Was im Beitrag enthalten war
Ich laufe auf den Torhüter zu, den Ball in der Hand, springe ab und werfe — und bin mal wieder vorbei. Kein Jubel. Und doch gehöre ich in diese Halle. Wir gewinnen an diesem Tag trotzdem, knapp, mit einem Tor.
So habe ich als Junge beim Wiesbadener Turnerbund Handball gespielt, angefangen mit zwölf. Das Beste daran: Ich konnte es selbst in die Hand nehmen. Ich trug die Anmeldung nach Hause und legte sie meiner Mutter hin, und die siebzehn Mark Jahresbeitrag waren für sie kein Problem. Mit diesem Beitrag gehörte ich zum Verein. Die anderen Sportarten hätte ich auch ausprobieren können; die Möglichkeiten waren schon da.
Das klingt unspektakulär. Ein Kind geht zum Sport, jemand trainiert die Mannschaft, irgendwo steht eine Halle. Man zahlt seinen Beitrag, und dann läuft das.
Erst Jahrzehnte später sehe ich, wie viel in diesem „dann läuft das" steckte. Jemand musste die Halle öffnen und wissen, wie man Kindern Handball beibringt. Andere hatten den Verein gegründet, Geräte angeschafft, Geld verwaltet, dafür gesorgt, dass der nächste Jahrgang wieder kommen konnte. Ich betrat eine Ordnung, die vor mir entstanden war — und bemerkte von ihrem Aufwand fast nichts. Auch das war ihre Leistung.
Meine Tochter turnt heute in der Leistungsriege im Nachbarort und geht daneben zum Voltigieren. Dazu Sommercamps und die Fahrten zu den Turnieren. Das summiert sich: Allein an Mitgliedsbeiträgen geben wir im Schnitt rund tausend Euro im Jahr aus — für eines meiner Kinder.
Richtig erstaunt hat mich das erst, als meine Kinder hier in Niederösterreich in die Vereine gingen. Das System, das ich kannte — einmal anmelden, dann in jede Sportart einsteigen —, gibt es hier so nicht. Man schreibt sich stattdessen in einzelne Kurse ein, oft für mehr als hundertzwanzig Euro pro Semester, je nachdem, was das Kind will. Mein erster Gedanke: Das kann nicht sein. Warum nicht zum Verein um die Ecke und dort einfach alles machen? Für meine Frau, in Österreich aufgewachsen, war genau das immer normal.
Also die unbequeme Frage: Hätte ich als Junge turnen können, wenn mein einer Verein hundert Euro im Jahr gekostet hätte? Nein. Ich zahlte siebzehn Mark — und erinnere mich nicht, je mehr gezahlt zu haben, obwohl ich mit den Jahren nicht nur Handball spielte, sondern bei der Lebensrettung schwamm, Tischtennis und Basketball spielte, in mehreren Vereinen zugleich. Niemand legte mir für jedes davon eine eigene Rechnung hin. Ein Kind aus einer Arbeiterfamilie — das war ich — hätte den heutigen Preis nicht bezahlt. Es hätte nicht angefangen.
Ich habe nachgesehen: Der Turnerbund Wiesbaden verlangt heute für Kinder rund neunzig Euro Grundbeitrag im Jahr. Turnerbund Wiesbaden Rechnet man die Teuerung ein, liegen meine siebzehn Mark und diese neunzig Euro nah beieinander. Der Grundbeitrag ist nicht davongelaufen. Teuer geworden ist alles, was heute mit eigener Rechnung danebensteht: die zweite Sportart, das Camp, das Turnier, der Kurs pro Semester.
Die billige Erzählung — Vereinssterben, gute alte Zeit — lasse ich also fallen. Teuer geworden ist nicht der Beitrag, sondern das, was einmal in ihm enthalten war und heute einzeln verkauft wird. Dorthin ist die Knappheit gewandert: in den Preis jeder einzelnen Möglichkeit.
Das unsichtbare Angebot
Ein Vereinsbeitrag zahlt etwas Merkwürdiges. Er ermöglicht eine Tätigkeit und macht einen zugleich zum Teil der Einrichtung, die sie trägt. Wer Mitglied wird, tritt in eine Beziehung ein: mitentscheiden, eine Aufgabe übernehmen — manchmal muss man das —, sich über den Vorstand ärgern, bei der nächsten Wahl selbst kandidieren.
Das unterscheidet ihn von der gekauften Trainingsstunde im Fitnessstudio. Auch die kann hervorragend sein; eine gut bezahlte Trainerin ist kein Schaden. Es geht um die Beziehung, die mit dem Bezahlen entsteht — und um das, was neben der Leistung möglich bleibt. Im Verein kann aus dem Kind, das Handball lernen will, später jemand werden, der es anderen beibringt. Aus einem Teilnehmer wird ein Verantwortlicher; vorschreiben muss das niemand, aber die Einrichtung hält es offen.
Genau das sehe ich mit Bewunderung in den Vereinen um mich herum. Die Kinder erleben, wie Gemeinschaft entsteht, schließen hier ihre Freundschaften — und das macht die Arbeit der vielen Betreuer:innen über alle Maßen wertvoll.
Den Jugendlichen vermittelt das etwas, das auf keiner Rechnung steht: Andere verlassen sich auf mich, eine gemeinsame Sache gelingt auch durch meinen Beitrag, und ich lerne, Verantwortung zu übernehmen — meist zuerst für die Kleineren. Wer das als Hobby abtut, unterschätzt, wie Menschen handlungsfähig werden. Der Verein bringt sie in Situationen, in denen das eigene Wollen mit dem der anderen auskommen muss. Dass es diese Übung gab, merkt man erst, wenn der Verein weg ist.
Alexis de Tocqueville sah im Amerika des neunzehnten Jahrhunderts, wie Menschen sich zusammenschlossen, um Aufgaben gemeinsam zu erledigen. Er nannte solche Vereinigungen Schulen des gemeinschaftlichen Handelns. Tocqueville, Über die Demokratie in Amerika Das zeigt sich bis heute in jeder Mitgliederversammlung: Man begründet, warum die eigene Abteilung mehr Geld braucht, und hört, dass andere ebenso gute Gründe haben. Am Ende steht eine Entscheidung, an der man mitgewirkt hat — auch wenn sie anders ausfällt, als man hoffte. Genau darin liegt die Übung: eine gemeinsame Ordnung weiterzutragen, auch wenn man sich nicht durchgesetzt hat.
Robert Putnam hat beschrieben, wie aus solchen Beziehungen Vertrauen entsteht — soziales Kapital, das späteres gemeinsames Handeln erleichtert. Putnam, Bowling Alone Nur wäre es zu einfach, jedem Verein automatisch eine demokratische Wirkung zuzuschreiben. Gemeinschaft kann auch ausschließen, Gehorsam verlangen, Fremde fernhalten. Dichte Vereinsnetzwerke erleichterten in der Weimarer Republik sogar die nationalsozialistische Mobilisierung. Satyanath, Voigtländer, Voth: Bowling for Fascism Zusammenhalt hat immer eine Richtung, und er kann sich gegen andere wenden. Zur Werkstatt der Demokratie wird ein Verein erst, wenn er die richtigen Fragen demokratisch beantwortet: Wer darf hinein? Wer darf sprechen? Was geschieht mit dem, der widerspricht? Die Satzung allein erledigt das nicht.
Der agile Coach in mir sieht hier die vielleicht wichtigste Zutat für Selbstvertrauen: Selbstwirksamkeit. In diesen Gemeinschaften übt sich ein, wie aus erlebter Wirkung Zutrauen zu sich selbst wird.
Die Vereine verschwinden nicht — der Zugang verändert sich
Dass Vereine für unsere Gesellschaft notwendig sind, darüber sind wir uns hoffentlich einig — und auf den ersten Blick scheint das auch so. Die Zahl der Vereine in Deutschland hat sich seit 1970 etwa verfünffacht, auf über 600.000. Das klingt nach Blüte. Nur zählt diese Zahl alle eingetragenen Vereine — Umwelt, Kultur, Nachbarschaft, Selbsthilfe. Über die Turnhalle sagt sie nichts. Die Sportvereine sind etwas anderes: Ihre Zahl wuchs bis etwa 2010 auf gut 91.000 und ist seither leicht rückläufig, während die Bevölkerung wuchs. Mehr Namen im Register heißen also nicht mehr Sport für mehr Kinder. ZiviZ 2026; DOSB, Bestandserhebung 2025
Und obwohl der Mitgliedsbeitrag sich kaum verändert hat, bekommen die Mitglieder heute nicht mehr, was die Vereine ihnen vor vierzig Jahren gaben.
Die Grundlage ist zerbrochen. Der Sanierungsbedarf der deutschen Sportstätten wird auf mindestens 31, in neueren Schätzungen bis zu 42 Milliarden Euro beziffert, vor allem bei Hallen und Bädern. Rund sechzig Prozent der Kommunen melden einen erheblichen Investitionsrückstand bei Sporthallen, bei der energetischen Sanierung über neunzig Prozent. DOSB, Sportstätten Als der Bund 2026 ein Sanierungsprogramm auflegte, war es um das Einundzwanzigfache überzeichnet: beantragt wurden über siebeneinhalb Milliarden Euro, verfügbar waren 333 Millionen. DOSB, Sportstättenförderung überzeichnet Diese Zahlen passen zu meinem Eindruck besser als die sechshunderttausend Namen im Register.
Dazu kommt, was jeder Vereinsvorstand kennt: Die Vereine tragen sich weitgehend selbst. Öffentliche Zuschüsse machen im Schnitt nur etwa ein Zehntel der Einnahmen aus; den Rest bringen die Mitglieder auf — über Beiträge, Entgelte und die Feste, die jemand organisieren muss. Sportentwicklungsbericht Der Staat kürzt hier nicht mit großer Geste. Er lässt die Halle langsam verfallen und überlässt es dem Verein, sich den Betrieb selbst zu erwirtschaften.
Und all das trifft auf Menschen, die sich dem Verein weiter zuwenden — nicht nur in absoluten Zahlen, sondern im Verhältnis. 1972 war rund jeder Sechste in Westdeutschland Mitglied in einem Sportverein, gut zehn Millionen bei knapp einundsechzig Millionen Einwohnern. Heute liegt der Organisationsgrad bei etwa neunundzwanzig Prozent, fast jeder Dritte — gemessen an einer viel größeren Bevölkerung. Bei Jungen zwischen sieben und vierzehn sind es über achtzig Prozent. DOSB, Bestandserhebung Die Menschen wollen in den Verein, anteilig sogar mehr als in meiner Kindheit. In Österreich engagiert sich fast die Hälfte der Bevölkerung freiwillig. 5. Österreichischer Freiwilligenbericht 2026
Das Bedürfnis nach Gemeinschaft ist also nicht das Problem; es ist gewachsen. Was fehlt, sind die Mittel — die Halle, der Zuschuss —, und alles über die einfache Mitgliedschaft hinaus bekommt inzwischen seinen eigenen Preis.
Und weil die Teilnahme teurer wird, verschiebt sich mit der Zeit, wer wirklich dabei ist — weniger an der Vereinstür als in der Tiefe: wer bleibt, wenn es ernst wird, wer sich die zweite Sportart, den Wettkampf, das Camp leisten kann. Der hohe Durchschnitt verbirgt das: Er zählt Mitgliedschaften, nicht, was aus ihnen wird. Fast jeder Junge ist Mitglied — aber wie weit er kommt, hängt am Geldbeutel der Eltern.
Wurden die Vereine also kaputtgespart? Die Institution nicht — es gibt sie, zahlreich. Kaputtgespart wurde, worauf sie steht: die Halle, das Bad, der Zuschuss. Und wo die Grundlage bröckelt, ändert sich, wie man hineinkommt. Aus einem Beitrag, der alles trug, wird ein Preis pro Kurs.
Ein Eintrag im Register schließt die Halle abends nicht auf. Mich interessiert deshalb nicht die Zahl der Namen, sondern was hinter ihnen erreichbar bleibt — für wen.
Wenn jede Möglichkeit ihren Preis bekommt
Eine Gemeinschaft kann ihre Kosten verschieden verteilen: Beiträge bündeln und ein breites Angebot tragen — oder jede Leistung einzeln dem in Rechnung stellen, der sie nutzt. Beides ist verständlich; eine kleine Trainingsgruppe kostet pro Kopf mehr, und qualifizierte Menschen sollen von ihrer Arbeit leben. Ein Verein mit Zusatzbeiträgen ist noch kein verkleidetes Unternehmen.
Und doch verändern sich Möglichkeiten, wenn jede Abzweigung eine neue Rechnung auslöst. Ein Kind will etwas ausprobieren, die Eltern rechnen. Wo die zweite Sportart einen weiteren Beitrag kostet, Wettkämpfe Gebühren, Trainingslager Zusatzkosten, muss die Familie entscheiden, was noch geht. Was für die eine eine Terminfrage ist, wird für die andere eine Budgetentscheidung.
Niemand weist das Kind ab. Am Ende ist es einfach eine Rechnung, die für manche Familien zu hoch wird.
Mich interessiert daran die Freiheit des Anfangs. Ein Kind weiß oft noch nicht, was es kann und woran es Freude hat; es muss ausprobieren dürfen. Ein breites, bezahlbares Angebot verteilt deshalb mehr als Sportstunden — es verteilt Gelegenheiten, etwas über sich herauszufinden. Bindet man sie enger an die Zahlungsfähigkeit der Eltern, macht man Herkunft wirksamer. Das ist eine institutionelle Entscheidung, auch wenn niemand morgens beschließt, Kinder auszusortieren; sie entsteht aus Regeln, Beiträgen, Wegen und Plätzen.
Beim Schwimmen wird das drastisch. Die DLRG ließ 2022 Eltern nach den Fähigkeiten ihrer Kinder fragen. Unter den Sechs- bis Zehnjährigen hatte sich der Anteil der Nichtschwimmer gegenüber 2017 von zehn auf zwanzig Prozent verdoppelt — Pandemie und ausgefallener Unterricht gehören dazu. DLRG, Schwimmfähigkeit Noch deutlicher ist der Zusammenhang mit dem Einkommen: Bei Kindern aus Haushalten unter 2.500 Euro netto lag der Nichtschwimmeranteil bei 49 Prozent, ab 4.000 Euro bei zwölf. Kursgebühren allein erklären das nicht — Zeit, Wege, die Schwimmerfahrung der Eltern, erreichbare Bäder spielen mit. Aber die Verteilung steht da: Eine Fähigkeit, die über Leben und Tod entscheiden kann, ist gesellschaftlich sehr ungleich verteilt.
In meiner Erinnerung ging man zum Bademeister und ließ sich den Freischwimmer abnehmen. Das geht weiterhin, etwa bei den KölnBädern. Auch die österreichische Wasserrettung in Perchtoldsdorf — ihre Adresse ertrinken.at ist unmissverständlich — bietet ausdrücklich eine Prüfung ohne Vorbereitungskurs an, gegen Gebühr, ehrenamtlich, von der Gemeinde unterstützt. ÖWR NÖ-Süd
Zwischen rein öffentlicher Versorgung und reinem Markt liegt viel: Menschen organisieren eine Leistung gemeinsam, nutzen öffentliche Infrastruktur, decken einen Teil der Kosten über Gebühren. Solche Konstruktionen für alle erreichbar zu machen, ist die politische Aufgabe. Nur hilft ein günstiger Prüfungstermin erst, wenn das Kind vorher schwimmen lernen konnte. Man muss den ganzen Weg betrachten.
Die sichtbare Spitze
Geld findet im Sport sehr unterschiedliche Wege. Der deutsche Profifußball setzte in der Saison 2024/25 erstmals mehr als sechs Milliarden Euro um. DFL-Wirtschaftsreport An seiner Spitze ist Sport ein gewaltiges Geschäft — kein Topf, den man an Turnvereine verteilen könnte, aber ein Hinweis darauf, welche Tätigkeiten wirtschaftlich Aufmerksamkeit bekommen und welche nicht. Die Trainerin einer Anfängergruppe wirkt anders: Sie hilft einem unsicheren Kind, sich etwas zuzutrauen, und bringt Familien zusammen, die sonst wenig miteinander zu tun hätten. Daraus lässt sich kein Übertragungsrecht verkaufen; der Nutzen verteilt sich im Alltag, oft lange nach der Stunde.
Wer darauf wartet, dass solche Leistungen wirtschaftlich attraktiv werden, wartet lange. Ihre Bedeutung liegt gerade darin, dass viele etwas davon haben, ohne einzeln zur Kasse gebeten zu werden. Deshalb ist es verkehrt, den Breitensport mit den Medaillen zu rechtfertigen, die vielleicht aus ihm entstehen. Das Recht eines Kindes auf Bewegung und Zugehörigkeit braucht keinen späteren Podestplatz. Auch wer langsam läuft, schlecht wirft und nie einen Wettkampf gewinnt, gehört in diese Halle. Daran würde ich eine Sportgesellschaft messen.
Die Rechnung der Gemeinde
Der Verein findet oft in Räumen statt, die er selbst nie bauen könnte. Eine Turnhalle, ein Becken, ein Sportplatz: Erst die gemeinsame Nutzung macht aus einer kleinen Beitragszahlung ein regelmäßiges Angebot. Im Leben des Kindes ist das eine Selbstverständlichkeit, im Haushalt der Gemeinde eine Ausgabe.
Und auch hier stimmt die einfache Geschichte nicht. Eine österreichische Untersuchung beziffert die kommunalen Nettoausgaben im erfassten Sportbereich einschließlich Wien für 2023 auf rund 594 Millionen Euro — nominal 59 Prozent mehr als 2014, bei rund 31 Prozent Teuerung im selben Zeitraum. KDZ, Kommunale Sportinfrastruktur 2025 Hier floss also mehr öffentliches Geld, auch über die Inflation hinaus. Die Erzählung vom überall zurückweichenden Staat trägt nicht.
Nur ist damit die Versorgung nicht gesichert. Heizung, Personal, Bau werden teurer; oft braucht es mehr Geld, um dasselbe Angebot bloß zu halten. Entscheidend ist, was am Ende nutzbar wird: Hallenzeiten, erreichbare Schwimmstunden, Räume, in denen auch kleine Initiativen anfangen können. In meinem Essay über die handelnde Kommune ging es um die Erfahrung, dass gemeinsame Aufgaben vor Ort gestaltbar sind. Der Verein macht sie auf andere Weise zugänglich: Menschen nehmen eine Sache selbst in die Hand, die Gemeinde trägt die Voraussetzungen, die ihre Kräfte übersteigen. Wer Menschen Verantwortung zutraut, sollte ihnen auch die Mittel dafür zutrauen.
Hier bietet eine Gesellschaft sich selbst etwas an, das kein Markt herstellt: die Bereitschaft, füreinander Zeit aufzuwenden. Wer das fördert, subventioniert kein Hobby; er sichert die Voraussetzung dafür, dass Menschen das Gemeinsame überhaupt üben können. Und wo ein Bedürfnis so sichtbar ist — volle Hallen, Wartelisten, immer neue Gründungen —, lässt sich die Unterfinanzierung schwer noch Sparsamkeit nennen. Sie sieht eher aus wie eine Entscheidung gegen die Gemeinschaft, die die Menschen längst gewählt haben.
Freiwillig heißt nicht beliebig verfügbar
Hier kommt das Ehrenamt ins Spiel — ein schönes Wort, das schnell zur bequemen Annahme wird, irgendjemand werde die Arbeit schon machen. Aber die Zeit eines Menschen ist endlich. Wer abends trainiert, die Abrechnung macht oder den Wettkampf organisiert, tut in diesen Stunden nichts anderes. Erwerbsarbeit, Sorge für Angehörige und der eigene Alltag verschwinden durch einen Appell nicht.
Deshalb überzeugt mich die Klage über angeblich zu bequeme Mitglieder wenig. Sie erklärt einen Mangel an Stunden zum Charakterfehler. Bevor man moralisiert, könnte man nachsehen, wie die Aufgaben verteilt sind — und wie groß sie geworden sind. In Baden-Württemberg lag der bürokratische Aufwand eines typischen Vereins 2019 bei etwa sechseinhalb Stunden pro Woche. Land Baden-Württemberg Die Zahl gilt nicht für jeden Verein, aber sie macht eine reale Frage sichtbar: Wie viel gemeinschaftliche Arbeit verbraucht die Organisation ihrer eigenen Erlaubnis?
Und hier steckt dieselbe Verteilungsfrage wie beim Beitrag. Wer wenig verdient und zugleich wenig über die eigene Arbeitszeit bestimmt, stößt auf zwei Grenzen: Ein billiger Beitrag hilft, doch die Mitgliederversammlung am frühen Abend bleibt unerreichbar, wenn die Schicht läuft. Gemeinschaft ist auch eine Frage verfügbarer Zeit — und Zeit ist ungleicher verteilt als Geld. Ein Verein kann das berücksichtigen: kleine Aufgaben, verteilte Verantwortung, wechselnde Termine, damit sich Selbstorganisation weitergeben kann.
Wenn Zugehörigkeit einen Preis bekommt
Dieselbe Bewegung reicht über den Sport hinaus. Menschen organisieren Kultur, helfen Nachbarn, verteidigen Rechte, widersprechen politischen Entscheidungen — in Vereinen, Stiftungen, Initiativen. Ihnen allen gemeinsam ist: gesellschaftliches Handeln wird außerhalb der Behörden möglich. Das kann Regierungen unbequem werden. Es soll ihnen unbequem werden dürfen.
Wer öffentliche Förderung von politischer Gefälligkeit abhängig macht, verändert die Beziehung zwischen Staat und Gesellschaft. Unterstützung wird dann zum Mittel, das Verhalten der Unterstützten zu steuern — und schon die Unsicherheit über eine Fortsetzung wirkt, lange bevor ein Verbot ausgesprochen ist. Wie konkret das wird, zeigt der Fall Radikale Töchter: Die Bundeszentrale für politische Bildung wollte die Demokratie-Workshops der Organisation Anfang 2026 mit rund 300.000 Euro weiterfördern, wie schon in den Vorjahren. Dann wies die Leitung des Bundesinnenministeriums die Fachbehörde an, den Antrag abzulehnen — ohne inhaltliche Begründung, allein unter Verweis auf ihr Letztentscheidungsrecht. In einem internen Vermerk hielt die Bundeszentrale fest, es sei „kein rechtlich tragfähiger Grund für eine Ablehnung erkennbar". Über die Motive ist damit nichts bewiesen. Sichtbar wird, wie verletzlich eine vorbereitete Arbeit gegenüber einer einzigen Entscheidung ist. FragDenStaat: „Radikale Töchter" — Demokratieförderung nach Gutsherrenart
Es ist am Ende dieselbe Rechnung. Dem Kind wird die zweite Sportart einzeln berechnet. Dem Demokratie-Verein wird die Förderung mit einer Unterschrift entzogen. In beiden Fällen wird das, was einer Gesellschaft enthalten war — die Gelegenheit, dazuzugehören und mitzuhandeln —, in eine Frage der Zahlungsfähigkeit oder des Wohlverhaltens verwandelt. Das ist die Knappheit, um die es dieser Reihe geht. Sie ist nicht die Zahl der Vereine. Sie ist der Preis, den Zugehörigkeit bekommt.
Ich erinnere mich an siebzehn Mark und an alle Sportarten, die ich hätte machen können. Früher war nicht alles besser; vieles war schlechter. Aber in diesem einen Beitrag steckte ein Versprechen, das wir uns leisten können, wenn wir wollen: dass ein Kind anfangen darf, bevor jemand ausgerechnet hat, was es sich leisten kann.