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# Die Sonne, die nichts wert ist
- URL: https://borisgloger.at/die-sonne-die-nichts-wert-ist/
- Published: 2026-09-25T07:30:00.000Z
- Updated: 2026-09-25T12:24:59.000Z
- Description: Zwanzig Kilowatt auf dem Dach, das Haus kühl, das Auto voll, und die Abrechnung sagt: fünfzehn Euro. Der Preis misst nicht, was etwas wert ist. Er misst, was fehlt. Eröffnung der Reihe Fülle als Struktur des Handelns.
- Author: Boris Gloger
- Tags: Connecting the Dots, Bibliothek

*Dieser Essay ist eigentlich die Eröffnung der Reihe, die ich in den letzten Wochen geschrieben habe. Schreiben konnte ich sie aber erst jetzt.*

## Das Dach

Die Sommer werden heißer. Im Juli steht die Sonne in Moosbrunn stundenlang an einem Himmel ohne eine einzige Wolke, und auf dem Display des Wechselrichters läuft eine Zahl nach oben, die ich beim Bau des Hauses gegen alle Einwände durchgesetzt habe. Sechzehn Kilowatt Spitzenleistung, später noch einmal vier dazu. Für vier Personen ist das viel zu viel, hat jeder gesagt, der die Pläne gesehen hat. Ich habe darauf bestanden.

Im Betrieb zeigte sich, was in den Plänen nicht stand: Im Sommer wird gekühlt. Die Wärmepumpe, so effizient sie ist, muss die Energie aufbringen, die das Haus an einem Tag mit fünfunddreißig Grad braucht, um bewohnbar zu bleiben. Dieselbe Sonne, die das Haus aufheizt, kühlt es. Sechzig Kilowattstunden verbraucht dieses Haus an einem heißen Tag, mit Kühlung, Wärmepumpe und Auto, ein Mehrfaches eines gewöhnlichen Haushalts, und an einem wolkenlosen Tag kommt fast alles davon vom Dach. Die Sonne fährt auch das Auto. Der Tank füllt sich am Nachmittag aus dem Dach, während an der Tankstelle an der Bundesstraße der Diesel bei 2,268 Euro steht, so teuer wie noch nie in diesem Land (ÖAMTC, 16\. September 2026). Seit Ende Februar ist die Straße von Hormus zu, ein Fünftel des Öls der Welt kommt nicht mehr durch, und der Preis an der Zapfsäule ist die Form, in der ein Krieg am Persischen Golf in Moosbrunn ankommt.

Ich hatte eine zweite Rechnung im Kopf, als ich die Anlage überdimensionieren ließ. Von April bis Oktober, dachte ich, verkaufe ich so richtig Strom. Das Netz nimmt ab, der Zähler läuft rückwärts, das Geld kommt. Es kam. Fünfzehn Euro in einem Monat, zwanzig in einem anderen. Die Strompreise sind gefallen, sagt der Versorger, und das stimmt. Am 1\. Mai 2026 kostete Strom an der Börse mehrere Stunden lang bis zu minus fünfhundert Euro pro Megawattstunde. Wer an diesem Mittag einspeiste, hat dafür bezahlt, dass man ihm den Strom abnimmt.

Ich habe die Abrechnung angesehen und war enttäuscht. Und dann habe ich mich gefragt, worüber eigentlich.

Nichts an diesem Tag war knapp. Die Sonne nicht, die Fläche auf dem Dach nicht, der Strom nicht, der aus dem Wechselrichter kam. Das Haus war kühl, das Auto voll. Nur der Preis war weg. Was misst ein Preis, der genau in dem Moment verschwindet, in dem alles da ist?

## Was der Preis misst

Die Ökonomie beantwortet die Frage seit zweihundertfünfzig Jahren ganz offen, man muss nur nachlesen. Adam Smith stellt im *Wohlstand der Nationen* fest, dass **nichts nützlicher ist als Wasser und dass man trotzdem fast nichts dafür bekommt**, während ein Diamant kaum einen Gebrauchswert hat und doch gegen eine große Menge anderer Güter getauscht werden kann. Die Lehrbücher nennen das Wasser-Diamanten-Paradox ein Rätsel. Dabei steht die Auflösung im Satz selbst: *Der Preis hat von Anfang an die Seltenheit gemessen, den Nutzen nie.*

Carl Menger, der Begründer der Wiener Schule, hat es 1871 in den *Grundsätzen der Volkswirtschaftslehre* zur Definition gemacht. Güter, die in einer Menge verfügbar sind, die den Bedarf übersteigt, nennt er nicht-ökonomische Güter. Sie haben keinen Wert. Wert, schreibt Menger, ist die Bedeutung, die ein Gut für uns dadurch gewinnt, dass wir in der Befriedigung unserer Bedürfnisse von der Verfügung über dieses Gut abhängig sind. Abhängig aber ist man nur von dem, was fehlen könnte. Sechzig Jahre später hat Lionel Robbins die ganze Disziplin auf diesen Satz gestellt: *Ökonomie sei die Wissenschaft vom menschlichen Verhalten als einer Beziehung zwischen Zielen und knappen Mitteln.* Wo nichts knapp ist, gibt es für diese Wissenschaft nichts zu sehen. Dass diese Wissenschaft eine Setzung beschreibt und kein Naturgesetz, ist der Punkt von [Die Wirtschaft ist kein Naturgesetz](https://borisgloger.at/die-wirtschaft-ist-kein-naturgesetz/).

Diese Paradoxie ist der Boden, auf dem die ganze Reihe steht, und die Ökonomie hat sie selbst zu Protokoll gegeben. Wert drückt sich in unserer Ordnung ausschließlich als Knappheit aus. Was in Fülle vorhanden ist, hat keinen Wert. Nutzlos ist es deshalb nicht. Die Sprache, in der wir Wert aussprechen, kennt nur ein einziges Wort, und dieses Wort heißt Mangel. 

Der Preis ist ein Thermometer dessen, was fehlt.

Die Mittagssonne im Mai ist nach Menger ein nicht-ökonomisches Gut geworden. Was mein Dach über den Eigenbedarf hinaus liefert, und die Ordnung, in der wir leben, hat dafür kein Wort. Sie hat eines für den Diesel. Der ist endlich, importiert, kontrolliert von wenigen, und genau deshalb kann er 2,268 Euro kosten. Die Ökonomie sagt: Das ist sein Wert. Ich sage: Das ist seine Knappheit, und die beiden Wörter sind in dieser Ordnung dasselbe geworden.

Man kann die Gegenprobe machen, der Sommer 2026 hat sie geliefert. Im August gab es keine negativen Preise mehr, auch mittags nicht. Die Wasserkraftwerke lieferten in der Trockenheit nur noch ein Drittel, der Wind blieb aus, und der Börsenpreis stieg zur Tagesmitte über neunzig Euro (APG, August 2026). Die Sonne schien wie im Mai. Der Preis kümmerte sich nicht um sie. Er stieg, weil etwas anderes fehlte. In beiden Richtungen misst er dasselbe.

Ich habe in [Knappheit ist keine Naturkonstante](https://borisgloger.at/knappheit-ist-keine-naturkonstante/) gezeigt, dass die Knappheit ein Axiom ist, keine Tatsache, und dass die philosophische Tradition an dieser Stelle gespalten ist; in [Es gibt keine Knappheit](https://borisgloger.at/es-gibt-keine-knappheit/) habe ich durchgerechnet, dass das Geld dabei nie das Knappe ist, und in [Die Knappheit ist eine Buchung](https://borisgloger.at/die-knappheit-ist-eine-buchung/), warum. Am Dach zeigt sich, dass dieses Axiom nicht nur in unseren Köpfen sitzt. Es sitzt in dem Instrument, mit dem wir täglich messen, was etwas gilt. Niklas Luhmann, dem man wirklich keine Schwärmerei nachsagen kann, hat das nüchtern festgehalten: *Dass etwas nur in begrenzter Menge vorhanden ist, genüge nicht, um von Knappheit zu sprechen, und zwar selbst dann nicht, wenn die Begrenzung für Lebenszwecke praktisch uninteressant sei.* Knappheit sei eine *soziale Wahrnehmung von Beschränkungen, an die soziale Regulierungen anschließen können.* Der Preis ist eine dieser Regulierungen. Er ist die Form, in der die Wahrnehmung zur Zahl wird.

## Der Diesel

Man wird einwenden, dass die Knappheit an der Zapfsäule doch wohl echt ist. Ein Krieg, eine gesperrte Meerenge, Tanker, die nicht fahren: Das ist Physik, keine Wahrnehmung. Der Einwand stimmt. Er zeigt nur etwas anderes, als er meint: wo die Entscheidung sitzt.

Der Iran-Krieg begann am 28\. Februar 2026\. Innerhalb von vier Wochen stieg Brent auf 118 Dollar und der Diesel in Österreich um bis zu 51 Cent pro Liter; der Nationalrat senkte die Mineralölsteuer um fünf Cent, deckelte die Margen für einen Monat und gab die Ölreserve frei, Slowenien rationierte auf fünfzig Liter am Tag (Budgetdienst des Parlaments, 25\. März 2026). Sechs Monate später ist der Diesel teurer als je zuvor.

Was daran ist Natur? Dass Öl nur an bestimmten Orten liegt und durch bestimmte Meerengen muss, ja. Dass zwei Länder, die seit dreißig Jahren wissen, was auf ihren Dächern liegt, ihre gesamte Mobilität an diese Meerengen gehängt haben, nein. Das war eine Entscheidung, und sie wurde jedes Jahr neu getroffen. Nicht gegen die Sonne, das wäre zu einfach: Deutschland hat 2024 über sechzehn Gigawatt Photovoltaik gebaut, so viel wie nie, zwei Drittel davon auf Dächern (Bundesnetzagentur). Die Entscheidung fiel an anderer Stelle. Sie fiel im November 2023, als das Bundesverfassungsgericht sechzig Milliarden aus dem Klimafonds strich und über Nacht das Geld für Netze, Speicher und Wärmepumpen fehlte, während die Schuldenbremse stehen blieb, an der ein Jahr später die Regierung zerbrach. Und sie fällt gerade wieder: Am 29\. Juli 2026 hat das Kabinett beschlossen, die feste Einspeisevergütung für neue kleine Dachanlagen abzuschaffen, drei Jahre noch fünf Cent, dann eineinhalb, dann Direktvermarktung zum schwankenden Marktpreis, weil kleine Anlagen inzwischen ohne Förderung wirtschaftlich seien (Kabinettsbeschluss zur EEG-Novelle). Was das heißt, steht in meiner Abrechnung. Der Staat schreibt die Sonne per Gesetz auf den Preis fest, den Menger ihr zugewiesen hat, und nennt es Marktreife. Derselbe Staat hat im März 2025 binnen zwei Wochen das Grundgesetz geändert, damit die Schuldenbremse für Rüstung nicht mehr gilt. Was ein Staat kann, der anfängt statt zu warten, steht in [Der Staat, der anfängt](https://borisgloger.at/der-staat-der-anfaengt/).

Die Knappheit, die im September 2026 an der Zapfsäule steht, ist *physisch real und politisch gemacht*, beides zugleich. Die Ordnung, die für die Sonne kein Wort hat, hat dreißig Jahre lang keinen Grund gefunden, das Öl zu verlassen. Es war ja so schön knapp. Es hatte einen Preis.

Der britische Ökonom Richard Murphy hat Ende Mai, als in London über einen Preisdeckel für Lebensmittel gestritten wurde, vorhergesagt, wie der Streit um diese Knappheit geführt werden würde. Im Studio saßen ein Supermarktvertreter, der sagte, der Wettbewerb werde das regeln, und ein Landwirt, der sagte: Lasst die Märkte laufen. Murphys Antwort war einfach. Märkte lösen eine absolute Knappheit auf genau eine Weise: Sie preisen die Menschen aus dem Essentiellen heraus, die nicht zahlen können. Für Nahrung, Wärme und Treibstoff sei das kein Marktergebnis, sondern ein Todesurteil, und die *Wörter, mit denen jede Intervention abgewehrt werde*, stünden schon bereit: sozialistisch, staatlich, kommunistisch. Das ist die Naturalisierung in ihrer reinsten Form: Die Knappheit gibt jeder zu. **Geleugnet wird, dass ihre Verteilung eine Entscheidung ist.** Wie das auf Österreichisch klingt, habe ich an einem Finanzminister gezeigt, der [recht hat und es trotzdem nicht tut](https://borisgloger.at/wenn-der-finanzminister-recht-hat-und-es-trotzdem-nicht-tut/).

Zwischen meinem Dach und dieser Zapfsäule liegen ein paar Kilometer und eine ganze Ordnung. Auf dem Dach eine Fülle, die nichts wert ist. An der Zapfsäule eine Knappheit, die alles kostet. Und dazwischen dreißig Jahre Entscheidungen darüber, wer sich wovon abhängig macht.

## Die Enttäuschung, die falsch adressiert war

Ich habe mich über fünfzehn Euro geärgert. Ich, der ich seit einem Jahr Essays darüber schreibe, dass es keine Knappheit gibt. Ich hatte die Sonne als Ware gedacht. Ich hatte das Dach als Anlage gebaut, im doppelten Sinn, und erwartet, dass die Fülle sich in Geld übersetzt, so wie ein Sparbuch sich in Zinsen übersetzt. Als die Übersetzung ausblieb, war meine erste Regung nicht, dass etwas mit der Übersetzung nicht stimmt. Meine erste Regung war, dass ich zu wenig bekomme.

So arbeitet die Knappheit. Gegen die Behauptung eines Finanzministers hat man Argumente. Gegen die Erwartung, die in einem selbst läuft, während auf dem Dach das Gegenteil geschieht, hat man erst einmal nichts. Man merkt sie nicht am Mangel. Man merkt sie an der Enttäuschung, wenn die Fülle sich weigert, ein Preis zu werden.

Die Enttäuschung war falsch adressiert. Nicht der Versorger hat mir etwas vorenthalten, und auch nicht der Staat. Was mir fehlte, war eine Zahl, und was ich hatte, war ein kühles Haus, ein volles Auto und ein Dach, das jeden Tag mehr lieferte, als wir brauchen konnten. In dem Moment, in dem man sieht, dass die Enttäuschung auf etwas zielt, das gar nicht fehlt, kippt das Axiom. Auf der Terrasse, mit der Abrechnung in der Hand.

Wer in den Essays dieser Reihe liest, dass [die Kommune](https://borisgloger.at/die-kommune-die-handelt/) sich das Bad nicht leisten kann, [die Pflege](https://borisgloger.at/die-arbeit-die-nicht-reicht/) sich nicht rechnet, [der Verein](https://borisgloger.at/der-verein/) zu teuer geworden ist, sollte diesen Moment im Kopf behalten. Jede dieser Zahlen ist eine Abrechnung wie meine. Sie sagt nicht, was das Bad, die Pflege, der Verein wert sind. Sie sagt, wie knapp jemand sie gehalten hat.

## Was Fülle ist

Menger hat für das, was mein Dach mittags liefert, ein Wort: **nicht-ökonomisches Gut**. Die Philosophie hat ein älteres, und sie hat es zweitausend Jahre lang benutzt, bevor die Ökonomie es für wertlos erklärte.

Platon lässt im *Timaios* den Demiurgen die Welt erschaffen, und er begründet es nicht mit einem Mangel, der behoben werden müsste. Er war gut, heißt es dort, und in einem Guten entsteht niemals Neid, worauf sich derselbe auch immer beziehen könnte, und weil frei von diesem, wollte er, dass alles ihm selbst so ähnlich als möglich werde (Timaios 29e). **Die Welt entsteht, weil das Gute überfließt.** Das ist die älteste ausdrückliche Aussage über Fülle in der westlichen Philosophie, und sie steht am Anfang, nicht am Rand. Aristoteles denkt das **gelungene Leben als Entfaltung**, nicht als Beseitigung von Mangel. Spinoza denkt das Lebendige als conatus, als Streben, das aus einer Kraft kommt, die sich vergrößern will; ich habe das in Knappheit ist keine Naturkonstante genauer entfaltet. Georges Bataille schließlich, der westliche Gegenzeuge im zwanzigsten Jahrhundert, beginnt seine Ökonomie mit der Sonne: \* **Sie (die Sonne) gibt, ohne je zu empfangen, und das Problem einer Gesellschaft sei der Überschuss und was sie mit ihm anfängt.**\*

Die Knappheit als Grundverfassung der Welt ist demgegenüber jung und datierbar. Hobbes braucht sie für den Krieg aller gegen alle, Malthus für die Bevölkerung, die schneller wächst als das Brot, und Menger, Jevons und Walras machen sie um 1870 zum Axiom einer Wissenschaft, die seither behauptet, das Verhalten der Menschen überhaupt zu beschreiben. Es ist die Abweichung, die sich als Normalfall ausgibt. Luhmann, noch einmal, weil er es so trocken sagt: *Knappheit ist ein Sozialverhältnis* und keine Eigenschaft von Gütern oder von Mengen an Gütern und Bedürfnissen.

Grenzen gibt es. Es gibt vier Arten von Knappheit, und der Essay hat alle vier schon berührt. 

Die **materielle**: Öl liegt an bestimmten Orten, die Meerenge ist zu, das ist messbar und real. 

Die **fehlende** **Kapazität**: ein Netz, das die Mittagsspitze nicht aufnehmen kann, Speicher, die nicht stehen; real, aber baubar, und ob sie gebaut werden, ist eine Entscheidung. 

Die **institutionelle**: Eigentum, Tarif, Förderung, Zugang erzeugen oder verschärfen Begrenzung, dort, wo physisch nichts fehlt. 

Und die **ontologisierte**: Der Herstellungsmodus aus Ziel, Mittel, Maß und Bestand wird zur vollständigen Beschreibung der Wirklichkeit erklärt, und wer dann sagt, es sei genug da, gilt als Träumer. Die Fülle-These leugnet die ersten beiden nicht. Sie greift die dritte an, weil sie sich als erste ausgibt, und die vierte, weil sie behauptet, es gebe nichts außer ihr.

Was ist dann Fülle? Mit Überfluss hat sie wenig zu tun. Überfluss ist viel von etwas, das man zählen kann, ein voller Vorrat, ein hoher Kontostand, und er ist selbst noch eine Kategorie der Knappheit, ihr glückliches Ende. 

Fülle heißt nicht, dass alles vorhanden ist. Fülle heißt, dass das Vorhandene nicht alles ist. **Sie ist eine Eigenschaft des Tuns**: das, was im Vollzug des Handelns entsteht und aus dem Bestand, den bekannten Mitteln und den gesetzten Zielen nicht vollständig ableitbar war. 

Ernst Bloch hat das **Noch-Nicht** genannt und als reale Möglichkeit ins Sein gelegt, auf die hin man hoffen kann. Hannah Arendt hat es **Natalität** genannt, die Fähigkeit jedes Menschen, etwas anzufangen, das vorher nicht da war. Ich glaube, beide brauchen noch einen Stützpunkt außerhalb der Bewegung, ein Ziel oder einen Ursprung, und dass man ihn wegziehen kann. Das **Werden ist Impuls, Richtung und Ergebnis zugleich**. Es bringt das Noch-Nicht erst hervor, statt auf es zuzulaufen. Fülle ist Werden im Vollzug, und ich habe in [Fülle entsteht im Tun](https://borisgloger.at/fuelle-entsteht-im-tun/) zum ersten Mal versucht, das zu zeigen.

Das Dach zeigt es ohne Philosophie. Als wir es planten, war es zu groß, und jeder konnte das ausrechnen: vier Personen, so viele Kilowattstunden Bedarf, so viele Module. Der Bestand war bekannt, die Mittel, das Ziel. Dass dieses Haus einmal sechzig Kilowattstunden an einem Tag brauchen würde, dass die Kühlung, die Wärmepumpe und das Auto aus derselben Sonne laufen würden, stand in keiner Rechnung. Es hat sich im Betrieb gezeigt, im Vollzug, und erst dort wurde aus dem Zuviel das Genug. Die Sonne arbeitet auf diesem Dach. Man kann sie nicht sparen, nur nutzen oder verschenken, und beides ist in der Sprache des Preises unsichtbar. Deshalb sagt die Abrechnung fünfzehn Euro. Und deshalb ist sie nicht die Wahrheit über dieses Dach.

## Die leeren Dächer

Das Dach ist eine Position. Verdient habe ich es mir nicht. Zwanzig Kilowatt sind eine Frage des Grundstücks, der Baufinanzierung, des Jahres, in dem man gebaut hat, und die Sonne, die darauf fällt, hat niemand gemacht, am wenigsten ich ([Wem gehört, was niemand gemacht hat?](https://borisgloger.at/wem-gehoert-was-niemand-gemacht-hat/)). Wer in einer Mietwohnung im vierten Stock wohnt, hat keine Terrasse, auf der er über eine Abrechnung nachdenken kann. Das darf man nicht wegreden, und ich rede es nicht weg.

Aber man muss es zu Ende denken. Wer kein Dach hat, kauft an demselben Mittag, an dem ich Strom verschenke, seinen Strom vom Versorger. Zu welchem Preis? Nicht zu dem, den die Börse gerade anzeigt. Zum Tarif, und der Tarif kennt keine negative Stunde. Zwischen meinem Dach und seiner Steckdose liegt die ganze Ordnung, die aus Fülle wieder Knappheit macht: ein Netz, das die Mittagsspitze nicht aufnehmen kann, Speicher, die es geben könnte und kaum gibt, ein Fördersystem, das die Prämie aussetzt, sobald der Strom sechs Stunden lang zu billig war, und ein Preissystem, das an der Steckdose nur ein Wort spricht, während es am Dach schweigt.

Und wer kein Dach hat, tankt Diesel. Er zahlt den Krieg an der Zapfsäule, mit dem Lohn, der schon vorher nicht gereicht hat, und der Markt wird das Problem für ihn lösen, so wie Murphy es beschrieben hat: indem er ihn aus dem Essentiellen herauspreist. Nichts davon ist Physik. Speicher lassen sich bauen, Netze ausbauen, Tarife anders schneiden, Abhängigkeiten beenden. Dass es nicht geschieht, hat einen Grund, den die Reihe in den nächsten Essays von Institution zu Institution verfolgen wird: *Eine Fülle, die bei allen ankommt, ist in dieser Ordnung nichts wert*. Sie muss erst wieder verknappt werden, damit man mit ihr rechnen kann. Die fossile Energie war das perfekte Gut dieser Ordnung, endlich, lagerbar, kontrollierbar, ein Preis, der sich halten lässt. Die Sonne ist ihr Albtraum. Sie scheint auf jedes Dach, und sie schickt keine Rechnung.

Es gibt in diesem Land noch immer mehr leere Dächer als volle. Das ist das eigentliche Drama, und man muss nicht raten, warum. Für Haushaltsanlagen bis zwanzig Kilowatt stellt der Bund 2026 in drei Förderrunden zusammen achtzehn Millionen Euro bereit, wer zuerst klickt, bekommt sie (EAG-Investitionszuschuss 2026). Als er wollte, dass die Dächer voll werden, hat er zwei Jahre lang die Umsatzsteuer auf Photovoltaik gestrichen, und sie wurden voll. Dann hat er es wieder gelassen. Man muss dahinter keinen Willen vermuten. Es reicht, den Beteiligungsspiegel zu lesen: Die EVN gehört zu 51 Prozent dem Land Niederösterreich und zu 28 Prozent den Wiener Stadtwerken, der Verbund zu 51 Prozent der Republik, Wien Energie ganz der Stadt Wien. *Jede Kilowattstunde, die von meinem Dach direkt ins Auto geht, geht an einem Netz, einem Tarif und einer Dividende vorbei, die demselben Land gehören, das mein Dach fördern soll.* 

Niemand muss das so entscheiden. Die Struktur entscheidet es jeden Tag von selbst. Knappheit ist hier eine Einnahmequelle des Landeshaushalts. Ich habe in [Der Staat, der kein Risiko trägt](https://borisgloger.at/der-staat-der-kein-risiko-traegt/) dafür argumentiert, dass der Staat Eigentümer sein soll statt Gläubiger. Hier zeigt sich die Bedingung: **Ein öffentlicher Eigentümer, der auf Knappheit angewiesen ist, um seinen Haushalt zu füllen, handelt wie jeder andere Eigentümer auch.**

Clara Mattei hat für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg gezeigt, dass die Arbeiter:innen sehr genau wussten, dass Knappheit gemacht wird; die Austerität musste ihnen dieses Wissen erst austreiben. Fülle ist nichts, das man den Menschen beibringen müsste. Sie ist das, was ihnen systematisch abtrainiert wird, mit jeder Abrechnung, die sagt, es sei nicht genug da.

## Bereitstellen

Was auf meinem Dach geschieht, ist, in einem einzigen Haushalt, das Zielbild dieser Reihe. Die Fülle wird bereitgestellt, und niemand muss sie zuteilen. Das Haus fragt an einem Tag mit fünfunddreißig Grad nicht, was die Kühlung kostet und ob wir sie uns leisten können. Es kühlt. Das Auto fragt nicht nach dem Dieselpreis. Es fährt. Der Wert dieser Vorgänge ist vollständig, und er erscheint in keiner Abrechnung, weil er nicht knapp ist.

Wenn Knappheit eine soziale Wahrnehmung ist, an die Regulierungen anschließen, dann können andere Regulierungen an eine andere Wahrnehmung anschließen. Das folgt aus Luhmanns Satz, man muss ihn nur zu Ende lesen. Anthony Giddens hat es für alle Institutionen gezeigt: **Strukturen bestehen nur, solange Menschen sie täglich mitvollziehen**, in jeder Abrechnung, jedem Antrag, jedem Tarif. Sie sind Struktur des Handelns, und darum lassen sie sich im Handeln auch anders aufbauen. Eine Politik, die mit dem anderen Axiom beginnt, mit der Frage, was da ist, statt mit der Frage, was fehlt, stellt das Instrument um, mit dem gemessen wird. Mehr Utopie steckt nicht darin.

Dass das keine Behauptung bleibt, habe ich in den Essays dieser Reihe zu zeigen versucht, die inzwischen erschienen sind. Jeder nimmt sich eine Institution vor, in der wir tatsächlich leben, und macht dieselbe Bewegung wie dieser Text am Dach: Er zeigt, wie ihre heutige Verfasstheit als natürlich ausgegeben wird, wie diese Naturalisierung den Rückzug des Staates deckt, und was aus der Fülle, die längst da ist, konkret anders ginge. [Der Staat, der anfängt](https://borisgloger.at/der-staat-der-anfaengt/) ist der Auftragnehmer seiner Bürger:innen, kein Verwalter eines natürlichen Marktes, und als Herr über sein eigenes Geld der einzige Akteur, der bauen kann, ohne vorher zu fragen. [Die Kommune, die handelt](https://borisgloger.at/die-kommune-die-handelt/) hält das Bad offen, weil es da ist, und holt Netz und Dach zurück in eigene Hand. [Die Familie, die nicht trägt](https://borisgloger.at/die-familie-die-nicht-traegt/) ist eine staatlich gemachte Institution, deren Privatheit der Staat benutzt, um sich aus der Verantwortung zu ziehen. [Die Schule, die nicht sortiert](https://borisgloger.at/die-schule-die-nicht-sortiert/) zeigt, wie Begabung produziert wird, nach Postleitzahl. [Die Arbeit, die nicht reicht](https://borisgloger.at/die-arbeit-die-nicht-reicht/) zeigt, dass die Trennlinie zwischen denen läuft, die für ihr Geld arbeiten, und denen, für deren Geld andere arbeiten. [Der Verein](https://borisgloger.at/der-verein/) zeigt, wie der Zugang zu dem, was eine Gesellschaft ohnehin hat, Stück für Stück einzeln verkauft wird. Zwei Essays zum Geld flankieren die Reihe: [Der Staat, der kein Risiko trägt](https://borisgloger.at/der-staat-der-kein-risiko-traegt/) und [Der Steuersatz ist die falsche Debatte](https://borisgloger.at/der-steuersatz-ist-die-falsche-debatte/).

In jedem dieser Räume steht am Ende dieselbe Beobachtung wie auf meiner Terrasse: **Die Knappheit wird hergestellt, und sie muss hergestellt werden, weil die Fülle in dieser Ordnung sonst nichts wert wäre.** Was bleibt, ist die Frage, die der letzte Essay stellen wird: wie eine Demokratie diese Ordnung verlässt, ohne Notstand, und wie sie es durchhält.

Für heute reicht das Dach. Der Preis sagt uns, was fehlt. Er hat uns nie gesagt, was da ist.

## Quellen

- Adam Smith, *Der Wohlstand der Nationen* (1776), Buch I, Kapitel 4: das Wasser-Diamanten-Paradox.
- Carl Menger, *Grundsätze der Volkswirtschaftslehre* (1871), Kapitel 2 und 3: ökonomische und nicht-ökonomische Güter, Begriff des Werts.
- Lionel Robbins, *An Essay on the Nature and Significance of Economic Science* (1932).
- Niklas Luhmann, *Die Wirtschaft der Gesellschaft* (Suhrkamp 1988): Knappheit als soziale Wahrnehmung von Beschränkungen; Knappheit als Sozialverhältnis, keine Eigenschaft von Gütern.
- Anthony Giddens, *Die Konstitution der Gesellschaft* (1984): Strukturation.
- Platon, *Timaios* 29e, Übersetzung Friedrich Schleiermacher.
- Baruch de Spinoza, *Ethik* (1677), Teil III, Lehrsatz 6: conatus.
- Georges Bataille, *La Part maudite* (1949; dt. *Die Aufhebung der Ökonomie*).
- Ernst Bloch, *Das Prinzip Hoffnung* (1954 bis 1959).
- Hannah Arendt, *Vita activa oder Vom tätigen Leben* (1958/1960).
- Clara E. Mattei, *The Capital Order. How Economists Invented Austerity and Paved the Way to Fascism* (University of Chicago Press 2022).
- ÖAMTC, „Mit 2,268 EUR wurde der Höchstwert bei Diesel erreicht", OTS-Presseaussendung, 17\. September 2026 (Höchstwert am 16\. September 2026).
- Budgetdienst des österreichischen Parlaments, „Maßnahmen zur Dämpfung der Treibstoffpreise", 25\. März 2026 (Kriegsbeginn 28\. Februar 2026, Diesel plus 51 Cent, Mineralölsteuer minus 5 Cent, Margendeckel, Ölreserve).
- Wikipedia, „2026 Iran war fuel crisis", Stand September 2026 (Brent-Verlauf, Rationierung Slowenien 23\. März 2026).
- E-Control, Gastbeitrag „Negative Strompreise", positionen.wienerstadtwerke.at, 9\. April 2026 (rund 300 negative Stunden 2024; EAG-Marktprämie nach sechs negativen Stunden ausgesetzt).
- Energynewsmagazine, „Negative Strompreise gibt es derzeit nicht", 11\. August 2026 (1\. Mai 2026 bis minus 500 Euro/MWh; August 2026 Mittagspreise über 90 Euro/MWh, Wasserkraft ein Drittel; Austrian Power Grid).
- Stromliste.at, „Einspeisetarif Österreich 2026", Stand 15\. September 2026 (OeMAG-Marktpreis 2026 zwischen 5,7 und 9,0 Cent/kWh).
- Bundesnetzagentur, „Ausbau Erneuerbarer Energien 2024", Pressemitteilung, 8\. Januar 2025 (16,2 GW Photovoltaik 2024, zwei Drittel auf Dächern und Fassaden).
- Bundesverfassungsgericht, Urteil vom 15\. November 2023, 2 BvF 1/22 (Zweites Nachtragshaushaltsgesetz 2021, 60 Milliarden Euro Klima- und Transformationsfonds).
- Gesetz zur Änderung des Grundgesetzes (Artikel 109, 115 und 143h), Bundestag 18\. März 2025, Bundesrat 21\. März 2025: Ausnahme der Verteidigungsausgaben von der Schuldenbremse.
- taz, „EEG und Netzentgelte: Solardächer neu ausgerichtet", 29\. Juli 2026 (Kabinettsbeschluss zur EEG-Novelle, Ende der festen Einspeisevergütung für neue Anlagen unter 50 kW).
- Wirtschaftskammer Österreich, „EAG-Investitionszuschuss 2026 für Photovoltaik und Stromspeicher" (drei Fördercalls 2026, Kategorien A und B je 5, 2 und 2 Millionen Euro).
- EVN AG, Investor Relations, Aktionärsstruktur (NÖ Landes-Beteiligungsholding 51,0 Prozent, Wiener Stadtwerke 28,4 Prozent, Streubesitz 20,6 Prozent).
- Verbund AG, Aktionärsstruktur (Republik Österreich über ÖBAG 51 Prozent); Wien Energie GmbH, hundertprozentige Tochter der Wiener Stadtwerke.
- Richard Murphy, „The coming economic crisis is real", Funding the Future, YouTube, Mai 2026, im Anschluss an seinen Auftritt in der Nicky Campbell Show, BBC Radio 5 Live, 21\. Mai 2026.