-Vorsitzende der Linken, erklärt auf dem Parteitag im Januar 2026, warum ihre Partei jetzt ein neues Grundsatzprogramm schreibt. Zwei Jahre wird das dauern. Mit allen 122.000 Mitgliedern. Offen für Kritik, offen für Ideen, offen für einen Prozess, dessen Ende niemand kennt.

Was mich daran fasziniert, ist nicht die Politik. Es ist die Führung.


Das Gegenteil dessen, was wir gewohnt sind

Wir erleben gerade eine Zeit, in der Führung an vielen Stellen toxisch geworden ist. Politiker erklären uns, wie schrecklich dämlich wir doch als Bürger seien. Wie sehr wir uns gefälligst anzustrengen hätten. Wie wenig wir verstünden.

Führung sieht anders aus. Das war Verachtung mit Mikrofon.

Und dann schaue ich diesen Vortrag. Und sehe das Gegenteil.

Schwerdtner erklärt nicht nur, was zu tun ist. Sie erklärt nicht nur, wie es zu tun ist. Sie erklärt eindringlich das Warum. Sie nimmt sich Zeit für die Begründung. Sie macht transparent, warum es sich lohnt, zwei Jahre lang an etwas zu arbeiten, dessen Ergebnis noch nicht feststeht.

Das ist selten. In der Politik. Und noch seltener in Unternehmen.


Von „Betroffenen zu Beteiligten" – und die Lüge dahinter

Wir Berater haben jahrelang diesen Satz bemüht: Man muss Betroffene zu Beteiligten machen.

Er klingt gut. Er steht in jeder Change-Präsentation. Und er ist meistens eine höfliche Lüge.

Ich habe das selbst erlebt. Ein Team, das nicht performte. Die Führung holte uns, um zu helfen. Wir schlugen vor, das Team aufzulösen. "So kann man das nicht machen", sagte der Sponsor. Also designten wir einen Diagnose-Prozess. Das Team sollte selbst erkennen, wo das Problem lag.

Mitten im Prozess sagte der Sponsor: "Eigentlich wollten wir das Team sowieso auflösen. Warum machen wir das hier gerade?"

Ich stand da und dachte: Die Entscheidung stand längst fest. Der ganze Prozess war Theater.

Und ich fragte mich, was ich mich seitdem immer wieder frage: Warum sagen Führungskräfte nicht einfach, was sie wollen? Warum diese Angst vor der eigenen Entscheidung? Klarheit wäre einfacher. Für alle. Vielleicht wäre sie sogar eine Entlastung.

Was Schwerdtner beschreibt, ist das Gegenteil dieses Theaters. Es ist echtes Mitwirken. Es ist die Bereitschaft, einen Prozess zu beginnen, dessen Ausgang offen ist. Es ist die Zumutung, sich von den Mitgliedern verändern zu lassen.

Beteiligung wäre zu wenig gesagt. Das war Co-Kreation.


Die historische Tiefe, die mich überrascht hat

Was mich an dem Vortrag besonders beeindruckt: Schwerdtner holt weit aus. Sie erklärt, woher diese Partei kommt. Und sie tut es nicht als Pflichtübung, sondern als Begründung.

Das aktuelle Erfurter Programm der Linken von 2011 steht bewusst in der Tradition des Erfurter Programms der SPD von 1891. Das löste damals das Gothaer Programm ab – jenes Programm, das Karl Marx in seiner berühmten Kritik zerlegt hatte. Marx schrieb: Arbeit ist nicht die einzige Quelle des Reichtums. Die Natur ist es auch. Er forderte einen differenzierten Klassenbegriff und echten Internationalismus statt nationaler Engführung.

Die SPD lernte daraus. Und die Linke bezieht sich heute noch darauf.

Aber es geht nicht nur um Geschichte. Es geht um das, was 2011 gelungen ist: zwei völlig unterschiedliche Traditionslinien zusammenzubringen.

Die eine kam aus der PDS – der Partei des Ostens, die sich nach 1989 gegen den wirtschaftlichen Kahlschlag durch die Treuhand stellte. Die andere kam von westdeutschen linken Gewerkschaftern, die jahrzehntelang versucht hatten, die SPD nach links zu bewegen, daran gescheitert waren, und nach dem Verrat durch Rot-Grün sagten: Wir müssen etwas Eigenes aufbauen.

Diese beiden Linien in einem Programm zu vereinen – das war keine Selbstverständlichkeit. Es war eine Führungsleistung.


Revolutionäre Freundlichkeit

Ein Begriff aus dem Vortrag ist mir besonders hängen geblieben: revolutionäre Freundlichkeit.

Schwerdtner sagt: Wir sollten umsichtig und nachsichtig miteinander umgehen – wohlwissend um die Geschichte der Spaltungen und Tragödien.

Kein Wohlfühl-Sprech. Ein Eingeständnis: Wir kommen aus verschiedenen Welten. Wir haben unterschiedliche Erfahrungen. Und wenn wir nicht aufpassen, zerreißt es uns.

In Unternehmen würde man das vielleicht "psychologische Sicherheit" nennen. Aber Schwerdtners Begriff geht tiefer. Er enthält die Anerkennung, dass Differenz existiert. Dass Geschichte existiert. Dass man einander verletzen kann, auch wenn man dasselbe will.

Revolutionäre Freundlichkeit heißt: Wir streiten um die Sache, aber wir zerstören uns nicht gegenseitig dabei.

Wie viele Führungsteams könnten das von sich behaupten?


Menschen aus der Resignation holen

Der Vortrag hat noch einen Moment, der mich nicht loslässt.

Schwerdtner erzählt von einer Reise nach New York. Sie hat dort den Wahlkampf von Zohran Mamdani beobachtet – einem demokratischen Sozialisten, der am 1. Januar von Bernie Sanders vereidigt wurde. In New York. Der Finanzmetropole der Welt.

Ihre Analyse: Mamdani und sein Team haben verstanden, dass Jahrzehnte neoliberaler Enttäuschung eine tiefe Frustration und einen tiefen Zynismus geschaffen haben. Der Normalzustand ist, dass Menschen nichts mehr von Politik erwarten.

Und dann sagt sie den entscheidenden Satz:

Er hat es geschafft, die Menschen aus der Resignation zu holen.

Das ist für mich der Kern. Nicht Motivation. Nicht Incentives. Nicht Druck. Sondern: den Glauben wiederherstellen, dass Veränderung möglich ist.

Wie viele Mitarbeitende in deutschen Unternehmen sind längst in der Resignation? Wie viele glauben nicht mehr daran, dass sich etwas ändert? Wie viele haben aufgehört, ihre Ideen einzubringen, weil es sowieso nichts bringt?

Und wie viele Führungskräfte fragen sich, warum "die Leute nicht mitziehen" – ohne zu sehen, dass sie selbst die Resignation erzeugt haben?


Die Ironie, die schmerzt

Ich muss das einmal aussprechen: Eine linke Partei macht gerade vor, was die meisten Unternehmen nicht können.

Eine Organisation mit 122.000 Mitgliedern, die in einem Jahr ihre Mitgliederzahl verdoppelt hat. Über die Hälfte der Parteitagsteilnehmer sind Neumitglieder. Schwerdtner nennt das einen "Vertrauensvorschuss, dem wir gerecht werden müssen".

Vertrauensvorschuss. Gerecht werden.

Wann hast du das zuletzt von einem CEO gehört?

Die Ironie ist: Unternehmen reden ständig von Agilität, von Empowerment, von Partizipation. Und dann entwickeln zwölf Leute in einer Klausur die Strategie, und der Rest darf sie "kaskadieren".

Hier macht eine politische Partei das Gegenteil. Unter Druck. Mit begrenzten Ressourcen. In einer volatilen Situation. Und es funktioniert.


Was bleibt

Ich sage nicht, dass du Fan der Linken werden musst. Ich sage nicht, dass du deren Politik gut oder schlecht finden sollst.

Aber ich sage: Schau hin.

Schwerdtner macht gerade strategische Arbeit auf Augenhöhe. Sie beteiligt nicht. Sie bittet um Mitwirkung.

Das klingt nach einem kleinen Unterschied. Es ist ein gewaltiger.

Beteiligen heißt: Ich lasse euch teilhaben an dem, was ich entscheide. Um Mitwirkung bitten heißt: Ich brauche euch, damit wir gemeinsam entscheiden können.

Das eine ist Gnade. Das andere ist Führung.


Quellen

  • Ines Schwerdtner: Rede auf dem Linken-Parteitag zur Grundsatzprogramm-Debatte, Januar 2026. Video: https://youtu.be/WQD39O5EPes
  • Karl Marx: Kritik des Gothaer Programms (1875, veröffentlicht 1891).

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