Das Traurige an Produktvisionen: Sie existieren nicht

Teams haben keine Produktvision. Nicht „keine gute". Sondern: gar keine. Warum das Scrum zur Meeting-Architektur schrumpfen lässt – und wie du in einer Stunde eine Vision schreibst, die trägt.

Das Traurige an Produktvisionen: Sie existieren nicht

Wenn Scrum zur Beschäftigung wird

Im Improvisationstheater gibt es eine Regel, ohne die keine Szene trägt: „Ja, und …" – annehmen, was da ist, und darauf aufbauen. Dieses Prinzip ist nicht bloß ein netter Kreativ-Trick, sondern die Grundlage von Kooperation unter Unsicherheit: Niemand kennt das Drehbuch, also entsteht Sinn nur aus dem gemeinsamen Weiterbauen.

Scrum ist – in einer Organisation – genau so ein Versuch: iterativ handeln, Feedback ernst nehmen, aus dem Zusammenspiel lernen. Und trotzdem ist meine häufigste Erfahrung in Trainings und Coachings eine traurige: Teams haben keine Produktvision. Nicht „keine gute". Sondern: gar keine.

Ich frage Development-Mitglieder dann sehr direkt:
„Wisst ihr genau, warum ihr morgens aufsteht? Warum ihr dieses Produkt baut? Wofür das Ganze?"

Die Antworten sind erschreckend stabil: Leere Blicke. Unsicherheit. Dann Ausweichlogik.
„Es gibt ja einen Projektauftrag."
„Wir haben mal kurz darüber gesprochen."
„Der Product Owner hat das irgendwann erwähnt."

Die Konsequenz ist simpel und brutal: Sie wissen es nicht. Sie wissen nur, dass sie bauen sollen.

Acht Stunden Code – wofür?

Stell dir vor, du sitzt als Entwickler:in vor dem Rechner. Du schreibst Code. Acht Stunden am Tag. Fünf Tage die Woche. Es gibt User Stories. Tasks. Backlog Items. Aber kein Warum. Kein Sinn. Kein Bild, das Entscheidungen leitet.

Was passiert dann?

  • Motivation wird zur Disziplinfrage („Augen zu und durch").
  • Innovation wird riskant („besser nichts vorschlagen, das nicht im Ticket steht").
  • Qualität wird verhandelbar („wir müssen halt liefern").
  • Und Scrum schrumpft zur Meeting-Architektur: Refinement, Planning, Daily, Review, Retro – sauber getaktet, aber innerlich leer.

Teams ohne Vision sind Schiffe ohne Kompass: Sie rudern. Sie bewegen sich. Aber sie wissen nicht, wohin. Und manchmal stellen sie nach Monaten fest: Wir sind am falschen Ort angekommen.

Dabei ist „Vision" in Scrum kein Luxus

Mit dem Scrum Guide 2020 wurde der Product Goal ausdrücklich verankert – als Commitment zum Product Backlog. Der Product Goal beschreibt einen zukünftigen Zustand des Produkts und soll Fokus geben sowie Fortschritt messbar machen.

Das ist bemerkenswert, weil es eine Diagnose indirekt bestätigt: Viele Teams waren so sprint-fokussiert, dass der längerfristige Sinn unsichtbar blieb. Genau gegen diese Drift ist der Product Goal gedacht.

Und trotzdem: In der Praxis wird er häufig weggelassen, weichgespült oder in ein Slide-Deck verbannt.

Warum Visionen trotzdem nicht entstehen

  • Weil es sich anfühlt wie „Nice to have".
  • Weil es Zeit kostet.
  • Weil Manager denken: „Wir wissen doch, was wir bauen – los jetzt."
  • Weil Product Owner überfordert sind.
  • Weil Teams glauben: „Das ist nicht unser Job."

Und weil „Vision" oft missverstanden wird: als Marketing-Slogan, als PowerPoint-Überschrift, als Buzzword.

Eine brauchbare Vision ist etwas anderes: ein Bild, das Handeln orientiert.

Tamino und das Bild: Warum ein echtes „Bild" wirkt

In Mozarts Zauberflöte bekommt Tamino ein Bild von Pamina – und plötzlich ist da Richtung. Er singt:

„Dies Bildnis ist bezaubernd schön …"

Mehr als Romantik ist hier nicht nötig: Ein Bild kann einen inneren Vektor erzeugen. Es macht ein Ziel fühlbar. Es zieht.

Genau das brauchen Teams auch: ein Bild, das sie sehen können. Ein Bild, das Entscheidungen leitet. Ein Bild, das morgens beim ersten Kaffee schon da ist – nicht erst in Slide 37.

Der 60-Minuten-Reset: So schafft ihr eine Vision, die trägt

Das Schreiben einer Vision ist nicht kompliziert. Es ist nur ungewohnt, weil es Sinnarbeit ist. Hier ist ein Vorgehen, das in einer Stunde funktioniert – ohne große Zeremonie:

1) Drei Sätze statt zehn Folien

Beantwortet gemeinsam:

  1. Für wen bauen wir das?
  2. Welches Problem lösen wir – oder welchen Nutzen schaffen wir?
  3. Woran merken wir, dass es gelingt?

2) Nutzt eine Struktur, die konkret macht

Wenn ihr eine robuste Vorlage wollt: Das Product Vision Board von Roman Pichler hilft, Vision und Strategie in klare Felder zu bringen (Zielgruppe, Needs, Produkt/Key Features, Business Goals).

3) Übersetzt Vision → Product Goal

Die Vision darf groß sein. Der Product Goal ist der nächste greifbare Zielzustand – der Fokuspunkt, zu dem das Product Backlog hinführt.

4) Macht sie sichtbar – radikal sichtbar

Nicht verstecken. Nicht „wir haben das irgendwo".
Hängt es dahin, wo gearbeitet wird: Teamraum, Miro-Board, Startfolie jeder Review, Header im Backlog-Tool.

5) Lasst das Team „Ja" sagen (oder ehrlich „Nein")

Die wichtigste Prüfung lautet nicht „klingt gut", sondern:

  • Verstehen wir es?
  • Inspiriert es uns?
  • Können wir damit Entscheidungen treffen?

Wenn die Antwort „Nein" ist: Überarbeiten. Gemeinsam. So lange, bis es funktioniert.

Der Transfer zum Impro: Ohne gemeinsame Prämisse keine Szene

Im Impro ist die Vision die Prämisse, die alle annehmen, damit „Ja, und …" überhaupt Richtung bekommt. Ohne diese Prämisse wird jede Idee beliebig – und das Ensemble improvisiert sich in Kleinteiligkeit und Lärm.

In Scrum ist es identisch: Ohne Vision/Product Goal wird das Backlog zur Liste von Aufgaben – und das Team liefert Inkremente, die zwar fertig sind, aber nicht zwingend sinnvoll.

Oder, härter gesagt: Ohne Vision ist alles nur Beschäftigung.

Ein Auftrag an Product Owner und Scrum Master

Wenn du Product Owner bist – oder Scrum Master und du willst Scrum vor dem Ritual retten – dann tu mir einen Gefallen:

Schreibt eine Vision. Heute.
Nehmt euch eine Stunde. Nutzt ein Board. Formuliert einen Product Goal. Hängt ihn sichtbar auf. Sprecht darüber.

Und dann fragt das Team nicht: „Habt ihr es gelesen?"
Sondern: „Seht ihr das Bild auch?"


Quellen


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