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# Die Warnsirene
- URL: https://borisgloger.at/die-warnsirene/
- Published: 2026-10-09T07:29:51.000Z
- Updated: 2026-10-09T07:29:51.000Z
- Description: Heute Morgen ist sie wieder an, die Warnsirene. Eine Werkstattnotiz über den Wächter in mir, einen Satz aus einem Seminar von 1993, den Rebound-Effekt der KI und warum das nächste Awarenessseminar nicht hilft.
- Author: Boris Gloger
- Tags: Werkstatt, Bibliothek

Heute Morgen ist sie wieder an, die Warnsirene. Sie tönt zwar nicht wie eine Luftschutzsirene, aber sie ist wesentlich lauter. Ich habe einen Tinnitus, und er kommt und geht. Letzte Woche war er sehr stark, gestern und die beiden Tage davor war gar nichts.

Er kommt immer dann, wenn ich etwas sehr Beglückendes tue und dabei meinen Körper verleugne. Gestern habe ich am TMS für Vimoki gearbeitet und am CRM für Viva con Agua, und ich habe tatsächlich zehn Stunden „programmiert“, statt an die frische Luft zu gehen. Dabei hatte mir die Augenärztin am Tag zuvor gesagt, ich solle mich ein wenig vom Blaulicht der Bildschirme fernhalten, weil das die Augen eines 57-Jährigen doch anstrenge. Ich habe also meinen Intellekt arbeiten lassen, und der war super froh. Aber mein Körper sagt mir heute Morgen: War ’ne doofe Idee.

In meinem Buch nenne ich den Teil von mir, der mich so weitertreibt, den Wächter. Er läuft immer mit, prüft, ob sich die Rahmenbedingungen ändern, und optimiert noch die Erholung. Als Kind hat er mich geschützt. Heute arbeitet er gegen mich, und der Tinnitus sagt mir genau das, immer dann, wenn er wiederkommt.

Zum ersten Mal hat ihn mir jemand 1993 gezeigt, in einem Seminar zur Themenzentrierten Interaktion. Die Seminarleiterin, deren Namen ich längst vergessen habe, sagte mir dort, ich könne doch den Abarbeiter in mir einmal ruhen lassen, den Teil, der nur erledigt, erledigt, erledigt. Und ich könne mich damit beruhigen, dass ich den Prozess aushalte, auch wenn er so ineffektiv aussieht. Denn zur Not, das wisse ich ja, könne ich jederzeit sofort zurück zum Abhaken. Dieser Satz war für mich der Schlüssel. Er hat mir erlaubt, geduldig zu werden und Prozesse auszuhalten. Und jetzt ist er es, der mir erlaubt, selbst den Prozess des Übergangs auszuhalten.

Ihr denkt jetzt vielleicht: Aha, also Awareness, Atemtechniken, Meditation, das ist es. Nein. Die Seminarleiterin hat mir damals eine Erlaubnis gegeben, sonst nichts. Yoga, Joggen, Meditation, Atemtechniken, ja sogar das Gebet in der Kirche sind wunderbar, wenn sie sich natürlich einfügen, so wie das Kaffeetrinken, als tatsächliche Entspannung, als Reflexion. Doch das Awarenessseminar am Wochenende oder der Cold Plunge in der Gruppe sind nichts anderes als effizientes Entspannen. Noch mehr Druck. Der Wächter bekommt ein neues Projekt und hat wieder etwas zu verwalten.

Ich habe das alles ausprobiert. Schwer am Down Dog ist nur, dass einige ihn viel besser können als man selbst und man glaubt, man müsse ihn genauso gut können, statt ihn einfach jeden Tag zu machen. Wer das loslässt, für den wird das Yogastudio zu einem Kaffeekränzchen mit Gymnastik. Und genau das sollte es für die meisten von uns sein: ein Ort, an dem wir einfach so bleiben dürfen, wie wir sind.

Organisationen machen mit KI gerade dasselbe wie ich gestern am Bildschirm. Dafür gibt es einen Namen: den Rebound-Effekt, in seiner schärfsten Form auch Jevons-Paradoxon genannt. Der Ökonom William Stanley Jevons hat es 1865 an der Kohle beobachtet, heute kennt man es von den Autos. Sie brauchen weniger Sprit als noch vor 30 Jahren, werden aber größer und verbrauchen deshalb am Ende wieder genauso viel. Genau das geschieht gerade in den Firmen. Statt dieselbe Arbeit mit KI effektiver und effizienter zu machen, machen wir viel mehr als zuvor. Und dann wundern wir uns, dass der Stress noch weiter steigt.

Denn plötzlich treibt uns die KI an. Sie ist fertig und will wieder gefüttert werden, wie ein kleines Kind, das „fertig gespielt hat“ und jetzt wieder die Aufmerksamkeit der Eltern braucht. Das kann ziemlich nervig werden, wenn man zu viele Dinge gleichzeitig macht: Man kocht, man staubsaugt, und genau dann kommt die Kleine und fragt, ob man jetzt eine Papierblume basteln kann. Nur dass ich gerade dabei bin, die falsche Kleine zu füttern. Meine Kinder haben mehr davon, wenn ich mich um sie kümmere statt um das Deployment einer Funktionalität für ein TMS im Anfangsstadium.

Kennt ihr die Theorie U von Otto Scharmer? Sie sagt, dass in jedem Veränderungsprozess eine Art Boden erreicht wird. Oft müssen wir, um das Neue zu erkennen, zuerst das Alte wegarbeiten und unsere Glaubenssätze verändern, mit Thomas Kuhn gesprochen unsere Paradigmen. Erst dann sehen wir die Fülle wieder, also die neuen Möglichkeiten, die längst angelegt sind.

Letztes Jahr habe ich meine Firma verkauft. Für die Menschen und für die Firma war das das Ende einer langen, schmerzhaften und anstrengenden Reise. Für mich war es zunächst eine Entlastung und dann ein heftiger Neuanfang, der erst einmal durch Überlastung weitergeführt wurde. Damals habe ich zum ersten Mal begonnen, mich wirklich mit meinem Tinnitus zu beschäftigen und mit dem, was er mir sagt. Und das war für mich der Weg: Ich schreibe ein Buch über diesen Übergang. Die ersten Seiten waren sehr schnell geschrieben, über die Monate kam immer mehr dazu. Im Sommer blieb es liegen. Ich kann nur schreiben, was ich erlebt oder sehr lange durchdacht habe, und ich war noch nicht unten angekommen.

Jetzt bin ich es, glaube ich. Langsam beschäftigt mich auch ernsthaft die Frage, wie ich wieder ins Businessleben einsteigen will. Und nach dem Umweg über die gesellschaftliche Analyse, in der ich angeprangert habe, wie der Staat die Fülle verweigert, ist die Erkenntnis gereift, dass ich einen Weg finden muss, die Fülle auch für mich erlebbar zu machen. Noch effizienter zwei Webapplikationen zu bauen, das ist genau das alte Muster statt des neuen.

Als mir das heute Morgen klar wurde, hat sich derselbe Körper noch einmal gemeldet, diesmal anders. Plötzlich war sie da, die Gänsehaut am Hinterkopf. Ich kenne dieses Zeichen. Mein Körper meldet sich so, wenn sich etwas in mir verdichtet, bevor ich es in Worte fassen kann. Scharmer nennt diesen Moment Crystallizing.

Ich versuche, dem Wächter diesmal kein Projekt zu geben, sondern im Tun zu bleiben. So wie es Seth Godin in seinem wunderbaren Buch „The Practice“ meint. So wie es einige Fitness-Influencer versuchen, die sagen: Hör auf, dich der Fitnessindustrie hinzugeben, beweg dich einfach. Und so, wie es vielleicht die japanische Philosophie des Zen meint: einfach tun und im Tun selbst zu sich kommen, die absichtslose Absichtlichkeit wieder erleben. So ist auch dieser Text entstanden. Ja, dank Claude fehlerfreier. Aber ich habe entspannt geschrieben, ohne Zwang.

Und ihr? Wann habt ihr eurem Wächter zuletzt erlaubt, Pause zu machen?

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