Dein Körper lügt nicht
Ich stehe in der First Class Lounge. Um mich herum: erfolgreiche Männer zwischen 55 und 65. Richtig gesund sieht hier niemand aus. Über die Signale, die wir ignorieren.
Ich stehe in der First Class Lounge der Deutschen Bahn. Um mich herum: Männer zwischen 55 und 65. Erfolgreich, keine Frage. Die Häuser sind abbezahlt, die Kinder in der Uni, die zweiten Autos in der Garage.
Richtig gesund sieht hier niemand aus.
Mein Coach sagt immer
Mein Coach sagt immer: „Boris, Arbeit stresst dich nicht."
Er hat Recht. Ich sitze gerne am Schreibtisch. Schreibe Blogposts, LinkedIn-Einträge, mache Videos. Ich bin auch gerne unterwegs. Arbeit, Leistung – das stresst mich nicht.
Und doch: Da ist dieser Bauch, der nicht weggeht. Egal wie viele Burpees ich noch einschiebe.
Wir wissen heute, dass Cortisol dafür sorgt, dass das Bauchfett wächst. Der Körper sagt einem die ganze Zeit: Hör auf mit dem Blödsinn.
Doch wir haben verlernt auf unsere Körper zu hören. Stattdessen wird das eigene Körperbild durch Werbung und Social Media noch mehr strapaziert. Wolfgang Jenewein, Professor in St. Gallen, hat in einem wunderbaren Post auf LinkedIn darüber gesprochen, dass sich mehr und mehr Manager dem Schönheitsskalpell unterwerfen.
Für mich ein Hinweis darauf, dass wir sehr wohl sehen, dass wir den Körper nur als Objekt, als Vehicle für uns sehen.
Und es sagt auch: Auf den Körper zu hören ist nicht legitim. Wir glauben alle, wir müssen so weitermachen. Wir müssen den Körper, wenn der Sport nichts mehr bringt, auch noch zurechtschneiden.
Vor dreieinhalb Jahren fing es an
Vor dreieinhalb Jahren fing es an. Kopfschmerzen. Ich habe nie Kopfschmerzen. Selbst bei Verspannungen nicht. Plötzlich: Kopfschmerzen ohne Ende.
Ich habe es ignoriert. Was soll man machen? Push through.
Dann, wie von Geisterhand: Kopfschmerzen weg.
Dafür Tinnitus. Sehr nervig.
Das sind keine Erfolgsstories, die man auf Konferenzen
Das sind keine Erfolgsstories, die man auf Konferenzen erzählt. Kein „Ich hatte fast einen Herzinfarkt, jetzt habe ich drei Stents und mir geht es so gut"-Geschichten. Oder ein Kollege – endlich neue Knie. Der Raubbau am Körper und die erfolgreiche OP wird dann also auch noch als Leistung verkauft.
Doch der Körper schickt uns Signale. Es sind Informationen unseres Körpers, der uns sagt: Hör auf mit dem Quatsch.
Fünf Jahre habe ich versucht, meine Firma zu retten. Krisen gab es immer. Covid kam dazu. Nicht alles war unternehmerisches Verschulden. Aber ich habe versucht, es am Laufen zu halten. 100 Leute in der Organisation. Verantwortung. Das Management entwickeln. Mich selbst skalieren.
Am Ende, wenn man ehrlich ist: Es hat keinen Spaß mehr gemacht.
Ich weiß nicht, wie es euch geht
Ich weiß nicht, wie es euch geht. Dieser Überlebenskampf. Noch ein Auftrag. Noch mal rennen. Mit 30 macht das Spaß. Mit 40 auch noch.
Irgendwann denkt man: Nicht schon wieder.
Ich habe nicht zugehört. Tinnitus und dicker Bauch.
Das Beste, was mir passieren konnte, war, dass die Realität mir sagte: Du musst jetzt aufhören. Nicht durch einen Krankenhausaufenthalt. Sondern dadurch, dass meine Firma mich überlebt hat.
Cassini hat übernommen. Denen geht es gut damit. Für alle war es die beste Entscheidung.
Aufhören. Was Neues machen.
Und – jetzt ist der Tinnitus manchmal ganz leise, und manchmal für ein paar Stunden sogar gänzlich weg.
Manchmal macht es keinen Sinn weiterzulaufen
Manchmal macht es keinen Sinn weiterzulaufen.
Das gilt für Projekte – ein totes Pferd weiterzureiten bringt nichts. Das gilt vielleicht auch für die eigene Lebensplanung. Das eigene Projekt.
Wir machen Strategieworkshops für Firmen. Reflektieren über die Zukunft von Organisationen. Warum nicht auch über die eigene Position?
Macht es wirklich Sinn, der nächsten Karotte hinterherzulaufen? Noch eine Promotion? Noch ein paar tausend Euro mehr am Jahresende?
Schön, sieht gut aus auf dem Konto.
Aber wenn der Bauch weiter wächst?
Die Strategien, die wir als Kinder gelernt haben, um mit
Die Strategien, die wir als Kinder gelernt haben, um mit schwierigen Situationen umzugehen – sie sind nicht immer hilfreich im Erwachsenenleben.
Vielleicht ist das mit dem Beruf genauso.
Was uns erfolgreich gemacht hat – Ausbildung, Strategien, Taktiken – war hilfreich für diesen Pfad. Aber es ist kein bisschen hilfreich, wenn wir auf uns selbst schauen.
Wenn wir mal überlegen: Wie geht es mir eigentlich entspannt gut?
Alle sagen: 2025 war der Wahnsinn
Alle sagen: 2025 war der Wahnsinn. Völlig irre. Überlastung ohne Ende.
Hier stimmt was nicht. Das darf nicht sein. Wir haben mehr Tools, mehr Möglichkeiten, meistens auch mehr Geld. Alles ist da.
Und wir sind alle noch belasteter, noch gestresster – haben noch weniger Zeit für unsere Kinder, unsere Freunde und für unsere Lieblingsprojekte.
Irgendwas müssen wir da ändern.
Der Zweck dieser Texte ist nicht, euch zu erklären, wie die
Der Zweck dieser Texte ist nicht, euch zu erklären, wie die Welt funktioniert. Das habe ich lange genug gemacht.
Sondern euch zum Nachdenken zu bringen. Über die Grundlagen, die Glaubenssätze, die Aspekte, in die wir uns oft selbst hineinmanövriert haben.
Die waren richtig. Unternehmer werden – richtig. Agilität – richtig.
Alles richtig.
Aber jetzt nicht mehr.
Wir wollen es uns entspannt gut gehen lassen
Wir wollen es uns entspannt gut gehen lassen. Mit Wohlstand. Mit beruflichem Erfolg. Das ist super und so soll es sein.
Aber vielleicht geht das entspannter.
Unser Körper hilft uns dabei, wenn wir auf ihn hören.
Das wäre doch das Ziel. Oder?
Dieser Text ist Teil meiner Werkstattnotizen – kurze Reflexionen über das, was ich gerade denke, erlebe und hinterfrage. Vieles davon fließt in mein neues Buch „Im Übergang", an dem ich gerade schreibe.
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