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Connecting the Dots

Verstehen Sie denn nichts von Ökonomie?

Bleistiftzeichnung: Eine Frau im terrakottafarbenen Mantel blickt vom Dach durch ein Fernrohr auf eine stillstehende Baustelle mit Kränen. Am Bauzaun steht: Kein Geld da?
Nachsehen statt glauben: Die Kräne stehen, das Material liegt bereit. Bild: Boris Gloger | Nano Banana

Irgendwann fällt in jeder Diskussion über Geld dieser Satz. Jemand schlägt vor, mehr Lehrer:innen einzustellen oder die Pflege besser zu bezahlen, und vom anderen Ende des Tisches kommt ein mildes Lächeln: Verstehen Sie denn nichts von Ökonomie?

In den Talkshows klingt es genauso. Wer sich für Pflegekräfte und Mieter:innen einsetzt, und dazu zähle ich mich, bekommt erklärt, er habe nicht einmal die Grundlagen verstanden. Nicht einmal Economics 101, den ersten Kurs im ersten Semester.

Danach ist das Gespräch meistens vorbei. Wer gibt schon gern zu, dass er nichts versteht?

Mir ist dabei etwas aufgefallen. Wer so redet, liefert fast nie einen Beleg nach. Fragt man zurück, woher er das weiß, aus welcher Studie, aus welchem Versuch, kommt erstaunlich oft heiße Luft: die Gesetze der Ökonomie oder gleich die schwäbische Hausfrau.

Die Logik kennt diese Figur. John Locke hat sie 1690 argumentum ad verecundiam genannt, das Argument aus der Ehrfurcht. Es ersetzt die Begründung durch den Hinweis, dass der andere nicht mitreden darf.

Wer sich auf die Gesetze der Ökonomie beruft und keines nennen kann, sagt in Wahrheit: Ich habe kein Argument, aber ich wahre den Schein.

Dabei haben ausgerechnet die, die so fragen, ihr Economics 101 längst für sich umgeschrieben.

Ein Abend bei ntv

Wie das aussieht, konnte man am 19. Oktober auf ntv sehen, in der Sendung von Pinar Atalay. Zu Gast waren die Linken-Vorsitzende Ines Schwerdtner und der Kolumnist Jan Fleischhauer, das Thema war die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne in Berlin.

Fleischhauer stieg mit einer Pointe ein: Offenbar bräuchten die Deutschen alle 35 Jahre ein Anschauungsbeispiel dafür, wie realer Sozialismus aussieht. Der andere sei jetzt zu weit weg.

Der andere, das ist die DDR. Mit einem Satz macht Fleischhauer das Leben von Millionen Ostdeutschen zur Pointe, mit genau dem Blick von oben, den viele von ihnen seit 35 Jahren kennen. Ich finde das eine Frechheit, und ein Argument ist es auch nicht.

Kurz darauf meinte er, mit dem ökonomischen Sachverstand sei es in der Hauptstadt wohl nicht so weit her. Die Rechnung lande am Ende ohnehin in Bayern und Baden-Württemberg.

Die Moderatorin fragte Schwerdtner mehrmals, woher das Geld kommen solle. Schwerdtner antwortete mit dem Bild vom Hauskauf: Man nimmt einen Kredit auf und zahlt ihn über die Jahre ab, hier aus den Mieteinnahmen. Die Frage kam trotzdem wieder.

Schwerdtner gab den Vorwurf übrigens zurück: Mit ökonomischem Sachverstand habe er es ja nicht so. Das ist dieselbe Geste, nur hatte sie davor immerhin eine Antwort gegeben.

Fleischhauer hatte immerhin eine Rechnung dabei. Er setzte 16 bis 20 Milliarden Euro an, mindestens also den Höchstpreis aus dem Sondierungspapier, kam auf fünf Euro Zinsen und drei Euro Instandhaltung pro Quadratmeter und erklärte, das sei alles nicht durchgerechnet. Schwerdtner verwies auf die Studie von Ökonomen der Hans-Böckler-Stiftung, die mit 13,5 Milliarden rechnet und zeigt, dass sich die Wohnungen aus den Mieten selbst tragen.

Fleischhauer sagte daraufhin, er habe so ein Gefühl, wie es ausgehen werde. Dann sprach er wieder über Bayern. Eine Rechnung mit dem Höchstpreis, und als die Studie auf dem Tisch lag, ein Gefühl.

Dabei war schon die Frage falsch gestellt. Ob sich die Wohnungen selbst tragen, ob sie 13,5 oder 20 Milliarden kosten: Das ist das Spiel der anderen, und wer es mitspielt, verliert mit jeder höheren Zahl, die sie auf den Tisch legen.

Warum soll ein Staat keine Schulden für seine Bürger:innen machen? Wenn 20 Milliarden Euro dazu führen, dass sich die Mieten in ganz Berlin entspannen und öffentliche Gesellschaften endlich bauen, dann kostet es Berlin eben Geld.

Von einem Panzer verlangt auch niemand, dass er sich selbst trägt. Er steht herum, und wir hoffen, dass er nie fährt.

Was ich unter Wissen verstehe

Ich bin naturwissenschaftlich geprägt. Ich hatte Physik im Leistungskurs, gehörte darin zu den Besten und habe in Darmstadt vier Semester Physik studiert, bevor ich zur Philosophie kam. In der Physik ist eine Behauptung so viel wert wie der Versuch, der sie bestätigt.

Philosophie heißt für mich, Meinungen zu bilden, die sich begründen lassen. Mit diesem Maßstab lese ich seit Jahren Ökonomie, und ich staune, wie viel dort behauptet wird, das niemand prüft.

Isabella Weber hat das in ihrer Wiener Vorlesung so beschrieben: Die Ökonomik möchte sein wie die Physik und Naturgesetze finden, an denen niemand etwas ändern kann. Den Versuch lässt sie dabei gern weg.

Wo er gemacht wird, fällt manches Lehrbuchgesetz um. Im Lehrbuch kostet ein höherer Mindestlohn Arbeitsplätze. 1992 stieg der Mindestlohn in New Jersey von 4,25 auf 5,05 Dollar, im Nachbarstaat Pennsylvania blieb er gleich.

Die Ökonomen David Card und Alan Krueger befragten daraufhin 410 Schnellrestaurants auf beiden Seiten der Grenze und fanden keinen Rückgang der Beschäftigung. Card hat für diese Art Forschung 2021 den Nobelpreis bekommen. Für jeden Mindestlohn in jeder Höhe gilt das nicht automatisch, man muss eben nachsehen.

Eine Lehre mit Priestern

Barry Ferns, der auf seinem Kanal Barry's Economics Wirtschaft erklärt, hat der Frage „Verstehen Sie denn nichts von Ökonomie?“ gerade ein ganzes Video gewidmet. Sein Befund: Die Frage ist ein Trick. Sie tut so, als gäbe es eine einzige Ökonomie mit festen Gesetzen, und wer die nicht kennt, habe nichts mitzureden.

Mich erinnert das an eine Kirche. Es gibt eine Lehre und Priester, die sie auslegen, die Laien haben zu glauben.

Die Physik kennt das. Das Buch des Kopernikus über die Bewegung der Erde um die Sonne kam 1616 auf den Index der verbotenen Bücher, Galileo Galilei wurde 1633 verurteilt. Die Erde hat sich trotzdem weiter gedreht.

Warum hält sich eine Lehre, die so oft an der Wirklichkeit scheitert? Schon Adam Smith, auf den sich die Marktgläubigen so gern berufen, warnte 1776 in Der Wohlstand der Nationen davor, die Vorschläge von Kaufleuten ungeprüft zu übernehmen. Sie kämen, schreibt er, von Leuten, deren Interesse nie ganz mit dem der Allgemeinheit übereinstimmt und die ein Interesse daran haben, die Öffentlichkeit zu täuschen.

Richard Murphy, britischer Steuerexperte und Professor in Sheffield, sagt über seine eigene Zunft etwas Ähnliches: Die meisten ökonomischen Theorien haben Menschen geschrieben, die nie erlebt haben, was Geldmangel bedeutet, und sie spiegeln die Interessen derer, die Macht haben.

Der erste Professor für politische Ökonomie in England, Thomas Malthus, lehrte am College der Ostindien-Kompanie und hielt die Armenhilfe für schädlich, weil sie die Armen zum Kinderkriegen ermuntere. Darüber habe ich in „Das Selbstverständliche hat eine Geschichte“ geschrieben.

Bewiesen ist damit noch nichts. Wer reich ist oder ein Interesse hat, kann trotzdem recht haben. Wir sollten nur genau nachsehen, und genauso genau bei denen, die auf meiner Seite stehen.

Sehen wir also nach, bei der wichtigsten Behauptung des ganzen Fachs: dass der Staat sparen muss.

Was Austerität ist

Austerität ist das Fachwort für Sparpolitik. Der Staat kürzt seine Ausgaben oder erhöht die Steuern, um sein Defizit zu senken, und oft tut er das ausgerechnet dann, wenn die Wirtschaft schwach ist.

Richard Murphy hat dazu am 19. Oktober ein Video veröffentlicht. Sein Titel ist eine Frage: Was, wenn Austerität nie notwendig war?

Die Begründung für das Sparen klingt vernünftig. Angela Merkel hat sie im Dezember 2008, mitten in der Finanzkrise, auf dem CDU-Parteitag in Stuttgart in ein Bild gefasst: Man hätte nur eine schwäbische Hausfrau fragen müssen, die wisse, dass man auf Dauer nicht über seine Verhältnisse leben kann.

Was für eine Familie gilt, soll auch für den Staat gelten. Hier liegt der Fehler.

Der Staat ist keine schwäbische Hausfrau

Eine Familie muss Geld verdienen, bevor sie es ausgeben kann. Sie kann keine Euro herstellen. Ein Staat, der seine eigene Währung herausgibt, muss nicht erst einnehmen, bevor er ausgibt: Er schafft das Geld, indem er bezahlt.

So beschreibt es die Modern Monetary Theory, kurz MMT. In Deutschland hat sie vor allem Maurice Höfgen mit seinem Buch Mythos Geldknappheit bekannt gemacht, in den USA die Ökonomin Stephanie Kelton mit The Deficit Myth. Steuern finanzieren nach dieser Sicht die Ausgaben gar nicht, sie sorgen dafür, dass alle die Währung brauchen, und ziehen Kaufkraft ab, damit die Preise stabil bleiben.

Eine Grenze gibt es trotzdem, und sie ist sehr real. Sie liegt bei den Menschen, Maschinen, Rohstoffen und der Energie, die ein Land hat. Wer mehr ausgibt, als sich damit herstellen lässt, bekommt Inflation.

Die richtige Frage lautet deshalb: Haben wir die Leute und das Material dafür, und wofür wollen wir sie einsetzen?

Für den Wohnungsbau lässt sich das nachsehen. 2022 und 2023 wurden in Deutschland jeweils rund 295.000 Wohnungen fertig, 2025 waren es nur noch 206.600.

Die Maschinen im Hochbau laufen laut ifo-Institut zu 64 Prozent, vier von zehn Bauunternehmen klagen über fehlende Aufträge. Die Leute und die Maschinen sind da. Was fehlt, ist jemand, der bestellt.

Auch die Schulden sehen so anders aus. Was der Staat schuldet, ist auf der anderen Seite der Bilanz das Guthaben von Haushalten, Unternehmen und dem Ausland, Euro für Euro. Heiner Flassbeck, früher Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, sagt es kurz: Die Schulden des einen sind das Vermögen des anderen.

Zahlen mit vielen Nullen

Woher haben die Menschen am Küchentisch ihre Ökonomie? Selten aus dem Lehrbuch, meistens aus den Nachrichten. Dort läuft dasselbe Programm.

Im September hat das ZDF in seinem Wirtschaftsformat WISO erklärt, was die Rekordschulden für uns alle bedeuten. 2,8 Billionen Euro, eine Zahl mit 13 Stellen. Umgerechnet mehr als 33.000 Euro für jeden von uns.

Das klingt nach einer Rechnung, die jede und jeder irgendwann begleichen muss. Mit Flassbeck gelesen heißt es etwas anderes: 2,8 Billionen Euro hat der Staat mehr in die Wirtschaft gegeben, als er über Steuern wieder herausgeholt hat. Pro Kopf gerechnet sind das eher 33.000 Euro Guthaben, nur sehr ungleich verteilt.

Maurice Höfgen hat den Beitrag Satz für Satz durchgesehen. Die große Zahl ohne Verhältnis, die Schulden pro Kopf, die Zinsen pro Sekunde: Für Höfgen sind das die üblichen rhetorischen Tricks der Schuldendebatte.

Bei den Zinsen zeigt der Beitrag eine steile Kurve: 2021 rund 4 Milliarden Euro, heute rund 30, im Jahr 2030 vielleicht 80. Das Zwanzigfache. Höfgen weist darauf hin, dass schon der Ausgangswert schief ist, weil der Bund damals Gewinne aus der Versteigerung seiner Anleihen auf einen Schlag gebucht hat, statt sie über die Laufzeit zu verteilen.

Fast wäre dem ZDF dabei etwas Wichtiges gelungen. Die größte einzelne Gläubigerin des Bundes ist die Bundesbank, mit rund 600 Milliarden Euro, und was der Staat ihr an Zinsen zahlt, fließt in guten Jahren als Gewinn an ihn zurück. Dieser Teil der Schulden, sagt der Beitrag selbst, kostet Deutschland fast nichts.

Weitergedacht hieße das: Je mehr Anleihen bei der Zentralbank liegen, desto weniger kosten die Schulden. Diesen Schritt geht der Beitrag nicht. Dafür erklärt er, wer mit Schulden Renten zahle, nehme einen Kredit auf, um die Miete zu bezahlen.

Da ist sie wieder, die schwäbische Hausfrau, diesmal im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Wer solche Beiträge jahrelang sieht, hält sie für Ökonomie und fragt am Küchentisch irgendwann selbst: Verstehen Sie denn nichts davon?

Was passiert, wenn der Staat spart

Jede Ausgabe ist das Einkommen eines anderen. Renoviert die Gemeinde eine Schule, verdient der Handwerksbetrieb, der bezahlt seine Leute, und die kaufen beim Bäcker ein.

Spart der Staat, läuft die Kette rückwärts. Der Betrieb verliert den Auftrag und entlässt jemanden, der Bäcker verkauft weniger. Am Ende nimmt der Staat weniger Steuern ein und zahlt mehr Arbeitslosengeld, ein Teil der Ersparnis frisst sich selbst auf.

Wie stark, hat der Internationale Währungsfonds nachgerechnet, also genau der Versuch, den ich mir als Physiker wünsche. Olivier Blanchard, damals Chefökonom des IWF, und sein Kollege Daniel Leigh haben 2013 gezeigt: In der Eurokrise haben die Sparprogramme das Wachstum deutlich stärker gedrückt, als die eigenen Prognosen vorhergesagt hatten. Je härter ein Land sparte, desto schlechter lief seine Wirtschaft gegenüber der Vorhersage.

Dazu kommt ein Rechentrick, den kaum jemand erklärt. Die Schuldenquote misst die Schulden im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung. Schrumpft die Wirtschaft, steigt die Quote, auch wenn keine neuen Schulden dazukommen.

Ein Land kann sich also arm sparen und steht hinterher höher verschuldet da als vorher.

Wenn es um Panzer geht

Die Leute, die uns das Sparen predigen, wissen sehr genau, dass es anders geht. Im März 2025 hat der Bundestag die Schuldenbremse für die Rüstung gelockert und ein Sondervermögen von 500 Milliarden Euro für die Infrastruktur beschlossen. Plötzlich war Geld da.

Die Ökonomin Mariana Mazzucato hat das in einem Interview auf einen Satz gebracht: Im Krieg sagt niemand, es sei kein Geld da, weil alle wissen, dass man es schaffen kann.

Tom Krebs, Professor für Makroökonomik in Mannheim und Autor von Kapital und Krise, nennt das Rüstungskeynesianismus: Der Staat leiht sich Geld, um die Wirtschaft anzukurbeln, aber er steckt es in Waffen. Bei Jung & Naiv hat er die Politik der schwarz-roten Koalition im September mit der von Ronald Reagan verglichen: hohe Militärausgaben auf Kredit und eine Reformagenda, die auf Sozialkürzungen zielt.

Ökonomisch bringt dieser Weg wenig. Nach Krebs erzeugt ein Euro in Kitas und Schulen etwa drei Euro Wirtschaftsleistung, ein Euro in Infrastruktur etwa zwei. Der Impuls aus Rüstungsausgaben ist dagegen eher moderat und kurzlebig.

Das Muster ist alt. US-Vizepräsident Dick Cheney soll 2002 im Kabinett gesagt haben: „Reagan proved deficits don't matter“, Reagan habe bewiesen, dass Defizite keine Rolle spielen. So hat es sein damaliger Finanzminister Paul O'Neill berichtet.

Wenn Defizite keine Rolle spielen, sobald es um Panzer und Steuergeschenke geht, dann spielen sie auch keine, wenn es um Kitas und Pflege geht.

Und bei uns, im Euro?

Deutschland und Österreich geben den Euro nicht selbst heraus. Das macht die Europäische Zentralbank in Frankfurt, Berlin und Wien nutzen ihn nur. Gilt das alles also nur für die Briten?

Auch der Euro ist eine Buchung. Er entsteht, wenn die Europäische Zentralbank oder eine Bank eine Zahl in ihr Buch schreibt. Der deutsche Staat beschafft ihn sich, indem er Anleihen an Banken versteigert.

Dass er sein Konto bei der Bundesbank nicht einfach überziehen darf, wie Maurice Höfgen es vorschlägt, steht in den europäischen Verträgen und in keinem Naturgesetz. Die Grenze eines Eurolands ist eine Regel, und dass sich Regeln ändern lassen, haben wir im März 2025 gesehen.

Bei uns ginge das, was MMT beschreibt, auf zwei Wegen. Die Euroländer leihen sich gemeinsam Geld, wie 2020 mit dem Wiederaufbaufonds NextGenerationEU über 750 Milliarden Euro. Oder die EZB sichert die Anleihen der Euroländer ausdrücklich ab, wie Mario Draghi es 2012 mit seinem „whatever it takes“ versprochen hat.

Ändern müsste man dafür die Schuldenbremsen in Berlin und Wien und die Fiskalregeln der EU. Das sind Beschlüsse von Parlamenten und Regierungen. Wer sagt, dafür sei kein Geld da, meint: Dafür gibt es keine Mehrheit.

Warum dann sparen?

Wenn Austerität so wenig bringt, warum wird sie seit hundert Jahren immer wieder gemacht? Die Ökonomin Clara Mattei, Professorin an der University of Tulsa, hat in The Capital Order die Sparprogramme nach dem Ersten Weltkrieg untersucht, in Großbritannien und im Italien Mussolinis. Entworfen haben sie Ökonomen.

Mattei kommt zu dem Schluss: Austerität schützt vor allem eine Ordnung. Wer knapp gehalten wird, nimmt jeden Job und streikt nicht.

Ich habe darüber in „Austerität ist kein Fehler. Sie ist der Plan.“ und zuletzt in „Genug wäre da“ geschrieben. Für den Grundkurs reicht eine Frage, die man bei jedem Sparpaket stellen kann: Wem nützt es, dass angeblich kein Geld da ist?

Warum ich das auf Deutsch aufschreibe

Ich bin kein Ökonom. Aber was Richard Murphy, Barry Ferns oder Gary Stevenson auf Englisch erklären, erreicht hier kaum die Menschen, die es am meisten betrifft. Isabella Weber und Tom Krebs leisten diese Arbeit auf Deutsch, in Büchern und Interviews, und ich lerne viel von ihnen.

Dieser Text ist eine Übersetzung für den Küchentisch. Damit beim nächsten Mal niemand schweigen muss.

Was man am Tisch antworten kann

Wenn jemand lächelt und fragt, ob du denn nichts von Ökonomie verstehst, stell zuerst die Frage, die jede Physiklehrerin stellt: Woher wissen Sie das?

Dann frag, ob für die Schule oder die Pflegekraft die Menschen und das Material fehlen oder nur der Beschluss. Fehlen die Menschen, hat dein Gegenüber einen Punkt, und wir reden über Ausbildung. Fehlt nur der Beschluss, reden wir über Politik, und da darf jede und jeder mitreden.

Spricht dein Gegenüber dann von Schulden, frag, warum die bei Panzern keine Rolle gespielt haben.

Ökonomie ist keine Geheimwissenschaft. Sie beschreibt, wie wir miteinander wirtschaften, und das lässt sich prüfen wie jede andere Behauptung.

Wer also hat beschlossen, dass wir es uns nicht leisten können?

Kleines Wörterbuch

Austerität: Sparpolitik. Der Staat kürzt Ausgaben oder erhöht Steuern, um sein Defizit zu senken, meist in wirtschaftlich schwachen Zeiten.

Defizit: Der Betrag, um den die Ausgaben eines Staates in einem Jahr höher sind als seine Einnahmen.

Schuldenquote: Die gesamten Staatsschulden im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung eines Jahres. Sie steigt, wenn die Schulden wachsen, und auch, wenn die Wirtschaft schrumpft.

Multiplikator: Wie stark eine staatliche Ausgabe oder Kürzung die gesamte Wirtschaftsleistung verändert. Ist er größer als eins, schadet eine Kürzung der Wirtschaft mehr, als sie dem Haushalt einbringt.

Rüstungskeynesianismus: Der Staat finanziert Rüstung auf Kredit und hofft, damit die Wirtschaft anzukurbeln. Der Begriff zeigt, dass Schulden akzeptiert werden, sobald das Ziel politisch gewollt ist.

MMT (Modern Monetary Theory): Eine Denkschule, nach der ein Staat mit eigener Währung seine Grenze bei den realen Ressourcen und bei der Inflation findet. Das Geld selbst kann ihm nicht ausgehen.

Schuldenbremse: Eine Regel, die die Neuverschuldung begrenzt. In Deutschland steht sie seit 2009 im Grundgesetz, auch Österreich hat eine.

EZB: Die Europäische Zentralbank in Frankfurt. Sie gibt den Euro heraus und setzt die Zinsen für die Eurozone.

Quellen

  • ntv, Pinar Atalay mit Ines Schwerdtner und Jan Fleischhauer, 19.10.2026. YouTube
  • Barry Ferns, „Why ‚Don't You Understand Economics?‘ Is a Con“, Barry's Economics, 18.10.2026. YouTube
  • Richard Murphy, „What if austerity was never necessary?“, 19.10.2026. YouTube; Text: taxresearch.org.uk
  • Richard Murphy, The Joy of Tax, Bantam Press 2015.
  • Maurice Höfgen, Mythos Geldknappheit. Modern Monetary Theory oder Warum es am Geld nicht scheitern muss, Schäffer-Poeschel 2020.
  • ZDF WISO, „Rekord-Schulden: Wer verdient daran?“, 18.09.2026. zdfheute.de; dazu Mischa Ehrhardt, Valerie Haller, „Schuldenberg in Deutschland wächst: Was bedeutet das?“, zdfheute, 18.09.2026. zdfheute.de
  • Maurice Höfgen, Reaktion auf den WISO-Beitrag zu Staatsschulden und Zinsbuchung, Geld für die Welt, 13.10.2026. YouTube
  • Tom Krebs, Kapital und Krise. Wie Deutschland aus der Wirtschaftskrise findet und wie nicht, oekom 2026. doi.org
  • Tom Krebs im Gespräch mit Tilo Jung, Jung & Naiv, Folge 853, 24.09.2026. YouTube
  • Mariana Mazzucato, Interview, Channel 4 News. YouTube
  • Ron Suskind, The Price of Loyalty. George W. Bush, the White House, and the Education of Paul O'Neill, Simon & Schuster 2004; dazu Christian Science Monitor, 14.01.2004. csmonitor.com
  • Adam Smith, An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations, 1776, Buch I, Kapitel 11. gutenberg.org
  • David Card, Alan B. Krueger, „Minimum Wages and Employment: A Case Study of the Fast-Food Industry in New Jersey and Pennsylvania“, American Economic Review 84 (4), 1994. nber.org
  • Olivier Blanchard, Daniel Leigh, „Growth Forecast Errors and Fiscal Multipliers“, IMF Working Paper 13/1, 2013. imf.org
  • Bank of England, „Money creation in the modern economy“, Quarterly Bulletin 2014 Q1. bankofengland.co.uk
  • Hauptverband der Deutschen Bauindustrie, Bau-Telegramm Konjunktur 2. Quartal 2026 (mit ifo-Daten). bauindustrie.de
  • Stephanie Kelton, The Deficit Myth, PublicAffairs 2020.
  • Clara E. Mattei, The Capital Order: How Economists Invented Austerity and Paved the Way to Fascism, University of Chicago Press 2022.
  • Isabella M. Weber, Antifaschistische Wirtschaftspolitik, Suhrkamp 2026.
  • Boris Gloger, „Das Selbstverständliche hat eine Geschichte“. borisgloger.at
  • Boris Gloger, „Die Knappheit ist eine Buchung“. borisgloger.at
  • Boris Gloger, „Austerität ist kein Fehler. Sie ist der Plan.“ borisgloger.at
  • Boris Gloger, „Genug wäre da“. borisgloger.at

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