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Der Staat, der kein Risiko trägt

Der Staat, der kein Risiko trägt

Vor ein paar Jahren wollte ich unser Beratungshaus modernisieren. Über hundert Menschen arbeiteten bei uns, die Infrastruktur war in die Jahre gekommen, und ich dachte: Genau dafür ist die Förderbank da. Zukunft finanzieren. Ich nahm einen KfW-geförderten Kredit auf; die Konditionen waren ordentlich, ein, zwei Prozent unter dem Üblichen.

Dann kam das Kleingedruckte. Die KfW gibt das Geld nur gegen persönliche Haftung. Meine GmbH zählte nichts; als Sicherheit gingen, mehr oder weniger, meine privaten Sicherheiten in die Zeile. Ich unterschrieb — als Unternehmer geht man davon aus, dass schon nichts schiefgeht.

Es ging schief. Nicht am Geschäft, sondern an der Welt: der Krieg, die einbrechende Automobilbranche, Prognosen, die niemand mehr halten konnte. Und in dem Moment, in dem es kippte, verhielt sich die Bank, die angeblich Zukunft finanziert, nicht wie ein Partner an ebendieser Zukunft. Sie verhielt sich wie ein Gläubiger. Der Kredit sei sofort abzulösen. Stand so im Vertrag. Ich hatte unterschrieben.

Ich hatte Glück im Unglück: Es fand sich ein Käufer, ich konnte verkaufen und den Kredit ablösen. Mittellos wurde ich nicht. Aber die Rettung war wieder eine private — eine, die ich selbst finden musste, nicht die Förderbank, die beim Aufstieg mitfinanzieren wollte und beim Absturz nur ihr Geld zurück.

Härter, kühler, kompromissloser, als es eine wohlmeinende Hausbank je gewesen wäre — für ein, zwei Prozent Zinsvorteil, abgesichert mit dem eigenen Vermögen.

Das war nicht das erste Mal. In der Pandemie riet uns unsere Hausbank vom KfW-Corona-Kredit ab — riskanter, ihn zu nehmen, als ihn zu lassen. Sie behielt recht: Viele, die zugriffen, kamen später bei der Rückzahlung in genau den Stress, den der Kredit ihnen ersparen sollte. Ein Notprogramm, das dem Staat kein Risiko abnahm, sondern es nur weiterreichte.

Man könnte das für Einzelfälle halten. Sind es nicht. Es ist die Architektur.

Die KfW verhält sich wie eine Bank, weil sie eine Bank ist

Die Kreditanstalt für Wiederaufbau ist Deutschlands Instrument, um Zukunft zu finanzieren: Gründungen, Innovation, Transformation. So steht es in jeder Broschüre. Was in keiner Broschüre steht: Die KfW refinanziert sich am Kapitalmarkt, mit Bestnote, garantiert vom Bund. Ihre Bilanz verträgt strukturell keine Ausfälle in nennenswertem Umfang, sonst wackelt das Geschäftsmodell.

Eine Institution, die so gebaut ist, kann gar nicht anders, als Risiko zu vermeiden und Forderungen einzutreiben. Sie tut, was Banken tun.

Der Fehler liegt also nicht bei den Menschen in Frankfurt. Der Fehler liegt in der Entscheidung, Innovationsförderung als Bankgeschäft zu organisieren.

Ein Kredit ist ein Versprechen auf Rückzahlung, unabhängig davon, wie das Vorhaben ausgeht. Innovation aber hat eine schiefe Ergebnisverteilung: viele Nullen, wenige Vielfache. Wer schiefe Verteilungen mit einem Instrument finanziert, das symmetrische Rückzahlung verlangt, finanziert systematisch nur das, was ohnehin sicher ist. Genau das erlebt jeder Gründer am Schalter: Den Kredit bekommt, wer ihn nicht braucht.

Das Hausbankprinzip: Der Staat delegiert seinen Mut an die Vorsichtigen

Es kommt eine zweite Konstruktionsebene dazu. KfW-Förderkredite gibt es ausschließlich über die Hausbank; die KfW hat kein eigenes Filialnetz und reicht ihre Mittel über Sparkassen, Volksbanken und Geschäftsbanken durch. Die Risikoprüfung macht die Hausbank. Und die Hausbank haftet, je nach Programm, für erhebliche Teile des Kredits, weshalb sie teilweise volle Sicherheiten verlangt, als wäre es ihr eigenes Produkt. Das Hausbankprinzip wird immer wieder zur Hürde: Viele Gründungswillige finden schlicht keine Bank, die mitspielt, denn an durchgereichten Förderkrediten verdient die Bank weniger als an eigenen Produkten und hat trotzdem den Verwaltungsaufwand.

Man muss sich die Logik auf der Zunge zergehen lassen. Der Staat legt ein Programm auf, weil private Banken zu risikoscheu für Zukunftsfinanzierung sind. Dann übergibt er die Entscheidung, wer das Geld bekommt, an genau diese Banken. Das Ergebnis ist ökonomisch vorhersehbar: Staatsgeld fließt dorthin, wo privates Geld ohnehin geflossen wäre. Ökonomen nennen das Mitnahmeeffekt. Ich nenne es delegierten Mut: Der Staat traut sich nur, wo sich vorher schon jemand anderes getraut hat.

Der Beweis, dass das System sich selbst kennt: SPRIND

Der stärkste Beleg dafür, dass hier ein Architekturproblem vorliegt und kein Einzelfall, kommt vom Staat selbst. 2019 gründete Deutschland die Bundesagentur für Sprunginnovationen, SPRIND, ausdrücklich für das, was KfW-Logik nicht kann: radikale Wetten mit hoher Ausfallwahrscheinlichkeit. Und dann geschah das Vorhersehbare: Die Agentur wurde vom Haushaltsrecht so eng geführt, dass sie jahrelang kaum handeln konnte wie ein Wagniskapitalgeber. Es brauchte Ende 2023 ein eigenes Gesetz, das den Namen im Titel trägt — das SPRIND-Freiheitsgesetz, vom Bundestag im November beschlossen —, um der Agentur zu erlauben, Tochtergesellschaften zu gründen und sich an Unternehmen zu beteiligen: Instrumente, die in jedem Risikokapitalfonds Alltag sind.

Ein Staat, der eine Freiheitsbehörde gründen und sie dann per Gesetz befreien muss, hat sein Problem diagnostiziert. Er hat es nur noch nicht gelöst.

Der Einwand, den ich mir selbst gemacht habe

Die naheliegende Forderung wäre: Dann soll der Staat eben großzügiger sein, Ausfälle hinnehmen, Schuldner nicht bis ins Haus verfolgen. Ich habe das selbst so empfunden. Und ich halte die Forderung für falsch.

Ein Staat, der Kredite generös ausfallen lässt, subventioniert nicht die Innovativsten, sondern die Frechsten und die Bestvernetzten. Das ist Moral Hazard in Reinform, und die Rechnung zahlen die, die ihre Kredite bedienen. Wer hart eintreibt, macht bei einem Kredit nichts falsch. Falsch ist der Kredit.

David Graeber hat in Schulden. Die ersten 5000 Jahre daran erinnert, was ein Kredit im Ursprung ist: ein Risiko, das der Geber eingeht — nicht bloß eine moralische Pflicht des Nehmers. Zurückzahlen soll man, gewiss. Aber eine Förderbank, die ihr ganzes Risiko per Privathaftung auf den Gründer schiebt, hat die Seite gewechselt: Sie verlangt die Sicherheit des Gläubigers und nennt es Zukunftsfinanzierung.

Die richtige Forderung lautet: Der Staat soll dort, wo er Innovation will, gar nicht erst Gläubiger sein. Er soll Eigentümer sein oder Stifter. Eigenkapital, Wandeldarlehen, Zuschüsse mit Meilenstein-Logik und klaren Abbruchkriterien. Instrumente, die einpreisen, dass die meisten Wetten platzen, und die dafür an den wenigen Treffern voll beteiligt sind. Mariana Mazzucato hat den Kern des Problems benannt: Der Staat sozialisiert heute die Risiken und privatisiert die Erträge. Ein Staat mit Portfolio-Logik dreht das um. Er darf verlieren, weil er auch gewinnt.

Das ist keine Utopie — Deutschland tut es bereits, nur im Kleinen. Seit 2018 investiert KfW Capital, eine Tochter derselben KfW, nicht als Gläubiger, sondern als Fondsinvestor: bis Ende 2025 rund 2,9 Milliarden Euro in über 150 Wagniskapitalfonds, die ihrerseits fast dreitausend junge Technologiefirmen finanziert haben. Über den Zukunftsfonds zieht der Staat privates Geld mit hinein — beim größten Dachfonds stammen rund siebzig Prozent von Versicherern, Pensionskassen, Family Offices. Genau die Portfolio-Logik: Risiko tragen, an den Treffern beteiligt sein.

Nur muss man diese 2,9 Milliarden ins Verhältnis setzen. Es ist nicht die Summe eines Jahres — es ist alles, was KfW Capital seit 2018 überhaupt gewagt hat, keine vierhundert Millionen im Jahr. Gemessen an einer Bilanzsumme von über fünfhundert Milliarden Euro ist das gerade einmal ein halbes Prozent: ein Rundungsfehler neben der großen Maschine aus Kredit und Privathaftung. Im globalen Maßstab verschwindet die Zahl vollends: Allein die großen US-Konzerne stecken rund vierhundertfünfzig Milliarden Dollar — pro Jahr — in KI-Infrastruktur. Für die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt sind ein paar Milliarden Wagniskapital nebenher kein Programm, sondern eine Geste.

Der Hebel läge in einem echten Zukunftsprogramm — vierzig, fünfzig, hundert Milliarden, vom Staat als Eigentümer investiert statt als Gläubiger verliehen.

Das Geld ist da, die Bonität ist da, das Instrument ist da. Es fehlt nur die Entscheidung, es zum Hauptkanal zu machen — und dieses ewige „Wir tun es ja auch" zu beenden, das für ein Land dieser Größe keine Politik ist, sondern eine Ausrede.

Die Fülle-Perspektive

Dieses Essay ist das Gegenstück zu "Der Steuersatz ist die falsche Debatte". Dort ging es um die private Seite: ein Steuerdesign, das Horten bestraft und Wagen belohnt. Hier geht es um die staatliche Seite: eine Förderarchitektur, die selbst wagt, statt Sicherheiten zu sammeln. Beide Male ist die Diagnose dieselbe.

Nicht das Kapital fehlt diesem Land. Es fehlt eine Struktur, in der Kapital sich zu wagen lohnt, privat wie öffentlich.

Knappheit an Risikobereitschaft ist keine Mentalitätsfrage der Deutschen. Sie ist einprogrammiert: in Bemessungsgrundlagen, in Haushaltsordnungen, in Hausbankprinzipien. Und was einprogrammiert wurde, kann man umprogrammieren.


Quellen

  • Gründerplattform / KfW (o. J.). Hausbankprinzip: Erklärung und Nachteile aus Gründersicht.
  • IHK / KfW-Programmunterlagen zum Hausbankprinzip und zur Risikoprüfung.
  • Analysen zum Programm "Gründung und Nachfolge": Hausbankprinzip als Hürde, Haftungsübernahmen, Anreizkonflikt der Banken (2024).
  • Mazzucato, M. (2013). The Entrepreneurial State.
  • SPRIND-Freiheitsgesetz (2023).
  • KfW-Gesetz und Refinanzierungsmodell der KfW.
  • Querverweis Schwester-Essay: Zwick & Mahon (2017), KfW Research Fokus Nr. 485 (Investitionsprämien wirksamer als Satzsenkungen).

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