Die Tragödie, die keine war
Ein Dorf im Wallis, ein Aufsatz, der Karriere machte, und eine Frau, die nachsah, statt zu rechnen. Teil 1 von 3.
Wie ich darauf kam
Angefangen hat es mit Banksy. Genauer: mit einem Video von Barry's Economics, das von Banksy handelte und dann, fast nebenbei, beim Gemeinsamen landete. Bei dem öffentlichen Gut, das jeder sehen kann, solange es an der Wand klebt, und das privat wird, sobald jemand die Mauer heraussägt und verkauft. Da war es wieder, das alte Muster. Es gibt das Genug für alle. Und es gibt die, die sich des Genug für alle bemächtigen. Heinrich Popitz hat beschrieben, wie das geht: wie aus dem offenen Zugriff, der niemandem gehört, eine Ordnung wird, eine, die verknappt, den Wert bei wenigen sammelt und die anderen um ihre Möglichkeiten bringt.
Popitz zeigt die eine Hälfte: wie sich Macht festsetzt, bis sie aussieht wie Natur. Mich treibt die andere um. Wenn Knappheit gemacht wird, lässt sie sich dann auch wieder auflösen? Lässt sich die Fülle erhalten, die uns als Knappheit verkauft wird?
Wer genau hinsieht, findet neben dem Mainstream etwas anderes: Modelle, ganze Sätze von Prinzipien, an denen man ablesen kann, dass das Gemeinsame nicht zerfallen muss. Darum sitze ich an diesem Text. Nicht aus Nostalgie für die Allmende. Sondern weil in ihr ein Beweis steckt: Das hierarchisch gebaute, darum ausbeutbare System, das wir Kapitalismus nennen, lässt sich vielleicht nicht aushebeln, aber anders denken.
Nur: Wer das Wort Allmende in den Mund nimmt, bekommt sofort die Gegenrede. Der Mensch beute das Gemeinsame eben aus, so sei er nun mal. Und dann wird, fast reflexhaft, ein Text aufgerufen, der das vor langer Zeit angeblich bewiesen hat. „Die Tragik der Allmende". Schaut man hinter die Fassade, findet man dort kein Stück Wissenschaft. Man findet einen Mann, der seine Überzeugung in ein wissenschaftliches Mäntelchen näht, auf den ersten Blick gekonnt, überzeugend sogar. Auf den zweiten: eine Nebelkerze.
1. Ein Dorf, das in der Theorie nicht vorkommen dürfte
In Törbel, einem Bergdorf im Wallis, liegt eine Provokation. Sie sieht harmlos aus: steile Hänge, Weiden, Wald, Wasserläufe, jahrhundertealte Regeln. Und doch ist dieses Dorf eine Zumutung für jeden, der Adam Smith und seinen Nachfolgern glaubt. Denn es zeigt: Menschen können knappe Ressourcen gemeinsam nutzen, ohne sie zu zerstören.
Die Quellenlage zu Törbel reicht ungewöhnlich lang zurück. Robert McC. Netting untersuchte den Ort in den 1970er Jahren als anthropologisches Fallbeispiel für alpine Landnutzung und kommunale Eigentumsformen (Netting 1972; 1976; 1981). Elinor Ostrom griff diesen Fall später in Governing the Commons auf. Sie beschreibt, dass die Bewohner von Törbel am 1. Februar 1483 formale Regeln für die gemeinsame Nutzung von Alp, Wald und Brachland festhielten. Entscheidend war nicht die romantische Vorstellung, dass „allen alles gehört“. Entscheidend war die Präzision der Regeln: Wer durfte Tiere auftreiben? Wie viele? Wer kontrollierte? Was geschah bei Regelbruch? Welche Rechte waren an einen Haushalt gebunden, und welche an die Fähigkeit, Tiere durch den Winter zu bringen? (Ostrom 1990; Netting 1976).
Diese Winterregel ist der Kern der Institution. Ein Haushalt durfte im Sommer nicht mehr Vieh auf die gemeinsame Alp treiben, als er im Winter aus eigenem Futter durchbrachte. Sicher ist auch in Törbel einmal jemand übermütig geworden und hat zu viele Tiere aufgetrieben. Nur hat man daraus kein spieltheoretisches Schicksal gemacht, nach dem es genau so kommen musste. Man hat eine praktische, einfache Regel entwickelt. Sie verhindert genau das, was die Theorie für unausweichlich hält: dass jeder Einzelne seinen Vorteil maximiert, immer mehr Tiere auftreibt und die Kosten der Übernutzung auf alle abwälzt. In Törbel wurde dieses Problem nicht ignoriert. Es wurde bearbeitet. Die Gemeinschaft schuf Grenzen, Rechte, Pflichten, Kontrolle und Sanktionen.
Törbel ist deshalb kein Idyll. Und es ist kein Beweis dafür, dass Menschen von Natur aus kooperativ sind, auch wenn manche Forscher das gern behaupten. Es ist der Beweis für etwas anderes: dass es Regeln gibt, die Kooperation ermöglichen und sie strukturell festigen. Regeln, Gedächtnis, Öffentlichkeit, wiederkehrende Versammlungen, Sanktionen, eine geteilte Vorstellung davon, was fair ist.
Nicht die Allmende ist tragisch. Tragisch wird sie erst, wenn man sie mit offenem, anonymem Zugriff verwechselt, und aus politischen, machtpolitischen Interessen als Fakt verkauft, dass die Allmende die Menschheit in den Abgrund bringe.
Ein großer Teil moderner Politik und Ökonomie beruht auf genau dieser Verwechslung: Gemeinschaftlich genutzte Ressourcen werden behandelt, als seien sie herrenlos. Daraus folgt dann scheinbar zwingend: Entweder muss der Staat hart regulieren, oder Privateigentum muss die Ressource „retten“. Ostroms Forschung hat gezeigt, dass diese Alternative falsch ist.
Zwischen Staat und Markt liegt ein dritter Raum: die selbstorganisierte, regelgebundene, lokal verankerte Institution.
2. Begriffe: Allmende, Commons, Gemeingut, Open Access
Schauen wir uns die Begriffe an, die für das Gemeinsame stehen und ständig durcheinandergehen:
Die deutsche Allmende bezeichnete historisch gemeinschaftlich genutzte Flächen einer Dorf- oder Nutzungsgemeinschaft: Weiden, Wälder, Wiesen, Wege, Wasser, Ödland. Sie gehörten nicht einfach „niemandem“. Auch gehörten sie nicht notwendig „allen Menschen“. Sie gehörten einer bestimmten Gemeinschaft oder wurden von ihr nach bestimmten Rechten genutzt. Diese Rechte konnten abgestuft sein: Vollbauern hatten andere Ansprüche als Kleinbauern, Häusler, Tagelöhner oder Landlose. Die Allmende war deshalb häufig zugleich inklusiv und exklusiv. Sie schuf Sicherheit für die Mitglieder einer lokalen Ordnung, aber sie definierte auch Grenzen.
Der englische Begriff commons ist breiter. Er bezeichnet nicht nur Land, sondern alle Ressourcen, die gemeinschaftlich genutzt, gepflegt oder reguliert werden können: Weiden, Fischgründe, Bewässerungssysteme, Wälder, Wissensbestände, Software, Daten, Atmosphäre. In der modernen Commons-Forschung spricht man häufig von common-pool resources. Damit sind Ressourcen gemeint, bei denen die Nutzung durch eine Person die Nutzungsmöglichkeiten anderer vermindert, während es zugleich schwierig oder kostspielig ist, Nutzer auszuschließen. Bewässerungskanäle, Fischgründe oder Weiden sind klassische Beispiele (Ostrom 1990; Hess/Ostrom 2007).
Davon zu unterscheiden ist open access: offener, unregulierter Zugriff. Eine überfischte Hochseezone ohne wirksame Regeln ist nicht dasselbe wie eine Fischereigemeinschaft, die Fangzeiten, Geräte, Quoten und Sanktionen selbst festlegt. Eine Waldfläche, aus der jede beliebige Person jederzeit beliebig viel Holz entnehmen darf, ist nicht dasselbe wie ein Gemeindewald mit Nutzungsrechten, Aufsehern und Strafen.
Hardins berühmte Parabel setzt eine offene Weide voraus; historisch funktionierende Allmenden waren aber gerade keine offenen Weiden.
Diese begriffliche Unterscheidung entscheidet über die politische Konsequenz.
Wenn man Allmende mit Open Access verwechselt, erscheint Privatisierung als Rettung.
Wenn man Allmende als Institution begreift, erscheint Privatisierung als eine von mehreren möglichen Governance-Formen, keineswegs immer als die beste.
3. Die Tragik, die als Theorie Karriere machte
Schauen wir uns jetzt den Aufsatz an, den ich oben so scharf diskreditiere. 1968 veröffentlicht Garrett Hardin „The Tragedy of the Commons", und zwar in Science, einem der renommiertesten Journale der Welt. Meiner Meinung nach hätten ihm die drei Peer Reviewer den Text um die Ohren hauen müssen. Hätte ich solche Zirkelschlüsse in eine Hausarbeit geschrieben, mein Professor hätte mich zurück an den Start geschickt. Aber Science ist eine Hausnummer. Was da drinsteht, gilt als Gesetz. Und so wurde dieser Aufsatz zu einem der wirkmächtigsten Texte der Umwelt-, Bevölkerungs- und Institutionenökonomie (Hardin 1968).
Hardins Bild ist einfach. Mehrere Hirten nutzen eine gemeinsame Weide. Jeder Hirt erhält den vollen Nutzen eines zusätzlichen Tieres. Die Kosten der Überweidung verteilen sich auf alle. Also ist es für jeden rational, ein weiteres Tier aufzutreiben. Wenn alle so handeln, wird die Weide zerstört. Hardins berühmte Schlussformel lautet: „Freedom in a commons brings ruin to all“ (Hardin 1968).
Der Gedanke war geliehen. Schon 1833 hatte William Forster Lloyd das Bild der überlasteten Weide entworfen (Lloyd 1833), und es ging ihm nicht um Landwirtschaft, sondern um Bevölkerung. Dort liegt der Schlüssel zu Hardin: Die Mächtigen sollten die Vermehrung der Vielen in Schach halten, ein Gedanke, den wir schon bei Malthus finden.
Wer genau hinsieht, sieht sofort: Der Text handelt nur an der Oberfläche von Kühen und Weiden. Der ganze Abschnitt, in dem er die Allmende zu erklären versucht, ist so kurz, dass ich mich nach dem Lesen gefragt habe, warum sie überhaupt im Titel steht. Dann wird es klar. Mit „Commons" meint er im Grunde alle Ressourcen der Welt, die nur wenigen zur Verfügung stehen sollen, weil der Mensch sich, so seine Sorge, nun mal viel zu sehr vermehre.
Sein eigentliches Thema ist die Fortpflanzung. Die berühmte Schlussformel hat eine selten zitierte Aussage: Auch die Freiheit, sich fortzupflanzen, bringe den Ruin über alle.
Sechs Jahre später, in „Lifeboat Ethics“ (1974), zog Hardin die Konsequenz: Die reichen Länder seien Rettungsboote, die niemanden mehr aufnehmen dürften, ohne selbst zu sinken (Hardin 1974).
Dieses Narrativ hält sich in der rechten Szene bis heute, ungeachtet aller Belege, dass Zuwanderung einem Land, das sie klug steuert, meist sogar nützt. Hardin hat den Grundstein für eine unwissenschaftliche Behauptung gelegt.
Warum ich mich traue das so deutlich zu schreiben? Hardin baute den Aufsatz mit Geld des Pioneer Fund aus, einer Stiftung zur Förderung rassistischer Pseudowissenschaft, saß über Jahrzehnte in den Vorständen der einwanderungsfeindlichen Federation for American Immigration Reform und der als weiß-nationalistisch eingestuften Social Contract Press und war Mitgründer der Californians for Population Stabilization (SPLC o.J.; Mildenberger 2019; Amend 2019). Die Lehre, das Gemeinsame gehe zwangsläufig zugrunde, war nie eine reine Beobachtung über Weiden. Sie war ein Werkzeug, um rassenideologische Narrative zu untermauern.
Und doch ist das Modell damit nicht widerlegt. Sehen wir genauer hin, worauf Hardin baut, ob er vielleicht doch etwas gefunden hat, das wir ernst nehmen müssen.
Beginnen wir mit seiner Behauptung. Sein Hirte ist kein echter Mensch, den er beobachtet hat. Es ist der rechnende Einzelne, der nur den eigenen Vorteil kennt. Ein Konstrukt, das er sich von Adam Smith entlehnt. Das Komische daran: Hardin will Adam Smith ausdrücklich austreiben, „den Geist von Adam Smith“. Doch im selben Atemzug borgt er sich Smiths Menschenbild. Er wirft die Idee weg, die unsichtbare Hand, und behält das Axiom, den eigennützigen Einzelnen. So dreht er sich im Kreis.
Damit die Tragödie zwingend wird, müssen die Hirten unverbunden sein, keiner spricht mit dem anderen, keiner erinnert sich, keiner straft. Erst dann lässt sich der Untergang informell spieltheoretisch durchrechnen; erst diese Vereinzelung macht ihn unausweichlich.
Hardin legt sie als Annahme hinein und holt sie als Ergebnis wieder heraus. Dann verrät er sich selbst. Seine Lösung heißt „gegenseitiger Zwang, von der Mehrheit der Betroffenen vereinbart“. Eine Mehrheit, die etwas vereinbart, das sind genau die redenden, sich einigenden Menschen, die er ein paar Absätze vorher ausgeschlossen hatte. Die Lösung widerlegt die Voraussetzung.
Am sichersten fühlt Hardin sich bei der Natur, und dort täuscht er sich am tiefsten. „In nature the criterion is survival“, schreibt er. Nur kennt die Natur, auf die er sich beruft, kein Grundbuch. Keine Einhegung, keinen Eigentumstitel, keine Zuteilung über Besitz. Sie ist verschwenderisch, Samen, Pollen, Laich, weit mehr als je gebraucht wird. Grenzen hat sie, gewiss. Aber eine Knappheit, die über Besitz zuteilt, ist kein Naturgesetz.
Die muss man erst machen, mit Regeln. Hardin nennt natürlich, was er herstellen will. Als „genetisch geschulter Biologe“ will er sogar das Erbrecht so umbauen, dass die „biologisch Tüchtigeren“ mehr erben. Da fällt die Maske.
Worauf läuft das hinaus? Auf die Forderung, wir müssten die Freiheit, Kinder zu bekommen, aufgeben, und zwar bald. Das ist keine Ökologie mehr. Das ist ein Herrschaftsprogramm, ein alter Reflex, der von Malthus bis in unsere Tage reicht.
Auffällig ist nur eines: Zur Debatte steht nie der Verbrauch der Wenigen oben. Zur Debatte steht immer die Fortpflanzung der Vielen unten. Das ergibt nur Sinn, wenn man oben steht.
Sein Fehler war am Ende nicht nur ein begrifflicher. Es ging ihm nie darum, etwas zu entdecken, er wollte eine Überzeugung untermauern, nicht prüfen. Und in Hardins Parabel gibt es keine Versammlung, keine Geschichte, keine Sanktionen, keine Reputation, keine lokale Öffentlichkeit, keine abgestuften Rechte, keine Konfliktlösung, keine gemeinsame Identität. Es gibt nur isolierte Nutzenmaximierer.
Das ist keine Allmende. Es ist ihr institutioneller Zusammenbruch: ein Open-Access-Szenario, das fälschlich Commons genannt wird, und das Hardin sich noch dazu so zurechtgedreht hat, wie es zu seinem Modell passt.
4. Ostroms Gegenrevolution: Institutionen statt Dogma
Es dauerte Jahrzehnte, bis die Allmende rehabilitiert wurde. Elinor Ostrom fragte nicht theoretisch, sie schaute hin. Statt zu grübeln, was rationale Akteure in einem Modell tun müssten, fuhr sie hin und sah nach: Was tun wirkliche Menschen, wenn sie seit Generationen eine knappe Ressource gemeinsam nutzen müssen?
Was sie fand, war kein einzelner Glücksfall. Bewässerungssysteme in Spanien und auf den Philippinen. Fischgründe in der Türkei und Sri Lanka. Wälder in Japan, Alpweiden in der Schweiz, Grundwasser in Kalifornien. Nicht alle funktionierten, und genau das war ihr Interesse: der Vergleich zwischen dem, was gelingt, und dem, was scheitert. Denn dass eine Allmende auch scheitern kann, ist kein Argument gegen sie. Welche Institution kann das nicht? Es scheitert an schlechter Führung, an äußerem Druck, an Pech. Eine gescheiterte Allmende ist deshalb nicht der Maßstab. Der Maßstab sind die Bedingungen, unter denen ein gemeinsam genutztes Gut eben nicht zerstört wird. Genau die destillierte Ostrom heraus: acht Designprinzipien für langlebige Gemeingut-Institutionen (Ostrom 1990). Wo Hardin ein Modell hatte, hatte Ostrom Hunderte Fälle.
Ostrom stellte acht Gestaltungsprinzipien auf, die langlebige Gemeingut-Institutionen teilen (Ostrom 1990):
- Klare Grenzen. Es muss feststehen, wer zur Nutzergemeinschaft gehört und wo die Ressource anfängt und aufhört. Ohne diese Grenze lässt sich der Trittbrettfahrer nicht vom Berechtigten unterscheiden, und die Allmende kippt in den offenen Zugriff, vor dem Hardin warnte.
- Passung von Regeln und Ort. Wie viel jeder entnehmen darf, wann und womit, muss zur konkreten Ökologie passen, und wer mehr Nutzen zieht, trägt mehr Aufwand. Eine Regel, die aus Nutzen und Last ein faires Verhältnis macht, hält; eine Regel von außen, die das verfehlt, wird unterlaufen.
- Mitbestimmung der Betroffenen. Wer den Regeln unterworfen ist, darf sie mitgestalten und ändern. Selbst gegebene Regeln werden befolgt, verordnete umgangen.
- Monitoring. Die Einhaltung wird beobachtet, und zwar von Leuten, die den Nutzern rechenschaftspflichtig sind, oft von den Nutzern selbst. Kontrolle ist hier kein Misstrauen, sondern die Bedingung von Vertrauen.
- Abgestufte Sanktionen. Der erste Verstoß kostet wenig, der wiederholte mehr. Die Strafe eskaliert mit Schwere und Hartnäckigkeit, statt beim ersten Fehltritt zu vernichten. So bleibt die Gemeinschaft sanktionsfähig, ohne zu zerbrechen.
- Zugängliche Konfliktlösung. Es gibt schnelle, billige Foren, in denen Streit beigelegt wird, bevor er die Institution sprengt. In der valencianischen huerta tagt das Wassergericht bis heute wöchentlich, mündlich, vor der Kathedrale.
- Anerkanntes Recht auf Selbstorganisation. Übergeordnete Instanzen, vor allem der Staat, erkennen das Recht der Gemeinschaft an, eigene Regeln zu setzen. Wo der Staat es verweigert und die lokale Ordnung übergeht, zerfällt sie.
- Verschachtelte Ebenen. Große Systeme bestehen aus ineinandergreifenden Einheiten, vom lokalen Nutzerkreis bis zur überregionalen Ebene, die einander kontrollieren und ergänzen. Das ist gemeint, wenn Ostrom von polyzentrischer Governance spricht.
Randbemerkung. Als ich diese Prinzipien las, dachte ich: Genau so funktionieren selbstorganisierte, agile Organisationen. Man kann Teams und Firmen nach denselben Regeln bauen. Damit bin ich nicht der Erste, Ostrom selbst hat die Prinzipien später, mit David Sloan Wilson und Michael Cox, über die Allmende hinaus verallgemeinert, ausdrücklich auf Gruppen und Organisationen (Wilson/Ostrom/Cox 2013); daraus ist eine eigene Praxis für Teams und Firmen geworden (Atkins/Wilson/Hayes 2019).
Damit rückt eine zweite Idee in Reichweite: Unternehmen, die sich selbst gehören, eine Allmende für die, die in ihnen arbeiten. Heute heißt das Verantwortungseigentum, wie es Zeiss, Bosch, Patagonia oder Ecosia praktizieren. Die Kontrolle liegt bei denen, die im Unternehmen arbeiten und Verantwortung tragen; die Anteile sind unverkäuflich und unvererbbar, und der Gewinn dient dem Zweck, nicht der Entnahme (Purpose Stiftung o.J.). Das ist, genau besehen, eine Firma, die gegen ihre eigene Einhegung gebaut ist: gegen den Verkauf, gegen das Ausschlachten, und in der es keinen Sinn ergibt, Aktien zurückzukaufen, statt zu investieren.
Die Pointe jedoch steckt schon im Nobelpreis selbst. Der Wirtschaftsnobelpreis 2009 ging zur einen Hälfte an Ostrom für die Allmende, zur anderen an Oliver Williamson für die Grenzen des Unternehmens. Das selbstbesessene Unternehmen ist der Ort, an dem beide Hälften zusammenfallen. Ob sich Ostroms Prinzipien systematisch in eine Verfassung solcher Firmen übersetzen lassen, ist offen. Aber die Parallele ist zu deutlich, um sie zu übersehen, und vielleicht liegt hier die Chance, die Allmende endlich mitten in die Wirtschaft zu holen, statt sie in der Geschichte zu lassen.
Ostrom dachte deshalb nicht in der Alternative „Markt oder Staat“. Sie dachte in Ordnungen mit mehreren Entscheidungszentren. Lokale Nutzergruppen, Gemeinden, Verbände, Gerichte, Verwaltungen und staatliche Ebenen können einander kontrollieren, ergänzen oder blockieren. Gute Governance entsteht nicht automatisch durch Dezentralisierung. Aber sie entsteht auch nicht automatisch durch Zentralisierung. Sie entsteht durch die Passung von Regel, Ressource, Wissen, Kontrolle und Legitimität.
2009 erhielt Ostrom als erste Frau den Wirtschaftsnobelpreis, ausgezeichnet für ihre Analyse ökonomischer Governance, besonders der Allmende. Die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften brachte ihren Befund auf eine Zeile: Gemeineigentum lasse sich „successfully managed by user associations“, erfolgreich durch Nutzervereinigungen verwalten (Nobel Committee 2009). Damit forderte die Akademie ausdrücklich die Schulweisheit heraus, wonach das, was allen gehört, von niemandem gepflegt werde und deshalb privatisiert oder zentral reguliert werden müsse, zusammengefasst in Ostroms Nobelvorlesung „Beyond Markets and States“ (Ostrom 2010).
Romantisch war ihr Befund nie. Gemeineigentum, schrieb Ostrom mit Margaret McKean, sei „shared private property“, geteiltes Privateigentum mit klaren Mitgliedschaften, gerade kein herrenloser Zugriff (McKean/Ostrom 1995). Eine spätere systematische Auswertung von etwa hundert Fallstudien bestätigte, dass ihre Designprinzipien empirisch tragen, solange man sie nicht mechanisch als Checkliste missversteht (Cox/Arnold/Villamayor-Tomás 2010).
Damit verschiebt sich die Frage. Nicht: Warum scheitert die Allmende zwangsläufig? Sondern: Unter welchen institutionellen Bedingungen gelingt gemeinschaftliche Ressourcennutzung?
Und damit steht die unbequemere Frage im Raum: Wenn das Gemeinsame nicht zerfallen muss, wer zerstört dann die Bedingungen, unter denen es hält? Und warum?
Ausblick zu Teil 2: Er führt zu den Zäunen, die im England des 18. Jahrhunderts durch die Felder gezogen wurden, und zu der sanfteren, deutschsprachigen Variante desselben Vorgangs, die man Befreiung nannte.
Literaturverzeichnis (Teil 1)
Amend, Alex (2019): „First as Tragedy, Then as Fascism.“ The Baffler, 29. Juli 2019.
Atkins, Paul W. B.; Wilson, David Sloan; Hayes, Steven C. (2019): Prosocial: Using Evolutionary Science to Build Productive, Equitable, and Collaborative Groups. Oakland: New Harbinger.
Cox, Michael; Arnold, Gwen; Villamayor-Tomás, Sergio (2010): „A Review of Design Principles for Community-based Natural Resource Management.“ Ecology and Society 15(4), Art. 38.
Hardin, Garrett (1968): „The Tragedy of the Commons.“ Science 162(3859), 1243–1248.
Hardin, Garrett (1974): „Lifeboat Ethics: The Case Against Helping the Poor.“ Psychology Today 8.
Hess, Charlotte; Ostrom, Elinor (Hg.) (2007): Understanding Knowledge as a Commons: From Theory to Practice. Cambridge, MA: MIT Press.
Lloyd, William Forster (1833): Two Lectures on the Checks to Population. Oxford: S. Collingwood.
McKean, Margaret A.; Ostrom, Elinor (1995): „Common Property Regimes in the Forest: Just a Relic from the Past?“ Unasylva 46(180), 3–15.
Mildenberger, Matto (2019): „The Tragedy of the Tragedy of the Commons.“ Scientific American, 23. April 2019.
Netting, Robert McC. (1972): „Of Men and Meadows: Strategies of Alpine Land Use.“ Anthropological Quarterly 45(3), 132–144.
Netting, Robert McC. (1976): „What Alpine Peasants Have in Common: Observations on Communal Tenure in a Swiss Village.“ Human Ecology 4, 135–146.
Netting, Robert McC. (1981): Balancing on an Alp: Ecological Change and Continuity in a Swiss Mountain Community. Cambridge: Cambridge University Press.
Nobel Committee / Royal Swedish Academy of Sciences (2009): The Sveriges Riksbank Prize in Economic Sciences in Memory of Alfred Nobel 2009. Press Release & Scientific Background. Stockholm.
Ostrom, Elinor (1990): Governing the Commons: The Evolution of Institutions for Collective Action. Cambridge: Cambridge University Press.
Ostrom, Elinor (2010): „Beyond Markets and States: Polycentric Governance of Complex Economic Systems.“ American Economic Review 100(3), 641–672.
Popitz, Heinrich (1992): Phänomene der Macht. Autorität – Herrschaft – Gewalt – Technik. 2. Aufl. Tübingen: Mohr Siebeck.
Wilson, David Sloan; Ostrom, Elinor; Cox, Michael E. (2013): „Generalizing the Core Design Principles for the Efficacy of Groups.“ Journal of Economic Behavior & Organization 90(Suppl), S21–S32.