Der Verrückte im Park
Ich weiß nicht mehr genau, wie es war. Ich weiß nur, dass ich auf einer Bank saß, in der TU Darmstadt, irgendwann 1991 oder 92. Ein Kommilitone fragte, ob ich Lust hätte, in ein Seminar mitzukommen. Der Titel: Sexus und Geist.
Ein persönlicher Nachruf auf Jürgen Habermas (1929–2026)
Ich weiß nicht mehr genau, wie es war.
Ich weiß nur, dass ich auf einer Bank saß, in der TU Darmstadt, irgendwann 1991 oder 92. Ein Kommilitone kam vorbei. Wir studierten beide Physik. Er fragte, ob ich Lust hätte, in ein Seminar mitzukommen. Der Titel: Sexus und Geist von Christoph Türcke.
Ich sagte: Das hat doch schon angefangen.
Er sagte: Nein, nein, zweite Woche, die Professorin hat sowieso noch nicht richtig begonnen.
Also ging ich mit. Weil ich neugierig war. Und weil Sexus und Geist gut klang. Ehrlich gesagt war es das Einzige, an dem ich mich festhalten konnte — ein Titel, der versprach, dass Philosophie auch etwas mit dem Leben zu tun haben könnte.
Die Frau, die dort vorne saß — die Professorin —, gehört zu den wenigen Frauen in meinem Leben, bei deren Anblick ich weiche Knie bekam. Vielleicht liest sie das eines Tages. Sie muss mittlerweile um die 65 sein. Ich habe leider ihren Namen vergessen. Aber was sie in mir ausgelöst hat, nicht.
Ich blieb. Las das Buch. Schrieb am Ende die Hausarbeit — als Einziger im Seminar. Und dieses halbe Jahr veränderte alles, was danach kam. Denn im folgenden Semester stand auf dem Plan: Dialektik der Aufklärung. Horkheimer und Adorno.
Man muss verstehen, woher ich kam.
Ich war Physikstudent. Seit meiner Jugend fasziniert von der Idee, dass die Welt Regeln hat. Eindeutige Regeln. Wir finden sie, und dann verstehen wir, was ist. Die Physik als Mutter aller Vernunft, als Wahrheit aller Dinge. Das war mein Glaube, und er war fest.
Dann las ich Henryk Grossmanns Arbeit über die gesellschaftlichen Grundlagen der mechanistischen Philosophie. Habermas hat Grossmann später nicht besonders gnädig behandelt, aber für mich war dieser Text ein Erdbeben. Was dort stand, war im Kern: Die Physik ist nicht die reine, von der Gesellschaft unberührte Wahrheit, für die ich sie hielt. Auch die Naturwissenschaft ist eingebettet in Herrschaftsverhältnisse, in ökonomische Interessen, in die Logik ihrer Zeit.
Das war die narzisstische Kränkung meines Lebens. Mein schönes Weltbild, in dem alles berechenbar war, bekam Risse. Und dann kam die Dialektik der Aufklärung und schlug es in Stücke.
Dieses Buch hat mich fast besiegt.
Die Sätze waren so verschachtelt, so dicht, so absichtlich schwierig, dass ich beim Lesen einschlief. Nicht aus Langeweile. Aus Überforderung. Mein Gehirn schaltete ab, sobald die Komplexität eine bestimmte Schwelle überschritt. Einfach weg. Augen zu.
Also dachte ich: Wie verhindere ich das?
Die Antwort war ein Park. Der Park neben der TU Darmstadt. Ich ging hinaus, das Buch in der Hand, und begann, mir die Sätze laut vorzulesen. Einen nach dem anderen. Und nach jedem Satz blieb ich stehen und erklärte mir selbst — laut, im Gehen — was er bedeutete.
Die Leute im Park müssen gedacht haben: Was ist das für ein Verrückter?
Eine halbe Stunde. Vielleicht eine Stunde. Ich weiß es nicht mehr. Was ich weiß: Nach ungefähr zehn Seiten dieses lauten Gesprächs mit dem Buch begann sich die Dialektik der Aufklärung zu öffnen. Die Sätze wurden nicht einfacher. Aber ich konnte sie lesen. Ich konnte drinbleiben.
Was dort stand, war ungeheuerlich.
Horkheimer und Adorno behaupteten, dass die Aufklärung — die große Befreiungsgeschichte der Menschheit, die Vernunft, der Fortschritt — sich in ihr Gegenteil verkehrt hat. Dass Vernunft selbst zum Herrschaftsinstrument geworden ist. Dass wir nicht trotz, sondern wegen unserer Rationalität in der Barbarei gelandet sind.
Eigentlich stand Nietzsche schon am Anfang dieses Gedankens. Die Geburt der Tragödie — ein völlig irrer Text, in dem ein junger Philologe versucht zu zeigen, dass das, was die Griechen das Apollinische nannten — die Ordnung, die Klarheit, die Vernunft — das Dionysische unterdrückt und damit etwas Lebendiges abtötet. Dass die Herrschaftsinstrumente uns so tief durchdringen, dass wir gar nicht merken, wie sehr wir in ihren Zwängen handeln.
Horkheimer und Adorno haben diesen Gedanken radikalisiert. Habermas hat ihn geerbt und versucht, ihn aufzulösen — durch den Glauben an den herrschaftsfreien Diskurs, an die Möglichkeit der Verständigung. Byung-Chul Han hat ihn weitergedreht in die Müdigkeitsgesellschaft, in der wir uns selbst ausbeuten. Hartmut Rosa sucht den Ausweg in der Resonanz — im Berührtwerden von der Welt.
Und Hannah Arendt? Ihr Ausbruch war die Natalität. Die Tatsache, dass mit jedem Menschen etwas Neues beginnt, das nicht vorhersehbar war.
Sie alle stehen in einer Linie. Und irgendwo am Ende dieser Linie stehe jetzt ich — und sage: Es gibt Fülle. Es gibt die Tatsache, dass wir keine Angst haben müssen. Dass die Narrative der Knappheit, die uns einengen, nicht die ganze Wahrheit sind.
Jürgen Habermas ist am 14. März 2026 gestorben. Er wurde 96 Jahre alt.
Ich habe ihn nie kennengelernt. Das bedaure ich. Darmstadt ist nicht Frankfurt, und als ich 1993 die Dialektik der Aufklärung im Park las, war mir nicht einmal klar, dass Habermas noch lebte. Ich hätte hinfahren sollen. Frankfurt war eine S-Bahn-Fahrt entfernt. Ich hätte ihn erleben können — in einer Vorlesung, in einem Seminar, vielleicht sogar in einem Gespräch.
Aber mein Leben war anders. Ich lebte damals in einer Beziehung und zog Kinder groß, die nicht meine waren. Am Wochenende arbeitete ich als Krankenpfleger, um das Studium zu finanzieren. Physik und Philosophie unter der Woche, Nachtschichten am Samstag. Ich konnte mir das Studieren eigentlich gar nicht leisten. Und trotzdem — oder gerade deshalb — war das, was mir Adorno und Horkheimer und die Frankfurter Schule gaben, mehr als Bildung. Es war ein Fenster. Ein Fenster in eine Welt, in der die Dinge nicht so sein müssen, wie sie sind.
Später, als das Leben ruhiger wurde, habe ich mir trotzdem nicht die Mühe gemacht, Habermas zu suchen. Man denkt, es bleibt Zeit. Es bleibt nie Zeit.
Ich habe nicht viel von Habermas gelesen. Es war Adorno, der mich fasziniert hat. Die Schärfe, die Dunkelheit, die Weigerung, es dem Leser leicht zu machen. Habermas war anders — zugänglicher, systematischer, zuversichtlicher. Er glaubte daran, dass wir uns verständigen können. Dass die Vernunft nicht verloren ist, auch wenn seine Lehrer das nahegelegt hatten.
Ehrlich gesagt hat mich später Luhmann stärker geprägt — die Idee, dass nicht das Handeln, sondern die Kommunikation selbst das Entscheidende ist, ging über Habermas hinaus und traf mich tiefer. Aber ohne Habermas' Insistieren darauf, dass Verständigung der Kern ist, hätte es Luhmann so nicht gegeben.
Aber Habermas war der Grund, warum dieses ganze Gedankengebäude existierte. Ohne ihn hätte die Frankfurter Schule vielleicht in der Dunkelheit ihrer Gründer geendet — in der brillanten, aber ausweglosen Einsicht, dass Vernunft sich selbst verraten hat. Habermas hat gesagt: Es gibt einen Ausweg. Er heißt Diskurs. Er heißt Verständigung. Er heißt: Wir reden miteinander, ehrlich, auf Augenhöhe, ohne Zwang.
Ob er damit Recht hatte? Ich weiß es nicht. Wenn ich mir die Welt anschaue, im März 2026, dann sieht es nicht danach aus. Aber Habermas wusste das auch. Er hielt trotzdem daran fest — als regulatives Ideal, als Horizont, auf den man zugeht, auch wenn man nie ankommt.
Ich arbeite gerade an einer Philosophie der Fülle. Verglichen mit Nietzsche, Adorno und Habermas ist das vielleicht vermessen. Aber der Grundgedanke steht in derselben Tradition: Wir brauchen uns von den herrschenden Narrativen nicht einengen zu lassen. Es gibt Alternativen.
Habermas' Alternative war der Diskurs. Arendts Alternative war das Neue. Meine Alternative ist die Fülle — die Einsicht, dass Knappheit nicht Natur ist, sondern Erzählung. Und dass wir, wenn wir die Angst loslassen, entdecken, dass genug da ist.
All das verdanke ich einem Spaziergang in einem Park in Darmstadt. Vor mittlerweile über dreißig Jahren. Ein Physikstudent, der an Wochenenden Krankenpfleger war, redete laut mit einem Buch, das ihn überforderte. Die Leute gingen in großem Bogen um ihn herum.
Eigentlich völlig irre.