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# Das Traurige an Produktvisionen: Sie existieren nicht
- URL: https://borisgloger.at/das-traurige-an-produktvisionen-sie-existieren-nicht/
- Published: 2026-01-22T10:35:00.000Z
- Updated: 2026-03-19T21:09:40.000Z
- Description: Teams haben keine Produktvision. Nicht „keine gute". Sondern: gar keine. Warum das Scrum zur Meeting-Architektur schrumpfen lässt – und wie du in einer Stunde eine Vision schreibst, die trägt.
- Author: Boris Gloger
- Tags: Scrum. Neue Ära, Führung, Bibliothek

## Wenn Scrum zur Beschäftigung wird

Im Improvisationstheater gibt es eine Regel, ohne die keine Szene trägt: **„Ja, und …"** – annehmen, was da ist, und darauf aufbauen. Dieses Prinzip ist nicht bloß ein netter Kreativ-Trick, sondern die Grundlage von Kooperation unter Unsicherheit: Niemand kennt das Drehbuch, also entsteht Sinn nur aus dem gemeinsamen Weiterbauen.

Scrum ist – in einer Organisation – genau so ein Versuch: iterativ handeln, Feedback ernst nehmen, aus dem Zusammenspiel lernen. Und trotzdem ist meine häufigste Erfahrung in Trainings und Coachings eine traurige: **Teams haben keine Produktvision.** Nicht „keine gute". Sondern: gar keine.

Ich frage Development-Mitglieder dann sehr direkt:  
**„Wisst ihr genau, warum ihr morgens aufsteht? Warum ihr dieses Produkt baut? Wofür das Ganze?"**

Die Antworten sind erschreckend stabil: Leere Blicke. Unsicherheit. Dann Ausweichlogik.  
„Es gibt ja einen Projektauftrag."  
„Wir haben mal kurz darüber gesprochen."  
„Der Product Owner hat das irgendwann erwähnt."

Die Konsequenz ist simpel und brutal: **Sie wissen es nicht.** Sie wissen nur, dass sie bauen sollen.

## Acht Stunden Code – wofür?

Stell dir vor, du sitzt als Entwickler:in vor dem Rechner. Du schreibst Code. Acht Stunden am Tag. Fünf Tage die Woche. Es gibt User Stories. Tasks. Backlog Items. Aber **kein Warum**. Kein Sinn. Kein Bild, das Entscheidungen leitet.

Was passiert dann?

- Motivation wird zur Disziplinfrage („Augen zu und durch").
- Innovation wird riskant („besser nichts vorschlagen, das nicht im Ticket steht").
- Qualität wird verhandelbar („wir müssen halt liefern").
- Und Scrum schrumpft zur Meeting-Architektur: Refinement, Planning, Daily, Review, Retro – sauber getaktet, aber innerlich leer.

Teams ohne Vision sind Schiffe ohne Kompass: Sie rudern. Sie bewegen sich. Aber sie wissen nicht, wohin. Und manchmal stellen sie nach Monaten fest: Wir sind am falschen Ort angekommen.

## Dabei ist „Vision" in Scrum kein Luxus

Mit dem Scrum Guide 2020 wurde der **Product Goal** ausdrücklich verankert – als **Commitment zum Product Backlog**. Der Product Goal beschreibt einen zukünftigen Zustand des Produkts und soll Fokus geben sowie Fortschritt messbar machen.

Das ist bemerkenswert, weil es eine Diagnose indirekt bestätigt: Viele Teams waren so sprint-fokussiert, dass der längerfristige Sinn unsichtbar blieb. Genau gegen diese Drift ist der Product Goal gedacht.

Und trotzdem: In der Praxis wird er häufig weggelassen, weichgespült oder in ein Slide-Deck verbannt.

## Warum Visionen trotzdem nicht entstehen

- Weil es sich anfühlt wie „Nice to have".
- Weil es Zeit kostet.
- Weil Manager denken: „Wir wissen doch, was wir bauen – los jetzt."
- Weil Product Owner überfordert sind.
- Weil Teams glauben: „Das ist nicht unser Job."

Und weil „Vision" oft missverstanden wird: als Marketing-Slogan, als PowerPoint-Überschrift, als Buzzword.

Eine brauchbare Vision ist etwas anderes: **ein Bild, das Handeln orientiert**.

## Tamino und das Bild: Warum ein echtes „Bild" wirkt

In Mozarts *Zauberflöte* bekommt Tamino ein Bild von Pamina – und plötzlich ist da Richtung. Er singt:

> „Dies Bildnis ist bezaubernd schön …"

Mehr als Romantik ist hier nicht nötig: Ein Bild kann einen inneren Vektor erzeugen. Es macht ein Ziel fühlbar. Es zieht.

Genau das brauchen Teams auch: **ein Bild, das sie sehen können**. Ein Bild, das Entscheidungen leitet. Ein Bild, das morgens beim ersten Kaffee schon da ist – nicht erst in Slide 37.

## Der 60-Minuten-Reset: So schafft ihr eine Vision, die trägt

Das Schreiben einer Vision ist nicht kompliziert. Es ist nur ungewohnt, weil es **Sinnarbeit** ist. Hier ist ein Vorgehen, das in einer Stunde funktioniert – ohne große Zeremonie:

### 1) Drei Sätze statt zehn Folien

Beantwortet gemeinsam:

1. **Für wen** bauen wir das?
2. **Welches Problem** lösen wir – oder welchen Nutzen schaffen wir?
3. **Woran merken wir**, dass es gelingt?

### 2) Nutzt eine Struktur, die konkret macht

Wenn ihr eine robuste Vorlage wollt: Das **Product Vision Board** von Roman Pichler hilft, Vision und Strategie in klare Felder zu bringen (Zielgruppe, Needs, Produkt/Key Features, Business Goals).

### 3) Übersetzt Vision → Product Goal

Die Vision darf groß sein. Der **Product Goal** ist der nächste greifbare Zielzustand – der Fokuspunkt, zu dem das Product Backlog hinführt.

### 4) Macht sie sichtbar – radikal sichtbar

Nicht verstecken. Nicht „wir haben das irgendwo".  
**Hängt es dahin, wo gearbeitet wird**: Teamraum, Miro-Board, Startfolie jeder Review, Header im Backlog-Tool.

### 5) Lasst das Team „Ja" sagen (oder ehrlich „Nein")

Die wichtigste Prüfung lautet nicht „klingt gut", sondern:

- Verstehen wir es?
- Inspiriert es uns?
- Können wir damit Entscheidungen treffen?

Wenn die Antwort „Nein" ist: Überarbeiten. Gemeinsam. So lange, bis es funktioniert.

## Der Transfer zum Impro: Ohne gemeinsame Prämisse keine Szene

Im Impro ist die Vision die **Prämisse**, die alle annehmen, damit „Ja, und …" überhaupt Richtung bekommt. Ohne diese Prämisse wird jede Idee beliebig – und das Ensemble improvisiert sich in Kleinteiligkeit und Lärm.

In Scrum ist es identisch: Ohne Vision/Product Goal wird das Backlog zur Liste von Aufgaben – und das Team liefert Inkremente, die zwar fertig sind, aber nicht zwingend **sinnvoll**.

Oder, härter gesagt: **Ohne Vision ist alles nur Beschäftigung.**

## Ein Auftrag an Product Owner und Scrum Master

Wenn du Product Owner bist – oder Scrum Master und du willst Scrum vor dem Ritual retten – dann tu mir einen Gefallen:

**Schreibt eine Vision. Heute.**  
Nehmt euch eine Stunde. Nutzt ein Board. Formuliert einen Product Goal. Hängt ihn sichtbar auf. Sprecht darüber.

Und dann fragt das Team nicht: „Habt ihr es gelesen?"  
Sondern: **„Seht ihr das Bild auch?"**

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## Quellen

- **Scrum Guide 2020:** Product Goal als Commitment zum Product Backlog  
[https://www.scrum.org/resources/product-goal](https://www.scrum.org/resources/product-goal?ref=borisgloger.at)
- **Scrum Alliance:** Product Goals in Scrum  
[https://resources.scrumalliance.org/Article/product-goals-scrum](https://resources.scrumalliance.org/Article/product-goals-scrum?ref=borisgloger.at)
- **Roman Pichler:** Product Vision Board  
[https://www.romanpichler.com/tools/product-vision-board/](https://www.romanpichler.com/tools/product-vision-board/?ref=borisgloger.at)
- **Backstage:** „Yes, And" – The Foundational Rule of Improv  
[https://www.backstage.com/magazine/article/yes-and-improv-rule-77269/](https://www.backstage.com/magazine/article/yes-and-improv-rule-77269/?ref=borisgloger.at)
- **Mozart:** Die Zauberflöte, Libretto (Arie „Dies Bildnis ist bezaubernd schön")  
[https://dme.mozarteum.at/libretti-edition/](https://dme.mozarteum.at/libretti-edition/?ref=borisgloger.at)

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