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Connecting the Dots

Die Arbeit, die nicht reicht

Die Arbeit, die nicht reicht
Knappheit ist eine politische Entscheidung, kein Naturzustand. Fülle ohne Verteilung ist verwaltete Knappheit. Also nicht umverteilen, sondern bereitstellen, was längst da ist.

Es ist kurz vor fünf, und in dieser Stadt arbeiten schon Menschen. Eine Frau wischt den Bahnsteig, bevor der erste Zug hält. In einer Großküche stehen die ersten am Band, damit um sieben das Frühstück im Krankenhaus steht. Ein Fahrer lädt Pakete, die mittags in Büros getragen werden, in denen jetzt noch niemand sitzt. Wer wissen will, wer eine Gesellschaft trägt, muss früh aufstehen.

Diese Menschen fallen erst auf, wenn sie fehlen. Bleibt der Bahnsteig ungewischt, stockt der Morgen; bleibt die Küche kalt, hat das Krankenhaus ein Problem; kommt das Paket nicht, merkt es am Ende jeder. Neun von zehn Menschen in diesem Land sind abhängig beschäftigt.¹ Das klingt nach Schwäche. Es ist das Gegenteil. Ohne diese neun steht alles still — kein Zug fährt, kein Bett wird bezogen, keine Schule öffnet.

Und anders als vor hundert Jahren verhungert heute niemand mehr, der die Arbeit niederlegt. Der Sozialstaat ist, ohne dass wir ihn so nennen, die Streikkasse der ganzen Gesellschaft. Die materielle Bedingung, an der frühere Generationen scheiterten, ist erfüllt: Die Vielen könnten. Sie tun es nur fast nie.

Hier verläuft die Linie, die unsere Gesellschaft wirklich teilt. Nicht „reich gegen arm", das ist zu grob und lädt zum Mitleid ein. Die Linie läuft zwischen denen, die für ihr Geld arbeiten, und denen, für deren Geld andere arbeiten. Auf der einen Seite, wer seine Lebenszeit gegen Lohn tauscht. Auf der anderen, wer besitzt — und dessen Vermögen die Lebenszeit der ersten in Anspruch nimmt.

Was fehlt, ist also nicht die Macht. Was fehlt, ist die Form, in der sie ausgeübt wird.

Ich habe nie gefragt, was Arbeit ist

Mein erster Job war Krankenpfleger. Zwölfte, dreizehnte Klasse, in demselben Krankenhaus, in dem schon meine Mutter und mein Vater als Pflegekräfte gearbeitet hatten. Danach baute ich Tennisplätze, arbeitete im Kindergarten, wieder in der Pflege, und irgendwann kam ich als Aushilfe bei Electronic Data Systems in die Softwareentwicklung. Arbeit war für mich nie eine Frage. Man arbeitet. Ich habe nicht darüber nachgedacht.

Auch nicht, als ich es an der Universität hätte lernen können. In der Soziologie hörte ich, dass Arbeit eine Institution ist und der Arbeitgeber eine Institution; ich las Marx, und bei Adorno klang an, frei sei am Ende vor allem, wer nicht für Lohn arbeiten muss. Ich nahm es zur Kenntnis und arbeitete weiter. Über das Wesen der Arbeit dachte ich nicht nach — wohl aber, die nächsten fünfundzwanzig Jahre, über ihre Gestalt: wie man Arbeit in Organisationen so einrichtet, dass sie Menschen nicht drangsaliert, sondern Freude macht.

Das war mein Projekt. Schon im Vorwort meines allerersten Scrum-Buchs habe ich geschrieben, warum ich das tue: nicht, um Softwareentwicklung produktiver zu machen, sondern weil die Bewegung mit einem größeren Anspruch angetreten war. Die Scrum Alliance nannte ihn „Transforming the world of work", nicht „Software effizienter bauen".

Ich wollte Menschen aus den Machtverhältnissen der Arbeit herausholen, erst in der Softwareentwicklung, später in ganzen Organisationen. Der Antrieb war Unzufriedenheit: Ich sah, wie kluge, gut ausgebildete Menschen zur Arbeit gingen und keine Freude mehr daran fanden, den Job wechselten in der Hoffnung auf Befriedigung und wieder bei der Langeweile landeten.

Wenn ich die Gesellschaft schon nicht politisch zum Besseren ändern konnte, dachte ich, dann vielleicht die Arbeit.

Doch das reicht nicht — ganz im Sinne von „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen".

Mein Scrum-Buch ist inzwischen in der sechsten Auflage; es hieß einmal „Scrum — Produkte zuverlässig und schnell entwickeln" und heißt heute „Scrum für eine neue Ära" — eigentlich ein neues Buch. Dass wir es trotzdem als Auflage in derselben Reihe herausgebracht haben, dokumentiert beides: die Kontinuität und den Bruch. Der Bruch ist eine Ernüchterung. Die Methode hat die Menschen nicht aus ihren Zwängen geholt, weil die Institution stärker ist als der Einzelne, der sich gegen sie aufbäumt. Die Regeln, die Strukturen, das, was manche Kultur nennen, tragen weiter, was ein neues Verfahren nur an der Oberfläche ändert.

Das bringt mich zu Marx zurück, diesmal nicht zum Lohn, sondern zu einem härteren Satz: Nicht das Bewusstsein bestimmt die Verhältnisse, sondern die Verhältnisse bestimmen das Bewusstsein.

Nicht das Bewusstsein bestimmt die Verhältnisse, sondern die Verhältnisse bestimmen das Bewusstsein.

Wer die Arbeit ändern will, muss die Strukturen ändern, nicht die Einstellung der Einzelnen. Und dazu muss man zuerst fragen, was Arbeit überhaupt ist — an ihrem Ursprung, nicht als Naturtatsache.

Ich rede dabei nicht von der Gartenarbeit, die erfüllt, nicht von der Arbeit des Künstlers, der etwas herstellt, nicht von der Probe für eine Aufführung, in der jemand sich zeigt. Ich rede von der Arbeit in einer Institution, mit der man seinen Lebensunterhalt verdient. In dem Moment, in dem ich für Geld arbeite, bin ich der Institution ausgesetzt.

Was der Lohn verbirgt

Um zu verstehen, warum die Macht, die wir eigentlich haben, ungenutzt bleibt, muss man die selbstverständlichste Sache der Welt für einen Moment unselbstverständlich machen: den Lohn.

Der Lohn erscheint als fairer Tausch. Du gibst Arbeit, du bekommst Geld, der Markt setzt den Preis, fertig. Genau hier sitzt die Naturalisierung, die dieser Essay aufbrechen muss. Denn was getauscht wird, ist nicht „Arbeit", sondern, wie Marx es nannte, Arbeitskraft — die Fähigkeit zu arbeiten, für einen Tag gemietet.² Der Unterschied ist kein akademischer. Die Arbeitskraft hat eine merkwürdige Eigenschaft: Sie produziert mehr Wert, als sie kostet. Ein Mensch arbeitet acht Stunden, bezahlt werden ihm vielleicht fünf. Die anderen drei sind das, woraus Gewinn wird. Der Lohn ist nicht die Hälfte des Tauschs. Er ist der Schleier über ihm.

Das ist die unsichtbare Form von „für deren Geld andere arbeiten". Wer besitzt, arbeitet nicht für sein Geld — sein Geld lässt andere arbeiten, und behält die Differenz. Marlene Engelhorn hat diese Pointe in Wien auf einen Satz gebracht:

Ihr Vermögen, das Vermögen der Reichen, ist nicht ihr Verdienst, es ist die geronnene Arbeit anderer.

Und der Lohn verbirgt noch ein Zweites. Arbeit gibt nicht nur Geld, sie gibt Selbst. Richard Sennett hat beschrieben, wie der flexible Kapitalismus — Befristung, Outsourcing, „kein langfristig" — genau das zersetzt: die Möglichkeit, sich als jemand zu verstehen, dessen Tun zählt und zusammenhängt.³ Die Ausgründung CFM nimmt der Reinigungskraft nicht nur einen Teil des Lohns. Sie nimmt ihr die Zugehörigkeit zu dem Haus, das sie jeden Tag in Stand hält. Sie macht aus einer Charité-Mitarbeiterin eine Mitarbeiterin zweiter Klasse — und das ist keine Metapher, das ist der Geschäftszweck der Konstruktion.

Die Knappheit, die hergestellt wird

Wenn die Macht unten liegt, also bei uns, warum bleibt sie dennoch ungenutzt?

Weil sie kleingehalten wird, mit Methode.

Clara Mattei hat gezeigt: Austerität ist kein Sachzwang, sondern Disziplinierung — Lohnzurückhaltung und Privatisierung halten die Arbeitenden gefügig.⁴ Wer nicht weiß, ob das Gehalt für die Miete reicht, fordert nicht; wer befristet ist, streikt nicht. Die Ausgründung der Charité-Dienste ist diese Methode in Reinform: Dieselbe Arbeit, dasselbe Haus, aber in eine eigene Firma gelegt, damit der Tarif nicht gilt.⁵ Knappheit wird hier nicht gefunden. Sie wird konstruiert, Vertrag für Vertrag.

Die Zahlen dazu sind nüchtern und eindeutig. Jeder sechste Job in Deutschland, der drittgrößten Volkswirtschaft des Planeten, ist ein Niedriglohnjob, rund 6,3 Millionen Beschäftigungsverhältnisse unter der Schwelle.⁶ Ich finde, das ist ein Skandal. Die Tarifbindung ist von achtundsechzig Prozent im Jahr 2000 auf neunundvierzig Prozent gefallen — die Hälfte der Beschäftigten arbeitet heute ohne Tarifvertrag.⁷ Und während man uns erzählt, Deutschland arbeite zu wenig, leisten die Beschäftigten Mehrarbeit, die ihnen niemand bezahlt: 2024 im Schnitt 15,1 unbezahlte Überstunden pro Kopf, mehr unbezahlte als bezahlte.⁸ In einem Land, in dem Arbeit angeblich knapp ist, wird die Hälfte der Mehrarbeit verschenkt.

Das ist, im Kern, ein Streit um Zeit. Jede Herrschaft beansprucht die Zeit anderer Menschen; der Arbeitskampf war immer der Versuch, sich Lebenszeit zurückzuholen.⁹

Die unbezahlte Überstunde ist die kleine, alltägliche, freiwillig erscheinende Form der Enteignung.

„Arbeit ist knapp"?

Und jetzt sagt eine kluge Stimme das Gegenteil. Der Arbeitssoziologe Florian Butollo argumentiert in seinem Buch Das knappe Gut Arbeit, nicht Arbeitslosigkeit, sondern dauerhafte Arbeitskräfteknappheit werde das Strukturmerkmal der Zukunft: Die Demografie entzieht uns Millionen Erwerbstätige, und die alte Angst, die Maschinen nähmen uns die Arbeit weg, sei seit hundert Jahren falsch.¹⁰

Man muss ihm zwei Dinge sofort zugestehen. Erstens: Die KI hat bisher keine Massenarbeitslosigkeit gebracht; Deutschland hatte 2024 mit rund sechsundvierzig Millionen Beschäftigten einen Rekord. Zweitens: Butollo argumentiert von links, er will keine Aktivierung und kein längeres Schuften, sondern Entlastung. Ihn zum Stichwortgeber der Arbeitgeber zu machen, wäre unredlich.

Der Streit liegt woanders, und er hängt an einem einzigen Wort: knapp. Denn was hier „Knappheit" heißt, ist keine physische Tatsache, sondern eine Frage von Preis, Bedingungen und Verteilung. Drei Millionen Menschen stehen in Deutschland in der Stillen Reserve — sie würden gern arbeiten, tun es aber nicht; zusammen mit den Erwerbslosen ergibt das ein ungenutztes Potenzial von rund 4,6 Millionen.¹¹ Fast sechzig Prozent von ihnen sind qualifiziert. Der häufigste Grund, warum Frauen nicht erwerbstätig sind, sind Betreuungspflichten — ein Mangel an Kindergärten, kein Mangel an Arbeitswilligen. Und der vielzitierte „Fachkräftemangel" sitzt genau dort, wo am schlechtesten bezahlt wird: Eine Stelle in der Altenpflege bleibt im Schnitt 162 Tage unbesetzt.¹² Wer den Lohn nicht zahlt, der eine Stelle füllen würde, produziert seinen eigenen Mangel.

Um diesen auf den ersten Blick merkwürdigen Umstand zu erklären bemühen wir den alten Marx: Das Kapital braucht eine Reservearmee — ein Überangebot an Arbeit, das die Löhne unten und die Arbeitenden gefügig hält.¹³ Daraus folgt etwas, das das Knappheits-Narrativ auf den Kopf stellt: Würde Arbeit wirklich knapp, verschöbe sich die Macht zu den Arbeitenden. Sie könnten fordern, ohne ersetzbar zu sein. Und genau deshalb arbeitet die Politik daran, die Reserve wieder aufzufüllen, bevor diese Macht wirkt: Rente mit siebzig, Aktivierungsdruck, gesteuerte Zuwanderung. Das Reden von der „knappen Arbeit" ist auch ein Mittel, die Lohnmacht der Knappheit zu neutralisieren, bevor sie ankommt. Nicht zu wenig Arbeitskraft ist das Problem. Sie ist falsch bewertet und falsch verteilt, und diese Knappheit ist, wie wir durch die vielen Interviews, die Mattei mit Wissenschaftler:innen führt, durch den Staat, also im Grund durch uns selbst hergestellt. Der Staat stützt den Kapitalismus.

Im politischen Alltag klingt das lauter, und Bundeskanzler Friedrich Merz hat es auf eine Formel gebracht: Mit Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance werde sich der Wohlstand des Landes nicht erhalten lassen, wir müssten wieder mehr arbeiten — wie die Schweizer, die im Schnitt rund zweihundert Stunden im Jahr mehr leisten.¹⁴ An der Beobachtung ist etwas dran: Es liegt Arbeit brach, die getan werden müsste. Nur dreht der Satz die Ursache um — er unterstellt, wir arbeiteten zu wenig, weil wir zu bequem seien — während dieselben Beschäftigten 2024 mehr als sechshundert Millionen Überstunden unbezahlt geleistet haben. Der Ruf nach mehr Stunden ist die innenpolitische Variante des Reserve-Auffüllens: Wo man die Reserve nicht durch Zuwanderung oder ein höheres Rentenalter vergrößert, holt man die zusätzlichen Stunden aus denen heraus, die schon da sind.

Darunter liegt eine Frage, die der Historiker David McNally durch die ganze Geschichte der Arbeit verfolgt — von der Sklaverei bis zum Lohnverhältnis: Wem gehört meine Zeit?⁹ Jede Herrschaft beansprucht die Zeit anderer Menschen; der Arbeitskampf war immer der Versuch, sich Lebenszeit zurückzuholen. Die New-Work-Erzählung verspricht, die Zeit gehöre wieder dem Einzelnen. Der Ruf nach mehr Stunden, nach dem Ende der „Work-Life-Balance", beansprucht sie umgekehrt für den Betrieb und das Wachstum. Es ist, im Kern, der alte Streit darüber, wem die Stunden eines Lebens gehören — kein Streit über Fleiß.

Der Lohn, der kein Eigenheim mehr trägt

Es gibt einen Maßstab dafür, ob Arbeit reicht, der härter ist als Miete und Essen: ob aus Arbeit etwas wird, das bleibt. Zwischen etwa 1970 und 2000 konnte ein Facharbeiterlohn ein kleines Haus tragen. Ob der Traum vom Eigenheim sinnvoll war oder nicht, ist dabei gleichgültig; er zeigte etwas anderes: dass Arbeit Vermögen baute. Wer arbeitete, konnte einen bescheidenen Wohlstand ansparen, der ihn und seine Kinder über die nächste Krise trug.

Das ist vorbei, und damit auch der Traum vieler. Der Grund ist nicht, dass die Menschen weniger arbeiten. Seit 2010 sind die Preise für Wohnimmobilien in Deutschland um rund 89 Prozent gestiegen, die Verbraucherpreise nur um etwa 38.¹⁵ Der Lohn, der einmal ein Haus kaufte, deckt heute kaum die Miete dafür. Wer nur arbeitet, kommt nicht mehr mit; wer besitzt, sieht sein Vermögen wachsen, während er schläft. Das reichste Zehntel hält in Deutschland rund zwei Drittel des Nettovermögens, die ärmere Hälfte zusammen kaum mehr als zwei Prozent.¹⁶ Die Trennlinie vom Anfang vertieft sich von selbst: Der Abstand zwischen denen, die für ihr Geld arbeiten, und denen, für deren Geld andere arbeiten, wächst nicht trotz dieser Mechanik, sondern durch sie.

Und wo der Lohn nicht reicht, springt der Staat ein. Rund 800.000 Menschen in Deutschland arbeiten und beziehen trotzdem Bürgergeld; für diese Aufstockung zahlt der Staat etwa sieben Milliarden Euro im Jahr, dazu kommen Wohngeld und Kinderzuschlag.¹⁷ Das ist nötig, und es hält Menschen über Wasser. Aber es tut zweierlei zugleich: Es subventioniert den niedrigen Lohn, statt ihn zu heben, und es schiebt die Lücke ins Private. Die Ökonomin Lena Lavinas hat für den globalen Süden gezeigt, wie ein garantiertes Mindesteinkommen zum Kollateral wird: Der Staat macht die Armen kreditfähig und nimmt der Bank das Risiko ab; was der Transfer nicht deckt, wird geliehen.¹⁸ Bei uns ist die Form milder, die Richtung dieselbe. Der Staat zahlt, damit der niedrige Lohn niedrig bleiben darf, und den Rest borgt man sich. So baut Arbeit kein Vermögen mehr auf, sondern Abhängigkeit — und wer diesen Mechanismus zu Ende denkt, landet in der Dystopie der Science-Fiction. An irgendeinem Punkt werden die Schulden nur noch durch Sklaverei gedeckt werden können.

Wohin das Geld fließt

Und doch hat Butollo in einem Punkt recht, den man ihm nicht nehmen sollte: Wir bräuchten mehr Arbeit, nicht weniger. Die Pflege ist unterbesetzt, die Schulen, der klimagerechte Umbau, die marode Infrastruktur — überall liegt Arbeit, die getan werden müsste und nicht getan wird. Oder seht ihr gerade Arbeitsbrigaden durchs Land ziehen, die Solaranlagen auf die Dächer setzen, um die Klimageräte zu versorgen, die wir in diesem Juni überall bräuchten — in dem Deutschland mit 41,3 Grad den heißesten Junitag seit Beginn der Messungen erlebte?¹⁹ Die Arbeit ist nicht knapp, weil die Hände fehlen. Sie wird nicht geschaffen, weil das Geld woandershin fließt.

Man muss nur sehen, wohin: Die vierzig DAX-Konzerne schütten für das Geschäftsjahr 2024 rund vierundfünfzig Milliarden Euro Dividende aus, fast die Hälfte davon ins Ausland; dazu kaufen sie in Rekordumfang eigene Aktien zurück.²⁰ Ein Aktienrückkauf ist kein Investieren: Das Unternehmen kauft die eigenen Aktien, um den Kurs zu heben — Geld, das in den Wert der Anteile fließt, nicht in Anlagen, Stellen, Produkte. Während das geschieht, fehlen in Deutschland zwischen 2020 und Mitte 2024 Investitionen in Maschinen, Gebäude und Infrastruktur im Wert von rund zweihundertzehn Milliarden Euro.²¹ Das ist die Lücke, in der die Arbeit verschwindet, die wir bräuchten.

Und der Staat, der das ausgleichen könnte, tut das Gegenteil. Kein Land der EU investiert so wenig in seine öffentliche Infrastruktur wie Deutschland: rund 2,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, gegen einen europäischen Schnitt von 3,7.²² Über Jahre hat er mehr Substanz verzehrt, als er neu gebaut hat. Das ist keine Naturgewalt, sondern eine Haltung — dieselbe, gegen die diese ganze Reihe schreibt.

Damit liegt die Diagnose offen, und sie ist einfacher, als das Gerede vom Mangel glauben macht. Das Geld ist da. Die Hände sind da. Die Arbeit ist da. Knapp gehalten wird nur die Macht, sie zusammenzubringen.

Wo die Macht wirklich liegt

Damit sind wir zurück bei dem Satz vom Anfang. Die Macht liegt unten, und sie ist größer, als sie je war.

Über neunzig Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland sind abhängig beschäftigt, in Österreich sind es knapp achtundachtzig.¹ Das heißt: Fast alle, die etwas herstellen, pflegen, transportieren, reparieren, unterrichten, stehen auf derselben Seite der Trennlinie. Ohne sie steht nicht ein Betrieb still, sondern das Land. Vor hundert Jahren war ein Streik ein Hungerrisiko; heute fängt der Sozialstaat den Ausfall ab. Die materielle Bedingung, die Generationen vor uns fehlte, ist erfüllt.

Und doch geschieht wenig. Deutschland und Österreich gehören zu den streikärmsten Ländern überhaupt: rund einundzwanzig Ausfalltage je tausend Beschäftigte in Deutschland, in Österreich nahe null — in Frankreich sind es über hundert.²³ Die Macht ist vorhanden und wird nicht ausgeübt. Das ist die Groteske, von der ich in dieser Reihe schon einmal sprach: nicht Ohnmacht, sondern ungenutzte Macht.

Warum? Weil die Form fehlt. Eine Macht, die sich nicht organisiert, ist keine. Die gefallene Tarifbindung, die Ausgründungen, die Vereinzelung in Befristung und Soloselbständigkeit — all das zielt nicht darauf, die Macht zu brechen, sondern sie zu zerstreuen, sodass sie nie an einem Ort zusammenkommt. Wo sie sich doch sammelt — im Streik —, verschiebt sich etwas: Ausstände erzwingen, was Tarifrunden verweigern.

Was der Staat bereitstellen müsste

Wenn das Geld da ist, die Hände da sind und die Macht da ist, dann ist die Lösung keine Geheimwissenschaft. Sie ist eine Entscheidung. Doch unsere Politiker treffen sie gegen uns: Statt zu ermöglichen, halten sie uns im Mangel. Es wäre dieselbe Bewegung wie beim Thema Schule: bereitstellen, was längst möglich ist.

Das Erste ist die Form, in der die Vielen ihre vorhandene Macht ausüben können. Eine Tarifbindung, die wieder die Regel ist, statt der Ausnahme. Ein Streikrecht, das nicht als Störung gilt, sondern als das, was es ist: die demokratische Grundtätigkeit von Menschen, die ihre eigene Lage gestalten. Eine öffentliche Hand, die ihre Dienste nicht in Tochterfirmen auslagert, um den eigenen Tarif zu unterlaufen. Das ist kein Umverteilen von oben nach unten. Es ist das Bereitstellen einer Form, in der die Macht, die schon da ist, sich endlich zeigen darf.

Das Zweite ist die Ausbildung. Menschen ausbilden, statt sie in Armut und ohne Abschluss zu halten — denn ein gut ausgebildeter Mensch ist keine Last, er ist ein zusätzlicher Arbeitsplatz. Dass die Austeritätspolitik genau das unterlässt, ist kein Versehen: Wer Bildung verknappt, hält Menschen verfügbar und billig.

Das Dritte ist ein Hebel, der selten genannt wird, und er ist der stärkste. Der Staat muss höhere Löhne nicht nur per Gesetz verordnen und der Wirtschaft überlassen, die sich dann empört. Er kann seine eigenen Tätigkeiten — Brücken und Schulen, Ämter und Krankenhäuser, Kindergärten, Bibliotheken, Bäder, Universitäten, Museen — so gut bezahlen, dass die private Wirtschaft mithalten muss. Geld ist dafür nicht die Grenze; knapp sind nicht die Euro, sondern die realen Ressourcen, vor allem die Hände.²⁴ Ökonomen nennen das eine Jobgarantie, einen staatlichen Lohnanker, an dem der private Lohn sich nach oben ausrichtet.²⁵ Es trägt, solange Arbeit brachliegt, die man aktiviert; zahlt der Staat über die vorhandenen Kräfte hinaus, schlägt es in Inflation um — die Grenze ist die Ressource, nicht das Geld.

Und der hohe Lohn tut noch etwas, das der üblichen Wirtschaftslogik zuwiderläuft. Diese will Arbeit immer billiger machen, notfalls durch Maschinen ersetzen — sollen sie. Denn hohe Löhne zwingen eine Volkswirtschaft, erfinderisch zu werden, statt sich auf billige Hände zu verlassen. Die Idee ist alt: Schon die britische Industrialisierung erklärt der Wirtschaftshistoriker Robert Allen damit, dass teure Arbeit den Anreiz schuf, arbeitssparende Maschinen zu bauen.²⁶ Ein Automatismus ist das nicht, und es ist umstritten; es trägt nur, wenn die Nachfrage hält und die freigesetzten Menschen wieder Arbeit finden — wofür es erneut den öffentlichen Lohnanker bräuchte. Zusammen aber ergäbe es ein bewegliches Gleichgewicht: Der hohe Lohn erzwingt die Innovation, die Innovation trägt den hohen Lohn.

Und schließlich gehört dazu, ehrlich über die Herkunft der Hände zu sprechen. Deutschland und Österreich haben Arbeitsknappheit schon einmal so bekämpft: Sie warben in den sechziger und siebziger Jahren Arbeitskräfte aus dem Ausland an — nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern weil die Wirtschaft sie brauchte; gedacht war das als Provisorium, später wollte man sie sogar zur Rückkehr bewegen.²⁷ Heute ist der Mangel wieder da, und zugleich gibt es viele Menschen, die hier lernen, studieren, eine Ausbildung machen würden. Es gibt Asylsuchende, denen wir das Arbeiten verbieten, statt sie auszubilden. Der Aufwand ist real, niemand bestreitet ihn; aber er ließe sich stemmen, wenn wir wüssten, wozu. Ein Teil der Knappheit, über die wir klagen, ist eine, die wir selbst herstellen, indem wir willige Hände nicht arbeiten lassen. Das ist keine Frage der Herkunft, sondern der Verteilung — wer arbeiten darf, und wer die Hände knapp hält.

Dass das gelingt, ist keine Theorie, es ist Erinnerung. In meiner Kindheit, in den siebziger Jahren, war eine meiner besten Freundinnen die Susi, die Tochter eines persischen Kochs; und es gab den Ahmet, dessen Vater Arzt war, in genau dem Krankenhaus, in dem meine Mutter als Krankenschwester arbeitete. Das Wissen war da, es wurde genutzt, und es war normal. Wir müssten diese Tradition nur wieder als das sehen, was sie ist: keine Bedrohung, sondern eine Ressource.

Und es muss aufhören, dass die Würde eines Lohns von der nächsten Tarifrunde abhängt. Ob ein Lohn zum Leben und zu einem kleinen Polster reicht, gehört in den Boden eingezogen: ein Mindestlohn, der hoch genug ist, dass Arbeit selbst einen bescheidenen Wohlstand trägt — in Europa deutlich höher, als die heute übliche Marke von sechzig Prozent des Medianlohns es vorsieht.²⁸ Bleibt er darunter, können die Vielen nie das Vermögen aufbauen, das sie bräuchten, um mit steigenden Vermögenspreisen Schritt zu halten. Der Abstand wächst dann in jedem Jahr, in dem nichts geschieht.

Was fehlt, ist die Form

Aber die Form reicht weiter als Tarif, Lohn und Gesetz. Wir stehen in der größten Transformation der Arbeit seit Langem; die Künstliche Intelligenz verändert, was Arbeit überhaupt ist. Sie ist nicht die Lösung — das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass Arbeit sich ohnehin wandelt, und die einzige Frage, die zählt, ist, ob die Institutionen, die Arbeit herstellen, dabei den Menschen im Blick behalten, der sie tut.

Dass es anders geht, ist keine Theorie. Es gibt Unternehmen im Verantwortungseigentum, die sich selbst gehören, in denen der Gewinn dem Zweck und den Menschen dient, statt von außen abgezogen zu werden. Es gibt Genossenschaften und Kollektive, deren Idee bis zu Antonio Gramscis Räten zurückreicht: dass die, die eine Arbeit verrichten, auch darüber mitbestimmen, was sie wert ist. Bereitstellen heißt hier, diese Formen vom Rand in die Mitte zu holen — Eigentum und Entscheidung so zu bauen, dass Arbeit von denen bewertet wird, die sie tun.

Selbst die Solidarität muss man dafür gegen den Strich bürsten. Die solidarische Landwirtschaft ist ein schönes Experiment und für ihre Erzeuger trotzdem oft prekär, weil das Modell verkehrt herum gedacht ist: Die Verbrauchergruppe legt fest, was sie braucht, und weil sie selbst knapp denkt, kalkuliert sie das Nötigste. Ein Bauer in einer klassischen Genossenschaft darf wohlhabend sein und will es auch; er will einen guten Preis für das, was er herstellt. Solange die Solidarität nur die Not teilt und nicht den Anspruch, bleibt sie im Knappheitsdenken stecken.

Deshalb sitzt der tiefste Wandel nicht in der Regel, sondern im Kopf. Solange ich mich als Lohnempfänger verstehe, als jemand, dem ein Preis für seine Zeit gezahlt wird, bleibe ich der schwächere Teil des Tauschs. Der Satz, der das umdreht, ist der von Marx, nur vorwärts gewendet: Ich werde lohnabhängig bezahlt — aber ich erzeuge den Wert, ich erzeuge den Preis. Wer das von sich weiß, bittet nicht. Er verhandelt.

Und es ist die Wiederentdeckung einer alten Wahrheit darüber, was Arbeit eigentlich ist. Der Anthropologe Marshall Sahlins hat gezeigt, dass es Gesellschaften gab, in denen Status nicht aus dem Haben kam, sondern aus dem Geben — aus dem Beitrag, nicht aus der Position.²⁹ Hannah Arendt hat den Menschen davor gewarnt, sich auf das animal laborans zu reduzieren, das bloße Arbeitstier, das nur konsumiert und sich verbraucht; neben dem Arbeiten steht das Herstellen und das Handeln, das Sichtbarwerden unter anderen.³⁰ Wer im Arbeitskampf das Wort ergreift, ist genau das: nicht Bittsteller, sondern Bürger, der öffentlich gestaltet — einer, der nicht um Mitleid bittet, sondern von einer Macht berichtet, die er ausgeübt hat.

Die Fülle, von der diese Reihe spricht, ist hier mit Händen zu greifen. Sie ist nicht knapp, die Arbeit. Es gibt sie im Überfluss, und es gibt die Hände, sie zu tun, und die Mittel, sie anständig zu bezahlen. Was als Knappheit erscheint, ist die Form, in der eine bestimmte Ordnung verhindert, dass diese Fülle zusammenkommt. Und genau das wird so gewollt — und das dürfen wir nicht mehr zulassen!

Ein einziger durchgesetzter Streik macht ein paar hundert Euro und ein anderes Leben möglich. Man stelle sich vor, was die ganze, unzerstreute, organisierte Macht der neun von zehn möglich machen würde.

Das aber führt zur letzten Frage dieser Reihe, der schwersten. Denn solange die Vielen glauben, der Ausweg sei der eigene Aufstieg — heraus aus der Mehrheit, hinein in das knappe Oben —, werden sie ihre gemeinsame Macht nie ausüben. Sie werden um Plätze konkurrieren, statt die Bedingungen zu ändern, unter denen es überhaupt knappe Plätze gibt. Das Aufstiegsversprechen – und ich habe bereits gezeigt, dass dieses Versprechen eine Fata Morgana ist – ist nicht die Auflösung der Knappheit. Es ist das Medium, in dem sie in jedem einzelnen Leben weiterläuft. Davon handelt der letzte Essay.


Anmerkungen und Belege

1. Deutschland 2024: rund 42,3 Mio. abhängig Beschäftigte gegenüber 3,77 Mio. Selbständigen — etwa 91,8 % aller Erwerbstätigen (IAB-Arbeitszeitrechnung 2024). Österreich 2024: 3,94 Mio. unselbständig Beschäftigte, 87,8 % der Erwerbstätigen (Statistik Austria, Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung).

2. Karl Marx, Das Kapital, Band 1 (1867): Der Arbeiter verkauft nicht „Arbeit", sondern seine Arbeitskraft. Deren Gebrauch schafft mehr Wert, als ihre Reproduktion (der Lohn) kostet — der Unterschied ist der Mehrwert. Der Lohn erscheint als gerechter Tausch und verdeckt damit das Verhältnis, das er begründet.

3. Richard Sennett, Der flexible Mensch (engl. The Corrosion of Character, 1998): Der flexible Kapitalismus mit seiner Devise „kein langfristig" zersetzt Loyalität, Vertrauen und die erzählbare Kohärenz eines Arbeitslebens. Vgl. auch Handwerk (The Craftsman, 2008): die Würde, eine Sache um ihrer selbst willen gut zu machen.

4. Clara Mattei, The Capital Order (2022, dt. Die Ordnung des Kapitals): Austerität — Lohnzurückhaltung, Privatisierung, Rückwurf auf den privaten Arbeitsmarkt — ist kein ökonomischer Sachzwang, sondern ein politisches Instrument zur Disziplinierung der Arbeit. Vgl. Essay 3 und 4 dieser Reihe.

5. CFM — Charité Facility Management GmbH, 2006 ausgegründete 100-%-Tochter der Berliner Charité mit Niedrigtariflöhnen, rund 3.000 Beschäftigte in Reinigung, Küche, Logistik und Technik. Der Streik 2025 (ver.di, rund 48 Tage, Tarifabschluss 6.6.2025) erkämpfte je nach Lohngruppe 200 bis 1.000 Euro mehr im Monat, mit stufenweiser Angleichung an den TVöD-K bis 2030. Die persönliche Szene (Agnieszka Jastrzębska, re:publica 26) trägt der Essay „Die Familie, die nicht trägt" dieser Reihe.

6. Deutschland, April 2024: rund 16 % der Beschäftigungsverhältnisse (ca. 6,3 Mio.) unter der Niedriglohnschwelle von 13,79 € brutto/Stunde (Statistisches Bundesamt). Österreich: kein gesetzlicher Mindestlohn; rund 95 % der Beschäftigten sind durch Kollektivverträge gedeckt, dennoch verdienen etwa 20 % (~800.000) unter dem KV-Richtwert von 2.000 € brutto (ÖGB).

7. Tarifbindung in Deutschland: von 68 % (2000) auf 49 % (2023) der Beschäftigten in tarifgebundenen Betrieben gesunken (IAB-Betriebspanel).

8. IAB-Arbeitszeitrechnung 2024: im Schnitt 13,1 bezahlte und 15,1 unbezahlte Überstunden je abhängig Beschäftigtem — mehr unbezahlte als bezahlte. Die häufig zitierte Gesamtsumme (rund 1,2 Mrd. Überstunden, davon etwa 638 Mio. unbezahlt) ist eine Hochrechnung u. a. des DGB aus diesen Pro-Kopf-Werten, nicht die IAB-Primärzahl. Hinweis: Das Überstundenniveau lag 2024 auf einem mehrjährigen Tief.

9. Zur Tiefenstruktur des Arbeitskampfs als Rückgewinnung von Lebenszeit: Jede Herrschaftsform beansprucht die Kontrolle über die Zeit anderer; Widerstand ist im Kern der Versuch, diese Zeit zurückzuholen. David McNally (Vortrag/Interview „Slavery and Capitalism", mit Clara Mattei; vgl. Blood and Money, 2020) liest die Geschichte der Arbeit — von der Sklaverei bis zur Lohnarbeit — als fortgesetzten Streit darüber, wem die Zeit gehört. Vgl. eigene Zettel z375 (Zeit als Kampffeld) und z374 (Sklaverei als Kapitalismus).

10. Florian Butollo, Das knappe Gut Arbeit. Automatisierung, Arbeitskräftemangel und sozialer Konflikt (edition suhrkamp, 2026; ISBN 978-3-518-12815-2), aufbauend auf einem Aufsatz gleichen Titels (WestEnd 1/2025). These: dauerhafte Arbeitskräfteknappheit statt KI-Arbeitslosigkeit, getrieben v. a. von der Demografie; politische Folgerung von links: Entlastung und sinnvolle Reallokation statt Aktivierung. Butollo ist Professor für Soziologie der digitalen Transformation (Frankfurt; zuvor WZB/Weizenbaum). Die hier vorgebrachte Kritik richtet sich nicht gegen seine politische Absicht, sondern gegen den Begriff der „Knappheit", der die Verteilungs- und Machtfrage verdeckt.

11. Deutschland 2024: rund 3,1 Mio. Menschen in der Stillen Reserve; zusammen mit ~1,5 Mio. Erwerbslosen ein ungenutztes Arbeitskräftepotenzial von etwa 4,6 Mio. Rund 58 % der Stillen Reserve sind mittel oder hoch qualifiziert; häufigster Inaktivitätsgrund bei Frauen sind Betreuungspflichten (Statistisches Bundesamt, Mikrozensus 2024).

12. Die Bundesagentur für Arbeit sieht keinen flächendeckenden Fachkräftemangel, sondern Engpässe in rund 100 von etwa 1.200 Berufen — konzentriert auf Niedriglohn- und Belastungsberufe. Die längsten Vakanzzeiten bestehen u. a. in der Altenpflege (im Schnitt ~162 Tage) sowie in Sanitär/Heizung/Klima (~150 Tage). (BA; DIW, Karl Brenke.)

13. Marx, Das Kapital I: Die „industrielle Reservearmee" — ein strukturelles Überangebot an verfügbarer Arbeitskraft — hält Löhne niedrig und diszipliniert die Beschäftigten. Eine echte, anhaltende Verknappung von Arbeit würde die Verhandlungsmacht zu den Arbeitenden verschieben; politische Maßnahmen (höheres Rentenalter, Aktivierung, gesteuerte Zuwanderung) wirken dieser Verschiebung entgegen. Zur Steuerbarkeit des Angebots: Eine jährliche Nettozuwanderung von rund 400.000 Personen hielte das Arbeitskräfteangebot langfristig konstant (IAB).

14. Friedrich Merz (CDU, seit 2025 Bundeskanzler), CDU-Wirtschaftstag, 13.5.2025: „Wir müssen in diesem Land wieder mehr und vor allem effizienter arbeiten. Mit Viertagewoche und Work-Life-Balance werden wir den Wohlstand dieses Landes nicht erhalten können." Verweis auf die Schweiz (rund 200 Std./Jahr mehr Arbeitszeit als Deutschland). Merz zielt auf eine 40-Stunden-Regelarbeitszeit, deren Verteilung den Tarifparteien überlassen bleiben soll. Gegenrechnung: IAB-Arbeitszeitrechnung 2024 — rund 1,2 Mrd. Überstunden, davon ca. 638 Mio. unbezahlt. (Tagesspiegel; WiWo.)

15. Wohnimmobilienpreise in Deutschland: rund +89 % zwischen 2010 und 2025, bei einer allgemeinen Preissteigerung von etwa 38 % im selben Zeitraum (Destatis-Häuserpreisindex / Statista). Selbstgenutztes Wohneigentum stieg seit 2007 etwa 16 Prozentpunkte stärker als die verfügbaren Einkommen; allgemein wachsen Vermögenseinkommen schneller als Arbeitseinkommen (Piketty: r > g). Die Reallöhne erholten sich erst zuletzt wieder (2025 +1,9 %).

16. Vermögensverteilung in Deutschland: Das reichste Zehntel hält je nach Schätzung rund 60–67 % des Nettovermögens (PHF-Untergrenze 55 %), die ärmere Hälfte zusammen weniger als 2–3 %. Deutschland gehört zu den ungleichsten Ländern Europas (DIW; Hans-Böckler-Stiftung; Wirtschaftsdienst 2024).

17. Rund 800.000 Erwerbstätige bezogen 2024/25 ergänzend Bürgergeld („Aufstocker", etwa ein Fünftel der erwerbsfähigen Leistungsberechtigten); die Kosten lagen 2024 bei rund 7 Mrd. Euro. Die Zahl war von 1,4 Mio. (2010) auf unter 800.000 (2023) gefallen und 2024 erstmals wieder leicht gestiegen (Bundesagentur für Arbeit; IW Köln 2025). Hinzu kommen Wohngeld und Kinderzuschlag.

18. Lena Lavinas, The Takeover of Social Policy by Financialization. The Brazilian Paradox (2017); FREE-Interview 2026 (im Gespräch mit Clara Mattei). These: Im globalen Süden wird der staatlich garantierte Mindesteinkommens-Transfer zum Kollateral, das die Armen kreditfähig macht und die privaten Gläubiger ent-risikiert. Das deutsche Pendant (Aufstockung) ist milder, die Richtung dieselbe — Lohnsubvention plus Verschiebung der Lücke ins Private. Vgl. eigene Zettel z1075/z1076.

19. Am 26. Juni 2026 maß der Deutsche Wetterdienst in Saarbrücken-Burbach 41,3 °C — der heißeste Junitag seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in Deutschland (bisheriger Juni-Rekord 39,6 °C, Bernburg 2019); zugleich war es die wärmste Nacht seit Messbeginn. Der Juni 2026 lag im Mittel rund 2,9 °C über dem Klimamittel 1961–1990 (DWD). Europaweit lagen die Temperaturen laut Copernicus/ECMWF zeitweise 3 bis 10 °C über dem jahreszeitlichen Schnitt; es war einer der fünf wärmsten Junimonate seit Messbeginn (Copernicus Climate Change Service; WMO). Quellen: DWD/t-online (26.6.2026); Copernicus C3S.

20. Die 40 DAX-Konzerne schütteten für das Geschäftsjahr 2024 rund 54 Mrd. Euro Dividenden aus, knapp die Hälfte davon an Anleger im Ausland (EY-Analyse 2024; DAS INVESTMENT). Zusätzlich kaufen DAX-Konzerne seit einigen Jahren in Rekordumfang eigene Aktien zurück; ein Rückkauf hebt den Kurs und begünstigt die Eigentümer, ist aber keine Investition in Produktion oder Beschäftigung. Die genauen Aggregatzahlen zu Rückkäufen schwanken je nach Quelle und Stichtag.

21. Institut der deutschen Wirtschaft (IW): Zwischen 2020 und dem ersten Halbjahr 2024 summieren sich die ausgefallenen Investitionen in Produktionsanlagen, Maschinen, IT, Gebäude und Infrastruktur in Deutschland auf rund 210 Mrd. Euro (allein im ersten Halbjahr 2024 weitere ~40 Mrd.).

22. Öffentliche Investitionen in Deutschland liegen im langjährigen Schnitt bei rund 2,1 % des BIP gegenüber einem EU-Durchschnitt von etwa 3,7 % — der niedrigste Wert in der EU; die öffentliche Nettoinvestitionsquote war über Jahre negativ (Substanzverzehr). Die niedrigen staatlichen Investitionen werden nicht durch hohe private kompensiert: gesamtwirtschaftliche Investitionsschwäche. Quellen: Wirtschaftsdienst; Hans-Böckler-Stiftung; DIW.

23. Streikintensität im internationalen Vergleich: Deutschland im Mittel 2014–2023 rund 21 arbeitskampfbedingte Ausfalltage je 1.000 Beschäftigte; Österreich praktisch im Bereich 0–4. Zum Vergleich: Frankreich über 100, Belgien rund 107 (WSI-Arbeitskampfbilanz / Hans-Böckler-Stiftung; ETUI).

24. Modern Monetary Theory: Ein Staat mit eigener Währung kann nicht am Geld scheitern, sondern nur an realen Ressourcen (Arbeit, Material, Kapazität); die echte Grenze ist die Inflation, nicht die Kasse. Stephanie Kelton, The Deficit Myth (2020); L. Randall Wray. In dieser Reihe ausführlich behandelt (vgl. Es gibt keine Knappheit). Eigene Zettel z722, z1055.

25. Die Jobgarantie (Job Guarantee) ist der MMT-Vorschlag eines öffentlichen Beschäftigungsangebots zum festen, existenzsichernden Lohn — ein „Lohnanker": In Aufschwüngen wandern Beschäftigte in besser bezahlte private Stellen ab, in Abschwüngen fängt der Staat sie auf; so stabilisiert das Programm Löhne und Preise. Pavlina R. Tcherneva, The Case for a Job Guarantee (2020), Levy Economics Institute; vgl. eigenen Zettel z431. Wichtige Einschränkung: Der klassische Vorschlag setzt einen festen Lohn-Boden (Anker), kein „maximal lukratives" Bieten nach oben — je stärker der Staat über den Markt hinaus zahlt, desto eher greift die Ressourcen-/Inflationsgrenze.

26. Robert C. Allen, The British Industrial Revolution in Global Perspective (2009): Hohe Löhne plus billige Energie machten in Britannien arbeitssparende Maschinen profitabel — „induzierte Innovation" im Sinne von John Hicks (relative Faktorpreise lenken die Richtung des technischen Fortschritts). Einflussreich, aber umstritten (u. a. Mokyr; Humphries/Stephenson, Mistaken Wages). Ob Arbeitsknappheit Innovation befördert, ist zudem bedingt: nur bei hinreichend arbeitssparender Technologierichtung (Daron Acemoglu, When Does Labor Scarcity Encourage Innovation?, 2010).

27. Anwerbeabkommen ab 1955 (Italien) bis zum Anwerbestopp 1973; die „Gastarbeit" war als befristet gedacht (Rotationsprinzip) und diente dem Arbeitskräftebedarf der Wirtschaft, nicht humanitären Zielen. 1983 zielte eine staatliche „Rückkehrhilfe" sogar auf die Heimkehr. Österreich warb ab 1962 vergleichbar an (u. a. aus der Türkei und Jugoslawien). Dass die Anwerbung ökonomisch, nicht aus Gutmenschentum motiviert war, ist an anderer Stelle ausgeführt.

28. Die EU-Mindestlohnrichtlinie (2022) nennt als Angemessenheits-Referenz 60 % des Brutto-Medianlohns bzw. 50 % des Durchschnittslohns. Die hier formulierte Forderung — ein Mindestlohn, der Vermögensaufbau trägt — liegt deutlich darüber. (Ein Mindestlohn oberhalb des Medians wäre als bindende Untergrenze rechnerisch widersprüchlich, weil dann über die Hälfte darunter läge; gemeint ist ein Boden weit über der heutigen Marke.)

29. Marshall Sahlins, Stone Age Economics (1972): In vielen vormarktwirtschaftlichen Gesellschaften beruht Status auf dem Geben, nicht auf dem Haben — auf dem Beitrag, nicht auf der Position. Das Knappheits-Axiom ist datierbar, ungefähr mit dem Übergang zur Marktgesellschaft (Polanyi).

30. Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben (1958): Unterscheidung von Arbeiten, Herstellen und Handeln. Warnung vor der Reduktion des Menschen auf das animal laborans, das nur arbeitet und konsumiert; das Handeln ist das Sichtbarwerden und Mitgestalten unter anderen.

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