Das Schild im Fenster

Mark Carney ruft in Davos zum Widerstand auf. Seine Botschaft: Hört auf mitzuspielen. Meine Frage: Warum tun wir es dann jeden Tag im Büro?

Das Schild im Fenster

Vor ein paar Tagen stand Mark Carney in Davos und erzählte eine Geschichte. Sie stammt von Václav Havel, dem tschechischen Dissidenten. Ein Gemüsehändler stellt jeden Morgen ein Schild in sein Schaufenster: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" Er glaubt nicht daran. Niemand glaubt daran. Aber er stellt es auf – um Ärger zu vermeiden, um dazuzugehören, um in Ruhe gelassen zu werden.

Und weil jeder Händler in jeder Straße dasselbe tut, hält sich das System. Nicht durch Gewalt, sondern durch die stille Bereitschaft, an Ritualen teilzunehmen, von denen alle wissen, dass sie falsch sind.

Carney zieht daraus Schlüsse für die Weltpolitik. Ich ziehe daraus Schlüsse für die Arbeitswelt. Denn wir haben auch ein Schild. Es hängt in jeder Change-Präsentation:

„Betroffene zu Beteiligten machen."

Der Satz klingt einladend

Der Satz klingt einladend. Er suggeriert Respekt, Partizipation, Augenhöhe. Und er ist meistens eine höfliche Lüge – nicht weil die Menschen, die ihn sagen, böse wären, sondern weil der Satz selbst bereits enthält, was er zu überwinden vorgibt.

„Betroffene zu Beteiligten machen." Da ist einer, der macht. Und einer, der gemacht wird. Die Betroffenen bleiben passiv – selbst in dem Moment, in dem sie beteiligt werden.

Beteiligen heißt: Ich lasse euch teilhaben an dem, was ich längst entschieden habe.

Das ist unser Schild im Fenster.

Es gibt eine Alternative

Es gibt eine Alternative. Sie klingt ähnlich, ist aber das Gegenteil:

Um Mitwirkung bitten.

Der Unterschied scheint klein. Er ist gewaltig.

Beteiligen heißt: Ich lasse euch teilhaben an dem, was ich entscheide.

Um Mitwirkung bitten heißt: Ich brauche euch, damit wir gemeinsam entscheiden können.

Das eine erhält die Macht oben. Das andere teilt sie.

Was Mitwirkung von Beteiligung unterscheidet, ist nicht die

Was Mitwirkung von Beteiligung unterscheidet, ist nicht die Methode. Es ist die Haltung.

Wer beteiligt, weiß schon, wo es hingeht. Der Prozess dient der Legitimation, nicht der Erkenntnis. Die anderen dürfen Fragen stellen, Bedenken äußern, vielleicht sogar Verbesserungsvorschläge machen – aber der Rahmen steht fest. Das Ergebnis ist im Wesentlichen entschieden.

Wer um Mitwirkung bittet, weiß es noch nicht. Der Ausgang ist offen. Das Ergebnis entsteht erst durch den Prozess, durch die Beiträge der anderen, durch das gemeinsame Ringen. Und das bedeutet: Ich muss bereit sein, mich verändern zu lassen.

Das ist der eigentliche Unterschied. Nicht Technik, sondern Bereitschaft. Die Bereitschaft, am Ende woanders anzukommen, als ich am Anfang dachte.

Ich habe einmal einen Workshop moderiert

Ich habe einmal einen Workshop moderiert. Ein Team, das nicht performte. Die Führung wollte es auflösen, traute sich aber nicht, das offen zu sagen. Also designten wir einen „Diagnose-Prozess". Das Team sollte selbst erkennen, wo das Problem lag.

Mitten im Prozess fragte der Sponsor: „Eigentlich wollten wir das Team sowieso auflösen. Warum machen wir das hier?"

Alle wussten es. Alle spielten mit. Ich auch.

Das war Beteiligung. Ein Ritual, von dem alle wussten, dass es falsch war. Das Schild im Fenster.

Echte Mitwirkung ist teuer

Echte Mitwirkung ist teuer. Sie kostet Zeit, weil man zuhören muss, bevor man entscheidet. Sie kostet Kontrolle, weil das Ergebnis nicht mehr meins ist, sondern unseres. Sie kostet Gewissheit, weil ich nicht weiß, was herauskommt.

Und sie kostet etwas, das vielleicht am schwersten wiegt: die Bereitschaft, die eigene Position zu revidieren. Nicht nur die Argumente der anderen zu hören, sondern sich von ihnen berühren zu lassen. Nicht nur Einwände zu protokollieren, sondern die eigene Überzeugung in Frage zu stellen.

Viele Führungskräfte wollen Partizipation ohne diesen Preis. Sie wollen die Legitimation der Beteiligung, ohne die Konsequenz der Mitwirkung. Sie wollen, dass die anderen sich einbringen – aber bitte innerhalb des Rahmens, den sie selbst gesetzt haben.

Das funktioniert nicht. Jedenfalls nicht lange.

Gallup zählt seit Jahren, wie viele Menschen wirklich bei

Gallup zählt seit Jahren, wie viele Menschen wirklich bei der Arbeit dabei sind. 21 Prozent weltweit. In Europa 13 Prozent.

79 Prozent haben aufgehört zu glauben, dass ihr Beitrag etwas verändert.

Das ist die Konsequenz von Beteiligung ohne Mitwirkung. Menschen lernen schnell, ob ihre Stimme zählt oder nicht. Sie spüren den Unterschied zwischen einem offenen Prozess und einem, dessen Ergebnis feststeht. Und wenn sie oft genug erleben, dass ihre Beiträge nichts ändern, hören sie auf, welche zu machen.

79 Prozent stellen das Schild ins Fenster. Jeden Morgen.

Als die ersten agilen Vordenker 2001 das Agile Manifest

Als die ersten agilen Vordenker 2001 das Agile Manifest geschrieben haben, ging es genau darum. Nicht um Methoden, sondern um Mitwirkung. Entwickler sollten keine Befehlsempfänger sein. Teams sollten selbst entscheiden. Menschen sollten mitgestalten, nicht nur ausführen.

Die Herrschaft sickert trotzdem ein. In jedes Meeting, in jeden Prozess, in jede „partizipative" Initiative. Sie findet neue Formen. „Selbstorganisation" wird zum Containment. „Empowerment" zur Worthülse. „Betroffene zu Beteiligten machen" zum Schild im Fenster.

Echte Augenhöhe ist uns kulturell fremd. Sie muss immer wieder neu erkämpft werden.

Ich habe kürzlich gesehen, wie Mitwirkung aussehen kann

Ich habe kürzlich gesehen, wie Mitwirkung aussehen kann.

Ines Schwerdtner, Vorsitzende der Linken, erklärte auf dem Parteitag, warum ihre Partei ein neues Grundsatzprogramm schreibt. Zwei Jahre wird das dauern. Mit allen 122.000 Mitgliedern. Offen für Kritik, offen für Ideen, offen für einen Prozess, dessen Ende niemand kennt.

Sie sagte nicht: Wir haben eine Strategie, und ihr dürft mitreden.

Sie sagte: Wir beginnen etwas, dessen Ergebnis wir gemeinsam gestalten.

Das ist keine Beteiligung. Das ist Mitwirkung. Der Unterschied liegt nicht in den Worten, sondern in der Bereitschaft, sich vom Prozess verändern zu lassen.

Havel schreibt, dass die Macht des Systems nicht aus seiner

Havel schreibt, dass die Macht des Systems nicht aus seiner Wahrheit kommt, sondern aus der Bereitschaft aller, so zu tun, als wäre es wahr. Und dass seine Fragilität aus derselben Quelle kommt – weil die Illusion zu bröckeln beginnt, wenn einer aufhört mitzuspielen.

Das gilt für politische Systeme. Es gilt auch für Unternehmen.

Wer aufhört, Beteiligung mit Mitwirkung zu verwechseln, wer fragt, ob der Ausgang wirklich offen ist, wer darauf besteht, nicht nur teilzuhaben, sondern mitzugestalten – der nimmt ein Schild aus dem Fenster.

Und manchmal beginnt genau damit etwas Neues.


Quellen

Erstellt: 27. Januar 2026


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