In den Talkshows läuft immer derselbe Satz. Bei Lanz, bei Maischberger, überall: die armen Unternehmer, man müsse sie endlich entlasten, damit die Leistungsträger dieser Gesellschaft wieder etwas bewegen. Also Steuern runter.
Meine These ist die umgekehrte, und ich sage sie als Unternehmer — auf den ersten Blick also gegen mich selbst: Die Steuern müssen rauf. Nicht, weil ich den Staat für den besseren Unternehmer hielte, sondern weil das andere Narrativ seit Jahrzehnten seinen Praxistest durchläuft und durchfällt. Die Sätze sind gesunken und gesunken; der Investitionsmotor steht trotzdem still. Aber nicht einfach rauf — rauf und gekoppelt an etwas, das in der Debatte niemand erwähnt.
Wie verlässlich das falsche Narrativ trotzdem gewinnt, zeigt der jüngste Beschluss: Gerade senkt Deutschland die Körperschaftsteuer, ab 2028 schrittweise von fünfzehn auf zehn Prozent. Nur hat das niemand geglaubt, der vorher gerechnet hat — der Wirtschaftsweise Achim Truger nennt die Impulse „sehr gering", das DIW erwartet kaum messbare Effekte. Das arbeitgebernahe IW erwartet zwar spürbare Impulse; die Empirie gibt eher den Skeptikern recht. Eine kursierende Rechnung setzt fünfeinhalb Milliarden zusätzliche Investitionen gegen siebzehn Milliarden jährliche Kosten. Man beschließt ein Instrument, von dem man vorher weiß, dass es kaum wirkt und viel kostet.
Wenn eine Maßnahme ihr erklärtes Ziel verfehlt und trotzdem kommt, hat sie ein anderes.
Deutschland streitet über die einzige Variable, die am wenigsten erklärt.
Seit Jahren läuft dieselbe Debatte: Die Unternehmenssteuern sind zu hoch, rund 30 Prozent, deutlich über dem OECD-Schnitt. Also senken, dann kommt die Investition zurück. Die Gegenseite antwortet mit Gerechtigkeit und Haushaltslöchern. Beide Seiten streiten über die Höhe des Satzes. Beide übersehen, dass der Satz kaum etwas über Investitionen entscheidet. Ich nenne das Satzfetischismus: die Fixierung auf eine Zahl, weil sie sich so schön vergleichen lässt.
Der Mythos hatte seinen Praxistest
2017 haben die USA das Experiment gemacht, von dem deutsche Verbände träumen. Der Tax Cuts and Jobs Act senkte die Körperschaftsteuer von 35 auf 21 Prozent, die größte Steuersenkung der amerikanischen Geschichte. Wenn die Senkungsthese stimmt, hätte eine Investitionswelle folgen müssen.
Sie kam nicht. Die Brookings Institution bilanziert: Das Hauptziel wurde verfehlt, die aggregierten Investitionen stiegen nicht signifikant. IWF-Forscher rechneten nach, wohin die freigewordenen Mittel flossen: Nur etwa 20 Prozent gingen in Anlagen oder Forschung, der Rest in Aktienrückkäufe, Dividenden und Finanzanlagen. Der Congressional Research Service, der hauseigene wissenschaftliche Dienst des US-Kongresses, fand kaum messbare Wachstumseffekte; die Aktienrückkäufe dagegen schnellten 2018 auf rund eine Billion Dollar.
Das ist kein Ausrutscher, das ist eine Antwort. Unternehmen investieren nicht, weil sie mehr Geld haben. Unternehmen investieren, wenn sich Investieren mehr lohnt als jede Alternative. Die Steuersenkung hat die Alternativen gleich mit verbilligt: Ausschütten, Zurückkaufen, Parken.
Ich sehe diese Logik gerade jeden Tag. In vielen Organisationen wird ernsthaft diskutiert, ob man zwanzig Euro im Monat und Mitarbeiter ausgibt, damit die Leute mit einem ordentlichen KI-Modell arbeiten und daran lernen. Zwanzig Euro. In großen Häusern höre ich allen Ernstes den Satz: Die normalen Mitarbeiter brauchen ja vielleicht nur die kostenlose Version. Ob KI der große Umbruch wird, ist längst entschieden; offen ist nur, wer ihn verschläft.
Das scheitert nicht an der Steuer. Es scheitert an einer Kultur, in der jede Ausgabe zuerst ein Verdächtiger ist und Nichtstun als das Vorsichtige gilt. Und genau dort greift der Hebel, den ich weiter unten ausbuchstabiere:
In der Sekunde, in der solche Investitionen sofort absetzbar sind, gibt dieselbe große Organisation hundert Millionen für KI aus und die kleine fünf — nicht auf Befehl, sondern weil Wagen plötzlich billiger ist als Halten.
Die deutsche Pointe: Wir horten schon im Hochsteuerland
Wer glaubt, das amerikanische Ergebnis läge an amerikanischen Besonderheiten, schaue nach Hause. Der deutsche Unternehmenssektor ist seit den frühen 2000er Jahren zum Nettosparer geworden. Historisch verschuldeten sich Unternehmen bei Haushalten und Banken, um zu investieren, das ist ihre volkswirtschaftliche Aufgabe. Heute erwirtschaften sie Finanzierungsüberschüsse und parken sie. Die Hans-Böckler-Stiftung fasst zwei Jahrzehnte so zusammen: hohe Gewinne, wenig Reinvestition, ausgeprägt schwaches Wachstum als Folge.
Das Geld ist da. Es arbeitet nur nicht. Wer die Philosophie der Fülle kennt, erkennt das Muster: verwaltete Knappheit im Wortsinn. Nicht der Mangel an Kapital bremst die deutsche Innovation, sondern eine Struktur, in der Halten rationaler ist als Wagen.
Und hier kippt das Argument der Senkungsfreunde in sich zusammen: Wenn deutsche Unternehmen trotz angeblich erdrückender Steuerlast Überschüsse anhäufen, dann ist die Steuerlast offensichtlich nicht das, was sie am Investieren hindert.
Der Mechanismus: Nicht der Satz lenkt, die Bemessungsgrundlage lenkt
Die empirische Steuerforschung hat eine unbequeme Botschaft für beide Lager. Ja, höhere Steuersätze dämpfen für sich genommen Innovation, das zeigen Akcigit, Grigsby, Nicholas und Stantcheva (2022) mit Patentdaten über das gesamte 20. Jahrhundert. Wer also schlicht die Sätze erhöht und sonst nichts ändert, bekommt weniger Patente, nicht mehr.
Aber dieselbe Forschung zeigt, wo der Hebel wirklich liegt. Zwick und Mahon (2017) haben untersucht, was passiert, wenn Investitionen sofort abschreibbar werden: Die Investitionen in begünstigtes Kapital stiegen um 10 bis 17 Prozent, kleine Firmen reagierten fast doppelt so stark wie große, und die Wirkung kam genau dann, wenn der Steuervorteil sofort kassenwirksam wurde. Beschleunigte Abschreibung erzeugt mehr Investitionen pro verlorenem Steuer-Euro als jede Satzsenkung.
Daraus folgt eine Arithmetik, die in der deutschen Debatte niemand ausspricht: Je höher der Satz, desto wertvoller der Abzug. Ein hoher Steuersatz mit radikaler Investitionsbegünstigung macht Investieren zum Steuerschutzschild. Er besteuert genau das, was volkswirtschaftlich tot ist: geparkte Gewinne, Ausschüttungen, Rückkäufe. Und er verschont genau das, was lebt: Maschinen, Labore, Software, Menschen.
Deutschland hat historisch das Gegenteil gebaut. Die Reformen von 2001 und 2008 senkten die Sätze und verschlechterten zur Gegenfinanzierung die Abschreibungsbedingungen. Wir haben die Lenkungswirkung verkauft, um die Schaufensterzahl zu verschönern. Herausgekommen ist das schlechteste aller Systeme: ein Satz, der im Standortvergleich abschreckt, und eine Bemessungsgrundlage, die Investieren nicht belohnt.
Der Kronzeuge: Schweden, 1938 bis 1990
Dass die Kombination funktioniert, ist keine Theorie. Schweden hat sie ein halbes Jahrhundert praktiziert. Nominal lag die Körperschaftsteuer um die 50 Prozent, zeitweise darüber. Aber 1938 führte eine Reform freie Abschreibungen auf Maschinen und Anlagen ein, ab 1958 kam das Investmentfonds-System dazu: Bis zu 40 Prozent des Vorsteuergewinns konnten steuerfrei in einen Investitionsfonds fließen, knapp die Hälfte davon wurde bei der Riksbank, der schwedischen Zentralbank, hinterlegt, und der Staat gab die Mittel antizyklisch frei, in der Rezession, wenn Investitionen am dringendsten gebraucht wurden.
Die Wirkung auf die effektive Belastung war dramatisch: Große Industriefirmen drückten ihre tatsächliche Körperschaftsteuer über Bilanzierungsspielräume und Begünstigungen einbehaltener Gewinne regelmäßig auf vernachlässigbare Niveaus (Södersten, 1984; Henrekson und Jakobsson, 2012). Hoher Satz auf dem Papier. Nahe null für den, der investierte. Volle Härte für den, der ausschüttete.
Das Ergebnis kennt jeder, der je eine Werkshalle betreten hat: ASEA, Ericsson, SKF, Electrolux, Alfa Laval, Volvo. Ein Land mit acht Millionen Einwohnern produzierte eine industrielle Innovationsdichte, von der das heutige Deutschland nur träumen kann.
Und wer den Weg nicht nach Stockholm gehen will: Das Wirtschaftswunder-Deutschland der Erhard-Ära arbeitete mit demselben Prinzip, hohe Sätze plus großzügige Sonderabschreibungen. Das Argument ist kein Import. Es ist eine Erinnerung.
Die zwei ehrlichen Einwände
Erstens die Kapitalflucht. Wenn Deutschland Renten hoch besteuert, gehen die Gewinne dann nicht einfach woandershin? Zum Teil, ja, aber anders, als die Drohung suggeriert. Der Großteil dessen, was Kapitalflucht genannt wird, ist keine Fabrikverlagerung, sondern Papiergewinnverschiebung über Lizenzen und konzerninterne Verrechnung. Dagegen hilft kein niedriger Satz, dagegen helfen Basisschutzregeln. Und die gibt es inzwischen: Die globale Mindeststeuer setzt einen Boden ein, unter den niemand mehr fallen kann. Sie ist das funktionale Äquivalent der schwedischen Kapitalverkehrskontrollen. Was standortgebunden ist, der Zugang zum deutschen Markt, die Zuliefernetze, die Fachkräfte, kann ohnehin nicht fliehen. Ehrlich bleiben muss man bei Neuansiedlungen: Greenfield-Entscheidungen reagieren real auf effektive Steuersätze. Ein Investitionsschutzschild-System senkt aber genau für diese Investoren die effektive Grenzbelastung, das ist seine Pointe.
Zweitens die Bestandsschutz-Falle. Das schwedische System hatte einen dokumentierten blinden Fleck: Es begünstigte die, die schon Gewinne hatten. Wer neu gründete, hatte nichts einzubehalten und ging leer aus. Schweden brachte zwischen 1970 und der Reform von 1990 praktisch keine bedeutenden neuen Großunternehmen hervor. Ein deutsches Remake muss diese Lücke schließen: Investitionsprämien statt bloßer Abzüge, damit auch Firmen ohne Gewinne profitieren. Eine Mikrosimulationsstudie der KfW-Ökonomen kommt ohnehin zum Schluss, dass Investitionsprämien wirksamer sind als Satzsenkungen, weil sie die Kapitalkosten stärker senken.
Der Hebel
Die Reform, über die Deutschland streiten sollte, sieht so aus: Der Satz kann bleiben, wo er ist, meinetwegen steige er. Entscheidend ist die andere Seite. 1.
- Sofortabschreibung für Ausrüstung und Software.
- Investitionsprämien, die auch gewinnlose Gründer erreichen.
- Forschungszulagen, die diesen Namen verdienen.
- Und eine Besteuerung, die geparkte Überschüsse und Ausschüttungen spürbar teurer macht als das Wagnis.
Der Reflex kommt sofort: Der Staat könne doch nicht besser investieren als die Unternehmen. Er muss auch nicht. Er sucht keine Sieger aus. Er macht das Investieren in dem, was das Land braucht, sofort absetzbar — und überlässt die Auswahl dem Markt. Er kippt nur die Waage, damit Bauen sich mehr lohnt als Parken.
Man sieht ja, wo nichts gebaut wird. Deutschland investiert zu wenig in KI-Infrastruktur: Die USA hatten schon 2024 rund zehnmal so viel Rechenzentrumsleistung, wie hierzulande bis 2030 überhaupt geplant ist; wir liegen hinter China, sogar hinter Großbritannien, Schweden, Frankreich, und der Netzanschluss eines Rechenzentrums dauert bei uns bis zu sieben Jahre.
Oder die Autoindustrie, die noch Gewinne hat: Niemand nimmt ihre zehntausende Ingenieure und lässt sie Roboter bauen, statt den Verbrenner zu optimieren — nicht weil der Steuersatz zu hoch wäre, sondern weil Halten sich mehr lohnt als Umbauen. Eine Steuer, die das Wagnis sofort belohnt und das Sitzenbleiben verteuert, drehte genau hier die Rechnung um.
Das ist keine linke und keine rechte Reform. Es ist die Wiederentdeckung einer Einsicht, die Schweden fünfzig Jahre trug und die das Wirtschaftswunder mitgebaut hat:
Steuern sind kein Preis, den man minimiert. Sie sind ein Lenkungsinstrument, das man richtet.
Knappheit ist eine politische Entscheidung. Die Knappheit an Investitionen in diesem Land ist es auch.
Quellen
- Akcigit, U., Grigsby, J., Nicholas, T., & Stantcheva, S. (2022). Taxation and innovation in the twentieth century. Quarterly Journal of Economics, 137(1).
- Brookings Institution / Gale, W. et al. (2024). How much did TCJA raise investment?
- Congressional Research Service / Gravelle, J., & Marples, D. (2019). The economic effects of the 2017 tax revision.
- Henrekson, M., & Jakobsson, U. / IFN Working Papers zur schwedischen Eigentümer- und Unternehmensbesteuerung (u. a. WP 1164).
- Hentze, T., Kauder, B., & Obst, T. (2024). Steuersenkung als Investitionstreiber. Wirtschaftsdienst / IW Köln.
- KfW Research (2025). Investitionsentwicklung in Deutschland. Fokus Volkswirtschaft Nr. 485.
- KfW Research (2018). Unternehmen mehr Sparer als Investor. Fokus Volkswirtschaft Nr. 235.
- Mukherjee, A., Singh, M., & Žaldokas, A. (2017). Do corporate taxes hinder innovation? Journal of Financial Economics.
- Södersten, J. (1984). Schwedische Unternehmensbesteuerung und effektive Steuersätze.
- Zwick, E., & Mahon, J. (2017). Tax policy and heterogeneous investment behavior. American Economic Review, 107(1), 217–248.
- Forum for a New Economy (2024). Vermögensbildung: Wie schlecht geht es den deutschen Unternehmen wirklich?
- Hans-Böckler-Stiftung, Böckler Impuls: Gewinne werden kaum noch investiert.
- Giovanazzi, C. (2025). Der große Hebel für Zukunftsinvestitionen. Surplus Magazin.