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Connecting the Dots

Der Markt, der immer schon gewonnen hat

Bleistiftzeichnung: Eine Frau zeichnet auf einem Balkon; ihr Papier fließt hinab auf den Marktplatz und wird zu den Wegen zwischen den Ständen.
Jemand hat den Markt gezeichnet, bevor wir ihn betreten.

Eine Stunde und zehn Minuten sind vorbei, als Tilo Jung die Frage stellt, auf die das ganze Gespräch zugelaufen ist. Was ist das, eine geplante Marktwirtschaft?

Tom Krebs, Makroökonom in Mannheim und Mitglied der Mindestlohnkommission, antwortet nicht mit einer Definition. Er antwortet mit einer Beobachtung. Deutschland, sagt er sinngemäß, betreibe längst Industriepolitik: Für die Rüstungsindustrie gebe es gerade alles, für Cleantech nichts.

Das ist seine politische Diagnose, keine Statistik. Aber sie verschiebt die Anordnung, in der wir über Wirtschaft reden. Auf der einen Seite steht dann nicht mehr der Plan und auf der anderen der Markt. Auf beiden Seiten wird geplant, einmal mit Namen und einmal ohne.

Für mich ist das eine bemerkenswerte Beobachtung. Krebs entlarvt damit das Gerede von Politiker:innen, die den ach so „freien Markt" vor sich hertragen und dabei, wie Clara Mattei immer wieder gezeigt hat, nur eine bestimmte Form des Kapitalismus verteidigen: die, die die meisten von uns verarmen lässt.

Planung, die niemand so nennt

Wer ein wenig auf die Geschichte der letzten Jahre schaut, weiß es ohnehin. Die Bundesnetzagentur legt fest, welche Verzinsung ein Netzbetreiber auf sein Eigenkapital verdienen darf, und wir zahlen sie mit jeder Stromrechnung. Der Staat bestellt Panzer, und wer Panzer baut, baut sie für ihn. Er schützt Patente, baut Straßen, rettet Banken, wenn sie fallen.

Jede dieser Entscheidungen lenkt Kapital in eine Richtung. Das ist Planwirtschaft, sie heißt nur anders: Regulierung, Beschaffung, Rettung, Standortpolitik.

Und weil wir sie anders nennen und ihr dazu noch das Etikett „alternativlos" anheften, die Rüstung sei eben alternativlos, sagt kaum jemand laut, was hier geschieht. Der Staat betreibt ganz klar Industriepolitik. Er betreibt sie allerdings nicht im Sinne von uns allen, er betreibt sie im Sinne einiger sehr reicher Menschen.

Fragen wir also: Wer setzt die Richtung? Wer trägt das Risiko? Wer bekommt den Ertrag?

Krebs antwortet am Beispiel der Stromnetze. Er habe dazu eine eigene Studie gemacht, erzählt er, und die Übertragungsnetzbetreiber erzielten zweistellige Renditen, während ihr Risiko nahe null liege, weil der Regulierer es ihnen abnimmt. Der Staat sorgt also dafür, dass einige wenige Anteilseigner fast ohne Risiko Renditen einstreichen, bei denen jede Sparerin vor Neid erblasst. Über die genaue Höhe kann man streiten. Über die Struktur kaum: Der Staat garantiert die Sicherheit, und ein Finanzinvestor kassiert die Prämie für ein Risiko, das er nicht trägt.

Die Frage, die schon entschieden hat

Das alles ließe sich erklären, sagt Krebs, und seine Fachkolleg:innen wüssten es auch, in ihren Fachaufsätzen steht es. In der Talkshow aber schrumpfe die Wirtschaft auf das Modell aus der Einführungsvorlesung: ein Markt, der das Wissen von Millionen bündelt, und ein Staat, der hinterher umverteilt oder in der Krise löscht.

Die meisten Ökonom:innen wüssten das, sagt er. Heiner Flassbeck widerspricht dem seit Jahren, in einer Videofolge nach der anderen. Für ihn wissen es die meisten eben nicht, die Wirtschaftsweisen eingeschlossen. Er nennt die herrschende Ökonomik ein Glasperlenspiel: Wer immer nur den Markt im Kopf hat, sucht hinter allem, was er sieht, einen Markt, den er bloß noch nicht entdeckt hat.

Ich stehe dazwischen. Ich glaube, sie wissen es und wissen es zugleich nicht, und mit den Ökonom:innen ist es wie mit den Physiker:innen. Howard Gardner beschreibt in „Der ungeschulte Kopf", wie man Studierende, die jahrelang Mechanik gelernt und Gleichungen geübt hatten, nach einer ganz alltäglichen Bewegung fragte: nach einer Münze, die man in die Luft wirft. Die meisten antworteten falsch. Sie beschrieben die Bewegung so, wie ein Kind sie beschreiben würde. Gardners Erklärung: Die Theorien, die wir uns als Kinder aus dem Alltag bauen, sind robuster als alles, was wir später lernen. In der Prüfung zählt das Gelernte. Draußen, bei der ersten schwierigen Frage, meldet sich das Kind zurück.

Genau das scheint den Wirtschaftswissenschaftler:innen zu passieren, nur mit einer bitteren Wendung. Ihr Kindermodell ist das aus der Einführungsvorlesung, der Markt, der sich selbst ordnet. Was sie danach gelernt haben, über Macht, Monopole und Nachfrage, steht in ihren Aufsätzen. Vor der Kamera spricht das erste Semester, und es beschreibt einen Markt, den es so nirgends gibt.

Dann erzählt Krebs etwas, das mehr über die deutsche Ökonomie verrät als jede Konjunkturprognose. Selbst Kolleg:innen, die er für offen hält, nähmen die Reformdebatte so an, wie sie gestellt wird.

Wer nach Arbeitsmarktflexibilisierung gefragt wird, schlägt eine kleine Flexibilisierung vor. Dass die Arbeitsplätze bei BASF in Ludwigshafen oder bei Thyssenkrupp in Duisburg an Energiepreisen, Nachfrage und Investitionen hängen, kommt in der Antwort nicht vor, weil es in der Frage nicht vorkam.

Lassen wir diesen Gedanken einen Moment wirken. Wer je ein gut moderiertes Meeting erlebt hat, kennt ihn. Wer moderiert, legt schon mit den Fragen fest, was überhaupt gedacht werden kann. Das Framing steht, bevor die erste Antwort fällt.

Im Film „Focus" von 2015 gibt es dafür eine wunderbare Szene. Will Smith spielt den Trickbetrüger Nicky, BD Wong den reichen Spieler Liyuan Tse. Beim Football-Endspiel wettet Nicky, Tse solle durchs Fernglas irgendeinen Spieler auf dem Feld auswählen, und Nickys Partnerin werde die Rückennummer erraten. Tse wählt die 55 und glaubt, frei gewählt zu haben. In Wahrheit hat ihm Nickys Truppe die Zahl seit seiner Ankunft in New Orleans eingepflanzt, mit kleinen, unauffälligen Hinweisen überall, wo er hinkam.

Aus einem solchen Framing kommt man kaum noch heraus. Dafür bräuchte es eine Metaspur: ein Denken, das mitläuft, das nach dem Machtinteresse hinter der Frage fragt und die Antwort danach ausrichtet.

Wer über Rentenalter und Krankheitstage streitet, hat Eigentum, Energie und Investitionsrichtung bereits aus dem Hauptsatz gestrichen, und er kann das mit dem besten Gewissen tun, denn jede einzelne seiner Antworten ist methodisch sauber.

In den Talkshows geschieht das reihenweise. Da werden Suggestivfragen gestellt und Angriffe gestartet, und die Moderatoren, schauen wir uns nur Markus Lanz an, sind keine neutralen Philosophen, die einer Sache auf den Grund gehen wollen. Sie haben selbst Überzeugungen, und die wollen sie bestätigt sehen. Warum, darüber schreibe ich in dieser Reihe immer wieder: Wir wollen die Sicherheit unserer Weltbilder behalten und die unseres Lebensstils. Wer schon Millionär ist, will von einer Vermögensteuer nichts hören, bis auf wenige Ausnahmen wie Marlene Engelhorn.

Krebs verbindet die falsch gestellten Fragen auch mit dem Aufstieg der AfD. Wer in einer Energiekrise über Kürzungen redet und die Preise laufen lässt, verunsichere die Menschen, und diese Verunsicherung nütze der Partei, die aus ihr Wut macht. Ich halte das für einen Teil der Erklärung. Materielle Unsicherheit bereitet den Boden. Ob darauf etwas Autoritäres wächst, hängt an Ideologie, an Organisation und an der Bereitschaft der anderen Parteien, die Rechten zu normalisieren. Das sind drei Ebenen, und keine erklärt die beiden anderen.

Clara Mattei würde Krebs hier recht geben und zugleich einwerfen, dass die Austerität gewollt ist. Ihr Buch trägt den Untertitel, wie Ökonomen die Austerität erfanden und damit dem Faschismus den Weg ebneten.

An dieser Stelle kann ich nicht mehr vergessen, was Philipp Ruch in „Der Rückfall" zeigt. Ich lebe in einer intellektuellen, humanistischen Blase, in der Würde zählt und in der man versucht, den Fortschritt auf alle auszudehnen. Ruchs Buch hat mir gezeigt, dass Deutschland und Österreich im Grunde erzkonservative Länder sind, die lieber den Fortschritt bekämpfen als völlig vertrottelte Ideen, sobald diese Ideen hoffähig werden. Antisemitismus und Rassismus sitzen hier tiefer, als wir in unserer Blase wahrhaben wollen. Und statt etwas dagegen zu tun, versteckt die konservative Elite sie und greift die Linken an.

Wir haben das 1930 gesehen. Wir sehen es in der MAGA-Bewegung in den USA. Und wir sehen es in dieser Woche an den Antworten der Politiker:innen auf die Wahlerfolge der rechtsextremen AfD. Sie wird nicht mehr mit allen Mitteln bekämpft, schon gar nicht von der Presse, und kaum vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der nach 1945 als Bollwerk gegen genau dieses Phänomen gegründet wurde.

Wir brauchen einen Gegenentwurf

Um etwas zu tun, brauchen wir einen wirtschaftlichen Gegenentwurf, und zwar nicht nur aus Anstand. Ruch zeigt, dass die Wirtschaft erst nach dem Wahlerfolg der NSDAP vom 14. September 1930 richtig absackte. Ja, es gab schon drei Millionen Arbeitslose. Doch nach der Wahl floh Kapital ins Ausland, die Reichsbank verlor Devisen und erhöhte die Zinsen, und der eigentliche Verfall begann. Historiker:innen streiten, wie viel davon Ursache war und wie viel Rückkopplung. Die Richtung ist deutlich.

Für die AfD liegen die Rechnungen schon vor. Das Institut der deutschen Wirtschaft hat 2024 berechnet, dass allein ein Austritt aus der EU, wie ihn die AfD ins Spiel gebracht hat, Deutschland in fünf Jahren rund 690 Milliarden Euro und 2,5 Millionen Arbeitsplätze kosten würde. Und wer soll die Arbeit all der Menschen ersetzen, die hier in vierter Generation leben und nach den Remigrationsplänen aus dem Umfeld der AfD das Land verlassen sollen? Wer trägt die Kosten, wenn das Klima weiter zerstört wird? Und was wird aus der Bildung? Gegen Hausunterricht habe ich nichts. Aber im Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt steht er nicht allein. Die Schule soll freigegeben werden, weil sie angeblich indoktriniere, Kinder mit Behinderung sollen zurück in Förderschulen, Kinder von Geflüchteten dauerhaft in Sonderklassen, und für Lehrkräfte, die gegen die geforderte Neutralität verstoßen, sollen Meldestellen entstehen. Da wird klar, worum es geht: ums Sortieren, und um die Kontrolle darüber, was Kinder lernen.

Einen solchen Gegenentwurf konnte ich in meinen Essays nur in Grundzügen entwickeln. Ein Ökonom wie Krebs kann ihn fundieren. Er nennt sein Modell geplante Marktwirtschaft, und das Wort ist mit Absicht gewählt. Es soll reizen, und es reizt. Gemeint ist keine Behörde, die Schuhgrößen festlegt. Gemeint ist eine Ordnung, in der Märkte bleiben, wo Wettbewerb tatsächlich Neues hervorbringt, und in der der Staat ausspricht, welche Richtung er will.

Seine Grenzlinie ist bemerkenswert nüchtern. Privates Eigentum an Unternehmen hat einen Vorteil: Im Wettbewerb treibt das Gewinnmotiv Innovation. Es hat einen Nachteil: Eigenkapital ist teuer, es verlangt seine Rendite. Wo kein Wettbewerb herrscht, beim regulierten Netz, beim standardisierten Mietwohnungsbestand, im Krankenhaus, bleibt vom Vorteil nichts und vom Nachteil alles. Dort gehört das Eigentum nach Krebs in öffentliche oder gemeinwohlorientierte Hand.

Dazu kommen Energiepreisbremsen in der Krise, eine strategische Industriepolitik, die offen entscheidet, welche Fähigkeiten Europa behalten will, die Besteuerung großer Vermögen und stärkere Rechte für Beschäftigte. Vermögen und Arbeitsrecht gehören für ihn zur Wirtschaftsordnung selbst, sie sind kein Nachtrag für die Verlierer:innen. Im Buch dreht er dafür Karl Schillers alte Formel um: „So viel Demokratie wie möglich, so viel Markt wie nötig". Und für die Stahlwerke in Duisburg, Bremen und Eisenhüttenstadt stelle sich „weniger die Frage »Staat oder Markt«, sondern vielmehr »Staat oder gar nichts«".

Wien und das Gedächtnis des Eigentums

Gegen Ende fragt jemand aus dem Publikum, warum Wohnen in Wien besser funktioniert als in Berlin. Krebs' Antwort ist kurz: Wien hat nicht privatisiert.

Die Zahlen dahinter tragen mehr als jede Zuspitzung. Die Stadt Wien nennt rund 220.000 Gemeindewohnungen und rund 200.000 geförderte Miet- und Genossenschaftswohnungen. Berlin hat 2004, unter einem Senat aus SPD und PDS, die landeseigene GSW mit rund 65.000 Wohnungen für 405 Millionen Euro an zwei Finanzinvestoren verkauft. Was Berlin heute als kaum bezahlbaren Eingriff diskutiert, hat Wien über Jahrzehnte als Bestand behalten.

Zwischen Wien und Berlin liegt keine andere Physik des Wohnungsmarkts. Dazwischen liegen Eigentumsentscheidungen. Der Sachzwang von heute ist oft der Beschluss von gestern, an dessen Abstimmung sich nur niemand mehr erinnert.

Kanonen oder Butter

Was Krebs praktisch fordert, ist Bereitstellung: Energie, die man bezahlen kann, Wohnungen im Bestand, Netze, Krankenhäuser, Arbeit. Seine erste Leitlinie sagt es, der Staat müsse „die Bezahlbarkeit eines würdevollen Lebens gewährleisten".

Dass er diese Politik mit Wachstum begründet und sogar das alte Aufstiegsversprechen erneuern will, lese ich inzwischen als Absicht. Krebs spricht die Sprache derer, die er überzeugen muss, und zeigt ihnen in ihrer eigenen Währung, dass Bereitstellung funktioniert.

Er will, dass der Staat anfängt. Allerdings mit einem anderen Keynesianismus als dem, den die Bundesregierung gerade betreibt. Sie setzt auf das, was Krebs Militär-Keynesianismus nennt, kreditfinanzierte Rüstung, die „im Wesentlichen konjunkturelle Strohfeuer" entfacht. Vom erwarteten Wachstum trägt das Militär nur etwa ein Drittel, und die zusätzlichen Ausgaben landen in erster Linie als Dividenden bei den Aktionär:innen der Rüstungsunternehmen. Krebs setzt dagegen, was ich einen sozialen Keynesianismus nennen würde: Der Staat investiert auch, aber in Kitas, Schulen, Netze und Wohnungen.

Die Unterscheidung ist alt. Schon das Gründungsprogramm des DGB wandte sich 1949 gegen eine Wirtschaft „nach dem Motto »Kanonen statt Butter«", und Krebs beruft sich ausdrücklich darauf.

Damit steht die Frage im Raum, die sich mir in dieser Debatte am dringendsten stellt. Warum gibt es kein Geld, um Menschen zu unterstützen, aber Geld, um Menschen zu vernichten? Für die Rüstung wurde die Schuldenbremse im März 2025 dauerhaft gelockert, ohne Obergrenze. Für Kitas, Schulen und Wohnungen gibt es ein befristetes Sondervermögen, und für die Rente eine Debatte über Kürzungen.

Warum dürfen wir mit diesem Geld nicht die Kommunen entlasten? Warum bauen wir keine Parks, warum halten wir die Schwimmbäder nicht instand, warum sanieren wir die Schulen nicht, warum versorgen wir die Alten und die Kranken nicht so gut, wie wir es könnten? Warum halten wir alte Industrien am Leben, statt den neuen das Geld zu geben? Und warum verbreitet die Politik Angst, wo sie Zuversicht verbreiten könnte?

Krebs versucht eine Antwort der Zuversicht. Sein Buch ist ein Plan, der zeigt, dass wir uns das alles leisten können, wenn wir es wollen.

Wer geplant hat

Wir streiten in Deutschland darüber, ob der Staat planen darf. Die Frage kommt zu spät. Geplant wird beim Netzentgelt, beim Rüstungsauftrag, bei jeder Rettung eines Instituts, das zu groß war, um zu fallen. Offen ist, ob wir diese Planung sehen, ihr einen Namen geben und über sie abstimmen.

Die Alternative zu demokratischer Planung ist keine Planlosigkeit. Es ist Planung durch Eigentum, durch Renditeerwartungen, durch die Routinen von Behörden und Beiräten, die sich selbst für neutral halten, weil sie die Fragen nie selbst gestellt haben.

Der Markt war nie die Abwesenheit von Planung. Er war die Erlaubnis, nicht zu fragen, wer geplant hat.


Quellen

Der Brief

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