Die Transaktionskosten fürs Ausprobieren sind gegen Null gegangen – und niemand probiert aus
In Davos reden sie über KI. Aber Führen heißt nicht Reden – es heißt Verstehen. Warum die meisten Führungskräfte delegieren, statt selbst zu experimentieren. Und was das mit Energietransformation zu tun hat.
In Davos reden sie wieder über KI.
Adam Tooze, Wirtschaftshistoriker an der Columbia University, saß letzte Woche neben Larry Fink und Christine Lagarde auf einem CNBC-Panel. Sie diskutierten, ob KI die US-Wirtschaft retten oder ruinieren wird. Tooze zog eine Parallele zu den "Roaring Twenties" – dem Jahrzehnt vor der Großen Depression, als Hybris und Fantasielosigkeit die Weltordnung untergruben.
Die US-Delegation war mit einer klaren Botschaft nach Davos gekommen. David Sacks, Trumps "AI and Crypto Czar", kritisierte den EU AI Act als "absolute Katastrophe". Trump selbst bot Silicon Valley Atomkraftwerke für KI an – Genehmigung in drei Wochen. Die Botschaft: Wir führen bei KI, und wir werden gewinnen.
Aber Führen heißt nicht Verstehen.
Die Illusion der Ahnungslosen
Ich beobachte Führungskräfte, mit denen ich arbeite. Sie sagen: "Klar, wissen wir. Haben wir Initiativen." Und dann ziehen sie die falschen Schlüsse. Sie sehen KI als Werkzeug zur Effizienz. Als Möglichkeit, Mitarbeiter schneller auszutauschen. Als nächste Runde im alten Spiel.
Die Zahlen bestätigen das Muster: Laut einer Worklytics-Studie verbringen C-Level-Führungskräfte durchschnittlich 2,3 Stunden pro Woche mit KI-Tools – halb so viel wie ihre IT-Abteilungen. BCG berichtet, dass 74% der Organisationen daran scheitern, KI-Wert zu skalieren. Und McKinsey identifiziert, dass 70% aller KI-Implementierungsprobleme nicht aus der Technologie stammen, sondern aus Menschen und Prozessen. (Wie übrigens bei allen technologiegetriebenen Transformationen.)
Die Führungskräfte delegieren - und verschieben damit ihre Unkenntnis als Angst in ihre Organisationen. Das ist das Einzige, was viele von ihnen in 30 Jahren gelernt haben.
Was die Studien wirklich zeigen
Dabei zeigen die Studien etwas völlig anderes. Eine MIT-Studie von Jackson Lu untersuchte 250 Mitarbeiter eines Tech-Unternehmens. Das Ergebnis: KI verbessert die Kreativität – aber nur bei Menschen, die über ihr eigenes Denken nachdenken können.
"Metakognition ist das fehlende Glied zwischen KI nutzen und KI gut nutzen", schreibt Lu.
Eine Harvard/BCG-Studie mit 700 Beratern fand: KI innerhalb ihrer Fähigkeitsgrenzen verbessert die Leistung um fast 40%. Effizienzsteigerung greift zu kurz. Das hier ist Potenzialentfaltung.
Aber die Top-Führungskräfte sehen das nicht. Sie sehen Headcount-Reduktion. Sie sehen Kostensenkung. Sie sehen das alte Spiel mit neuen Werkzeugen.
Ich weiß, dass ich mit diesen Gedanken Leute vor den Kopf stoße. Aber die Möglichkeiten sind zu groß, um höflich zu bleiben.
Die verschwundenen Kosten des Experimentierens
Was gerade passiert, ist simpel – wenn man es sehen will:
Die Transaktionskosten fürs Ausprobieren sind gegen Null gegangen.
Andrej Karpathy, Mitgründer von OpenAI, prägte dafür den Begriff "Vibe Coding". Collins Dictionary wählte ihn zum Wort des Jahres 2025. Die Idee: Du beschreibst in normaler Sprache, was du willst, und die KI generiert den Code. Y Combinator berichtet, dass 25% der Startups im Winter 2025 Codebasen hatten, die zu 95% KI-generiert waren.
"Disposable Software" nennen sie das jetzt. Einweg-Apps. Man baut, wirft weg, baut neu. Der Preis fürs Experimentieren ist verschwunden. (Achtung nicht vom Begriff verwirren lassen. Das meint nicht Wegwerf-Software, sondern Software, die so billig in der Herstellung ist, dass es sich nicht lohnt sie noch einmal zu verbessern, sondern man ersetzt sie gleich, mit neuem Code.)
Und niemand experimentiert.
Energie als eigentlicher Treiber
Es gibt eine These – formuliert von Robert Ayres am INSEAD und Vaclav Smil an der University of Manitoba –, dass alle Produktivitätsfortschritte der Menschheit im Kern Energietransformationen sind. Der Bauer zog erst selbst die Furche, dann spannte er den Ochsen ein, dann den Traktor, jetzt die Drohne. Jede Stufe: mehr Energie, mehr Output, andere Skills.
Smil schreibt: "Die moderne Geschichte ist eine ungewöhnlich schnelle Abfolge von Übergängen zu neuen Energiequellen." Ayres ergänzt: "Ein Wirtschaftssystem ist im Kern ein System zur Extraktion, Verarbeitung und Transformation von Energie."
Das Verrückte ist: Wir haben unendlich viel Energie. Die Sonne liefert mehr, als wir je brauchen werden.
Die Zahlen sind eindeutig: Laut IRENA ist Solar-PV heute 41% günstiger als die günstigste fossile Alternative. Wind ist 53% günstiger. Eine Nature-Energy-Studie zeigt, dass der EROI (Energy Return on Investment) von Wind und Solar bei über 10:1 liegt – und steigt. Fossile Brennstoffe liegen bei 3,5:1.
Die Weichenstellung
Wir stehen vor einer Energietransformation. KI ist nichts anderes. Sie braucht Rechenleistung, Rechenleistung braucht Strom. Die Frage ist nur: Woher kommt der Strom?
Die Chinesen bauen Solarparks. 277 Gigawatt in einem Jahr – mehr als die gesamte US-Kapazität. 625 Milliarden Dollar investierten sie 2024 in saubere Energie. Ihr 2030-Ziel erreichten sie sechs Jahre früher.
Die Amerikaner bohren nach Öl und versprechen Atomkraftwerke in drei Wochen. Beide wollen KI. Aber die einen nutzen die Sonne, die anderen zerstören ihre Lebensgrundlage.
Eine technische Frage? Eine Führungsfrage.
Adam Tooze beschrieb die aktuelle Situation so: "Das ist beispiellos in der Art, wie Politik gemacht, rückgängig gemacht, neu gemacht wird – scheinbar nach Laune, in dem, was früher als Zentrum von Macht, Ordnung und Stabilität galt."
Er hat recht. Aber das Problem sitzt tiefer.
Das Verstehen, das fehlt
Was fehlt, ist nicht Technologie. Was fehlt, ist Verstehen.
Führung ohne Verstehen ist keine Führung. Es ist Delegation. Es ist Theater. Es ist das Weitergeben von Verantwortung an Menschen, die dann auch nicht wissen, was sie tun sollen.
Ich behaupte: Führungskräfte müssen Ahnung haben. Nicht vom Code. Nicht von jedem Detail. Aber davon, was gerade passiert. Davon, was möglich ist. Davon, wohin die Reise geht.
Und das lernt man nicht in Präsentationen. Das lernt man im Tun.
Ich erlebe das selbst. Ich arbeite mit Claude. Manchmal bekomme ich Vorschläge, mit denen ich nichts anfangen kann – nicht weil die KI schlecht ist, sondern weil ich sie intellektuell noch nicht beherrsche. Dann brauche ich zehn Schritte, um zu verstehen, was mir vorgeschlagen wird.
Scheitern? Der Prozess. Das ist Lernen. Das ist Führung.
Die eigentliche Aufgabe
Wer sich diesem Prozess nicht aussetzt, kann nicht führen. Wer delegiert, ohne zu verstehen, gibt nur Angst weiter. Wer so tut, als wüsste er Bescheid, während er das Einzige tut, was er gelernt hat – nach unten abschieben –, der führt nicht. Der versteckt sich.
Die Mitarbeiter spüren das. Sie sehen, dass ihre Führungskräfte keine Ahnung haben. Und dann sollen sie selbst experimentieren? Woher soll die Sicherheit kommen?
Führung heißt: Ich gehe voraus. Ich probiere selbst. Ich zeige, dass man scheitern darf. Ich nehme meinen Leuten die Angst, indem ich selbst durch die Angst gegangen bin.
Diese Führung sehe ich nicht. Nicht in Davos. Nicht in den Vorstandsetagen.
Ich sehe 60-Jährige, die reden, ohne zu verstehen. Die delegieren, ohne zu wissen. Die Entscheidungen treffen über Energiequellen, Technologien und Transformationen, die sie nie selbst angefasst haben.
Und dann wundern sie sich, warum nichts vorangeht.
Die historische Chance
Vielleicht irre ich mich. Vielleicht laufe ich der falschen Idee hinterher.
Aber wenn ich recht habe, dann verpassen wir gerade etwas Historisches. Nicht weil die Technologie nicht da wäre. Nicht weil die Energie nicht da wäre. Die Sonne scheint. Die KI funktioniert. Alles ist bereit.
Es fehlt nur jemand, der versteht. Und vorangeht.
In diesem Sinne.
Quellen
Referenzen
- Tooze, Adam (2026). CNBC Panel, World Economic Forum Davos. Radio Davos Podcast.
- Worklytics (2025). 2025 AI Adoption Benchmarks: Employee Generative AI Usage Statistics.
- Boston Consulting Group (2024). AI Adoption in 2024: 74% of Companies Struggle to Achieve and Scale Value.
- McKinsey & Company (2025). The State of AI in 2025.
- Lu, Jackson G. (2025). "How and For Whom Using Generative AI Affects Creativity". Journal of Applied Psychology, MIT Sloan.
- Dell'Acqua, Fabrizio et al. (2023). "Navigating the Jagged Technological Frontier". Harvard Business School / BCG.
- Karpathy, Andrej (2025). "Vibe Coding". Collins Dictionary Word of the Year 2025.
- Ayres, Robert U. & Warr, Benjamin (2009). The Economic Growth Engine: How Energy and Work Drive Material Prosperity. Edward Elgar Publishing.
- Smil, Vaclav (2017). Energy and Civilization: A History. MIT Press.
- IRENA (2024). Renewable Power Generation Costs in 2024.
- Brockway, Paul E. et al. (2024). "Energy Return on Investment of Fossil Fuels and Renewables". Nature Energy.
- IEA (2025). World Energy Investment 2025: China.
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