Ich war sechs

Ein Interview mit Carsten Stahl hat mich betroffen gemacht. Warum mich Gewalt gegen Kinder persönlich trifft — und warum ein reiches Land seine Schwächsten trotzdem nicht schützt.

Teilen
Bleistift-Illustration: ein kleines Kind steht allein in einem dämmrigen Raum, das einzige warme Licht kommt aus einer angelehnten Tür.
Idee Boris Gloger | Umsetzung Nano Banana

Ich war sechs.

Ich komme nach Hause, es ist dunkel. Früher Herbst, die Sonne geht schon zeitig unter. Meine Mutter reißt die Tür auf, panisch, ich soll sofort in mein Zimmer. Mein Vater sei wütend, er suche mich in der ganzen Stadt. Ich lege mich ins Bett und versuche, so still zu sein, dass es mich nicht gibt. Ich muss eingeschlafen sein.

Dann Krach. Er reißt mich aus dem Bett, brüllt mich zusammen, zieht den Gürtel aus der Hose und drischt auf mich ein. Der Grund: Ein sechsjähriges Kind war nicht rechtzeitig heimgekommen. Ein Kind, dem man beigebracht hatte, seinen Kram möglichst allein zu regeln.

Das ist die letzte echte Erinnerung an meinen Vater im Haus. Meine Mutter hat ihn danach rausgeworfen. Die Schläge hat sie nicht verhindert — später hat sie selbst zugeschlagen, heftig.

Ich erzähle euch das, weil ich gestern ein Interview gesehen habe, das mich betroffen gemacht hat: Carsten Stahl im Podcast SCARS. Ich kann ihn auf vielen Ebenen nachvollziehen. Ich kenne die Zahlen. Ich habe mich jahrelang damit beschäftigt, wie Frauen in der Häuslichkeit leiden. Ich habe im Zivildienst als Kindergärtner gesehen, wie Eltern mit ihren Kindern umgehen. Ich sehe es auf Spielplätzen, im Bus, im Supermarkt, bei Bekannten, bei netten Leuten.

Versteht mich nicht falsch. Jeder ist mal genervt von seinen Kindern. Das ist normal, darum geht es nicht. Es geht um systematische Gewalt von Erwachsenen gegen Kinder. Systematisch heißt: Man behandelt das Kind nicht als Gegenüber, sondern als Anhängsel, das zu funktionieren hat. Deutschland und Österreich haben das institutionalisiert.

Machen wir uns nichts vor. Ein Bildungssystem, das so schlecht ist, dass Lehrerinnen an Grundschulen sich zusammenschließen und sagen: Wir müssen endlich etwas tun. Ein Land, reich genug, um Waffensysteme für hunderte Milliarden zu finanzieren, das viertgrößte Militärbudget des Planeten — und es bringt keine wirksamen Gesetze gegen Kinderarmut zustande. Keines, das Gewalt gegen Kinder wirklich verbietet. Kein Sicherungssystem für die, die sich nicht wehren können.

Stahl übertreibt, sagt man. Eigentlich nicht. Er stellt es dramatisch dar, damit Menschen aufwachen. Das Einzige, was man ihm vorwerfen kann, ist die Art, wie er Leute angeht — meiner Erfahrung nach hilft das selten. Aber wer genau hinsieht, weiß, wovon er spricht. Und wer seine Wut spürt, erkennt darin etwas wieder: meine eigene Wut über Gewalt gegen Kinder. Sie regt mich jedes Mal neu auf.

Deshalb ist das hier nur ein Hinweis. Schaut euch das Interview an. Einen längeren Essay schreibe ich noch, der das anders fasst.

Seinen Aufruf unterstütze ich vollständig. Wir müssen als Gesellschaft endlich anfangen, unsere Kinder zu respektieren. Kinderschutz muss eine Priorität in unseren Ländern sein.