Teil 3 der Reihe „Was ich mit KI baue“
Ob ich ihr ein paar Matheblätter machen kann, wollte meine Tochter an einem Freitag im September wissen. Am Sonntag kam ihre Freundin, die beiden wollten üben. Ich dachte, das kann ich machen, und am Ende des Wochenendes gab es eine App. Erzählt habe ich das schon, in der Geschichte von der verrutschten Einerstelle.
Spannender finde ich inzwischen, was danach kam. Was aus einem Wochenendprojekt in ein paar Wochen werden kann, erzählt mehr über das Bauen mit KI als jeder Fehler in einer Einerstelle.
Was ich eigentlich wollte
Hinter den Blättern stand von Anfang an ein Gedanke. Kinder sollen sich ihre Übungsblätter selber machen können, selbst anfangen zu lernen und ihre Probleme selbst in den Griff bekommen, ohne zu warten, bis ein Erwachsener Zeit hat.
Ich glaube, dass Kinder sich vieles selbst beibringen, wenn sie Interesse haben und ihnen jemand das Material hinlegt. Meine Tochter kam an jenem Freitag nicht mit einer Bitte um Nachhilfe zu mir. Sie wollte üben, und es fehlten ihr nur die Blätter.
Deshalb gibt es kein Konto und keine Installation. Foxisch klar läuft im Browser, das Profil bleibt auf dem eigenen Gerät, und wer mehrere Geräte in der Familie hat, gleicht sie über einen Code ab, verschlüsselt.
Was seither daraus wurde
Angefangen hatte ich mit der vierten Klasse. Heute reicht die App von der ersten bis zur fünften Schulstufe, für Österreich und Bayern. Dazu kamen Lesegeschichten zum Vorlesen, jede in drei Fassungen für unterschiedliche Lesestände, Sachunterricht und Geschichte, Vokabeln, ein Einmaleins-Training und inzwischen auch Latein. Die Seite für Eltern gibt es in zehn Sprachen, damit auch Mütter und Väter mitkommen, die kein Deutsch lesen.
Und es gibt die Texte, die Kinder selbst schreiben und anderen Kindern zum Lesen geben, eine Idee der Klassenlehrerin meiner Tochter. Bevor ein solcher Text für andere sichtbar wird, liest ihn ein Mensch und gibt ihn frei.
Taucht beim Abendessen ein Wunsch auf, ist er manchmal gebaut, bevor die Kinder im Bett sind. Ein Werkzeug, das so schnell antwortet, wächst mit den Menschen, die es benutzen. Es wächst allerdings auch schneller, als einer allein es prüfen kann.
Wie man prüft, was man selbst nicht sieht
Die Einerstelle hat mir gezeigt, dass mein Blick nicht reicht. Also prüft heute nicht mehr mein Blick. Vor jeder neuen Version laufen getrennte Prüfungen, und erst wenn alle bestanden sind, geht sie live. Bei der Version vom 5. Oktober waren das 1.417 automatisierte Tests und ein Selbsttest mit 60.300 erzeugten Aufgaben. Ende September kam eine Prüfung dazu, die 60.000 Rechnungen mit einem zweiten, unabhängigen Verfahren nachrechnet.
Danach wird jede Version noch einmal auf der öffentlichen Seite geprüft. Am 25. September schlug genau diese letzte Prüfung an: Auf einigen Seiten fehlte das Logo. Ich habe auf die Vorgängerversion zurückgeschaltet, den Fehler behoben und alle Prüfungen wiederholt, bevor die neue Fassung wieder online ging.
Ein fehlendes Logo ist eine Kleinigkeit. So zu arbeiten ist es nicht, wenn am anderen Ende ein Kind sitzt, das man nicht kennt.
Eine Regel habe ich am ersten Tag festgelegt. Foxi, der Lernfuchs, darf mit den Kindern reden, erklären und ermuntern. Ob eine Aufgabe richtig gelöst ist, entscheidet Code nach festen Regeln, nie ein Sprachmodell. Den Vornamen eines Kindes bekommt Foxi nur, wenn die Eltern das ausdrücklich einschalten.
Weil jede Antwort von Foxi ein paar Cent kostet, hat die App ein Tagesbudget und eine Bremse für zu viele Anfragen. Fehlt ein Schlüssel oder eine Einstellung, schaltet sich die KI ab, statt frei zu laufen.
Jev sucht die passende Hilfe
Seit dem 26. September steckt auch Jev in Foxisch klar, das Modell, das Urteile liefert statt Texte. Ein Kind kann in eigenen Worten schreiben, was ihm gerade fehlt. Jev ordnet den Wunsch einer von wenigen vorhandenen Hilfen zu: ein Tipp, ein Beispiel, das Vorlesen der Frage oder eine Pause.
Antworten prüft Jev nicht, Lösungen verrät es nicht, und die vorgeschlagene Hilfe öffnet sich erst, wenn das Kind noch einmal klickt. Ist Jev unsicher oder nicht erreichbar, bleiben die gewohnten Hilfeknöpfe.
Vor dem Start habe ich gemessen. Von 16 ausgedachten Hilfewünschen, die das System vorher nicht kannte, hat Jev alle 16 richtig zugeordnet. Das ist eine kleine Stichprobe, und echte Kinder formulieren anders. Gemessen habe ich trotzdem, bevor ein Kind es zu sehen bekam.
Das Wissen kommt ins Haus
Ich bin kein Lehrer. Ich wusste nicht, dass es beim schriftlichen Rechnen oft weniger auf die Aufgabe ankommt als darauf, wie man sie darstellt. Das hat mir eine Lehrerin sehr deutlich gesagt.
Gleichzeitig kann ich heute Studien abrufen und mir erklären lassen, wie man Aufgaben so aufbaut, dass ein Kind sie gut abarbeiten kann. Zwischen dem Lesen einer Empfehlung und ihrer Umsetzung liegt manchmal eine Stunde. Die Maschine holt mir das Wissen der Forschung an den Küchentisch, den Blick auf das einzelne Kind bringt die Lehrerin mit.
Was das Herstellen heute kostet
Duolingo hatte Ende 2025 rund 900 Mitarbeitende. Bei Duolingo schreiben nicht neunhundert Menschen Code. Sie entwickeln Inhalte und Didaktik, testen an Millionen Lernenden, betreiben die Plattform und kümmern sich um den Datenschutz.
Einen Teil davon kann heute einer allein abbilden, wenn er weiß, wie man Software baut und prüft. Den Kern von Foxisch klar habe ich in drei Tagen gebaut, am Rand eines Familienwochenendes, den Rest in den Abenden danach. Wenn das Herstellen kaum noch etwas kostet, kann eine solche App für alle frei zugänglich sein. Lernsoftware muss kein Abo mehr sein.
Ob sie es machen
Ich messe auch, ob geübt wird, ohne Namen, ohne Antworten und nur in Browsern, in denen die Statistik eingeschaltet ist. In der Woche, in der die Geschichte von der Einerstelle erschien, legten 65 Browser ein neues Profil an. Zehn brachten eine Übungsrunde zu Ende. Danach wurde es still: Vom 28. September bis zum 7. Oktober zeigt die Statistik keine einzige abgeschlossene Runde.
In meinem Projektbrief steht, dass Foxisch klar ohne Beschämung, ohne Zeitdruck, ohne manipulative Bindung und ohne verlorene Serien auskommt. Kein Fuchs schaut traurig, wenn man einen Tag nicht geübt hat. Damit habe ich mir genau die Mittel verboten, mit denen große Lern-Apps Kinder jeden Tag zurückholen.
Beim Herstellen ist die Knappheit vorbei. Bei der Aufmerksamkeit eines Kindes ist sie es nicht. Ich halte meine Entscheidung trotzdem für richtig, weil ein Kind, das aus Interesse übt, etwas anderes lernt als eines, das eine Serie retten will. Die Zahlen zeigen mir, wo die nächste Arbeit liegt: bei den Erwachsenen, die ein Kind an den Tisch holen.
Breiter herstellen
Vielleicht braucht die Welt keine weitere Lern-App von einem Vater an einem Wochenende. Wir könnten aber anfangen, solche Dinge wesentlich breiter herzustellen: Eltern, die bauen, Lehrerinnen, die draufschauen, Schulen, die Hinweise sammeln, und Kinder, die ihre eigenen Geschichten beitragen.
Eine Firma mit neunhundert Mitarbeitenden braucht es dafür nicht mehr. Es braucht Menschen, die wissen, wie man Software baut, die hält, und die bereit sind, sich korrigieren zu lassen.
Die Blätter könnten sich die Kinder inzwischen selbst machen. Ob sie es tun, entscheidet sich am Küchentisch.
Ausprobieren: foxischklar.borisgloger.at läuft im Browser, ohne Anmeldung und ohne Konto, für die erste bis fünfte Schulstufe. Fehler, Wünsche und Ideen nimmt die App direkt im Bereich für Hinweise entgegen. Wer unterrichtet und Foxisch klar mit einer Klasse ausprobieren möchte, hinterlässt dort einfach eine Nachricht.
Quellen
- Duolingo, Mitarbeitende zum 31. Dezember 2025: stockanalysis.com
- Foxisch klar