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Werkstatt

Ein Philosoph, den man wirklich lesen kann

Bleistiftzeichnung: Umriss einer sitzenden Person von hinten, im Oberkörper wachsen Baumringe und Wurzeln, ein einzelnes Blatt in Amber sitzt auf Herzhöhe.
Wir sind die Natur, von der wir reden. Bild: Boris Gloger | Nano Banana Pro

Manchmal empfehle ich ein Buch, bevor ich es zu Ende gelesen habe. Dieses ist so eins: Gernot Böhme, Leib. Die Natur, die wir selbst sind (Suhrkamp 2019).

Böhme war mein Lehrer an der TU Darmstadt, wo er von 1977 bis 2002 Philosophie lehrte. Das erwähne ich, weil es erklärt, warum ich ihn überhaupt lese. Er hatte Mathematik und Physik studiert, bevor er Philosoph wurde, und vielleicht schreibt er deshalb so klar.

Das ist seltener, als man denkt. Adorno und Arendt haben mein Denken geprägt, aber leicht zu lesen sind sie nicht; man arbeitet sich durch ihre Sätze wie durch Unterholz. Bei Böhme versteht man jeden Satz beim ersten Mal und merkt erst danach, wie tief er gegraben hat.

Schon die Einführung räumt ein, dass der Titel anstößig wirken mag. Leib als die Natur, die wir selbst sind: Das bringt zusammen, was man sonst auf zwei Seiten verteilt, hier das Handeln, dort das Erleiden. „Wir sind uns selbst als Natur gegeben“, schreibt Böhme, „Natursein geschieht uns.“ Der Leib ist demnach weder der Organismus, den der Arzt untersucht, noch ein Wesen, das man definieren könnte. Er zeigt sich in den Regungen und Bedürfnissen, die in uns aufsteigen, und man findet ihn, indem man hinspürt. Wer das ernst nimmt, hört auf, Natur für etwas „da draußen“ zu halten.

Danach folgen die Konsequenzen: für die Medizin, wo mündige Patienten ihren Leib kennen müssen, und für eine Ästhetik von Wetter, Klang und Umwelt. Als Zeugen für das Aufdrängen des Leibes zieht Böhme unter anderem Büchners Woyzeck heran, der dem Doktor entgegenhält: „wenn einem die Natur kommt“. Wo ich über Führung und KI schreibe, taucht sein Gedanke vom Leib als Erkenntnisquelle immer wieder auf, etwa in „Was bleibt von Ihnen übrig, wenn KI alles kann, was Sie können?“.

Böhme starb am 20. Januar 2022 in Darmstadt, 85 Jahre alt. Leib gehört zu den letzten Büchern, die er uns dagelassen hat: 2019 erschienen, drei Jahre vor seinem Tod. 2021 folgte noch, gemeinsam mit seiner Tochter Rebecca, Über das Unbehagen im Wohlstand. Lesen Sie die ersten Kapitel. Ich vermute, Sie wollen dann den Rest.

Quellen

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